Geschichte und Kultur

Homo naledi – Einer von uns?

Ein verblüffender Fund in Südafrika stellt Anthropologen vor ein Rätsel. Muss der Stammbaum des Menschen um einen Ast ergänzt werden?

Von Jamie Shreeve
Homo naledi – Einer von uns?

Zusammenfassung: Ein Gehirn, so groß wie eine Orange und knapp 150 Zentimeter groß - Ein Skelettfund in Südafrika stellt Anthropologen und Evolutionsforscher vor ein Rätsel. In mühevoller Kleinarbeit bargen sechs junge Wissenschaftlerinnen die Fossilien aus einer schwer zugänglichen Höhle. Am Ende hatten sie rund 1550 Fundstücke von mindestens 15 verschiedenen Individuen. Schädel. Kieferknochen. Rippen. Zähne. Einen nahezu vollständigen Fuß. Eine Hand. Winzige Knochen aus dem Innenohr. Ältere Erwachsene. Jugendliche. Säuglinge, zu erkennen an den kleinen Wirbeln. Manche Skelettteile sahen erstaunlich modern aus. Andere dagegen waren sehr urtümlich – wie von Menschenaffen . Könnte dies ein Verwandter des Menschen sein?

Wenn sie nur ein wenig dicker gewesen wären oder breitere Hüften gehabt hätten, dann hätten Steven Tucker und Rick Hunter an jenem Tag nicht gefunden, was sie fanden. Es würde noch im Dunkeln liegen, und niemand würde sich die Frage stellen, ob dank dieser beiden Hobbyforscher die Evolution des Menschen in einem neuen Licht betrachtet werden muss.

Es war der 13. September 2013, als die jun­gen Männer in ein Höhlensystem rund 50 Kilometer nordwestlich von Johannesburg einstiegen. Die „Rising Star“-Höhlen in Südafrika ziehen Forscher seit mehr als 50 Jahren an, ihr Netz aus Gängen und Kavernen ist gut kartiert. Tucker und Hunter hofften, neue Pas­sagen zu entdecken. Mit etwas Glück würden sie sogar Fossilien von Urmenschen entdecken. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte die Region als „Wiege der Menschheit“ gegolten, so viele alte Knochen waren dort ge­funden worden. Die Blütezeit der Fossiliensuche war zwar lange vorüber, aber man kann ja nie wissen …

Tief in der Höhle zwängten sich Tucker und Hunter durch eine enge Stelle, die als „Super­man’s Crawl“ bekannt ist. Die meisten Menschen können sie nur passieren, wenn sie einen Arm eng an den Kör­per legen und den anderen über den Kopf stre­cken – wie Superman im Flug.

Die beiden durchquerten eine große Kam­mer und kletterten auf einen zerklüfteten Felshöcker, den Dragon’s Back. Als sie oben waren, standen sie in einem mit Stalaktiten behängten Hohlraum. Hunter holte seine Videokamera heraus, und Tucker, der aus dem Bild gehen wollte, schlüpfte in eine Spalte im Höhlenboden. Sein Fuß fand einen Felsvorsprung, darunter noch einen – und dann trat er ins Leere.

Ohne nachzudenken, ließ er sich hinabrutschen – hinab in einen senkrechten Schacht, der an manchen Stellen kaum 20 Zentimeter breit war. Er rief Hunter, er solle ihm folgen. Beide Männer waren schlank und drahtig. Sonst hätten sie den Schacht nicht passieren können – und eine der erstaunlichsten Entdeckungen der vergangenen 50 Jahre wäre nicht gemacht worden.

NG-Video: Die Entdeckung des Homo naledi

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Lee Berger ist der Paläoanthropologe, der die Höhlenforscher der Gegend dazu aufgefordert hatte, Ausschau nach alten Knochen zu halten. Er ist ein großgewachsener Amerikaner mit hoher Stirn und Wangen, die sich schnell röten, wenn er lächelt. Und Berger lächelt häufig. Man kann sagen, dass sein unerschütterlicher Optimismus ihm überhaupt erst seine Karriere ermöglicht hat. Als er zu Beginn der Neunzigerjahre an die Universität Witwatersrand ging, um in Südafrika nach Fossilien zu suchen, blickten alle, die die Evolution des Menschen erforschen wollten, nach Ostafrika. Die meisten Experten hielten Südafrika nur für einen interessanten Nebenschauplatz. Berger wollte sie widerlegen. Es sollte fast 20 Jahre dauern, bis einer seiner Funde für Aufsehen sorgte.

