Reise und Abenteuer

Wie ein Mann seinen Traum erfüllte, alle Länder zu bereisen

Erfahrungen aus Reisen in 196 Länder, einschließlich dem Geschmack von altem Kamelfleisch und dem Grund, warum Toilettenpapier der beste Wirtschaftsindikator ist.Donnerstag, 9. November 2017

Von Simon Worrall
Harold Stephens, Albert Podells Expeditionspartner, bei der Trans World Record Expedition, sitzt im Juni 1965 auf einem Kamel namens Canada Dry in Giseh, Ägypten. Sie wollten einen Rekord für die längste ununterbrochene Autofahrt um die Welt aufstellen.

Albert Podell, ein ehemaliger Redakteur des Playboy-Magazins, hat etwas getan, von dem viele von uns träumen, obwohl es kaum jemand schafft: Er hat alle 196 Länder der Erde bereist.

Dafür brauchte er 50 Jahre. Unterwegs wurde er von Wasserbüffeln gejagt, hat sich mehrere Knochen gebrochen, seltsames Essen gegessen, wurde verhaftet, ausgeraubt und beinahe gelyncht. Doch er hat überlebt und erzählt seine Geschichte nun in seinem neuen Buch „Around the World in Fifty Years: My Adventure to Every Country on Earth“ (In 50 Jahren um die Welt: Meine Abenteuerreise in jedes Land der Erde).

Von seinem Zuhause in New York aus spricht er über die prekäre Frage, was einen Staat definiert, verrät die beste Adresse für gegrillte Mäuse, den Grund, warum Smartphones jungen Menschen die Abenteuerlust rauben, und erklärt uns, warum die USA immer noch sein Lieblingsort sind. 

Buchcover von Around the World in 50 Years von Albert Podell.

Frank Zappa hat einmal gesagt: „Ein ernstzunehmendes Land benötigt ein eigenes Bier und eine eigene Fluggesellschaft.“ Ist es wirklich so einfach?

Frank Zappa hatte noch hinzugefügt, dass eine Atomwaffe ebenfalls hilfreich, das Bier aber das Wichtigste ist. [Lacht]

Was also ist ein Land? Die Konvention von Montevideo über Rechte und Pflichten der Staaten von 1933 gibt fünf Kriterien für die Definition eines Staates an. Tatsächlich kommt es heute aber vielmehr drauf an, wen die fünf Supermächte als Staat anerkennen. Alle 193 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen gelten unbestritten als Länder.

Die meisten Menschen erkennen auch Taiwan als Land an, aber leider ist es kein UN-Mitglied, weil sich China hier querstellt. Der Kosovo ist ebenfalls ein Staat, aber kein UN-Mitglied, da er von Russland abgelehnt wird. Die Vatikanstadt ist trotz ihrer geringen Größe und Einwohnerzahl ein anerkannter Staat. Der Heilige Stuhl hat jedoch entschieden, dass sie diplomatisch besser agieren kann, wenn sie bei den Vereinten Nationen als Beobachterin fungiert, ohne Vollmitglied zu sein. Damit sind wir bei 196.

Sind Sie der einzige Mensch, der verrückt genug ist, so etwas zu tun? Oder gibt es einen Club der 196er?

Gute Frage. Einen Club gibt es nicht. Aber es gibt eine Gruppe, die sich als „Most Traveled People“ bezeichnet. Bei diesen Meistgereisten handelt es sich in der Regel um reiche Typen mit Jachten. Sie fahren zum philippinischen Archipel oder nach Indonesien, wo es um die 10.000 Inseln gibt, und jedes Mal, wenn sie an einer halten, ritzen sie eine neue Kerbe in ihren Mast.

Es gibt auch Leute, die jedes Land mitzählen, das es jemals gab. Aber ich zähle nur die aktuellen Staaten. Die USSR habe ich ebenso wie Ostdeutschland und Südvietnam von meiner Liste gestrichen.

Da es keine internationale Stelle gibt, die das regelt, ist es schwer zu sagen, wer wirklich jedes Land besucht hat. Ich versuche seit Jahren, einen Seelenverwandten zu finden. Mein Freund Tony Wheeler, Gründer des Lonely Planet, sagt, er hat drei Leute gefunden, die in jedem Land waren. Also habe ich die anderen beiden überprüft. Ich möchte ihnen nicht unterstellen, dass sie gemogelt haben, aber sie haben etwas ausgelassen. Sie waren nicht in Somalia. Stattdessen waren sie in Hargeysa, der Hauptstadt von Somaliland – aber Somaliland ist kein anerkannter Staat.

