Europas wilder Osten

Die Regionen heißen Dagestan, Abchasien und Tuschetien – und schon ihre Namen klingen nach dem Abenteuer, das Reisende im Kaukasus erwartet. Und zudem: eine Unvergleichliche Natur und große Gastfreundschaft.Mittwoch, 26. Juni 2019

Die Nariqala-Festung und die Türme der orthodoxen Kirchen in der Altstadt von Tiflis erinnern an die alte, wechselhafte Geschichte.
Die Nariqala-Festung und die Türme der orthodoxen Kirchen in der Altstadt von Tiflis erinnern an die alte, wechselhafte Geschichte.
bild Gulliver Theis

Die grau verputzten Häuser von Duisi im Pankisi-Tal ducken sich vor den schroffen Berghängen, als wollten sie ihnen Respekt erweisen. Grobe Mauern aus Feldsteinen rahmen sie ein. Die Straßen sind staubig und riechen nach Kanalisation, einige Läden an der Hauptstraße stehen leer. Doch in einem Innenhof mitten in dieser Tristesse im Nordosten

Georgiens bereiten sie ein prachtvolles Fest vor: die Zikr, eine Zeremonie, bei der zehntausendmal Allah gelobt, hundertmal an die Vorfahren erinnert und zehnmal so viel gegessen wird, wie einem guttut. Es duftet köstlich nach warmem Hefeteig, bunte Wachsdecken schmücken die Tische. Darauf türmen die Frauen des Dorfes chatschapuri (Käsefladen) und mit Hackfleisch gefüllte Teigtaschen, die chinkali heißen.

Die Bürgermeisterin persönlich reicht uns Teller mit drei Lagen chatschapuri. Tamar Margoschwili, eine rundliche 58-Jährige, die ein geblümtes Kleid und wie alle Frauen hier ein Kopftuch trägt, wirkt wie eine liebenswerte Großmutter vom Land. Doch sie ist eine Kämpferin. Im erzkonservativen muslimischen Duisi hat sie es als Frau zur Dorfobersten geschafft. „Der Ältestenrat war dagegen. Es dauerte Monate, bis ich mich durchsetzen konnte. Dabei bin ich sicher nicht schlechter dafür geeignet als die Männer“, sagt sie. „Aber jetzt esst erst mal, über Politik reden wir später.“ Und es schmeckt sagenhaft. Wer sich einmal an den georgischen Nationalgerichten versucht, ist augenblicklich und bis ans Lebensende dem Kaukasus verfallen.

Dabei fällt den meisten bei seinem Namen zunächst nicht gutes Essen und die dramatische Bergwelt ein, sondern sie denken an Konflikte und Terror. An die beiden Kriege in Tschetschenien in den Neunziger- und Zweitausenderjahren und an die Geiselnahme in einer Schule in Beslan 2004, bei der mehr als 300 Menschen starben. Manche Regionen des Kaukasus werden vom Auswärtigen Amt als zu gefährlich für eine Reise angesehen.

Doch zugleich ist dies eine Landschaft voller Zauber. Sie kann den Traum all derer erfüllen, die sich als Entdecker fühlen und eher nach Erfahrungen als nach Erholung suchen. Schönheit und Schrecken liegen im Kauskasus oft dicht nebeneinander: nüchterne, betongraue Sowjetarchitektur und heruntergekommene Dörfer wie Duisi inmitten mächtiger Berggipfel und Wiesen, durch die ein klarer Gebirgsbach sprudelt. Dagestan, Abchasien, Tuschetien – schon die Namen dieser Orte klingen so fremd und abenteuerlich, dass man kaum glauben mag, dass sie von Berlin nur so weit entfernt sind wie Lissabon oder Antalya.

Fünf Wochen lang war ich mit dem Fotografen Gulliver Theis im Großen Kaukasus unterwegs, zwischen Sotschi am Schwarzen Meer und Baku am Kaspischen Meer. Wir sahen spektakuläre Berglandschaften am Elbrus oder Kasbek und begegneten immer wieder herzlichen, stolzen Menschen, die verschiedenen Volksgruppen angehören und unterschiedliche Sprachen sprechen, einander jedoch kulturell ähnlicher sind, als sie zugeben würden.

