Reise und Abenteuer

Entdeckt die geheime Seite Venedigs

Gondelfahrten sind der Touristen-Klassiker, aber mit einem Kajak könnt ihr eine Seite von Venedig erkunden, die nur wenige sehen. Donnerstag, 9 November

Von Tara Isabella Burton

Die Schönheit Venedigs ist offensichtlich und mitunter geradezu überwältigend. Trotz der verschlungenen Gassen und pastellfarbenen Palazzos wird man aber das Gefühl nicht los, dass die Stadt noch etwas vor einem verbirgt.

Natürlich kann man eine ganze Litanei von empfohlenen Sehenswürdigkeiten ablaufen. Das historische Zentrum von Venedig (in dem nur 55.000 Menschen Leben, das aber jedes Jahr 20 Millionen Touristen zählt) ist voll davon: der Markusplatz, die Rialtobrücke, die Gallerie dell'Accademia. Aber bei jeder Gasse, die man entlangläuft, jeder Brücke, die man überquert, sieht man aus den Augenwinkeln immer jene Wege, die man nicht genommen hat. Man fragt sich, ob vielleicht irgendwo versteckt eine Privatparty im Piano Nobile stattfindet, oder im ersten Stockwerk in irgendeinem der Palazzos (während der Karnevalssaison im Februar ist die Antwort darauf wahrscheinlich Ja). Man wundert sich, ob ein unbeschrifteter Innenhof einen zu einer noch besseren Trattoria führen würde.

Touristen suchen sich ihren eigenen Weg im Kajak.

Erst bei meinem fünften Besuch in Venedig fing ich an zu begreifen, dass man die Stadt nur dann wirklich sehen kann, wenn man sich ins Wasser begibt. Ich hatte mich für eine Art schwimmendes Hotel im Barockstil entschieden, dessen 10-Tages-Tour sich auf die venezianische Lagune konzentrierte. Die verschlungene Geografie der Stadt, die an Land so verwirrend ist, erscheint aus einem schmalen Boot heraus plötzlich absolut sinnvoll. Die stetige Bewegung unterstreicht die traumähnliche Atmosphäre, in der man sich durch die Stadt zu manövrieren versucht. Es ist ein Ort, an dem jedes falsche Abbiegen unter dem Mondlicht einen in ein alternatives Paralleluniversum zu versetzen scheint.

Aber erst, als ich in mein Kajak steige, entdecke ich wahrhaft das Herz der Stadt. Ich schlüpfe durch eine Hintertür eines Palazzos aus dem 15. Jahrhundert, hinein in einen winzigen Hinterhof in Cannaregio, und finde mich direkt auf dem Wasser wieder.

Als wir zum jüdischen Ghetto fahren, sehen wir dort über unseren Köpfen weiße Laken von Wäscheleinen hängen. Unser Führer zeigte mir ein völlig anderes Venedig als jenes, das ich jahrelang gesehen hatte. In diesem Venedig gehen die prächtigen Eingänge der Palazzos direkt in das brackige, blau-grüne Wasser über. Einheimische fahren mit ihren privaten Booten an den polierten Booten der Gondoliere vorbei (unser Führer ermahnte uns, auf gar keinen Fall ihre Boote zu zerkratzen). Die Anwohner rufen in ihren Dialekten Richtungsangaben, wenn sie unübersichtliche Kurven nehmen. Der Vaporetto-Wassertaxis schlagen bedrohliche Wellen, als wir versuchen, den Canal Grande zu überqueren. Familien sitzen auf Balkonen und sehen aus Fenstern hinaus auf die Kanäle, die man von den Straßen aus nicht erreicht.

Venedig wird niemals all seine Geheimnisse preisgeben. Aber nach neunzig Minuten in meinem Kajak – mit Sonnenbrand auf Armen und Schultern – habe ich ein paar mehr davon kennengelernt.

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