Schottlands einzigartige Küsten und Gewässer

National Geographic-Fotograf Jim Richardson gerät bei Schottlands wilden, inspirierenden Landschaften regelrecht ins Schwärmen. Donnerstag, 17. Oktober 2019

Von Jamie Lafferty
Bilder Von Jim Richardson

Seine erste Reise nach Schottland unternahm Jim Richardson für einen Foto-Essay im Auftrag von National Geographic – ein Auftrag, der ihn nach eigenen Angaben in Angst und Schrecken versetzte. „Ich war ein echter Frischling – ich hätte Glasgow wahrscheinlich nicht mal mithilfe einer Karte gefunden“, meint er und lacht bei der Erinnerung. „Ich war mir ganz sicher, dass die Zeitschrift schnell merken würde, dass ich keinen blassen Dunst hatte, was ich da tat, und damit wäre das Ende meiner Karriere eingeläutet worden.“

Jim freut sich noch heute darüber, dass er Unrecht behalten hat. Tatsächlich ist ein wesentlicher Teil seiner Karriere bis heute von seinen jährlichen Trips nach Schottland geprägt.

„Diese erste Reise war überwältigend. Schottland ist zwar nur wenig größer als mein Heimatbundesstaat Kansas in den USA, aber seine Landschaft und Geschichte sind so vielseitig, dass man nur staunen kann“, sagte er. „Inzwischen hat dieses Land einen großen Platz in meinem Leben eingenommen.“

Als regelmäßiger Besucher ist Jim natürlich mit Schottlands beliebtesten Reisezielen vertraut, aber insbesondere die Inseln und einsamen Küstenregionen ziehen ihn immer wieder wie magisch an.

LINKS: Alan Gray lässt seine Schafe zwischen den Ruinen des uralten, verlassenen Kilchurn Chastle am Loch Awe weiden, dem längsten Loch in Schottland. Die Schafe stehen so brav still, weil Alans talentierter Hütehund sie in Schach hält. RECHTS: Tee am Strand auf der Insel Jura. Georgina Kitching gründete ein kleines Unternehmen, das Besucher mit Tee und Kuchen versorgt, die sie in ihrem eigenen Bauernhaus auf der Insel Jura zubereitet. Auf einem Tisch am Strand steht eine Plastikkiste mit einem Funkgerät: Die Besucher rufen Georgina damit an und sie bringt die Leckereien.
Bild Jim Richardson

Jim erklärt, dass er Schottlands raue Ecken und Kanten besonders liebt, und dass er dort im Laufe der Jahre viele einzigartige Menschen getroffen hat, die damit zufrieden sind, das Leben so zu nehmen, wie es eben kommt. Viele von ihnen haben sich dabei voll und ganz ihrer wilden Heimat verschrieben, zum Beispiel auf den entlegenen Inseln Schottlands.

„Ich stelle fest, dass es mich immer noch mehr fasziniert, je weiter ich mich vorwage“, berichtet er. „Ich will auf die Inseln Lewis and Harris, Fair Isle, Orkney … Ich will die Leute dort kennenlernen und mehr über sie erfahren.“

Jim hat Regionen in Schottland besucht, die selbst Einheimische kaum bereisen. Darunter war auch der St.-Kilda-Archipel, die abgelegenste Inselgruppe der Äußeren Hebriden. Sie ist seit 1930 unbewohnt, gehört aber seit über 30 Jahren zum UNESCO-Welterbe.

Orte wie dieser, geformt von Wind und Wasser, sind für Jim unwiderstehlich. „Dort gibt es Klippen, die seit einer Ewigkeit dem Atlantik trotzen und ihm seit jeher standhalten“, meint er. Eine ganz besondere Nacht auf St. Kilda hat ihn sehr beeindruckt. „An diesem Abend hatten wir auf der Insel Boreray nur ein paar Minuten Sonnenschein und genau in diesem Moment flogen Zehntausende von Tölpeln auf uns zu – ein Moment der puren Euphorie. Ich hatte mich schon damit abgefunden, nichts mehr zu schaffen, und plötzlich kamen sie zu meiner Rettung“, erinnert er sich.

