Geschichte und Kultur

Rituale der Rebellion

Viele Menschen in Amerika nutzen im Karneval symbolträchtige Kostüme, um die afrikanischen, indigenen und europäischen Wurzeln der eigenen Kultur 
zu feiern – und die früheren Unterdrücker zu verspotten. Donnerstag, 21. Februar 2019

Von Jacqueline Charles
PANAMA In Chepo wird Fronleichnam – wenn man Leib und Blut Jesu Christi feiert – meist Mitte Juni begangen. Die katholische Kirche bediente sich dieses Feiertags, um Indigene und Nachfahren der Afrikaner mittels Straßentheater zum Christentum zu bekehren. Zur Geschichte von Chepo gehört auch das Erbe des Afrikaners Bayano, der in den Fünfzigerjahren des 16. Jahrhunderts den größten Sklavenaufstand in Mittelamerika anführte. Diese Teenager tragen Masken aus Pappmaschee und Kostüme mit Spiegeln, wie sie auch in Westafrika zu finden sind.

Durch die Straßen der haitianischen Hafenstadt Jacmel ziehen Jungen mit rußgeschwärztem Gesicht. Trommeln und trompetenartige Metall- und Bambushörner erzeugen spezielle Voodoo-Rhythmen.

Es ist Karneval in Jacmel, und der wird hier auf ganz eigene Weise gefeiert. Die wilde Kreativität, die während dieser Zeit durch das historische Zentrum des Ortes strömt, ist beeindruckend: schrecklich-schöne Darstellungen des Teufels, riesige mythische Tierfiguren und grotesk aussehende Masken aus Pappmaschee.

Viele denken bei Karneval außerhalb Europas vor allem an Bilder, die sie aus Brasilien oder vom Mardi Gras in New Orleans kennen: viel nackte Haut und einen allgemeinen Ausnahmezustand mit übermäßigem Alkoholgenuss. Doch in manchen Regionen der Karibik ist Karneval keine glitzernde Touristenattraktion, sondern künstlerischer Freiraum und eine große Bühne für die kulturelle Identität und das neue Selbstbewusstsein der Nachfahren versklavter Afrikaner. Da den Sklaven die Anbetung ihrer Gottheiten ebenso verboten war wie die Teilnahme an den Maskenbällen der französischen und britischen Herrscher in der Vorfastenzeit, verschmolzen sie afrikanische Traditionen und Folklore mit kolonialen Riten. Und schufen sich so ihr eigenes Fest.

Zwar werden die Karnevalssaison und Feiertage wie Fronleichnam und der Dreikönigstag heute in der afrikanischen Diaspora auf verschiedene Weise und oft auch zu unterschiedlichen Zeiten im Jahr begangen, doch sie weisen alle gemeinsame Elemente auf. In den bunt und wild verkleideten Figuren mischen sich Christentum, Folklore und indigene Traditionen zu Ritualen der kreativen Rebellion. Die Feiernden verstecken ihre wahre Identität hinter reich verzierten Masken.

So sind die Menschen geschützt und können ihre Geschichten erzählen und ihrem Frust freien Lauf lassen. In Ländern wie Haiti agitieren sie inmitten einer ausschweifenden, schillernden Show für politischen und sozialen Wandel. Kostüme und Gesang kommentieren und kritisieren die gesellschaftlichen Zustände.

„Es ist eine Rebellion, die auf kulturellem Widerstand beruht“, sagt Henry Navarro Delgado von der Ryerson University in Toronto, der die Rolle der Mode im Karneval erforscht. „Das gibt den Menschen die Gelegenheit, sich so zu zeigen, wie sie wirklich sein wollen.“

Manche schmieren sich den Körper mit Farbe und Schlamm ein. Andere kleiden sich in den leuchtenden Farben afrikanischer Gottheiten, etwa in das Feuerrot und das Schwarz von Ogun, einem afrikanischen Kriegsgott. Oder sie tragen Blau und Gold, die Farben von Erzulie Dantor, Göttin der Eifersucht und der Leidenschaft im haitianischen Voodoo.

Eine zentrale Figur bei vielen Karnevalsfestivitäten ist der spitzbübische Diablo, der Teufel. In der Dominikanischen Republik tritt er als hinkender Schelm auf, der mit einer Peitsche umherzieht. In Trinidad ist er manchmal ein blauer Geselle, der von anderen Teufeln verspottet und geschlagen wird – das soll die Grausamkeit der Sklaverei symbolisieren. Und in Panama taucht er oft als Peitsche schwingender Sklavenhalter auf, der in einem traditionellen Kongotanz mit den cimarróns kämpft, entflohenen Sklaven. Im katholischen oder europäischen Kontext repräsentiert der Teufel natürlich das Böse. Aber im Karneval ist er üblicherweise der Schalk, der die Ordnung der Welt für einige Zeit durcheinanderwirbelt.

Zu jedem karibischen Karneval gehören Maskentänze, die an die Beziehung zwischen Sklaven und Kolonialherren erinnern und sich manchmal über die Unterdrücker lustig machen. Viele der Tänze werden einstudiert, erklärt Amy Groleau vom Museum of International Folk Art in Santa Fe, New Mexico. Auffällig sind die gemeinsamen Motive, die in verschiedenen Regionen jeweils für Gesellschaftsklassen, Ethnien und sogar Tiere stehen. „All diese Motive besitzen ein heiliges Element“, sagt Groleau.

Karneval ist an vielen Orten weit mehr als ein wildes Gelage, er verkörpert Geschichte und Tradition der einst Unterdrückten über geografische Grenzen hinweg.

Dieser Artikel stammt aus Heft 3/2019 des National Geographic-Magazins. Jetzt ein Abo abschließen!

 

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