Bergers Ziel war es, Licht in das wichtigste verbliebene Rätsel der Evolution des Menschen zu bringen: in die Entstehung unserer Gattung Homo, vor zwei bis drei Millionen Jahren.

Als jüngster direkter Vorfahr des ersten Homo gilt bislang der Australopithecus. Das bekannteste Exemplar dieser Gattung ist „Lucy“, deren Skelett 1974 in Äthiopien ausgegraben wurde. Sie lebte vor rund 3,2 Millionen Jahren und gehört zur Art Australopithecus afarensis. Nach aktuellem Stand der Wissenschaft hatte sich aus den Australopithecinen ein früher Homo entwickelt, der schließlich zum Homo erectus wurde, eine Spezies, die ähnliche Körperproportionen hatte wie wir, die Werkzeuge herstellte, Feuer machte und vor zwei Millionen Jahren begann, durch die ganze Welt zu wandern.

Binnen einer Million Jahren verwandelte sich also ein aufrecht gehendes Tier in einen urtümlichen Menschen, in ein Wesen, das sich nicht nur an seine Umwelt anpasste, sondern sie mithilfe seines Geistes und seiner Werkzeuge auch beherrschen konnte. Doch wie kam es zu dieser Revolution? Und wo in Afrika fand sie statt?

Der Stammbaum des Menschen ist voller Fragezeichen. Die bisherigen Fossilfunde sind zweideutig und frustrierend. Etwas älter als H. erectus ist Homo habilis – der „geschickte Mensch“. Er lebte vermutlich bereits vor 2,1 bis 2,5 Millionen Jahren im Gebiet der heutigen Olduvai-Schlucht in Ostafrika (siehe Karte oben). Der Paläoanthropologe Louis Leakey gab ihm 1964 den Namen. In den Siebzigerjahren fand Louis Leakeys Sohn Richard in Kenia weitere Exemplare des H. habilis. Seitdem steht diese Spezies am Anfang des menschlichen Stammbaums.

Vor H. habilis liegt die Geschichte der Menschen im Dunkeln. Es gibt nur wenige Funde. Sie würden, wie ein Wissenschaftler einmal sagte, alle in einen Schuhkarton passen, und dann wäre immer noch Platz für die Schuhe.

Berger vertritt seit Langem die Ansicht, H. habilis sei zu primitiv gewesen, er habe seine herausgehobene Stellung an der Wurzel unserer Gattung nicht verdient. Auch andere Kollegen sagen, dass er wohl eher ein Australopitecus als ein Homo gewesen sei. Aber wo ist dann unser wirklicher Stammvater zu finden? Berger ist beinahe der Einzige, der Südafrika für die richtige Region hält, um nach dem ersten echten Homo zu suchen.

Berger ist ein ehrgeiziger und standfester Mann, der keine Probleme damit hat, Forschungsgelder einzuwerben und ein Publikum mit seinen Ausführungen zu begeistern. Nur eines fehlte ihm lange Zeit: die richtigen Knochen, um seine Behauptungen zu belegen.

Doch dann, 2008, machte er eine wahrhaft sensationelle Entdeckung. Weniger als 20 Kilometer von der „Rising Star“-Höhle entfernt, fand er zusammen mit seinem 14-jährigen Sohn Matthew in einer Höhle bei Malapa mehrere Fossilien von Homininen. So bezeichnen Wissenschaftler alle Arten, die mit dem Menschen im weiteren Sinne verwandt sind.

Bergers Arbeitsgruppe klopfte in mühsamer Kleinarbeit zwei nahezu vollständige Skelette aus dem Gestein. Sie wurden auf ein Alter von rund zwei Millionen Jahren datiert. Die Knochen sind zum Teil sehr urtümlich, zeigen aber auch eigenartig moderne Merkmale.

Berger stufte die Skelette als neue Australopithecinenart ein und taufte sie auf den Namen Australopithecus sediba. So weit, so gut. Erst als er behauptete, aus dieser Art sei vermutlich die Gattung Homo hervorgegangen, erntete er Widerspruch. Kollegen bescheinigten ihm zwar einen „Fund, bei dem einem der Mund offen stehen bleibt“, seine Interpretation aber lehnten sie mehrheitlich ab. A. sediba sei zu jung und zu seltsam. Außerdem habe man ihn nicht am richtigen Ort gefunden, nicht im Osten Afrikas, in Äthopien oder Kenia. Demnach könne er kein Ahn des Homo gewesen sein. A. sediba gehöre nicht zur Familie des Menschen, das war die eine Botschaft. Und die zweite, versteckte, war: Berger gehört nicht zur Familie der ernst zu nehmenden Anthropologen.

