Geschichte und Zivilisation

Francis Drake

Er segelt als erster Engländer um die Welt und erkennt dabei Feuerland als das Südende von Südamerika. Mit Überfällen auf Schiffe, Häfen und Goldtransporte wird er zum Schrecken der Spanier und ihres Kolonialreichs.

Von National Geographic

Francis Drake segelt als erster Engländer um die Welt und erkennt dabei Feuerland als das Südende von Südamerika. Mit Überfällen auf Schiffe, Häfen und Goldtransporte wird er zum Schrecken der Spanier und ihres Kolonialreichs.

Es gibt Menschen, die sagen, sie hätten zwei Seelen in ihrer Brust. Der junge Engländer Francis Drake, geboren als Sohn eines Laienpredigers, hat offenbar ein halbes Dutzend Seelen. Er scheint zum Seefahrer und Entdecker geboren, aber auch zum Piraten und Plünderer. Er ist ein verwegener Draufgänger, aber auch ein listiger Stratege. Und schließlich ist Francis Drake gar ein Mann der feinen Lebensart – zumindest wenn er an Bord mal eine stille Stunde hat.

Eine solche Mixtur braucht nur ein Schlüsselerlebnis, um zu explodieren. Für Francis Drake heißt es Veracruz. Schon seit dem zwölften Lebensjahr ist er, das älteste von zwölf Kindern, auf Handelsschiffen seines Verwandten John Hawkins an den Küsten Europas entlanggesegelt. Hier an der Küste Mexikos aber, im Herzen des spanischen Kolonialreichs, wird 1568 aus den Geschäften plötzlich blutiger Ernst.

Die Engländer haben gegen das Handelsverbot verstoßen, das für die spanisch beherrschten Meere in Amerika gilt. Bisher hat Hawkins dieses Problem immer erfolgreich vor Ort mit kleinen Geschenken an korrupte Kolonialbeamte geregelt. Im Hafen Veracruz aber eröffnen 13 spanische Schiffe, trotz einer Abmachung für friedlichen Abzug, das Feuer. Sie versenken vier der sechs englischen Schiffe. Drake und Hawkins entkommen – und haben eine Lektion gelernt: no more deals, keine Verhandlungen mehr. Mit den Spaniern, beschließt der 28-jährige Drake, muss man in einer anderen Sprache reden.

Francis Drake legt sich zusätzlich wendige Pinassen zu, kleine Boote mit Segeln, Rudern und wenig Tiefgang. Sie können bis an die Küste heranfahren und sich so der Verfolgung durch Schiffe entziehen. Er nimmt entlaufene Sklaven in seine Dienste, die den gleichen Hass auf die Spanier haben wie er. So beginnt Drake, deren Kolonialhäfen in Amerika zu plündern. Schon bald ist der Sohn armer Eltern, der nur wenig Schulbildung hat, durch seine Beutezüge ein reicher Mann.

Englands Königin Elisabeth I. sieht sein Treiben mit klammheimlicher Freude. Offiziell, das erklärt sie immer, hat sie nichts mit diesem Abenteurer zu tun. Privat aber zählt sie mit Vergnügen die Wunden, die er den Spaniern schlägt. Denn die Rivalität zwischen den zwei Mächten, die beide die Welt beherrschen wollen, wächst von Jahr zu Jahr.

Eine Flotte mit fünf Schiffen läuft 1577 aus Plymouth aus. Angeblich soll sie eine Handelsfahrt nach Alexandria unternehmen. Ihr Kommandant, Francis Drake, hat aber ein ganz anderes Ziel – vermutlich mit voller Billigung des Hofs. Er fährt an Südamerikas Küste entlang bis hinunter nach Feuerland. Zwei Schiffe beenden die Fahrt an der Mündung des Río de la Plata. Durch Stürme wird Drake an Kap Hoorn vorbei bis zum 57. südlichen Breitengrad getrieben. Kein Land ist mehr zu sehen, nichts als offenes Meer. Francis Drake kämpft sich zum Festland zurück. Als er den Weg in die Magellanstraße endlich gefunden hat, weiß er, dass es hier den „Unbekannten Südkontinent“, der in den Köpfen vieler Geographen geistert, nicht gibt. Die Passage zum Pazifik, die Fernando Magellan entdeckt hat, trennt nicht verschiedene Erdteile. Feuerland ist nicht, wie immer vermutet, die Nordspitze des großen Südkontinents, sondern das südliche Ende Südamerikas.

Nach 16 Tagen ist Drake im Pazifik. Er fährt die gesamte Westküste von Südamerika hoch – und wird wieder zum Piraten. Er schlägt zu in Valparaíso, Tarapacá und Callao, wo die Spanier auf Angriffe von der Seeseite her überhaupt nicht vorbereitet sind. Die Magellanstraße hat diese Region verwundbar gemacht.