Sie kommen aus einer Familie aus Brooklyn, die nie weiter als bis Boston gereist ist. Was ist bei Ihnen schiefgelaufen?

[Lacht] Ich hatte einfach das Gefühl, das Leben könnte interessanter sein, wenn man reist. Mit sechs Jahren begann ich, Stempel zu sammeln. Diese bunten Dinger faszinierten mich, und ich wusste schon früh, dass ich eines von jedem Land wollte. Ich wollte wissen, woher diese Artefakte und all die unterschiedlichen Tiere und Kulturen kommen.

Und raten Sie mal, was ich mit acht Jahren zu lesen begann? Den National Geographic. So wurde ich süchtig nach fremden Ländern. Ich wollte alle diese Orte mit eigenen Augen sehen.

1987 mietete Podell ein Lastenkanu und fuhr den Amazonas hinunter. Er hielt in diesem Dorf an einem Nebenfluss des Stroms rund 160 Kilometer von Iquitos, Peru entfernt.

Ihr Leben als Reisender hat mit einem anderen Weltrekord begonnen. Erzählen Sie uns von Ihrer Marathon-Autofahrt.

Ich war Redakteur eines Magazins namens Argosy – einer Männerzeitschrift über Abenteuer, Jagd und Fischen. Dort schickte ich unsere Autoren auf alle möglichen Reisen: mit dem Hundeschlitten durch Grönland, mit dem Fahrrad von Kairo nach Kapstadt. Nach drei oder vier Jahren sagte ich mir: „Genug mit diesem Schreibtischgefasel. Ich muss das alles selbst erleben.“

Also tat ich mich mit einem unserer Autoren zusammen. Gemeinsam mit drei weiteren Mitstreitern gründeten wir eine Gruppe, die ich „Trans World Record Expedition“ nannte. Wir wollten einen Rekord für die längste ununterbrochene Autofahrt um die Welt aufstellen.

Wer dies vor uns versucht hatte – hauptsächlich waren es Briten – fuhr von Paris nach Peking. Doch da die Erde am Äquator breiter ist, wollten wir in dessen Nähe fahren, um den Rekord zu knacken. Wir nahmen ein Schiff ins französische Cherbourg, fuhren südlich bis Marokko und dann durch Nordafrika. Dabei blieben wir so nah am Äquator, wie angesichts der Kriege und verschiedener Zwischenfälle möglich.

Es dauerte länger als gedacht. Ich hatte mit sechs bis acht Monaten gerechnet. Aber wir brauchten 581 Tage, und nur zwei von uns kamen an: Steve, der die Expedition mit mir leitete, und ich. Einer von uns wurde von den Vietcong in Kambodscha ermordet, und die beiden anderen fingen sich Tropenkrankheiten ein und stiegen aus.

Ich war in 72 Ländern, aber meine Frau behauptet, ich schummle, weil ich Orte mitzähle, in denen wir nur das Flugzeug gewechselt haben. Was ist Ihr Kriterium für den „Besuch“ eines Landes?

Es tut mir wirklich leid, aber nach meiner Definition haben sie wohl tatsächlich geschummelt. Meine Kriterien lauten:

1. Es muss zum Zeitpunkt des Besuchs ein anerkannter Staat sein.

2. Sie müssen ein Visum haben oder anderweitig zur Einreise berechtigt sein.

3. Sie müssen einen Einreisestempel im Pass haben.

4. und 5. Diese Kriterien sind etwas flexibel, aber ich finde, man sollte mindestens die Hauptstadt sehen, mindestens 24 Stunden bleiben und nach Möglichkeit das Land in eine Richtung durchqueren.

Es muss eine echte Besichtigung sein. Wenn man am Flughafen umsteigt, muss man normalerweise nicht durch den Zoll. Deshalb finde ich, dass Ihre Frau Recht hat. Sie haben sich eine clevere Partnerin ausgesucht. [Lacht].

Podell sitzt 2004 in einem indischen Tempel vor einer Gruppe von Affen, von denen einer versuchte, seine Mütze zu stibitzen.

