Fotografie

Im Bann der wilden Tiere

Die Abenteuer des bekannten Tierfilmers erstrecken sich auf fünf Kontinente Mittwoch, 28 November

Von Andreas Kieling

„Mein erstes Tierfoto schoss ich im Alter von gerade einmal fünf Jahren. Darauf zu sehen ist mein erstes Haustier, das Meerschweinchen Hansi. Hansi begleitete mich über viele Jahre und wurde fast elf Jahre alt. Für Meerschweinchen ein fast biblisches Alter. Schon damals hatte ich mir genau überlegt, wie ich dieses Foto aufnehmen möchte. Das Tier einfach von oben zu fotografieren, erschien mir langweilig. Ich setzte Hansi auf einen Tisch und legte ihm ein Handtuch
unter. Ich ging mit meiner Kamera ganz nah ran und fotografierte das Meerschweinchen auf Augenhöhe. So entstand ein ziemlich spannendes Bild. Die Kamera war eine Pouva Start. Eine ziemlich gängige Amateur-Kamera in der DDR mit einem 6x6-Rollfilm. Die Entfernung ließ sich an diesem simplen Objektiv nur ungefähr abschätzen. Ich habe sie auf den maximalen Nahbereich eingestellt und pirschte mich an Hansi heran, der mich neugierig beäugte, was ich da bloß vorhatte. Genau genommen ist Hansi an allem Schuld, was folgen sollte. Immer wieder werde ich von Menschen gefragt, woher meine unglaubliche Leidenschaft für die Tiere und die Natur rührt. Ich kann das erst einmal gar nicht beantworten. Denn diese Tier- und Naturverbundenheit war schon immer in mir. Ich erinnere mich, dass ich als ganz kleiner Junge schon vor einem Ameisenhaufen saß und die Ameisen beobachtete. Und das über einen Zeitraum von fast einer Stunde. Das ist für einen Vierjährigen eine extrem lange Zeitspanne. In meinem familiären Umfeld verstanden selbst Verwandte und Nachbarn nicht, dass ich mich so intensiv mit Tieren beschäftigen konnte. Ich war für einige Erwachsene einfach nur der kleine Andy, der eine Stunde lang in einen Ameisenhaufen glotzte. Es wurde meinen Eltern sogar geraten, mit mir doch mal einen Arzt aufzusuchen. Schließlich sei das nicht normal. Doch für mich gab es nichts Schöneres neben dem Sport, als einfach draußen in der Natur zu sein und Tiere zu beobachten. Und als ich später meine erste Freundin hatte, merkte ich, dass ich eigentlich gar nicht so gerne mit ihr über Musik und Mode sprechen wollte, sondern ihr viel lieber von meinen Tiererlebnissen berichten wollte. Ein Grund, warum ich immer schon
diese extreme Nähe zu Tieren suchte, war die Tatsache, dass ich kein Fernglas besaß. Wir waren in der DDR wirtschaftlich so schlecht gestellt, dass wir uns kein Fernglas leisten konnten. Alle Ferngläser von Carl Zeiss in Jena wurden in den Westen exportiert oder waren für das Militär bestimmt. Ich habe also aus der Not eine Tugend gemacht. In den Wäldern oder draußen auf den Feldern habe ich mich immer sehr bemüht, mich so nah wie möglich an die Tiere heranzupirschen, sodass ich sie mit dem bloßen Auge gut beobachten konnte. Dafür habe ich Futterstellen errichtet und mich davor mit selbst gebauten Verstecken platziert. Ich war ganz beseelt, wenn etwa die Vögel in einem Abstand von nur einem Meter vor mir landeten und die Früchte oder Körner aufpickten, und ich sie ganz intensiv beobachten konnte. Aus dieser frühen Leidenschaft ist offenbar dieses ganz starke Bedürfnis in mir erwachsen, den Tieren ganz nah zu kommen, egal wie groß, wie selten oder gefährlich sie auch sein mögen. Das Leben ist ein einziges Abenteuer. Ich lade Sie ein, mich ein Stück weit zu begleiten und heiße Sie im Bann der wilden Tiere herzlich willkommen.“

Der vorliegende Bildband handelt von Andreas Kielings spannendsten Begegnungen mit wilden Tieren weltweit, diese reichen von Besuchen auf dem Balkan bei den größten Pelikanen der Welt bis in die Weiten Kasachstans, wo er sich auf die Spur der sagenhaften Saigas begibt.

Andreas Kieling filmt und fotografiert seit 1990 Tiere auf der ganzen Welt (u.a. für die ZDF-Serie Terra X). Immer wieder zieht es ihn an die entlegensten Orte der Welt auf der Suche nach wilden Tieren in unberührten Landschaften. Dort fängt er einen Jaguar im Pantanal mit seiner Kamera ein, taucht mit Walhaien vor Australien, nähert sich behutsam einer Gorillafamilie in Ruanda und bestaunt riesige Pinguinkolonien in der Antarktis. 

Weitere Bildbände des Deutschen Tierfilmers dürften unter den Titeln »Durch Deutschland wandern«, »Im Bann der Bären« und »Sehnsucht Wald« bekannt sein.

Im Bann der wilden Tiere“ – erschienen im National Geographic Verlag.

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