Bartolomeu Diaz

Noch weiß man in Europa nicht, ob die Ozeane zusammenhängen. Da wagt sich ein Portugiese an Afrikas Westküste weit nach Süden – und umsegelt als Erster das Kap der Guten Hoffnung. Er öffnet seinem Land das Tor in den Osten.

Von National Geographic
Bilder Von Abraham Badenhorst/Shutterstock

Noch weiß man in Europa nicht, ob die Ozeane zusammenhängen. Da wagt sich ein Portugiese an Afrikas Westküste weit nach Süden – und umsegelt als Erster das Kap der Guten Hoffnung. Bartolomeu Diaz öffnet seinem Land das Tor in den Osten.

Wenn du beten lernen willst, dann fahre zur See», sagt ein altes portugiesisches Sprichwort. Im 15. Jahrhundert, zu Beginn der großen portugiesischen Fahrten, gibt es noch keine astronomischen Tabellen, keine genauen Karten oder Instrumente. Man sticht in See, und meist gehen irgendwann die Vorräte aus. Skorbut und andere Krankheiten an Bord sind die Folge. Oft kehrt mehr als die Hälfte der Besatzung nicht in ihren Heimathafen zurück. Und dennoch – irgendetwas treibt dieses kleine Land immer wieder und immer weiter aufs unbekannte Meer hinaus. Vielleicht liegt es an seiner geographischen Lage. Es hat keinen Zugang zum Mittelmeer, ist dem Atlantik zugewandt. Von dort ziehen seine Flotten aus, um die Welt durch Handel zu erobern. Calicut an der westindischen Küste, Goa, Ceylon, Malakka. Später Sumatra, Java und die Gewürzinseln. Dann Macau und Japan. Portugiesische Kolonien werden sich im 16. Jahrhundert bis in den fernsten Osten erstrecken. Und Brasilien kommt auch noch dazu. Gold, Gewürze, Seide, Edelsteine transportieren die Karavellen zurück nach Europa.

Erkundungsfahrten in den Süden schaffen die Grundlage für diese Expansion. Heinrich der Seefahrer (1394 bis 1460) ist die treibende Kraft. Etliche Expeditionen erforschen auf seine Anweisung die Westküste Afrikas. Sie erreichen 1434 Kap Bojador, 1436 Rio de Oro, 1444 Senegal, zwei Jahre später Gambia und Guinea, 1460 Sierra Leone. Die Schiffe bringen das erste Gold und die ersten Sklaven mit nach Hause – es sollten in den kommenden Jahren Tausende werden. Zwischen 1444 und 1446 gibt es mehr als 30 portugiesische Seereisen nach Guinea. Die Portugiesen sind die ersten Weißen in diesem Teil von Afrika. Sie gründen die Handelsniederlassung São Jorge da Mina. Und in den Jahren danach wagen sie sich immer weiter nach Süden.

Im Jahr 1481 startet Diogo de Azambuja mit einer Handelsflotte zur Goldküste von Guinea. Eines seiner Schiffe steht unter dem Kommando von Bartolomeu Diaz. Ein Jahr später segelt Diogo Cão die Westküste Afrikas hinab und entdeckt die Kongo-Mündung. 1485 unternimmt er eine zweite Reise dorthin. Er knüpft Handelskontakte zum lokalen Häuptling und fährt dann weiter. Er gelangt bis Kap Cross, an der Küste des heutigen Namibias. Weiter ist vor ihm noch kein Europäer auf diesem Weg nach Süden gelangt. Danach verliert sich sein Leben allerdings im Dunkeln. Vielleicht fällt er nach seiner Rückkehr bei Hofe in Ungnade, weil er nicht ganz bis ans Südende Afrikas gelangt ist. Denn noch immer wissen Geographen und Seefahrer nicht, bis wohin der Schwarze Kontinent reicht. Ob er mit einer anderen Landmasse zusammenhängt. Ob er eine unüberwindliche Festlandschranke bildet. Oder ob er mit dem Indischen Ozean verbunden ist. Und wenn ja, ob man dann von seiner Südspitze vielleicht nach Indien gelangen könnte...?

Mittlerweile ist in Portugal König Johann II. an der Macht. Er ist von einer ähnlichen Entdeckerlust getrieben wie Heinrich der Seefahrer. Als Krönung aller Entdeckerträume schwebt ihm der Seeweg nach Indien vor. Bartolomeu Diaz scheint ihm der richtige Mann für dieses Vorhaben zu sein.

Über dessen früheres Leben ist so gut wie nichts bekannt. 1478 wird Bartolomeu Diaz das erste Mal in einer portugiesischen Urkunde offiziell erwähnt: im Zusammenhang mit einer Handelsexpedition an die Westküste Afrikas. Manche Quellen vermuten, dass er mit Diniz Diaz verwandt sei, der die Kapverdischen Inseln entdeckt hat und mit João Diaz, der bis zum Kap Bojador vorgedrungen ist. Seit seiner ersten registrierten Reise muss Bartolomeu Diaz sich allerdings einen so guten Ruf als Seefahrer erworben haben, dass er von Johann II. nun den Auftrag erhält, die afrikanische Küste bis zu ihrem Ende hinunterzufahren.

