Geschichte und Kultur

„Wir müssen miteinander reden, um uns zu verstehen“

Selten wurde so viel über Migration gestritten wie in diesem Jahr. Wer sind wir, wer gehört zu uns? Was verbindet uns, was trennt uns? Wir sind durch Deutschland gereist und haben Menschen nach ihren Erfahrungen gefragt. Freitag, 28 Dezember

Von National Geographic-Magazin

Sondus Elkiskas, 19, Schülerin, floh mit ihrer Familie von Libyen nach Ungarn, vor vier Jahren kam sie nach Wurzen in Sachsen.

Am Anfang haben wir mit mehreren Flüchtlingen in einem Haus gelebt. Ungefähr einmal in der Woche standen Betrunkene unter unserem Fenster und haben rumgeschrien. Einmal flog ein Stein durchs Fenster. Das war schlimm. Ich bin in das Zimmer meiner Schwester gerannt. Dort habe ich eine Decke über das kaputte Fenster gehängt und vor Aufregung die Feuerwehr statt der Polizei angerufen. Gedacht habe ich in dem Moment nicht viel, ich musste mich zusammenreißen: Meine kleinen Geschwister hatten Angst, und ich musste eine klare Auskunft geben.

Trotzdem bin ich gern hier. Solche Dinge passieren in jeder Stadt. Außerdem reagieren viele andere positiv auf uns. Einmal sagte ein älterer Mann auf der Straße zu mir: „Hab keine Angst, ihr seid willkommen hier.“ In Sachsen kann man leben. Die Unterstützung von Flüchtlingshelfern und Ämtern, die ich in Wurzen kriege, würde ich in einer großen Stadt sicher nicht bekommen.

Wenn einer gegen Flüchtlinge ist, will ich gerade mit ihm reden. Also diskutiere ich oft mit Nazis. Viele lesen nichts nach, sondern übernehmen einfach die Meinung von anderen. Man muss auch zwischen Nazis und Rassisten unterscheiden. Rassismus gibt es auch bei Menschen, die keine Nazis sind. Ich habe aber Glück. Deutsch zu lernen fällt mir leicht, und Leute mit dunkler Hautfarbe haben es schwerer als ich.

Bevor wir herkamen, waren viele Freunde besorgt: „Was, ihr geht nach Deutschland?!“ Ich dachte selber, in Deutschland sind alle Nazis. Das war auch ein Vorurteil.

Die Leute, die hier herkommen, suchen eine Heimat und eine Zukunft. Ein großes Problem ist: Wir kommen gar nicht vor, unsere Geschichte, wer wir sind und was wir hier wollen. Deswegen habe ich mir als Studienfach internationale Beziehungen und Recht ausgesucht. Das bedeutet eine große Verantwortung. Ich weiß, dass ich sie tragen kann.

 

Timo Koesling, 34, Leiter der technischen Ausbildung bei der Trimet Aluminium SE in Essen. Er bereitet auch junge Geflüchtete auf den Einstieg ins Arbeitsleben vor.

Auf Initiative unseres verstorbenen Eigentümers Heinz-Peter Schlüter wollten wir gleich Ende 2015 gezielt junge Geflüchtete ausbilden – weil wir als Unternehmen Verantwortung übernehmen möchten und weil wir wie viele andere Industriebetriebe nach Nachwuchs Ausschau halten müssen. Es war aber gar nicht so einfach, Kandidaten zu finden. In den Integrationskursen bekommen Geflüchtete kaum Informationen, was eine duale Ausbildung eigentlich ist. Außerdem haben nicht alle in für uns wichtigen Fächern wie Mathematik das erforderliche Niveau oder die soziale Kompetenz – das erleben wir allerdings auch bei deutschen Bewerbern.

Mittlerweile werden 26 Geflüchtete bei Trimet ausgebildet oder für einen Einstieg qualifiziert. Dabei muss man Besonderheiten beachten. Dass etwa Aushänge ohne Bilder gelesen werden, ist keine Selbstverständlichkeit. Viele der jungen Männer arbeiten lieber mit Ansage und lernen auswendig, zudem schätzen sie Hierarchien. Für sie war es unglaublich, dass sich auch der Chef in der Kantine hinten anstellt. Wenn ein Arzttermin ansteht, heißt es oft nicht: Ich muss heute früher los. Dann kommt eher die Frage: Was soll ich machen? Wir besprechen viel gemeinsam. Diese Gruppenbezogenheit hat auch Vorteile für die Ausbildung.

