Geschichte und Kultur

Henry M. Stanley

Er ist zielstrebig, hart gegen andere und sich selber. Der in Wales geborene Afrikaforscher klärt endgültig das Geheimnis der Nilquellen. Er fährt den letzten noch unbekannten Strom des Kontinents hinunter – den Kongo.

Von National Geographic

Henry M. Stanley ist zielstrebig, hart gegen andere und sich selber. Der in Wales geborene Afrikaforscher klärt endgültig das Geheimnis der Nilquellen. Er fährt den letzten noch unbekannten Strom des Kontinents hinunter – den Kongo.

Wie ich David Livingstone fand“ – so heißt das Buch, in dem Henry Morton Stanley sein denkwürdiges Zusammentreffen mit dem schon tot geglaubten großen Afrikaforscher am Tanganjikasee beschreibt. Es macht ihn mit einem Schlag in der ganzen Welt berühmt. Doch der Weg dahin war weit.

Henry M. Stanley heißt eigentlich John Rowlands. Er wird als uneheliches Kind geboren. Früh Vollwaise, wächst er in einem Armenhaus auf. Mit 17 Jahren macht er sich als Schiffsjunge nach Amerika davon. In New Orleans hat er das erste Mal Glück in seinem Leben. Bei dem Baumwollhändler Stanley findet er Arbeit und ein Zuhause. Der Amerikaner adoptiert den Jungen. Dieser nimmt seinen Namen und die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Im Sezessionskrieg (1861 bis 1865) kämpft er auf beiden Seiten. Danach wird er Journalist.

Im Jahr 1867 fährt Henry M. Stanley das erste Mal nach Afrika. Für den „New York Herald“ berichtet er vom englischen Feldzug gegen den abessinischen Kaiser. Zwei Jahre später erhält er von der Zeitung den Auftrag, der sein Leben verändern wird. David Livingstone gilt seit 1866 als verschollen. Stanley soll nach Ostafrika reisen und den Entdecker finden. Was für eine Story!

Zunächst berichtet der Journalist über die Eröffnung des Suezkanals. Dann fährt Henry M. Stanley für seine Zeitung auf die Halbinsel Krim, zum Kaspischen Meer, nach Persien, in den Irak und nach Indien. Im Januar 1871 erreicht er Sansibar, den Ausgangspunkt seiner Expedition nach Afrika. Die Insel ist ein großer Umschlagplatz für Waren – auch für Sklaven. Arabische Menschenhändler berichten, dass sich Livingstone womöglich in Ujiji am Tanganjikasee aufhalte. Stanley stellt seine Expedition zusammen, organisiert Träger und Vorräte. Im März bricht er von Bagamoyo aus auf. Acht Monate später kommt er in Ujiji an. «Dr. Livingstone, wie ich vermute?» – Die Worte seiner Begrüßung sind legendär.

Ging es dem Journalisten bei Anbruch der Reise vor allem um den Erfolg seiner Geschichte, so ist Henry M. Stanley nun beeindruckt von der Persönlichkeit des Älteren. Die beiden Männer verstehen sich, erkunden gemeinsam das Nordufer des Tanganjikasees. Stanley gelingt es nicht, Livingstone zur Rückkehr nach England zu überreden. So macht er sich allein zur Küste auf, die er im Mai 1872 erreicht. Die Nachricht, dass Livingstone gefunden und am Leben ist, erreicht London und New York drei Monate später. In der englischen Hauptstadt wird Stanley gefeiert. Die Royal Geographical Society verleiht ihm ihre Goldmedaille. Aber eigentlich mögen die Engländer ihn nicht. Er vermarkte sich zu sehr, finden sie.