Was war der beängstigendste Moment auf Ihren Reisen?

Ganz klar: Als ich unmittelbar davorstand, in Ostpakistan gehängt zu werden. Meine Expeditionsgruppe hatte Ostpakistan 1965 nur wenige Stunden vor Ausbruch des Krieges in Indien erreicht. Als wir in Dhaka, der Hauptstadt des damaligen Ostpakistans – heute Bangladesch – ankamen, hörten wir, dass es einen Marsch der Pakistanis gegen den US-Geheimdienst geben sollte, weil wir Amerikaner viel Militärausrüstung nach Indien gebracht hatten.

Ich wollte ein paar Fotos machen. Schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite war dieses wundervolle Gebäude mit Balkonen und einer Balustrade, hinter der ich mich zum fotografieren verstecken konnte. Also rannte ich über die Straße, hoch in den vierten Stock und auf den Balkon. Doch als ich gerade loslegen wollte, packten mich zwei Soldaten. Wie sich herausstellte, war ich in das pakistanische Verteidigungsministerium gestürmt. [Lacht]

Sie schleppten mich in einen Raum, in dem an die 40 Leute vom Zivilschutz riefen: „Ein indischer Spion! Ein indischer Spion! Hängt ihn! Hängt ihn!“ Dann ging der Hausmeister raus. Er kam mit einem dicken Strick wieder, warf ihn über einen Sparren und knotete eine Schlinge, die er mir um den Hals legte. Das schien mein Ende zu sein.

Sie haben ein einzigartiges System für die Bewertung von Ländern. Erklären Sie uns doch bitte, was PPPR ist.

PPPR steht für Podell Potty Paper Rating System. Man kann natürlich stundenlang die Studien der Weltbank und des IWF analysieren. Ich habe jedoch herausgefunden, dass sich der wirtschaftliche und soziale Rang eines Landes am besten am Klopapier auf öffentlichen Toiletten erkennen lässt.

Bei mir gibt es sieben Noten. Eine Eins gibt es für weiches, weißes Papier. Danach geht es über hart und weiß, hart und braun und andere Farben wie lila und grün bis hin zu zerrissenen Zeitungen und schließlich gar keinem Papier, sondern nur einem kleinen Eimer Wasser. Die schlechteste Note, die Sieben, gibt es, wenn keine öffentlichen Toiletten vorhanden sind. Der einzige Ort, dem ich versuchsweise eine Sieben gegeben habe, ist meine Heimatstadt New York City. [Lacht] Ich kenne in der gesamten Stadt nur drei öffentliche Toiletten.

Ein Kind zerstampft Maniok – ein wichtiges Grundnahrungsmittel in Subsahara-Afrika. Dieses Foto wurde 2012 aufgenommen.

Sie haben auf Ihren Reisen ein paar außergewöhnliche Dinge gegessen. Erzählen Sie mir etwas Gruseliges.

Ich esse fast alles außer gefährdeten Arten. In Hongkong habe ich das Gehirn eines lebenden Affen verspeist. Auch altes Kamelfleisch habe ich schon probiert. Es ist total glitschig, rutscht im Mund hin und her und bedeckt ihn mit Fett.

Eine meiner beiden größten Herausforderungen war das Essen einer Maus. In Malawi isst man Mäuse. Aber niemand in Malawi wollte mir sagen, wo man gegrillte Mäuse bekommt, weil sie als Überbleibsel aus Kolonialzeiten gelten, als die Menschen so arm waren, dass sie sich nichts anderes leisten konnten.

An meinem letzten Tag fand ich schließlich jemanden, der mich für zehn US-Dollar raus aufs Land zu einer Grillstube bringen wollte, in der es ganze Mäuse geben sollte. Doch als wir um 16 Uhr dort ankamen, räumte der Grillmeister gerade auf. „Ich kenne mich mit amerikanischen Essgewohnheiten nicht aus“, meinte er vorwurfsvoll. „Aber in Malawi essen wir Mäuse zu Mittag. Jetzt haben wir geschlossen.“ [Lacht laut]

Die Generation meines Sohnes – er ist 28 – ist nicht so abenteuerlustig wie wir es waren. Woran glauben Sie liegt das? Und was verpassen sie?