Viele Erlebnisse widerlegten Vorurteile und zeigten, wie viel komplexer die Wirklichkeit ist. Wie im Pankisi-Tal. In den Neunzigerjahren suchten viele Flüchtlinge aus Tschetschenien hier Zuflucht. Weil auch Tarkhan Batiraschwili hier lebte, der als „Omar der Tschetschene“ zu einem der bekanntesten Kämpfer des sogenannten „Islamischen Staats“ wurde, galt die Region jahrelang als Keimzelle islamistischen Terrors. Und ausgerechnet eine resolute Bürgermeisterin sucht nun neue Wege aus einem jahrhundertealten Patriarchat. Am Herd oder in der Kindererziehung sei sie besser aufgehoben als in der Politik, musste Margoschwili sich noch vor ihrem Amtsantritt sagen lassen. „Dabei hat mein Vorgänger nichts auf die Reihe bekommen“, sagt sie. „Frauen machen sowieso fast alles, die Männer verbringen zu viel Zeit mit Spielen und Trinken.“ Was Frauen ihrer Meinung nach besser können als Männer? „Alles“, antwortet die ehemalige Lehrerin und lacht.

Eine populäre Neuerung hat sie schon beschlossen: einen Feiertag im Juli, der nur im Pankisi-Tal gilt. Mit Pferderennen und einem großen Basar mit lokalen Produkten. Auch für mehr Besucher möchte sie sich einsetzen. Hotels finden Reisende hier bislang keine, aber private Gastgeber bieten Reitausflüge in die Berge an, es gibt Filz-Workshops und Touren in schwimmenden Lkw-Schläuchen auf dem Fluss Alasani, der sich durch das Tal zieht. Noch steht Duisi wie so viele Orte im Kaukasus ganz am Anfang, was den Tourismus angeht. Aber genau das macht diese Landschaft so interessant.

Ortswechsel: Dagestan. Mal angenommen, zwei unrasierte, verschwitzte Russen mit schlammverkrusteten Schuhen kämen bei einer deutschen Hochzeit vorbei. Kaum anzunehmen, dass sie in den Festsaal geführt, an den Ehrentisch gesetzt und umgehend mit den feinsten Speisen und „Franklin Platinum“-Wodka versorgt würden. Genau das passiert uns in Buinaksk im nordöstlichen Kauskasus, rund 40 Kilometer vom Kaspischen Meer entfernt. Der Tisch biegt sich unter erlesenen Köstlichkeiten, verlockend duften die Fleischpasteten und Hähnchenschenkel, dazu gibt es Schafskäse und Fladenbrot. Der Vater der Braut schüttelt uns die Hand, die Mutter berichtet, sie habe fünf Jahre lang in Magdeburg gelebt. Eine ausführlichere Unterhaltung ist nicht möglich. Aus den Lautsprecherboxen schallt Tanzmusik, die hauptsächlich aus schnellen Trommelschlägen und dem markerschütternden Tröten eines Blasinstruments namens Zurna besteht.

Um einen Kreis in der Mitte des Saales bildet sich eine Menschentraube, darin dürfen nun die Männer einzeln mit der Braut „Lesginka“ tanzen. Mit einem Adler und einem Schwan werden die Rollen von Mann und Frau dabei oft verglichen, und das beschreibt die Bewegungen recht gut. Es ist ein temperamentvoller Tanz, bei dem die Frau trotz großer Nähe nicht berührt werden darf. „Früher wurden Männer von den Verwandten der Tänzerin sogar mit dem Tod bestraft, wenn sie ihr zu nah kamen“, erklärt uns Wladimir Sewrinovsky, ein Moskauer Journalist und Reiseführer. Seit sechs Jahren lebt er in Dagestan, einer Region im Südwesten Russlands mit drei Millionen Einwohnern: Steppe im flachen Norden, zerklüftete Berge im Süden und eine 530 Kilometer lange Küste am Kaspischen Meer. Sewrinovsky hat lockige Haare, einen Kinnbart und hinter eckigen Brillengläsern die wachen Augen eines Getriebenen, der so neugierig auf die Welt und ihre Geschichten ist, dass er kaum still sitzen kann.