Doch Berger gab nicht auf: In seinem Labor standen weitere Skelette aus Malapa, noch in Kalksteinblöcken eingeschlossen. Sie warteten darauf, freigelegt zu werden.

Und dann klopfte es eines Abends an seiner Tür. Zwei Männer standen draußen. Einer war der Geologe Pedro Boshoff. Berger hatte ihn beauftragt, in den Höhlen nach Fossilien Ausschau zu halten. In seiner Begleitung war: Steven Tucker. Er reichte Berger ein Foto, das er in der „Rising Star“-Höhle gemacht hatte. Berger war schlagartig klar: Malapa muss warten.

Nachdem sich die Hobbyforscher Tucker und Hunter in der Höhle durch den engen, zwölf Meter tiefen Schacht gezwängt hatten, war Hunter auf eine weitere Kammer gestoßen. Von dort führte ein Durchgang in einen größeren Hohlraum: rund neun Meter lang, aber nur etwa einen Meter breit. An den Wänden und der Decke wucherte ein Durcheinander aus Kalzitknubbeln und Fingern aus Sintergestein.

Dann fiel der Blick der beiden Männer auf den Boden: Knochen, überall lagen Knochen. Zuerst glaubten die Hobbyforscher, sie müssten modernen Ursprungs sein. Denn im Gegensatz zu den meisten Fossilien waren sie nicht schwer wie Steine, und sie waren auch nicht im Gestein eingeschlossen. Sie lagen einfach auf dem Boden, als hätte sie jemand dort hingeworfen. Die beiden bemerkten ein Stück Unterkiefer mit intakten Zähnen. Er schien von einem Menschen zu stammen.

Berger erkannte allerdings schon an den Fotos, dass die Knochen nicht zu einem heutigen Menschen gehören. Dazu waren bestimmte Merkmale an Kiefer und Zähnen zu urtümlich. Doch er sah auf den Bildern noch weitere Knochen. Er erkannte die Umrisse eines teilweise im Boden steckenden Schädels – er gehörte wahrscheinlich zu einem mehr oder weniger vollständigen Skelett. Unglaublich! Die bis dahin entdeckten vollständigen Skelette aus der Frühzeit der Homininen konnte man an einer Hand abzählen. Und jetzt das hier. Aber was war es eigentlich? Wie alt waren die Knochen? Wie waren sie in diese Höhle gekommen?

Und vor allem: Wie holt man sie da raus, ehe andere Kletterer durch die Kammer trampeln? Die Lage der Knochen auf dem Boden ließ erkennen, dass schon jemand dort gewesen sein musste – vielleicht bereits vor Jahrzehnten. Die Amateurforscher Tucker und Hunter hätten die Fossilien nicht wissenschaftlich korrekt bergen können. Berger selbst käme nie durch den engen Schacht, und er kannte auch keinen Kollegen, der schlank genug dafür gewesen wäre. Also verfiel er auf eine ungewöhnliche Idee: Über Facebook suchte er „sehr schlanke Personen, die wissenschaftliche Kenntnisse und Erfahrungen in der Höhlenforschung haben und bereit sind, unter beengten Verhältnissen zu arbeiten“. Nach anderthalb Wochen hatten sich rund 60 Bewerber gemeldet. Er wählte die sechs am besten Qualifizierten aus; allesamt junge Frauen.

Zügig sammelte Berger – finanziell gefördert von der National Geographic Society – etwa 60 Wissenschaftler um sich und richtete über der Erde eine provisorische Forschungsstätte ein, mitsamt Laborzelt sowie einem kleinen Dorf aus Schlaf-und Versorgungszelten. Einheimische Höhlenforscher halfen, drei Kilometer Strom-und Kommunikationskabel in die Kammer mit den Fossilien zu legen. Nun konnten Berger und sein Team am Monitor verfolgen, was sich dort unten abspielte. Als Erste zwängte sich Marina Elliott, eine junge Anthropologin aus Kanada, durch den engen Schacht. „Mir war dabei nicht ganz wohl“, erzählt sie. „Als ich runterschaute, war es, als würde ich einem Hai ins Maul sehen. Überall Zungen und Zähne aus Stein.“

Zentimeter für Zentimeter schoben sich Elliott und ihre Kolleginnen Becca Peixotto und Hannah Morris nach unten. Dann krochen sie in die Knochenkammer. Abwechselnd mit einer zweiten Crew aus drei Frauen dokumentierten sie zunächst die Lage von mehr als 400 Fossilien, die freilagen, dann brachten sie diese in Beuteln an die Oberfläche.

