Geschichte und Kultur

Die erste gefilmte National Geographic-Expedition war ein Desaster

Zur Jahrhundertwende waren die USA regelrecht im Polarfieber. Wir blicken auf einen glücklosen Versuch zurück, den Nordpol zu erreichen. Freitag, 12 Januar

Von Nina Strochlic

Herumlaufende Schlittenhunde, Forscher mit Gepäck, treibende Eisschollen – das könnten Szenen einer frühen Arktisexpedition sein. Aber die 23 Minuten Filmmaterial, die vor 116 Jahren in der Nähe des Nordpols aufgenommen wurden, sind nicht nur der älteste Film im Archiv von National Geographic – sie sind ein Blick in zwei verhängnisvolle wissenschaftliche Abenteuer.

Zur Jahrhundertwende waren die USA regelrecht im Polarfieber. Während der 1890er gab es eine schwedische Ballonexpedition, zwei Norweger auf Skiern und einen italienischen Herzog auf einem dampfbetriebenen Walfangboot – keiner von ihnen erreichte je den Nordpol. Derweil entsandten berühmte Autoren wie Arthur Conan Doyle, Mary Shelley und Edgar Allan Poe ihre Charaktere in die mysteriöse, kahle Arktis. Seriöse Quellen stellten Theorien darüber auf, dass an der Spitze der Erde eine verlorene Rasse von Riesen wohnte. In seinem 1885 veröffentlichten Buch „Paradise Found: The Cradle of the Human Race at the North Pole“ (dt. Das gefundene Paradies. Die Wiege der Menschheit am Nordpol) stellte der damalige Präsident der Universität Boston die Theorie auf, dass Atlantis, Avalon und der Garten Eden allesamt am Nordpol lagen.

„Diese Ideen wurden sehr ernst genommen, und niemand konnte sie widerlegen, weil nie jemand dort gewesen war“, sagt PJ Capelotti. Der Anthropologieprofessor ist auch ein Mitarbeiter des Polar Center an der Pennsylvania State Universität. Wer auch immer die unbekannte arktische Landschaft als erster erreichen sollte, dem waren Ruhm und Reichtum weit über seine Lebenszeit hinaus gewiss. In den 1900ern kam die „Polarjagd“ dann so richtig auf Touren, finanziert von wohlhabenden Geldgebern und der öffentlichen Faszination.

Evelyn Baldwin hatte eine Menge Interesse an der Arktis, aber keinerlei Erfahrung – bis der Geschäftsmann William Ziegler, der als „Natronkönig“ bekannt war, ihn auswählte, eine ambitionierte Expedition zum Nordpol zu leiten. Ziegler hörte eine dramatisierte Version des Versuchs, ein Basislager auf den Nordinseln von Franz-Josef-Land zu errichten. Das überzeugte ihn, sein Vertrauen und seine unbegrenzten Mittel in die Hände eines Mannes zu legen, dessen gesamter Lebenslauf entweder „völlig ausgedacht oder übertrieben“ war, sagt Capelotti.

„Ich will niemand anderen als einen Amerikaner die Ehre für die Entdeckung des Nordpols gewinnen sehen, wo so viele unserer mutigen Landsleute ihr Leben bei dem Versuch verloren haben, sie sich zu verdienen“, erinnerte sich Baldwin später an Zieglers Worte, als er im McClure‘s Magazine die Expedition ankündigte.

Baldwin vertraute darauf, dass sein Versuch gelingen würde, „die Geheimnisse zu ergründen, die von der Eissphinx des Nordens so eifersüchtig gehütet werden“.

1901 brach Baldwins 42-köpfiges Team in Richtung Franz-Josef-Land auf, dem nördlichsten Archipel der Welt. Mit von der Partie war auch Anthony Fiala, ein aufstrebender Fotograf, der seinen Job als Zeichner für eine Zeitung und als Graveur aufgegeben hatte, um sich der Expedition anzuschließen. Im Laufe des folgenden Jahres produzierte Fiala die „wahrscheinlich ersten Videoaufzeichnungen einer Expedition in die Arktis“, wie Capelotti sagt. In seinem Buch „The Greatest Show in the Arctic“ erzählt er von dem Unterfangen des Teams.

Die 23 Minuten Filmmaterial, die noch erhalten sind, wurden vermutlich im Frühling 1902 aufgenommen. Sie zeigen umherstreifende Hunde, Ballonstarts und zerlegte Lager. Die Aufnahmen wurden 1986 von Fialas Enkel Ronald Fiala an National Geographic gespendet und sind der älteste Film in unserem Archiv.

Herumlaufende Schlittenhunde, Forscher mit Gepäck, treibende Eisschollen – das könnten Szenen einer frühen Arktisexpedition sein. Aber die 23 Minuten Filmmaterial, die vor 116 Jahren in der Nähe des Nordpols aufgenommen wurden, sind nicht nur der älteste Film im Archiv von National Geographic – sie sind ein Blick in zwei verhängnisvolle wissenschaftliche Abenteuer.

