Nachhaltigkeit

Wie eine Bank für Bewegung sorgt

Mobilität statt Landflucht: Die Verkehrspsychologin Ursula Berrens hat in der Eifel
 ein Mitfahrkonzept entwickelt, das auf Gemeinsinn beruht – und ohne Internet auskommt. Dienstag, 7 November

Von Lisa Srikiow
Bilder Von Ursula Berrens

In Speicher, einem kleinen Ort in der Eifel, ist man stolz auf seine Bänke. Türkis sind sie, mit runden Armlehnen aus Metall. Fünf Sitzgelegenheiten stehen in dem Dorf, weitere acht sind über die umliegenden Gemeinden verteilt. Die Bänke laden zum Ausruhen ein – und sorgen gleichzeitig dafür, dass die Menschen hier mobil bleiben.

Wer auf einer Bank Platz nimmt, hat gute Chancen, dass ein Autofahrer anhält, die Tür öffnet und eine spontane Mitfahrgelegenheit anbietet. Die Bänke sind Teil eines auf Gemeinsinn beruhenden Verkehrsnetzwerkes. „Wir wollen erreichen, dass die Menschen weiter gern auf dem Land leben“, sagt Ursula Berrens vom Caritasverband Westeifel. „Mobilität ist dabei entscheidend.“

Als Ansprechpartnerin
 für Senioren arbeitet Berrens stetig daran, die Lebensqualität in Speicher 
zu verbessern. Als sie vor
 drei Jahren nach geeigneten Plätzen für neue 
Ruhebänke suchte, kam
 der Verkehrspsychologin die Idee mit den Mitfahrerbänken. Am Bahnhof fiel ihr auf, dass die Bänke auch als analoge Carsharing-Plattform dienen könnten – ganz ohne Smartphone oder App.

„Unser Ort liegt auf einem 350 Meter hohen Plateau“, sagt sie. Da der Bus nur fünfmal am Tag fahre und der Fußweg doch mühsam sei, erreiche man den Bahnhof im Tal am besten mit dem Auto. „Es pendeln genug Leute zwischen Ortskern und Bahnhof. Mitfahrgelegenheiten bieten sich also an.“

Das Prinzip ist einfach: An jeder Bank sind Klappschilder angebracht, mit denen man Autofahrern signalisiert, wohin es gehen soll. Hält ein Auto, bespricht man sich kurz, und die Reise beginnt. 

“Die Mitfahrerbänke schaffen Freiheit im Kopf.”

Ursula Berrens, Verkehrspsychologin

Mittlerweile hat die Idee zahlreiche Nachahmer gefunden, zum Beispiel in Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg und Bayern. Viele Gemeinden setzen neben besserer Internet- sowie Gesundheitsversorgung auf neue Mobilitätskonzepte, um die Landflucht aufzuhalten. Denn laut einer Statista-Prognose werden im Jahr 2030 vier von fünf Deutschen in Städten wohnen. Speicher selbst sei aktuell noch ein lebendiger Ort, sagt Ursula Berrens. „Aber es ist wichtig, jetzt zu handeln, damit wir auch in Zukunft hier gut leben können.“

Manchen Gemeinden ist das Risiko des Trampens 2.0 zu groß. Ursula Berrens nimmt die Bedenken ernst, betont aber: „Das Besondere an unserer Idee  ist, dass die Nutzer sich vom Sehen kennen. Es sind keine Fremden. Der gesunde Menschenverstand sollte natürlich trotzdem mitfahren.“

In Speicher sind die Mitfahrerbänke weitgehend akzeptiert: Henri Schlaak lebt und jobbt hier. Da der angehende Student kein Auto besitzt, ist er auf den Zug angewiesen, wenn er in die nächstgelegene Großstadt fährt. „Ich bin in Trier zur Schule gegangen, deshalb habe ich dort viele Freunde“, sagt er. Länger als 20 Minuten habe er noch nie gewartet. „Für mich sind die Bänke eine gute Sache.“


Ursula Berrens weiß, dass die Mitfahrerbänke ein gutes ÖPNV-Netz nicht ersetzen können. Aber sie sichern ein Maß an Unabhängigkeit, sagt sie. „Die Menschen wissen, dass sie sich einfach auf die Bank setzen können, wenn sie mal in den nächsten Ort möchten. Das schafft Freiheit im Kopf.“ 

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe 7/2017 von National Geographic.
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