Später entfernten sie den Boden rund um den Schädel, der halb im Untergrund steckte. Darunter lagen dicht an dicht weitere Knochen. Während die Frauen dort unten in den folgenden Tagen gruben und siebten, fieberten oben auf der Erde die anderen Wissenschaftler vor den Monitoren mit. Berger ging immer wieder ins Laborzelt, um über den bereits geborgenen Knochen zu brüten – bis ihn wieder ein Jubelschrei seiner Mitarbeiter zu den Bildschirmen zurückeilen ließ: Schon wieder war etwas Unerwartetes entdeckt worden.

Schnell war klar, dass nicht nur ein Skelett in der Höhle lag. Sondern zwei, drei, fünf… Nach drei Wochen hatten die Wissenschaftler rund 1200 Knochen gesammelt, mehr als jede andere Fundstätte in Afrika je preisgegeben hatte. Und dabei hatten sie noch nicht einmal das gesamte Material erfasst. Im März 2014 gruben sie erneut mehrere Tage lang, bis in 15 Zentimeter Tiefe nichts mehr ans Licht kam.

Am Ende hatten sie rund 1550 Fundstücke von mindestens 15 verschiedenen Individuen. Schädel. Kieferknochen. Rippen. Zähne. Einen nahezu vollständigen Fuß. Eine Hand. Winzige Knochen aus dem Innenohr. Ältere Erwachsene. Jugendliche. Säuglinge, zu erkennen an den kleinen Wirbeln. Manche Skelettteile sahen erstaunlich modern aus. Andere waren sehr urtümlich – wie von Menschenaffen. „Alles in allem eine äußerst merkwürdige Kreatur“, sagt Berger heute und grinst bis über beide Ohren.

Neue Funde werden in der Paläoanthropologie in der Regel streng unter Verschluss gehalten Zugang haben nur engste Mitarbeiter des Entdeckers. Ergebnisse werden erst veröffentlicht, wenn man die Knochen sorgfältig untersucht hat, was Jahre oder sogar Jahrzehnte dauern kann. Berger hingegen machte die Funde bereits Ende des Jahres öffentlich.

Vielleicht gefiel ihm der Gedanke, einen neuen Kandidaten für den ältesten Homo noch 2014 bekannt zu geben – genau 50 Jahre nachdem Louis Leakey seine Entdeckung des bisher ältesten Mitglieds unserer Gattung – des Homo habilis – veröffentlicht hatte.

Vor allem aber war es der schnellste Weg, um zu Forschungsergebnissen zu kommen: Möglichst viele fachkundige Augen mussten die Knochen begutachten. Deshalb organisierte Berger ein sechstägiges Arbeitstreffen. Neben 20 renommierten Wissenschaftlern, die ihm schon beim Australopithecus von Malapa geholfen hatten, lud er mehr als 30 junge Forscher und Forscherinnen aus 15 Ländern zu einem sechswöchigen Fossilienfestival nach Johannesburg ein.

Nachwuchsforscher einzusetzen, um schnell eine druckreife wissenschaftliche Publikation hinzubekommen? Das sei verantwortungslos, mahnten einige ältere Kollegen – vor allem jene, die nicht eingeladen waren. Für die jungen Leute war es dagegen, „als wäre eine Paläofantasie in Erfüllung gegangen.“ So formuliert es jedenfalls Lucas Delezene, ein neu ernannter Professor an der Universität von Arkansas. „Davon träumt man doch: von einem Haufen Fossilien, die zu einem Wesen gehören, das noch nie jemand gesehen hat; und man selbst bekommt die Chance herauszufinden, was es ist.“

Die Forscher bildeten Teams. Die Schädelspezialisten drängten sich um einen großen Tisch, der mit Kopf-und Kieferknochen bedeckt war. Kleinere Tische waren jeweils den Händen, den Füßen, den langen Knochen und anderen Teilen gewidmet.