Vor Equador kapert Francis Drake die „Nuestra Sennora de la Concepción“ auf offener See. Er entkommt mit 26 Tonnen Silber, 40 Kilo Gold sowie Kisten voller Zinn und Juwelen. Vor Costa Rica erbeutet Drake bei einem Überfall geheime spanische Seekarten. Offensichtlich ermuntern sie ihn, nicht auf dem gleichen Weg zurück, sondern ins Unbekannte zu fahren.

Zunächst will er, wie viele vor und nach ihm, den Kontinent Amerika im Norden queren. Auf Höhe der späteren Grenzen zwischen den USA und Kanada aber dreht Francis Drake um. 37 Tage lang rastet er in einer kalifornischen Bucht, um das Schiff zu reparieren. Er rammt – zum Zeichen seiner Landnahme – einen Pfahl mit einer Metallplatte in den Boden, auf die er eine englische Münze genagelt hat, und tauft das Land „Nova Albion“. Die Aufzeichnungen, die der Schiffskaplan Francis Fletcher hier für seinen Bericht tätigt, sind die ersten Beschreibungen der Küste Kaliforniens.

Nun bricht Francis Drake zum großen Törn nach Westen über den Pazifik auf. Er will der erste Engländer sein, der die ganze Welt umsegelt. Das Leben auf See genießt Drake in vollen Zügen, schließlich ist sein Hauptschiff „Golden Hind“ inzwischen eine schwimmende Schatzkammer. Drake lässt sich Delikatessen auf silbernem Geschirr mit goldenen Bordüren servieren, einer seiner Leute spielt dazu auf der Geige. Noch einmal gehen zwei Schiffe verloren, sie kentern im Sturm. Doch allein das Beutegut auf der „Golden Hind“ bringt den Investoren dieser Expedition einen Profit von 5000 Prozent.

Drake landet auf Ternate in den Molukken. Dort nimmt er Zuckerrohr, Reis und sechs Tonnen Nelken an Bord. Die „Golden Hind“ ist nun so schwer beladen, dass Drake die Hälfte der Gewürze und dazu noch acht Kanonen über Bord werfen lässt, um vor Celebes das Schiff nach der Strandung auf ein Riff wieder flott zu bekommen. Francis Drake segelt um das Kap der Guten Hoffnung Richtung Heimat. Im September 1580 läuft er in Plymouth ein. Die Piratenschätze wandern in den Londoner Tower. Die Königin lässt Drake für seine Taten auch noch adeln. Und er wird Bürgermeister von Plymouth.

Der Schreibtisch aber behagt Francis Drake nicht. 1585 ist er wieder auf See. Diesmal ganz offiziell im Auftrag der Queen, als Kommandeur einer Flotte von 29 Schiffen und 2300 Mann. Er plündert Vigo in Spanien, segelt dann wieder in die Karibik. Dort überfällt er Santo Domingo auf Hispaniola, das Verwaltungszentrum für die spanischen Kolonien, und die Siedlung St. Augustine auf Florida. 1587 dringt Francis Drake gar nach Cádiz auf der Iberischen Halbinsel vor, lässt Schiffe und Werften in Flammen aufgehen. Die Spanier sind bis aufs Blut gereizt.

König Philipp II. schickt 1588 seine berühmte Armada an Englands Küsten: eine Kriegsflotte mit 130 Schiffen, 2630 Kanonen und 30000 Mann. Nun wird der Entdecker, Abenteurer und Pirat Francis Drake auch noch zum Kriegshelden. Unter seinem und Lord Howards Kommando verhindern die Engländer eine Invasion ihrer Insel, fügen den Spaniern schwere Verluste zu und zwingen die Armada zu einem Umweg über Schottland, wo sie in schwere Stürme gerät. Von der bis dahin für unbesiegbar gehaltenen Flotte kehrt nur weniger als die Hälfte der Schiffe nach Spanien zurück. Für das protestantische England beginnt mit diesem Sieg der Aufstieg zur Weltmacht, für das katholische Spanien ist er der Anfang vom Niedergang.

Francis Drake könnte nun, von Glorie umgeben, in Ruhe seinen Lebensabend auf dem Landsitz Buckland Abbey genießen. Stattdessen zieht es ihn 1595 noch einmal hinaus auf die See. Mit seinem alten Kumpel John Hawkins und 30 Schiffen unter seinem Befehl überfällt er erneut den Hafen Nombre de Dios in Panama. Das aber ist sein letzter Coup. Beim Versuch, mit 750 Mann die Stadt Panama zu erobern, wird er geschlagen.
Bald darauf bekommt er schweres Fieber. In der Nacht des 27. Januar 1596 kämpft er an Bord den letzten, aussichtslosen Kampf. Im Delirium bäumt er sich auf dem Krankenlager auf. Er besteht darauf, seine Rüstung anzuziehen, um als Krieger zu sterben. Noch bevor der Morgen graut ist er tot. Seine Mannschaft legt die Leiche in einen bleiernen Sarg und versenkt ihn im Meer. Francis Drake soll dort ruhen, wo er zeitlebens nie zur Ruhe kam.

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