Geschichte und Kultur

Der waghalsige Mann mit einem halben Körper

Der Fotograf Brian Lehmann hielt das bemerkenswerte Leben von Aaron Wollin fest – privat und auf der Bühne.Donnerstag, 9. November 2017

Von Alexandra Genova
Bilder Von Brian Lehmann
Aaron Wollin übt sich auf einem Parkplatz hinter seinem Haus im Feuerspucken für eine Zirkusshow. „In 40 Jahren will ich eine Legende sein“, sagt Wollin. „Ich will, dass die Leute über mich reden.“

Aaron Wollin hat zwei Persönlichkeiten. Auf der Bühne ist er der kleinste Teufelskerl der Welt und versetzt die Zuschauer unter dem Künstlernamen Short E. Dangerously in eine berauschende Ekstase. Er balanciert auf Bowlingkugeln, wirft Messer und läuft mit seinen Händen über glühend heißes Glas. „Das Hoch, das man auf der Bühne erlebt, ist instinktiv, das kommt tief aus dem Innersten“, sagt Wollin. „Es sind zwei Energiemassen, die miteinander kollidieren.“

Aber jenseits der Bühne, sobald er seinen Cowboyhut absetzt, zeigt sich sein wahres Selbst. „Man braucht einen Schalter zum Ein- und Ausschalten“, sagt er. „Man muss in der Lage sein, diese zwei Persönlichkeiten zu trennen, sonst hat man ein Problem.“ Wollins Beine wurden ihm im Alter von zweieinhalb Jahren amputiert, da er am kaudalen Regressionssyndrom litt. Seit 20 Jahren ist er in der Entertainmentindustrie tätig und die letzten fünf Jahre arbeitete er im fahrenden Zirkus Hellzapoppin Circus Sideshow Revue. „Ich lebe ein Rock-‘n‘-Roll-Leben, von dem die meisten Menschen nur träumen können“, sagt er.

Galerie ansehen

Für den Fotografen Brian Lehmann war es der Charakter Shorty (Short E.), der ihn ursprünglich fesselte. Aber Wollins eigentliche Persönlichkeit war es, die Lehmann dazu brachte, ihn zwei Jahre lang immer wieder mal zu begleiten. „Es ist ein optisch faszinierender Typ“, sagt Lehmann. „Aber ich hätte ihn nicht weiter fotografiert, wenn ich mich in seiner Gesellschaft nicht wohlgefühlt hätte.“ Wollin gewährte ihm freien Zugang zu seinem Leben und die zwei wurden gute Freunde. „Er hat mein wirkliches Ich zu sehen bekommen“, sagt Wollin. „Ich habe nichts versteckt.“

Das Ergebnis ist das intime Porträt eines bemerkenswerten Mannes. „Ich denke, es ist wichtig, sein ganz normales Leben zu zeigen, weil das der Sinn der Geschichte ist“, sagt Lehmann. „Er macht alles, was Sie oder ich tun: staubsaugen, skateboarden, Zeit mit seinem Hund verbringen.“

Wollin beschreibt seine Teenagerzeit als „etwas heikel“, aber sagt, dass ihn seine Eltern nicht dazu erzogen hätten, sich selbst zu bemitleiden. Als seine Mutter vor zwölf Jahren verstarb, wurde diese Tragödie zu einem zentralen Moment für sein Selbstverständnis. „Das war ein richtiger Weckruf für mich. Ich habe herausgefunden, was im Leben wirklich wichtig ist, und alles andere einfach sausen lassen“, sagt er.

Lehmann glaubt, dass man von Wollins Anschauung viel lernen kann. „Shorty ist ein großartiges Beispiel dafür, nicht zu Hause zu sitzen und sich selbst zu bemitleiden, sondern stattdessen vorwärtszustreben, wie es jeder tun sollte.“

Obwohl Wollin viel weibliche Aufmerksamkeit auf sich zieht – einmal gab ihm eine Frau zwei Dutzend Rosen nach einer Vorstellung –, gab es auch Momente, in denen der Empfang nicht so rosig war. „Ich bekomme auch ungewollte Aufmerksamkeit. Aber diese Menschen sind nur ignorant oder treffen Annahmen über mich, die nicht zutreffen“, sagt Wollin. Manche Leute gehen in der Öffentlichkeit auf ihn zu und wollen ihm Geld geben oder stellen ihm persönliche Fragen. „Sie nehmen an, dass ich nicht wie sie bin“, sagt Wollin. Aber, so Lehmann, solche Vorfälle gibt es nur vereinzelt. „Es ist schwer, da in eine heikle Lage zu geraten, wenn der Typ so ein breites Grinsen hat und so glücklich aussieht“, sagt er.

Wollin wird im Dezember 40, und obwohl sein extrem aktiver Lebensstil seine Gelenke und seine Muskulatur beansprucht hat, scheint er nicht vorzuhaben, es in Zukunft langsamer angehen zu lassen. „Ich liebe das, was ich mache“, sagt er. „Bryce [der Eigentümer von Hellzapoppin] und ich scherzen immer, dass wir uns zur Ruhe setzen, wenn wir tot von der Bühne fallen.“

Brian Lehmann auf seiner Webseite und Instagram folgen. 

Wei­ter­le­sen