In den Jahren 1873/74 berichtet Henry M. Stanley über die englische Strafexpedition gegen die Ashanti, ein Volk in Südghana. Aber schon ein Jahr vorher – als er von Livingstones Tod erfährt – hat er beschlossen, dessen Arbeit zu Ende zu führen. Noch immer ist das Rätsel der Nilquelle nicht endgültig gelöst. Und was hat es mit dem Lualaba auf sich? Und ist der Victoriasee wirklich ein einziges riesiges Gewässer, wie John H. Speke behauptet hat? Oder handelt es sich um fünf einzelne Seen? Stanley besorgt sich mehr als 100 Bücher, um sich auf seine Expedition vorzubereiten. Finanzielle Unterstützung kommt vom „New York Herald“ und dem englischen „Daily Telegraph“.

Im November 1874 verlässt die größte und bestausgerüstete Expediton, die es bisher gab, die Ostküste Afrikas. 365 Männer – Träger, Führer, Bewaffnete – ziehen in die Wälder, ins immer noch kaum erforschte Innere des Kontinents. Die Karawane transportiert ein zerlegbares Boot, die „Lady Alice“. Es ist ein Höllenmarsch. Dreieinhalb Monate später erreicht Stanley den Victoriasee. 100 Mann hat er verloren. Typhus und andere Krankheiten, Kämpfe mit Eingeborenen, Flucht der Träger – Afrika fordert seinen Tribut. Aber Stanley kennt kein Mitgefühl, keine Rücksicht gegen sich und andere. Für ihn gibt es nur vorwärts. So ist es auf dieser Expedition wie auf allen anderen, die folgen.

Am 5. März 1875 schifft Henry M. Stanley sich mit elf Afrikanern auf dem riesigen Victoriasee ein. Stanley umfährt ihn in 58 Tagen. Speke hatte Recht: Es ist ein zusammenhängendes Gewässer mit einem Zufluss im Westen und einem großen Abfluss bei den Ripon-Fällen.

Er macht einen Abstecher ins Königreich Buganda, dessen Häuptling Mutesa nicht mehr so grausam scheint wie zu Spekes Zeiten. Das Oberhaupt eines Drei-Millionen-Volks ist an guten Beziehungen zur Außenwelt interessiert. Er hat gemerkt, dass fremde Mächte in Afrika Fuss fassen und dass er – wenn er es geschickt anstellt – an ihnen verdienen kann. Stanley hat sogar die Hoffnung, ihn zum Christentum zu bekehren.

Auf dem See aber kommt es zu einer gewaltsamen Auseinandersetzung zwischen Stanley und den Bewohnern der Insel Bumbireh. Der Europäer und seine Hilfstruppen richten ein Blutbad an. «Der Wilde achtet nur Gewalt, Macht, Kühnheit und Entschlossenheit», notiert er. Weiter kann er sich nicht von seinem Vorbild David Livingstone entfernen.

Henry M. Stanley zieht nach Westen, entdeckt den Eduardsee. Im Juni 1876 gelangt er zum Tanganjikasee, den er in 51 Tagen ebenfalls umfährt. Er beweist endgültig, dass kein Fluss aus ihm strömt, der die Nilquelle sein könnte. Es geht weiter nach Westen, bis nach Njangwe (Maniema) am oberen Lualaba. Hier knüpft Stanley an Livingstone an, der den Strom für den Oberlauf des Nil gehalten hat. Er beschafft 18 Boote von den arabischen Sklavenhändlern und startet ein unglaubliches Unternehmen: Monatelang wird er nicht wissen, wohin der Fluss ihn trägt. Biegt er ab nach Süden oder plötzlich nach Norden? Gibt es an seinem Endpunkt einen Weg zurück? Viele Männer sterben vor Erschöpfung oder Hunger, ertrinken in Stromschnellen und Wasserfällen, werden bei Angriffen der Eingeborenen getötet. Einmal vertreibt Stanley 50 Kanus mit seinem Schnellfeuergewehr. Irgendwann wird dem Entdecker klar, dass der Fluss auf jeden Fall nicht zum Nil führt. Am 9. August 1877 erreicht Henry M. Stanley schließlich bei Boma die Mündung. Er ist auf dem Kongo gefahren. Von den ursprünglich 365 Männern sind nur noch 114 bei ihm. Der Rest ist geflohen oder tot. Stanley ist für seinen Erfolg über Leichen gegangen. Aber er hat sich eingereiht in die Gruppe der großen Afrika-Entdecker.