Zur Jahrhundertwende waren die USA regelrecht im Polarfieber. Während der 1890er gab es eine schwedische Ballonexpedition, zwei Norweger auf Skiern und einen italienischen Herzog auf einem dampfbetriebenen Walfangboot – keiner von ihnen erreichte je den Nordpol. Derweil entsandten berühmte Autoren wie Arthur Conan Doyle, Mary Shelley und Edgar Allan Poe ihre Charaktere in die mysteriöse, kahle Arktis. Seriöse Quellen stellten Theorien darüber auf, dass an der Spitze der Erde eine verlorene Rasse von Riesen wohnte. In seinem 1885 veröffentlichten Buch „Paradise Found: The Cradle of the Human Race at the North Pole“ (dt. Das gefundene Paradies. Die Wiege der Menschheit am Nordpol) stellte der damalige Präsident der Universität Boston die Theorie auf, dass Atlantis, Avalon und der Garten Eden allesamt am Nordpol lagen.

„Diese Ideen wurden sehr ernst genommen, und niemand konnte sie widerlegen, weil nie jemand dort gewesen war“, sagt PJ Capelotti. Der Anthropologieprofessor ist auch ein Mitarbeiter des Polar Center an der Pennsylvania State Universität. Wer auch immer die unbekannte arktische Landschaft als erster erreichen sollte, dem waren Ruhm und Reichtum weit über seine Lebenszeit hinaus gewiss. In den 1900ern kam die „Polarjagd“ dann so richtig auf Touren, finanziert von wohlhabenden Geldgebern und der öffentlichen Faszination.

Evelyn Baldwin hatte eine Menge Interesse an der Arktis, aber keinerlei Erfahrung – bis der Geschäftsmann William Ziegler, der als „Natronkönig“ bekannt war, ihn auswählte, eine ambitionierte Expedition zum Nordpol zu leiten. Ziegler hörte eine dramatisierte Version des Versuchs, ein Basislager auf den Nordinseln von Franz-Josef-Land zu errichten. Das überzeugte ihn, sein Vertrauen und seine unbegrenzten Mittel in die Hände eines Mannes zu legen, dessen gesamter Lebenslauf entweder „völlig ausgedacht oder übertrieben“ war, sagt Capelotti.

„Ich will niemand anderen als einen Amerikaner die Ehre für die Entdeckung des Nordpols gewinnen sehen, wo so viele unserer mutigen Landsleute ihr Leben bei dem Versuch verloren haben, sie sich zu verdienen“, erinnerte sich Baldwin später an Zieglers Worte, als er im McClure‘s Magazine die Expedition ankündigte.

Baldwin vertraute darauf, dass sein Versuch gelingen würde, „die Geheimnisse zu ergründen, die von der Eissphinx des Nordens so eifersüchtig gehütet werden“.

1901 brach Baldwins 42-köpfiges Team in Richtung Franz-Josef-Land auf, dem nördlichsten Archipel der Welt. Mit von der Partie war auch Anthony Fiala, ein aufstrebender Fotograf, der seinen Job als Zeichner für eine Zeitung und als Graveur aufgegeben hatte, um sich der Expedition anzuschließen. Im Laufe des folgenden Jahres produzierte Fiala die „wahrscheinlich ersten Videoaufzeichnungen einer Expedition in die Arktis“, wie Capelotti sagt. In seinem Buch „The Greatest Show in the Arctic“ erzählt er von dem Unterfangen des Teams.

Die 23 Minuten Filmmaterial, die noch erhalten sind, wurden vermutlich im Frühling 1902 aufgenommen. Sie zeigen umherstreifende Hunde, Ballonstarts und zerlegte Lager. Die Aufnahmen wurden 1986 von Fialas Enkel Ronald Fiala an National Geographic gespendet und sind der älteste Film in unserem Archiv.

Fiala beschrieb später seine Techniken, um in der - 34 °C kalten Tundra zu filmen, ohne den Film überzubelichten oder zu zerbrechen. Er nutzte eine frühe Filmkamera, um „Bilder von Männern, Hunden und Ponys zu erhalten, die über die Eisfelder zogen“, schrieb er 1907 in einem Artikel für National Geographic, außerdem „den Vorstoß der America [Schiff] durch das Eis und womöglich einen Bärenkampf“. Damit der Film nicht spröde wurde, während er arbeitete, wickelte er die Kamera in warme Decken ein.

Die Reise war ein Reinfall. Baldwins Team drang nicht besonders weit nach Norden vor, seine Führungsqualitäten waren eher spärlich ausgeprägt und er wurde von Ziegler später als Typ beschrieben, der rumsteht, Zigaretten raucht und Kuchen isst, so Capelotti. Als sie 1902 mit leeren Händen zurückkehrten, wurde Baldwin gefeuert.

