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Atacama: Ein mystischer Trip in die trockenste Wüste der Welt

Die Atacama-Wüste im Norden Chiles ist öde, trocken, tödlich. Und doch einer der faszinierendsten Orte unserer Erde.

Von Jamie Lafferty
Veröffentlicht am 4. Apr. 2022, 21:05 MESZ, Aktualisiert am 7. Apr. 2022, 11:16 MESZ
Die Atacama-Wüste im Norden Chiles ist öde, trocken, tödlich. Und doch einer der faszinierendsten Orte unserer ...

Die Atacama-Wüste im Norden Chiles ist öde, trocken, tödlich. Und doch einer der faszinierendsten Orte unserer Erde.

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Ich stehe neben den Ruinen einer Schäferhütte, 4206 Meter über dem Meeresspiegel. Diese Höhe und die Tatsache, dass ich seit 4.45 Uhr morgens auf den Beinen bin, führen dazu, dass meine Energie gegen null geht. Mein Schädel fühlt sich an wie ein leeres Gehäuse. Ein beißender Wind peitscht mir ins Gesicht und bringt meine Augen zum Tränen, trotzdem scheint es mir fast unmöglich, mich zu bewegen. Unter diesen Umständen ist es mir schleierhaft, wie Lily Marchant es schafft, mir über die Felsen entgegenzuhüpfen. Die Fremdenführerin des Hotels Awasi springt immer herum. Ich höre die Begeisterung in ihrer Stimme, als sie fragt: „Wunderschön, nicht wahr?“

Vor uns erstrecken sich drei riesige trockene Ebenen bis zum diesigen Horizont. Im Norden werden die Vulkane der Anden pink angeleuchtet, dann erstrahlen sie durch die aufgehende Sonne in einem kreidigen Orange. Ich ziehe meine Kapuze etwas enger und stimme ihr zu. Wie die meisten Leute habe ich zum ersten Mal in der Schule von der Atacama-Wüste gehört: die trockenste unpolare Wüste der Erde, „ein Ort, wo es angeblich seit 100 Jahren nicht geregnet hat“, sagt Lily. „Das hat man uns auch erzählt. Das hat sich mir eingeprägt.“ Lily wurde im Colchagua-Tal südlich von Chiles Hauptstadt Santiago geboren und ist auf Weinbergen aufgewachsen. Nachdem sie die letzten fünf Jahre in dem öden Ozean der Atacama gelebt hat, hat sie eine neue Wertschätzung für die grüne Farbe, wenn sie jetzt in ihre Heimat fährt.

San Pedro: Ein Treffpunkt für Touristen, Hippies und Abenteurer

„Als ich herkam, dauerte es Wochen, bis ich aufhörte, nach Bäumen zu suchen“, erzählt sie mir, während wir uns in unser warmes Auto zurückziehen. „Ich bin umgeben von Bergen aufgewachsen, aber sie sind nicht so kahl wie hier. Wenn ich nach Hause komme, fühle ich mich wie ein kleines Mädchen, das sagt: ‚Wow! War es hier schon immer so grün? Gab es hier so viele Farben?‘“ Heute hat Lily sogar hier ihre grünen Plätze gefunden, in der öden Mondlandschaft der Atacama. Während meines Aufenthalts im Awasi ist sie entschlossen, mich mit ihnen zu überraschen. Es mag in der Atacama vielleicht nicht viel regnen, aber in bestimmten Regionen ist das auch nicht nötig. Das Schmelzwasser der Anden reicht aus, um unter- und oberirdische Flüsse zu versorgen. Brunnen bringen Wasser zur einsamen Oase San Pedro de Atacama – früher eine Versorgungsstelle für Händler und Hirten, heute das Zuhause einer Gemeinschaft, die sich dem Tourismus widmet. Beinahe alle Einwohner sind daran in irgendeiner Weise beteiligt, sodass die Stadt als Basis für Besucher dient, die die Grenzenlosigkeit der Wüste erleben wollen.

Die kleine Ortschaft San Pedro de Atacama dient als Anlaufpunkt für Touristen. Von hier aus gibt es geführte Touren in die Wüste. Bis heute hat sie den Charme ihrer Lehmbauten behalten.