Die zwei kleinen Karavellen „São Cristavao“ und „São Pantalea“ werden extra für den stürmischen Südatlantik gebaut. Auch ein Versorgungsschiff unter dem Kommando von Diaz’ Bruder Pedro begleitet das Unternehmen – keine Selbstverständlichkeit in dieser Zeit.

Von der Expedition existiert kein Schiffstagebuch. Die Aufzeichnungen einiger Mitglieder sind zum Teil widersprüchlich. Dennoch lässt sich der Reiseverlauf durch einen Brauch portugiesischer Entdecker einigermaßen gut rekonstruieren: Sie gaben einem neu entdeckten Ort oft den Namen des Schutzheiligen jenes Tages, an dem sie dort ankamen.

Bartolomeu Diaz bricht in der ersten Augusthälfte des Jahres 1487 vom Tejo aus auf. Nach vier Monaten erreicht er Kap Cross, den südlichsten Punkt seines Vorgängers Cão. Am 4. Dezember erreicht Diaz an der Küste Südwestafrikas eine Bucht, die er nach der Heiligen des Tages „Santa Barbara“ tauft. Er passiert eine Bucht, die er „Santa Maria da Conceiçao“ nennt. In „Angra dos Ilhéos“, der späteren Lüderitzbucht, errichtet Bartolomeu Diaz den ersten padrão, einen Steinpfeiler, mit dem die Portugiesen neues Land für ihre Krone in Besitz nehmen. Diaz lässt das Versorgungsschiff mit neun Mann dort ankern, die Karavellen segeln weiter nach Süden.

Am Dreikönigstag im Januar sichten die Portugiesen Berge, die sie „Serra dos Reis“ nennen. Dann treiben nördliche Strömungen und Gegenwinde die beiden Schiffe aufs offene Meer hinaus. Sie geraten in einen furchtbaren Sturm, der sie weit nach Südwesten verschlägt. Als er sich gelegt hat, halten sie Kurs nach Osten, um wieder zur Küste zu gelangen. Zwei Wochen segeln sie, ohne Land zu Gesicht zu bekommen. Dann beschließt Diaz, Richtung Norden zu fahren. Anfang Februar trifft er auf eine Küste, die in westöstlicher Richtung verläuft. Jetzt weiß Bartolomeu Diaz, dass er Afrika umrundet hat. Er befindet sich südlich des Kaplands.

Die Portugiesen landen in einer Bucht, in der große Rinderherden grasen. Sie nennen sie „Angra dos Vaqueiros“. Auf der Suche nach frischem Wasser, vermutlich in der späteren Mossel Bay, werden sie von Hottentotten mit Steinen beworfen. Das Land scheint dünn besiedelt, keine günstigen Bedingungen für Handelsbeziehungen. Auf False Island errichtet Diaz seinen letzten padrão. Seine Männer sind ausgezehrt, viele leiden an Skorbut. Sie weigern sich weiterzufahren, sind am Rande einer Meuterei. Mit Mühe kann Diaz ihnen zwei, drei weitere Tage abringen. Zu gerne möchte er herausfinden, ob es eine Verbindung von der ostafrikanischen Küste zur indischen Malabarküste gibt. Doch an einem Fluss, der einmal Groot Visrivier heißen wird, kehrt Bartolomeu Diaz endgültig um.

Auf der Heimreise erkunden die Portugiesen den Teil der Küste, den sie auf der Hinfahrt nicht gesehen haben. Sie nehmen astronomische Bestimmungen vor und segeln am Kap Agulhas vorbei, Afrikas südlichster Spitze, die Diaz „Kap der Stürme“ tauft. Der Landvorsprung wird erst später „Kap der Guten Hoffnung“ genannt. In der Bucht „Angra dos Ilhéos“ sammeln sie die Restbesatzung des Versorgungsschiffs auf – ganze drei Mann, die noch am Leben sind. Im Dezember 1488 kommen sie in Lissabon an. Der Kommandeur hat Portugal das Tor zum Indischen Ozean aufgestoßen.

Im Jahr von Diaz’ Rückkehr trägt Christoph Kolumbus dem portugiesischen König seine Pläne vor, nach Indien vom Westen aus zu gelangen. Doch Johann II. ist nicht interessiert. Er geht davon aus, dass portugiesische Schiffe Indien schon bald auf einer anderen Route erreichen werden. Diaz überwacht 1497 den Bau der Karavellen für Vasco da Gamas Expedition, die seine Entdeckung vollenden soll. Er führt das Kommando des Unternehmens bis zu den Kapverdischen Inseln.

Drei Jahre später nimmt Bartolomeu Diaz an der großen Indienfahrt des Pedro Álvares Cabral teil. Als die Flotte das Kap der Guten Hoffnung umrundet, tobt wieder ein fürchterlicher Sturm. Doch diesmal hat Diaz keinen Schutzengel mehr. Vier Schiffe gehen unter – eines davon ist seins. Sein Seemannsgrab liegt an der Stelle, die ihn zum berühmten Entdecker machte – zum ersten Umsegler Afrikas.

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