Geschichte und Kultur

Die nächtlichen Partys in den Bädern von Budapest

„Sparties“ sind der heißeste Neuzugang in der Budapester Partyszene, aber Ungarns Badekultur hat ihre Wurzeln in der Antike.

Von Jennifer Walker

Pulsierende Bässe wummern über die beheizten Pools des neobarocken Széchenyi-Bads. Das blubbernde Thermalwasser vertreibt die Kühle der Abendluft, Discobeleuchtung blinkt in Pink und Violett, und der DJ legt für die lauten Massen auf. Während man umgeben von Englisch sprechenden Rucksacktouristen einen Mojito im Whirlpool trinkt, kann man sich nur schwer vorstellen, dass solche Bäder einst Orte der Heilung waren. Bilder von Széchenyi zeigen ältere ungarische Männer beim Schachspielen im dampfenden Wasser, aber an Samstagabenden strömen Briten und Australier in ihren 20ern zu den überschwänglichen Partys in die antiken Hallen.

„Sparties“ sind zwar ein recht neuer Trend im Budapester Nachtleben, aber die Bäder empfangen seit Jahrhunderten zahllose in- und ausländische Besucher. Die Stadt bietet eine Vielzahl an Bädern, von den thermalen Quellbädern der römischen Stadt Aquincum (das heutige Viertel Óbuda) bis zu den kuppelbedeckten Hammams, die von den Ottomanen während ihrer 150 Jahre währenden Besatzung von Buda errichtet wurden. Der Ruf der Stadt als Spa-Himmel gipfelte im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert mit der Errichtung des Széchenyi-Bads (einem der größten öffentlichen Badekomplexe Europas) und des Géllert-Bads mit seinen Buntglasfenstern und Zsolnay-Fliesen. Aber auch heute beansprucht Budapest noch den Titel „Stadt der Bäder“ für sich.

Allein in Budapest gibt es über 100 geothermische Quellen. Diese hohe Konzentration von Thermalwasser erklärt sich durch die relativ dünne Erdkruste in der Pannonischen Tiefebene und die geologische Verwerfungslinie, die von der Donau markiert wird. Sie verläuft von Norden nach Süden und teilt die Hauptstadt in das hügelige Buda und das flache Pest.

Als die Ritter des britischen Order of St. John im 12. Jahrhundert ein Krankenhaus in der Nähe des Lukács-Bads errichteten, erhielt das Thermalwasser der Stadt seinen Ruf als medizinisches Heilmittel. Im mit Bäumen bepflanzten Innenhof des Lukács-Bads kann man heute noch in den Marmor gravierte Danksagungen von Patienten finden, die einst angeblich durch das Schwefelwasser geheilt wurden.

Es sind aber nicht alle Quellen gleich. Jede hat ihre ganz eigene Mineralzusammensetzung, die ganz bestimmte Krankheiten heilen soll, wenn man in ihr badet oder von ihr trinkt. Das sogenannte Heilwasser kann in den Trinkhallen vor den Bädern Széchenyi, Rudas, oder Lukács in Gläsern oder Kanistern erworben werden. Die Juventus-Quelle beim Rudas-Bad hat angeblich eine verjüngende Wirkung, während das Wasser aus der Quelle unter Széchenyi bei Gicht helfen soll. Einige glauben auch, dass das Baden bei einer Reihe von Krankheiten wie Rheuma, Arthritis, Wirbelsäulenfehlstellung und Bandscheibenvorfällen Linderung verschaffen kann. Einige ungarische Ärzte verschreiben daher sogar Bäder zur Behandlung.

Die wunderschönen Bäder Budapests dienten auch geschichtlich gesehen dem Vergnügen. Das Géllert-Bad erweiterte seinen Komplex 1920 um Europas erstes Wellenbad, inklusive einer der ersten Wellenmaschinen der Welt. Heutzutage haben die meisten Bäder eine Reihe von Freizeitpools mit Massagesprudeln und Strömungskorridoren.

Nach Jahrhunderten der Evolution findet man auch heute noch die Echos vergangener Zeiten in den Bädern, angefangen von den achteckigen Pools der Bäder Király und Rudas bis zu dem herrlichen Fin-de-Siècle-Flair des Géllert-Bads. Auch wenn sie noch immer ein Ort der Heilung und Entspannung sind, haben sich die Thermalbäder nun auch zu Orten ausgelassener Feierlichkeiten gewandelt. Ihr zweites Gesicht zeigt sich, wenn sich am Ende des Tages die Türen schließen.

Jennifer Walker ist eine anglo-ungarische Autorin, die in Budapest lebt und Artikel über Mittel- und Osteuropa schreibt. Man kann ihr auf Twitter und Instagram folgen.

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