Delezenes Fossilienhaufen bestand aus 190 Zähnen. Zähne sind besonders wichtig, oft reichen schon sie aus, um eine Art zu bestimmen. Doch Zähne wie diese hatte noch keiner der Wissenschaftler je gesehen. Manche ihrer Merkmale sind erstaunlich modern – die Kronen der hinteren Backenzähne sind klein und haben fünf Höcker, wie unsere. Die Wurzeln der vorderen Backenzähne dagegen sehen urtümlich aus. „Wir wissen nicht, wie wir das deuten sollen“, sagt Delezene. „Es ist verrückt.“

An den anderen Tischen war es ähnlich. Eine in Teilen sehr moderne Hand hat lange, gebogene Finger – wie bei einem Wesen, das durch die Bäume klettert. Die Schultern sind affenartig und die Beckenschaufeln so urtümlich wie die von „Lucy“, der Australopithecus-Frau. Der untere Teil des Beckens dagegen sieht aus wie bei einem heutigen Menschen. Die Beinknochen sind oben wie bei einem Australopithecinen geformt, werden aber unten immer menschenähnlicher. Die Füße sind von unseren praktisch nicht zu unterscheiden.

Man könnte fast eine Linie ziehen: „Alles oberhalb der Hüfte erscheint urtümlich, alles darunter modern“, sagt der Paläontologe Steve Churchill von der Duke University.

Und der Kopf erst! Man hatte vier Teilschädel gefunden, zwei davon vermutlich männlich, die beiden anderen weiblich. Sie sehen so modern aus, dass man sie der Gattung Homo zuordnen könnte. Dafür sind sie aber zu klein. Der Homo sapiens hat ein Hirnvolumen von etwas mehr als 1200 Kubikzentimeter, der Homo erectus hatte rund 900 Kubikzentimeter. Bei den Wesen aus der Höhle sind es 560 bei den männlichen und 465 Kubikzentimeter bei den weiblichen Exemplaren. Ein ähnlich kleines Gehirn haben Gorillas und Orang-Utans.

„Seltsam, seltsam“, urteilt der Paläontologe Fred Grine von der Universität Stony Brook in New York. „Ein so winziges Gehirn sitzt auf einem so großen Körper.“ Die erwachsenen Männer waren rund 1,50 Meter groß und wogen 45 Kilo, die Frauen waren ein wenig kleiner und leichter. „Allem Anschein nach stand dieses Wesen auf der Schwelle zwischen Australopithecus und Homo“, sagte Berger am Ende des Arbeitstreffens.

Er selbst ordnet es der Gattung Homo zu, auch wenn es keiner anderen Art dieser Gattung gleicht. Doch was, wenn es zu keiner bekannten Art gehört? Dann muss es eine neue, eigenständige Art sein. Die Wissenschaftler tauften es deshalb auf den Namen Homo naledi, eine Anspielung auf die Höhle „Dinaledi“, in der sie die Knochen gefunden hatten. In der Sprache der Einheimischen heißt naledi so viel wie „Stern“.

Doch wie waren die Überreste von H. naledi in diese unzugängliche Höhlenkammer geraten? Ganz offensichtlich wohnten die Homininen nicht dort: Es gab weder Steinwerkzeuge noch Reste von Mahlzeiten. Denkbar wäre, dass eine Gruppe irgendwann die Höhle erkundet hatte und durch ein Unglück eingeschlossen worden war. Dagegen spricht die Lage der Knochen, die wie hingeworfen erscheinen. Ein Raubtier, das menschliche Beute in die Höhle schleifte, hätte Bissspuren hinterlassen. Die gab es aber nicht. Vielleicht lagen die Knochen ursprünglich an einer anderen Stelle, und fließendes Wasser hat sie im Laufe der Jahrtausende in die Höhle gespült? Dann müsste das Wasser auch Geröll mitgebracht haben. Doch in der Höhle findet sich nur feines Sediment, das sich durch Verwitterung von den Höhlenwänden gelöst hat.

„Wenn du das Unmögliche ausgeschlossen hast“, sagte Sherlock Holmes einmal zu Watson, „muss das, was übrig bleibt, so unwahrscheinlich es auch sein mag, die Wahrheit sein.“

Nachdem Berger und sein Team alle anderen Erklärungen ausgeschlossen hatten, blieb nur das Unwahrscheinliche übrig: Die Körper von H. naledi waren absichtlich dort abgelegt worden, und zwar von Artgenossen. Das wiederum lässt auf einen ritualisierten Umgang mit Toten schließen, den man bisher nur unserer Art Homo sapiens und möglicherweise noch dem Neandertaler zuschrieb.