Sewrinovsky begleitet uns mehrere Tage lang in staubige Dörfer mit ganz eigener Kultur und Tradition von Kunsthandwerk. In Balchar fertigen sie Tierfiguren und Vasen aus sandfarbenem Ton, in Harbukh in einem monatelangen Prozess zweischneidige Säbel aus Damaszenerstahl, und Kubatschi ist bekannt für seinen Silberschmuck. „Ich entdecke immer noch ständig Neues“, sagt Sewrinovsky. „In den Dörfern hier haben sich mehr Traditionen gehalten als im restlichen Kaukasus zusammen.“

Wir besuchen Orte wie das jahrtausendealte Tschoch, dessen sandfarbene Steinhäuser aussehen, als seien sie direkt in den Fels gehauen. Ein anderes Mal kommen wir durch Schukty, eine Art Geisterdorf voller halb fertiger Luxusvillen, die ein wohltätiger Millionär für die Bürger errichten wollte. Leider hielten seine Erben das nach seinem Tod für keine so gute Idee mehr und stoppten das Projekt.

Unterwegs passieren wir immer wieder Militärposten. Am Ortseingang zu Gimry, rund hundert Kilometer südöstlich der tschetschenischen Stadt Grosny, steht ein Schlagbaum, ein junger Polizist mit Kalaschnikow winkt uns zur Seite. Gimry ist als Hauptquartier der islamischen Extremistengruppe „Kaukasus-Emirat“ berüchtigt, deshalb untersuchen die Russen jeden, der hinaus oder hinein will. An einem Stoppschild sind Einschusslöcher zu sehen, ein Wachhund zerrt wütend an seiner Leine. In einem Verschlag mit Wellblechdach und russischer Flagge fragt uns ein kahlköpfiger Muskelprotz in Tarnkleidung und mit riesiger Schusswaffe nach unserem Ziel. Sewrinovsky bleibt gelassen: „Den Bürgermeister besuchen, er ist ein Freund.“ Er scheint hier alles und jeden zu kennen. Trotzdem lässt der Wachmann uns nicht durch. Es laufe gerade eine Geheimdienstoperation, kein Zutritt für Ausländer.

Also fahren wir spontan nach Botlich, wo es laut Sewrinovsky die besten Aprikosen der Welt gibt. „Zwei Dinge sind unausweichlich in Dagestan: der Tod und Aprikosen“, scherzt er. Tatsächlich sind die Früchte hier besonders süß, und sie wachsen in fast jedem Garten. Alte Frauen mit Kopftuch sitzen mit Plastikeimern am Straßenrand, einer kaufen wir eine Tüte Aprikosen ab.

Auf der Fahrt über die von Schlaglöchern übersäten Straßen sehen wir immer wieder Autowracks am Straßenrand. „Ich habe mehr Angst vor einem Verkehrsunfall als vor Terrorismus“, sagt Sewrinovsky. In den vergangenen Jahren habe sich die allgemeine Sicherheitslage in Dagestan verbessert, wenngleich es gelegentlich zu Anschlägen komme, meist gegen die Staatsgewalt und nicht gegen Bürger oder Touristen. Sewrinovsky sieht diese Risiken gelassen. „Eigentlich ist die größte Gefahr in Dagestan: Man wird zu oft eingeladen, es gibt zu viel zu essen“, sagt er, lacht – und nimmt sich noch eine Aprikose.

Dieser Text wurde gekürzt. Lesen Sie den ganzen Artikel in Heft 2/2019 des National Geographic-Travelers.

Stephan Orth und Gulliver Theis berichten mehr über ihre Reise in dem Bildband "Kaukasus – Eine Reise an den wilden Rand Europas".

Wei­ter­le­sen