Das ist eine sehr gute Frage. Zum einen suchen sie ihre Abenteuer indirekt in Videospielen. Außerdem sind sie es gewohnt, die ganze Welt über das Internet erreichen zu können. Wer heutzutage wissen möchte, wie Paris aussieht, kann das über 20 oder 30 Webcams in der Stadt tun.

Ein weiterer Grund ist wohl, dass die Welt gerade so in Aufruhr ist. Ich bin kein Soziologe, aber ich glaube, es wäre faszinierend herauszufinden, warum sie so vorsichtig sind. Das gilt vor allem für junge Amerikaner. Die jungen Reisenden, die ich traf, kamen aus Ländern wie Neuseeland, Australien, Deutschland, Frankreich, Kanada oder Großbritannien. Amerikaner trauen sich oft nicht in die Welt hinaus.

Diese Portraits nahm Podell auf seinen Weltreisen auf. Sie zeigen Menschen aus (im Uhrzeigersinn von oben links) Aserbaidschan, Neuguinea, Osttimor, Georgien, Georgien, dem Jemen, Ghana und Myanmar (Burma).

Was sind die größten Veränderungen, die Sie in 50 Jahren unterwegs beobachtet haben?

Mir fällt vor allem auf, wie viel schwieriger es geworden ist, so zu reisen. Als wir 1965 bis 66 um die Welt reisten, hatten wir das Gefühl, es wäre für Marco Polo leichter gewesen, nach China zu gelangen, obwohl die Straßen inzwischen besser waren und wir einen Allradantrieb hatten.

In den 50 Jahren danach ist es noch viel schlimmer geworden. Stellen wir uns vor, Sie wollen meinen Spuren folgen. Ich glaube nicht, dass Sie Syrien oder den Irak heute, mit ISIS, überleben würden. Sie würden es wohl auch nicht durch Afghanistan schaffen. Vergessen Sie den Jemen, der wurde von den Huthis übernommen. Der Südsudan ist erst seit Kurzem unabhängig, und ich hatte große Hoffnungen, aber hier geht alles den Bach runter. Somalia ist immer noch ein heikles Pflaster. Es ist dort wirklich gefährlich.

Dieses Foto aus dem Jahr 2007 zeigt einen Häuptling aus Papua-Neuguinea mit seiner Frau und seinen Kindern. Traditionell übergeben Männer hier Schweine als Brautpreis.

Die andere große Veränderung, die ich bemerkt habe, ist die Einstellung anderer Länder gegenüber den USA. Als ich in den 1960er Jahren zum ersten Mal ins Ausland ging, wurden wir fast überall gefeiert. Man wusste zu schätzen, dass wir nach dem Zweiten Weltkrieg geholfen haben, Länder in Europa und anderswo wiederaufzubauen, und uns gegen die „böse“ Sowjetunion für die Demokratie einsetzten. Jetzt, wo es nicht mehr ein Reich des Bösen, sondern viele kleinere Schurken gibt, sind wir in vielen Ländern unbeliebt.

Eine deutliche positive Veränderung habe ich in Afrika beobachtet, wo die Leute noch begeistert sind von der Wahl und Wiederwahl von Präsident Obama. Sie lieben die Vorstellung, dass die reichen, mächtigen USA einen schwarzen Präsidenten wählen. Für sie heißt das: Wenn sie in die Vereinigten Staaten einwandern, könnten ihre hier geborenen Kinder Präsident werden. Zudem zeigt es, dass wir wirklich an Demokratie glauben.

Die nächste Frage stellt Ihnen wohl jeder: Was ist Ihr Lieblingsland?

Wenn ich nur ein Land nennen darf, sind es die USA. Unsere Landschaften gehören zu den spektakulärsten der Welt: die Redwood-Mammutbäume, der Glacier-Nationalpark, Mount Rainier, die Wälder von New England. Wir sind eine heterogene Gesellschaft. In New York sieht man Menschen jeder Ethnie, jedes Glaubens und jeder Kultur der Welt, und alle kommen miteinander klar.

Mönche kehren nach einer Zeremonie in Bhutan 2010 in ihre Unterkunft zurück.

Wenn ich andere Länder wählen muss, nehme ich Nepal und die Schweiz für die Landschaft. Beim Essen liegen Vietnam, Thailand und Frankreich vorn. Was die Kultur angeht, sind es Frankreich, England, Spanien und Ägypten.

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Artikel in englischer Sprache veröffentlicht am 1. April 2015

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