Aber Ziegler sehnte sich danach, dass seine nach ihm benannte Expedition den Nordpol erreichte. Kurze Zeit später startete er einen zweiten Versuch, diesmal unter die Führung Fialas. Vor der Abreise traf sich das Duo mit Alexander Graham Bell, dem damaligen Präsidenten der National Geographic Society, und Gilbert H. Grosvenor, dem Herausgeber des Magazins, die ihre Unterstützung für die Mission zusicherten. Grosvenors Frau entwarf eine spezielle Flagge mit dem Namen der Gesellschaft, die die Expedition mitnehmen sollte. (Die Flagge begleitet National Geographic Explorer noch immer durch die Welt.)

Die zweite Reise war ein noch größeres Desaster. Fiala brach 1903 zur Arktis auf, aber sein Schiff sank, sodass die Expedition zwei Jahre lang auf Franz-Josef-Land gestrandet war. „Es waren im Hinblick auf ihre Zusammensetzung und Führung zwei sehr unterschiedliche Expeditionen, aber eines vereinte sie: ihre Inkompetenz“, sagt Capelotti. Verblüffenderweise überlebten bis auf einen einzigen Mann alle Expeditionsteilnehmer – dank einer Beständigen Versorgung mit Eisbären- und Walrossfleisch und einer Kohleader, die die Männer entdeckten. Sie wurden 1905 von einem Rettungsschiff gefunden und nach Amerika zurückgebracht. Leider war Ziegler vor ihrer Rückkehr im selben Jahr verstorben und hatte vermutlich das Schlimmste befürchtet.

Ein paar wissenschaftliche Erkenntnisse konnten aus der Expedition aber zumindest gewonnen werden: 1907 veröffentlichte National Geographic ein Buch des Chefwissenschaftlers William J. Peters über die Meteorologie und Topografie der Arktis. Darin fanden sich auch Karten des Ersten wissenschaftlichen Assistenten Russel Porter und Fotografien von Fiala.

“Was er getan hat, wurde vor ihm noch nie gemacht und auch seither nicht oft“, sagt Capelotti über Fiala. „Es ist ein kleiner Einblick in die Vorstellung, die wir damals von uns und unserem Schaffen hatten. Durch die bewegten Bilder haben wir die Möglichkeit, das durch ihre Augen zu sehen.“

Im Jahre 1909 beanspruchten sowohl Robert Peary als auch Frederick Cook den Titel des ersten Menschen, der zum Nordpol gereist ist. Ob tatsächlich einer der beiden da war, wird bis heute infrage gestellt. Das erste Team, das offiziell den Nordpol über den Landweg erreichte, schaffte das erst im Jahr 1968.

Fialas nächster Trip führte ihn in den Dschungel, als er sich Theodore Roosevelts sogenannter „Fluss der Zweifel“-Expedition anschloss, die einem Zubringer des Amazonas folgte. Er verließ die Expedition nach sechs Monaten und gründete Fiala Outfits. Das Unternehmen in New York City verkaufte alles, was man für eine Expedition benötigte, von Elefantenbüchsen bis zu Hundeschlitten.

Baldwin nahm nie mehr an einer weiteren Expedition teil. Er arbeitete als Büroangestellter für die Marine und starb in den 1930ern, als er von einem Auto angefahren wurde. Aber ihm war ein letzter Hauch des Polarruhms vergönnt: Der Grabstein, den er vermutlich in Auftrag gegeben hat, huldigte ihm als Arktiserforscher. „Er liegt mitten in Kansas unter seinem eigenen arktischen Mythos begraben“, sagt Capelotti.

Capelotti selbst erhielt eine Hauptrolle in den Legenden, die sich noch immer um den Nordpol ranken. Nach einer Expedition nach Franz-Josef-Land im Jahr 2006 wurde er zum Zentrum einer Internet-Verschwörungstheorie, die behauptete, er hätte eine Rasse von Riesen entdeckt und würde das für die Regierung vertuschen. „Die Vorstellung, dass es da oben etwas Biblisches oder Außerirdisches gibt, das man nicht erklären kann, hält sich in unserer Kultur sehr hartnäckig“, sagt er lachend.

Aber es gibt noch mehr Gemeinsamkeiten zwischen den Nordpolmissionen des Goldenen Zeitalters und den Träumen der Entdecker des 21. Jahrhunderts: „Wir haben Millionäre, die Reisen zum Mond planen.“

Wohin auch immer es künftige Entdecker verschlägt, sie werden mit Videos und Bildern zurückkehren, die sie mit den Massen teilen können – auch wenn sie ihre Kameras nicht mehr wie Fiala in Decken hüllen müssen. 1907 malte er sich das Potenzial dieser Technik aus: „Es gibt noch immer Land zu bezwingen, und es ist gut zu wissen, dass wir – wenn diese unbekannten Orte gefunden und die Flaggen der Entdeckung dort in den Boden gesteckt werden – mit Hilfe der Sonne und der modernen Chemie in der Lage sein werden, zusammen mit dem Entdecker die einst verbotene und mysteriöse Landschaft zu erblicken.“

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