Das Wichtigste ist die Kommunikation, immer wieder zu fragen: Wieso macht ihr das so? Nur wenn man miteinander redet, kann man einander auch verstehen. Ich habe zum Beispiel gelernt, dass es in manchen Ländern ein Zeichen von großem Respekt ist, wenn jemand seinem Gegenüber nicht die Hand gibt oder nicht in die Augen schaut. Und ich verfolge das politische Geschehen, damit ich weiß, warum jemand plötzlich nicht gut drauf ist. Die Familie vieler Azubis lebt bis heute in Krisengebieten.

 

Kerstin Köditz, 51, Landtagsabgeordnete in Sachsen für DIE LINKE, ist Mitglied im sächsischen NSU-Untersuchungsausschuss.

Das Problem des Rassismus ist nicht neu. Es hat immer existiert, das wissen wir aus vielen Studien. Aber wenn 25 bis 30 Prozent der Bevölkerung rassistische Ansichten pflegen, ist das erst mal nur eine Zahl. Jetzt sehen wir plötzlich die Menschen dahinter, so wie in Chemnitz. Viele denken: Wenn 20.000 wie in Dresden bei Pegida auf die Straße gehen, können die sich doch nicht irren. Diese Leute müssen wir erreichen. Ich nenne sie die „Verunsicherten“. Um sie geht es, nicht um die Rechten – die haben wir verloren.

Vielleicht war es ein Fehler zu denken, dass alle „die Mitte“ sein könnten. Die Mitte ist schließlich nur ein Punkt. Man könnte denken, dass es sogar etwas Gutes hat, wenn dieser gesellschaftliche Konflikt endlich aufbricht. Aber das hat es nicht, denn es gibt Opfer: Migranten, die angegriffen werden, auch körperlich. Familien, durch die ein Riss geht, ebenso durch Vereine und zwischen Nachbarn. Es brennt überall, und wir versuchen, die Feuer einzeln mit Eimern zu löschen.

 

Meryam Schouler-Ocak, Psychiaterin und leitende Oberärztin an der Charité in Berlin, forscht zu gesundheitlichen Folgen von Migration und Diskriminierung

Meiner Erfahrung nach nimmt der Rassismus im Alltag zu. Etwa seit der Zeit, als das Buch „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin erschien. Für viele, gerade unter türkischstämmigen Mitbürgern, war das ein riesiger Tabubruch. Da wurden Menschen missachtet, die schwerste Arbeit und einen großen Beitrag zum Wiederaufbau Deutschlands geleistet haben. Der Einzelne fühlt sich mitgemeint, wenn eine ganze Gruppe stigmatisiert wird.

Dabei ist Rassismus keine Einbahnstraße. Er hat ganz konkrete Folgen für die Betroffenen. Je weniger einheimisch jemand aussieht, desto gefährdeter ist er. Ich hatte Patienten, die angespuckt oder vor den Bus gestoßen wurden. Auch weniger deutliche Diskriminierung kann Spuren hinterlassen: Wenn zum Beispiel die Wohnung plötzlich doch nicht mehr frei ist, wenn man zum Besichtigungstermin erscheint.

Solche Erfahrungen summieren sich und werden verinnerlicht. Ein Mensch wird dadurch misstrauisch und zieht sich zurück. Diskriminierungserfahrungen können außerdem alte Traumata triggern; Menschen verlassen ihre Heimat nicht zum Spaß, sondern weil sie Schlimmes erlebt haben. Der ständige Belastungsstress kann bestehende Krankheiten verschlimmern. Er manifestiert sich in körperlichen Schmerzen, führt zu Ängsten und psychischen Problemen. Das kann bis zum Suizid gehen.

Bisher meinen wir vor allem Assimilation, wenn wir von Integration reden. Wir sollten uns mehr Gedanken darüber machen, was Integration eigentlich bedeutet. Ich wünsche mir einen Aufschrei, der bis jetzt ausgeblieben ist.

 

Lesen Sie außerdem in National Geographic Plus „Wir und die anderen – Ein Heft über Rassismus“: Wieso Weiße und Schwarze in Südafrika nicht zusammenleben können. Eine Geschichte aus den USA, wo Minderheiten bald die Mehrheit stellen. Warum es Rasse gar nicht gibt.

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