England ist nicht daran interessiert, ein Kolonialreich am Kongo zu errichten. Dafür aber Belgien. Der riesige Strom – endlich ein Weg ins undurchdringliche Afrika. Elfenbein und Rohstoffe warten nur darauf, auf dem Fluss an die Küste transportiert zu werden. König Leopold II. erteilt Stanley den Auftrag, das Kongobecken genauer zu erforschen. Stanley bleibt fünf Jahre. Er entdeckt den König-Leopold-II.-See (Mai-Ndombe-See), gründet Handelsniederlassungen, erwirbt Land durch geschicktes Verhandeln mit den Häuptlingen, verdient selber viel daran. Er leistet die Vorarbeit für den „Unabhängigen Kongostaat“ unter Belgien, der auf der internationalen Kongo-Konferenz in Berlin (1884 bis 1885) anerkannt wird. So gelangt das kleine Königreich zu einem Kolonialstaat, der 80-mal größer ist als es selber.

Im Jahr 1887 startet Stanley seine letzte Afrikaexpedition, diesmal wieder für England. Der deutsche Emin Pascha, Gouverneur in der ägyptischen Äquatorialprovinz, ist durch muslimische Aufstände seit sechs Jahren von der Außenwelt abgeschnitten. Stanley wird beauftragt, ihm zur Hilfe zu kommen. Er rüstet die Expedition in Sansibar aus. Doch auf den Weg macht er sich von der Kongo-Mündung an der Atlantikküste aus – ein Riesenumweg, vermutlich aus politischen Gründen.

Mit 620 Mann, bis an die Zähne bewaffnet, fährt Henry M. Stanley den Strom aufwärts bis zur Mündung des Aruwimi. Es sind so viele Träger geflohen – und er bekommt keine neuen –, dass er 257 Mann unter dem Kommando von Major Bartelott zurücklassen muss. Die Expedition wird ein einziger Kampf. Gegen das Klima und die Natur. Gegen die Pygmäen, die vergiftete Pfeile am Boden verstecken. Gegen den Hunger. Es ist dunkel, kaum ein Sonnenstrahl dringt durch den Urwald. Mehr als 100 Mann sterben. Am 29. April 1888 trifft er am Albertsee mit Emin Pascha zusammen. Stanley braucht nun selber Hilfe.

Wieder bei Kräften, marschiert Henry M. Stanley zurück zur Aruwimi-Mündung, um seine Nachhut zu holen. Bartelott ist getötet, die Gruppe zerstreut. Auf dem Rückweg zum Albertsee kommt es zu neuen Verlusten. Am 18. Januar 1889 ist Stanley wieder bei Emin. Er kann ihn nur mühsam überzeugen, mit ihm zur ostafrikanischen Küste zu kommen. In Uganda entdeckt er das Ruwenzori-Gebirge. Schon Ptolemäus hat die geheimnisvollen, bis 5130 Meter hohen „Mond-Berge“ beschrieben. „Im dunkelsten Afrika“ nennt Stanley das Buch, das er über diese Reise schreibt.

Der Amerikaner lässt sich in London nieder, nimmt wieder seine ursprüngliche, britische Staatsbürgerschaft an. Von 1895 bis 1901 ist er Abgeordneter im Unterhaus, 1899 wird er geadelt. Henry M. Stanley widmet sich kolonialen Fragen. Was war er nun? Journalist, Entdecker, Kolonialist? Zu jener Zeit ließ sich das oft nicht mehr trennen. Denn alle wollten Afrika.