Etwas weniger wild geht es am Loch Oich zu, doch das nimmt ihm absolut nichts von seiner atemberaubenden Schönheit. Der See liegt mitten in den Highlands zwischen Loch Ness und Loch Lochy. „Es gibt dort eine hübsche, kleine Ufermauer unter den ausladenden Zweigen eines großen Baums unterhalb des Glengarry Castle Hotels“, erklärt er. „Wenn man bei gutem Wetter am Abend hinuntergeht, wird man mit einem romantischen und wunderschönen Ausblick aufs Wasser belohnt, während der Nebel am anderen Ufer den Hügel hinabkriecht. Es ist nur ein Moment an einem See und doch vereint er für mich alles, was die schottischen Lochs so faszinierend macht.“

Wenn die Sprache auf das Wasser kommt und wie es die Landschaft des rauen Schottlands in etwas ganz Neues verwandeln kann, gerät Jim ins Schwärmen. „Mit etwas Glück erlebt man einen der Regenschauer, die es hier immer wieder gibt. Man schaut auf einen Berghang, der plötzlich über und über mit kleinen Wasserfällen übersät ist, was den ganzen Berg zum Glitzern bringt – man versteht dann ganz instinktiv, wie das Wasser die Landschaft verändert.“

„Bei meiner ersten Reise nach Schottland habe ich viele Fehler gemacht“, fährt er fort. „Ich habe anstatt des schottischen Worts ‚loch‘ das englische Wort ‚lake‘ für die Seen benutzt, und das ist nur ein Fettnäpfchen von vielen. Noch verwirrender war die ähnliche Aussprache der Worte ‚loch‘ und ‚lock‘, die sich für mich absolut gleich anhörten, aber etwas vollkommen anderes bedeuteten – ‚loch‘ ist die Bezeichnung für ein Gewässer und ‚lock‘ heißen die Schleusen in Kanälen. Dann gibt es noch den nicht gut nachvollziehbaren Unterschied zwischen einem Loch und einem Lochan. Und dann gibt es noch sowohl ‚firths‘, also Meeresarme, als auch ‚sea lochs‘, Meeres-Lochs. All das unterstreicht, dass man sich in Schottland mit Wasser und Gewässern intensiv auseinandersetzen muss.“

Für Jim gibt es kein schlechtes Wetter – gerade dessen Unberechenbarkeit gibt der Landschaft gleichzeitig etwas Substanzielles, schafft aber auch beinahe magische Momente. Er formuliert es so: „Das Wetter kann sich so schnell ändern, dass man das Gefühl hat, sich in einem Zeitraffer zu befinden. Man sollte hinausgehen und es genießen – es begrüßen und aus der Not eine Tugend machen. Natürlich kann man sich auf vielfältige Weise darüber informieren, welchen Einfluss Wasser auf verschiedene Dinge hat: wissenschaftlich, literarisch, emotional. Aber erst, wenn man es mit eigenen Augen sieht, bekommt man ein Gefühl dafür, wie es die Landschaft verändert. Wasser prägt einfach alles.“

Selbst für einen erfahrenen National Geographic-Fotografen wie Jim kann es eine Herausforderung werden, die schottische Landschaft aufzunehmen. Er erklärt, dass er seinen Stil komplett ändern musste und dabei Techniken aus der Sportfotografie nutzte, um die sich stetig verändernden Landschaften Schottlands einzufangen.

Wenn Jim über Wetterphänomene spricht, ist ihm die Begeisterung deutlich anzumerken. „Es gibt diese wiederkehrenden Kreisläufe von Leben und Geologie und Wasser“, sagt er. „Sie machen die Landschaft auf eine Art lebendig, die es vielleicht nirgendwo sonst gibt. Das beeindruckt mich am meisten – und wahrscheinlich bin ich deswegen so fasziniert, wenn diese Regenschauer durchziehen.“

Jim erzählt von verborgenen Landschaften, transzendenten Augenblicken, Fotos, deren Entstehung zum Teil fünf Minuten gedauert hat, während andere binnen einer ‚Millisekunde‘ geschossen wurden. Fotos von Wasser, das über lange Zeiträume Landschaften formt, und Fotos von Wasser, das sich schneller bewegt, als das bloße Auge ihm folgen kann.

Für angehende Fotografen hat Jim einen Rat, der nichts mit Kameraeinstellungen zu tun hat, und alles mit der persönlichen Einstellung: „Habt bei eurer ersten Reise nach Schottland im Hinterkopf, dass ihr nach dem sucht, was euch wieder hierherkommen lässt“, meint er. „Wagt euch weiter hinaus, als ihr es ursprünglich vorhattet.“

Küsten und Gewässer

Jim Richardsons lebendige Aufnahmen fangen Schottlands vielseitige Küstenlinie und die Gewässer im Inland ein, die das Land auf verschiedenste Weise prägen. 2020 feiert Schottland mit dem „Scotlands Year of Coasts and Waters“ diese wesentlichen Elemente seiner Landschaft mit einem Jahr voller Events und Veranstaltungen.

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