Die Erfindung der Gralsglocke: Wie Richard Wagner die Musikwelt revolutionierte

Für Richard Wagner war es nicht genug, nur Musik zu komponieren. Er schrieb ebenso Musik, für die man die Instrumente erst erfinden musste. Die Gralsglocke ist eines davon. Mit einer Glocke hat sie jedoch nicht viel gemein.

Von Sarah Langer
Veröffentlicht am 28. Juli 2023, 12:52 MESZ
Die Geschichte der Gralsglocke

Die Gralsglocke, eine Erfindung nach Wünschen des Komponisten Richard Wagner.

Foto von Steingraeber & Söhne

Ein Musikinstrument, das überirdische, fremdartige Klänge von sich geben soll – das wollte Richard Wagner für seine Aufführung von „Parsifal“. Der tiefste Bass sollte dem Zuhörer einen heiligen Schauer versetzen – gewaltig, glockengleich und unendlich tief. Für die Noten C – G1 – A1 – E1 im tiefsten Bass musste ein neues Instrument erschaffen werden, denn es existierte schlichtweg keins. Mit dem Bau beauftrage Wagner die Klaviermanufaktur Steingraeber & Söhne in Bayreuth.

Die Noten standen schon fest - für ein Instrument, das es noch nicht gab

Wilhelm Richard Wagner (* 22. Mai 1813 in Leipzig; † 13. Februar 1883 in Venedig) war deutscher Komponist, Schriftsteller, Theaterregisseur und Dirigent. Gleichzeitig ist er der wohl umstrittenste Komponist des 19. Jahrhunderts, unter anderem wegen seines unbestrittenen Antisemitismus. Seine Kompositionen werden der Romantik zugeordnet und gehören zu den einflussreichsten ihrer Zeit, nicht zuletzt, weil er die Oper maßgeblich zum „Musiktheater“ weiterentwickelte. In zahlreichen (Hollywood-)Filmen finden sich musikalische Zitate seiner Opern, seine Kompositionstechnik beeinflusste den typischen Klang der (Disney-)Filmmusik. Zudem komponierte er Musik für Instrumente, die es noch gar nicht gab. Dazu gehören die Wagner-Tuba, die Altoboe oder eben die Gralsglocke, das wohl spektakulärste Instrument dieser Reihe.

Wagner wünschte sich für sein Stück „Parsifal“ ein Instrument, dass bis zu 20 Töne tiefer klingen sollte als die Glocken des Wiener Stephansdoms, um damit einen verrückten Szenenwechsel, bei dem sich, bei offener Bühne, eine Wald- und Felsenlandschaft in einen Kuppelsaal verwandelt, zu inszenieren. Für dieses Vorhaben hätte er eine Bronzeguss-Glocke mit einem Gewicht von über 260 Tonnen und einem Durchmesser von über acht Metern benötigt. Unmöglich, so ein schweres Instrument zu entwerfen und einzubauen – geschweige denn zu spielen. Also beauftragte er die Bayreuther Klaviermanufaktur, ihm ein handlicheres Instrument anzufertigen, das solch tiefen Töne spielen konnte. In einem Brief stellte seine Frau Cosima Wagner den Kontakt zu Eduard Steingraeber her: 

“Lieber Herr Steingraeber, mein Mann lässt Sie durch mich freundlich ersuchen, Ihn morgen, Montag, um 5 Uhr zu besuchen. Er möchte sich mit Ihnen behufs Konstruktion eines Instrumentes besprechen. Hochachtungsvoll Cosima Wagner”

von Cosima Wagner, Frau von Richard Wagner

Im Jahr 1881 bekam Eduard Steingraeber den Auftrag für die erste Gralsglocke, 1882 stellte er sie fertig, noch im selben Jahr zur Uraufführung von „Parsifal“ erklang sie zum ersten Mal. „Das Instrument sieht jedoch nicht aus wie eine Glocke, sondern eher wie ein sehr hohes, schmales Piano“, erklärt Udo Schmidt-Steingraeber, der Ururgroßneffe von Eduard. Er führt das Familienunternehmen in Bayreuth mittlerweile in der 6. Generation. „Die Gralsglocken sind auch ein Stück Familiengeschichte. Drei Generationen der Klavierbauer Steingraeber haben insgesamt vier unterschiedliche Glockenklaviere geschaffen, von denen die Versionen aus 1882, 1914 und 1927 noch existieren.“ 

Hier sieht man einen Nachbau der Gralsglocke aus 2015, es schlägt der Dirigent Hartmut Haenchen