Berger behauptet nicht, diese urtümlichen Homininen seien durch „Superman’s Crawl“ und den engen Schacht gekrochen und hätten dabei Leichen hinter sich her gezogen. Aber vielleicht war „Superman’s Crawl“ damals noch so breit, dass man hindurchgehen konnte; oder die Homininen ließen ihre Toten einfach in den Schacht fallen. Das hätte allerdings vorausgesetzt, dass Angehörige des H. naledi in pechschwarzer Dunkelheit den Weg bis zum oberen Ende des Schachtes und wieder zurück zum Ausgang fanden. Dazu hätten sie Licht gebraucht – Fackeln oder Feuerstellen. Es fanden sich allerdings weder Asche noch Rußspuren an den Felsen.

Ein Wesen mit einem so kleinen Gehirn hat derart komplizierte Verhaltensweisen an den Tag gelegt? Das sei schwer zu glauben, sagen viele von Bergers Kollegen. Es müsse früher einen anderen Eingang zur Höhle gegeben haben, einen direkten Zugang zu der Fossilienkammer. Davon ist auch Richard Leakey überzeugt. Er war mittlerweile selbst in Johannesburg und hat die Fossilien besichtigt. „Lee hat den früheren Zugang bis jetzt nur noch nicht gefunden“, sagt er.

Das Rätsel, wer – oder was – der H. naledi war und wie seine Knochen in die Höhle kamen, ist untrennbar mit der Frage verbunden, wie alt die Knochen sind. Das weiß vorerst niemand. Die Fossilien, die man in Ostafrika findet, liegen oft über oder unter Schichten aus Vulkanasche. Das Alter der Schichten lässt sich anhand des Zerfalls ihrer radioaktiven Elemente messen. Darum kann man die Funde genau datieren. Aber in Südafrika?

Damals, vor acht Jahren in Malapa, hatte Berger Glück gehabt: Die Knochen von Australopithecus sediba lagen zwischen zwei Lagen aus Sintergestein – dünnen Schichten aus Kalzit, die durch fließendes Wasser abgelagert wurden und deren Alter sich ebenfalls radiometrisch bestimmen ließ. Doch in der Kammer von „Rising Star“ lagen die Knochen entweder einfach auf dem Boden, oder sie waren in vermischten Sedimenten vergraben.

Offen ist also nicht nur, wie sie hierherkamen. Es gab außerdem bisher keine Möglichkeit zu bestimmen, wie alt die Knochen sind. Das ist auch der Grund, warum bisher kein Beitrag über die Funde in einem anerkannten Fachmagazin veröffentlicht werden konnte. Berger ficht das nicht an. Sollte sich am Ende herausstellen, dass der H. naledi tatsächlich so alt ist, wie sein Körperbau es nahelegt, hat Berger möglicherweise die Wurzel des Stammbaums unserer Gattung gefunden. Wäre die neue Spezies aber viel jünger, wäre das ebenso brisant. Es könnte bedeuten, dass neben anderen Homo-Arten noch ein weiterer, urtümlicher Vertreter unserer Gattung mit einem winzigen Gehirn in Afrika lebte, und zwar noch bis vor relativ kurzer Zeit – nach den Maßstäben der Evolution. „Ganz gleich, wie alt die Funde sind, es wird ungeheure Auswirkungen haben“, sagt Berger.

Um seine These vor der skeptischen Fachwelt zu verteidigen, reiste er im August 2014 nach Ostafrika. Dorthin hatte Richard Leakey die Experten für die frühe Evolution des Menschen zu einem Symposium an das Turkana Basin Institute eingeladen. Anlass war der 50. Jahrestag der Erstbeschreibung des H. habilis durch Leakeys Vater Louis.

Einige seiner schärfsten Kritiker erwarteten Lee Berger dort. Manche hatten bereits über seine Deutung der Fossilien des A. sediba vernichtende Gutachten geschrieben. Und manche hatten gedroht, sie würden nicht teilnehmen, wenn Berger auch kommt. Aber angesichts der Funde von „Rising Star“ konnte Leakey kaum darauf verzichten, ihn einzuladen. „Kein anderer auf der Welt findet solche Fossilien wie Lee“, sagte Leakey.

Während der Arbeitssitzungen lagen Knochenabgüsse aller wichtigen Belege für den frühen Homo auf den Tischen. Richard Leakeys Frau Meave präsentierte neue Funde von der Ostseite des Turkanasees. Bill Kimbel vom Institute of Human Origins in Arizona berichtete über den neu entdeckten Kiefer eines Homo aus Äthiopien, den er auf ein Alter von 2,8 Millionen Jahren datiert hatte – der bisher älteste Beleg für ein Mitglied unserer Gattung. Die Archäologin Sonia Harmand von der Universität Stony Brook in New York ließ eine noch größere Bombe platzen: Sie hatte in der Nähe des Turkanasees Dutzende grober Steinwerkzeuge entdeckt – 3,3 Millionen Jahre alt. Das würde bedeuten, dass die Anfertigung von Steinwerkzeugen älter ist als unsere Gattung Homo.

Berger hielt sich lange zurück. Erst als die Kollegen auf einen Vergleich zwischen Australopithecus sediba und Homo habilis zu sprechen kamen, war der richtige Augenblick gekommen. „Vielleicht ist ,Rising Star‘ für diese Diskussion interessanter“, begann er. 20 Minuten lang berichtete er über die Entdeckung in der Höhle, die eiligen Analysen im Juni und seine Folgerungen. Während er sprach, gingen mehrere originalgetreue Abgüsse von Schädeln aus „Rising Star“ von Hand zu Hand.

Dann hagelte es Fragen.

„Haben Sie Schädel und Zähne genau untersucht?“ – „Ja. Wenn wir Schädel und Zähne betrachten, gehört H. naledi in die gleiche Gruppe wie Homo erectus, die Neandertaler und der moderne Homo sapiens. Also wie wir.“

„Steht H. naledi dem H. erectus näher als Homo habilis?“ „Ja.“

„Gibt es Bissspuren von Raubtieren an den Knochen?“ „Nein, das hier sind die gesündesten Toten, die man sich vorstellen kann.“

„Haben Sie bei der Datierung Fortschritte erzielt?“ „Noch nicht. Irgendwann werden wir eine Altersbestimmung haben. Keine Sorge.“

Nachdem alle Fragen gestellt waren, taten die versammelten Koryphäen etwas, womit Berger nicht gerechnet hatte: Sie applaudierten.

Berger selbst gibt sich zurückhaltender als bei früheren Funden. Er behauptet nicht, dass wir nun alle Vorstellungen zu unserer Abstammung über den Haufen werfen müssen. Er behauptet auch nicht, er habe den ältesten Homo gefunden oder der Titel „Wiege der Menschheit“ müsse wegen seiner Funde wieder von Ost-nach Südafrika gehen. Seine Fossilien könnten aber darauf hinweisen, dass die Geschichte unserer Evolution komplizierter ist, als das Bild vom „Stammbaum des Menschen“ nahelegt. Vielleicht entstanden die ersten Arten unserer Gattung in Südafrika und wanderten dann nach Ostafrika. Vielleicht war es aber auch andersherum.

Der Baum, der aus einer einzelnen Wurzel entspringt und sich verzweigt, ist sowieso nicht das richtige Symbol für die Evolution des Menschen, glaubt Berger. Er zeichnet lieber das Bild eines wilden Flusses, der sich in viele Arme teilt, die sich zum Teil auch wieder vereinigen. Auch die verschiedenen Homininen, die einst in Afrika lebten, müssten sich irgendwann von einem gemeinsamen Vorfahren ausgehend in verschiedenen Linien weiterentwickelt haben, einige seien aber später womöglich wieder miteinander verschmolzen. Wir heutigen Menschen würden damit nicht nur Gene unserer frühen Ahnen aus Ostafrika tragen, sondern auch welche aus Südafrika – und wer weiß, woher sonst noch.

Denn bei allen Unsicherheiten über unsere Herkunft ist eines sicher: Wir haben keine Ahnung, was es alles noch zu entdecken gibt. Was vielleicht irgendwo in einer anderen Höhle liegt, in einer Kammer hinter einem engen Spalt. Welche Geheimnisse noch darauf warten, dass zwei Höhlenforscher kommen, die dünn genug sind, sich zu ihnen durchzuzwängen.

(NG, Heft 10 / 2015, Seite(n) 40 bis 63)

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