Foto von Steingraeber & Söhne

Ein Instrument herstellen für nur eine Oper – das wünschte sich Wagner

„Für die Erstellung eines neuen Instruments berechnet man die notwendigen Klangerzeuger - die Saiten, und die gewünschte Klangfülle – die Anzahl der Saiten. Daraufhin wird die Lautsprechergröße berechnet – der Resonanzboden, und schließlich die entstehenden Zugkräfte, also die Profilgröße der Statik“, erläutert Udo Schmidt-Steingraeber die Arbeit seines Vorfahrens. Eduard Steingraeber schaffte es auf diese Weise, ein Instrument zu entwerfen, dass „zwei Oktaven unter den physikalischen Möglichkeiten jeder Glocke liegt“. Die erste Gralsglocke bestand aus stark gepannten, senkrechten 220 cm langen Saiten, die mithilfe einer klavierartigen Mechanik über vier Tasten angeschlagen werden. Das Instrument klingt jedoch eher wie ein übergroßer Konzertflügel mit seinen regelmäßigen Oberton-Skalen. „Für die wild durcheinander wirbelnden Obertöne einer Glocke wurden deshalb zeitgleich Tamtams angeschlagen“, erklärt Schmidt-Steingraeber. So stellt die Gralsglocke den tiefen Schlagklang her, die begleitenden Instrumente sollen das Nachhallen einer Glocke imitieren.

Ihren Namen erhielt die Glocke aus dem Stück „Parsifal“, für das sie entworfen wurde. „Es  geht um die Erlösung eines Königs, um seine Verwundung und die Unsterblichkeit, die er - wie alle Gralsritter - durch den „Gral“ erlangen kann. Er möchte sterben, um von den Schmerzen erlöst zu werden, doch das kann nur durch einen „reinen Toren“ geschehen, der „durch Mitleid wissend“ die richtige Frage stellt“, fasst Schmidt-Steingraeber das Stück zusammen. Die Uraufführung des Stückes fand in Bayreuth statt, 30 Jahre lang wurde es exklusiv nur dort gespielt. Zu den Bayreuther Festspielen erklingt das Stück und die Gralsglocke jedes Jahr erneut an seinem Ursprungsort. 

Über die Jahre wurde das Instrument immer wieder verbessert

Udo Schmidt-Steingraeber erzählt, dass 1914 eine weitere Fassung der Gralsglocke gebaut wurde. Man verzichtete auf die Tasten und die Mechanik, die neue Version erinnere eher an ein Hackbrett. „Durch die „einfachen“ Schlaghämmer konnte man durch reine Muskelkraft mehr Lautstärke erzeugen.“ Ebenfalls reichte die Statik bei der ersten Version nicht aus und so verstärkte man die zweite Version mit einer Gussplatte. 1927 baute Burkhard Steingraeber, der Sohn Eduards, die Gralsglocke für Siegfried Wagner und Karl Muck als Doppel-Instrument – die dritte Version war geboren. Diese enthielt zusätzlich mitschwingende Saiten, um die zusätzlichen Instrumente zu ersetzen – jedoch gelang dieses Vorhaben nicht ganz. 

2015 restaurierte Thomas Zeilmann, Chefrestaurator bei Steingraeber & Söhne, die zweite Gralsglocke aus dem Besitz des Nationaltheaters Weimar. Die Version von 1927 wurde ebenfalls restauriert und befindet sich in Privatbesitz. 

Neukomposition für die Gralsglocke

Seit Wagners Zeiten wurde keine weitere Komposition mehr für die Gralsglocke entworfen – bis 2016. Der Komponist Wolfram Graf wollte im Rahmen des Bayreuther Festivals "Zeit für Neue Musik" unbedingt ein neues Stück für das besondere Instrument schreiben. "Ich hab mir lange Gedanken gemacht, was man mit nur vier Tönen machen kann. Natürlich hilft es dann, wenn ein zweites Instrument dabei ist. Aber trotzdem muss man sich überlegen: Wie kann ich diese Töne gestalten, dass sie neu klingen. Das war eine größere Aufgabe damit zurecht zukommen", erklärte er damals dem BR. Geschrieben hat er dann ganze fünf Stücke für das Musikfestival. Die Gralsglocke erklang zusammen mit einem Saxophon und dem Klavier.

 

Noch bis zum 28. August 2023 laufen die Bayreuther Festspiele, die jedes Jahr aufs Neue stattfinden und Richard Wagner und seine Kunst zelebrieren. Die Töne der Gralsglocke kommen heutzutage jedoch meist vom Band. 

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Foto von National Geographic

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