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Die Rolle von San Pedro hat sich über die Jahrhunderte verändert, doch die Stadt sieht noch immer aus wie eine uralte Siedlung mit Mauern aus Lehm, einer strahlend weißen Kirche und einem salzvertrockneten Platz, auf dem Hippies unter knorrigen Pfefferbäumen nach Schatten suchen. Mit ihren tiefen Wurzeln können diese Bäume das Wasser unter der Erde erreichen, aber nördlich der Stadt hat die Vegetation einfacheren Zugang zu Trinkbarem: ein Flusspaar – Wasseradern, die durch die Wüste fließen wie biblische Wunder.

An einem Nachmittag nimmt mich Lily mit auf eine Wanderung zu den Wasserwegen. Wir laufen den Puritami-Fluss entlang zum Dorf Guatín. Nachdem wir die kahlen Felsen der Straße hinter uns gelassen haben, steigen wir hinab zum Flussbett, wo sich etwa ein Dutzend Pflanzenarten am Ufer angesiedelt haben. Zu ihnen haben sich Libellen, Eidechsen und ein seltsames Nagetier gesellt, das Viscacha. Es ist so groß wie ein Jack-Russell-Terrier, hat Ohren wie ein Hase und einen Schwanz wie ein Minipferd. Das Viscacha versteckt sich unter Kakteen oder hüpft mühelos von Fels zu Fels. Es ist das einzige Lebewesen hier, das noch besser springt als Lily selbst.

„Qué lindo!“, ruft sie, als wir eines der bizarren Tiere verfolgen, ohne Aussicht, es jemals einzuholen. Wie wunderschön, ja. Aber genauso gefährlich. „Ich habe von Kindern gehört, die sie in der Stadt gefangen haben und dachten, sie könnten sie als Haustiere halten“, erzählt Lily. „Aber sie sind aggressiv. Eines hat einen Hund getötet.“ Wir verbringen den Rest des Nachmittags damit, flussaufwärts zu wandern, wo gigantische Kakteen, Cardón genannt, aufragen wie Wolkenkratzer und vor uns eine Reihe hübscher kleiner Wasserfälle plätschert. Hier, am humiden Wasserrand, kann man die Trostlosigkeit der Wüste leicht vergessen.

Am Wasserrand der Atacama-Wüste

Am folgenden Morgen bringt mich Lily zu den Putana-Sumpfgebieten, um mir zu beweisen, dass die Schlucht kein Einzelfall war. Dies sei wahrscheinlich ihr Lieblingsplatz in der Atacama, erzählt sie mir: ein breiter Fluss, umgeben von Sumpfland – nachts friert hier alles und taut dann wieder auf, sodass die Bewohner, riesige Wasserhühner, blauschnäbelige Punaenten und dutzende Viscachas, an den Ufern nach Futter suchen können. Das Wasser hier ist so klar und reich an Nährstoffen, dass es auch Fischen ein Zuhause bietet und vermutlich von Mitgliedern der abnehmenden Pumapopulation aufgesucht wird – obwohl wir sie nie zu Gesicht bekommen. Nach einer kurzen Fahrt den Berg hinunter finden wir im Dorf Machuca noch mehr Wildtiere, die sich mühsam durchschlagen. Das Salzwasser hat Scharen von Flamingos und Andenmöwen angezogen – man könnte meinen, sie würden das Meersalz vermissen.

Trotz der rauen Bedingungen lebt in den hoch gelegenen Seen der Atacama-Wüste eine Vielzahl von Wildtieren, darunter Chilenische, Anden- und James-Flamingos.

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Als ich auf das Moorland hinausblicke, erinnert mich das, was ich sehe, an eine Safari. Es ist schwierig, die Trockenheit der Atacama zu beschreiben. Sie ist so trocken, dass es Orte gibt, in denen es seit 20 Millionen Jahren vielleicht nicht geregnet hat. Sie ist so trocken, dass, während ich über diese endlose Dürre schreibe, mein neuer Stift austrocknet, da sich die Wüste selbst dieses kleine bisschen Feuchtigkeit geholt hat. Sie ist so trocken, dass die Covid-19- Zahlen hier zu den niedrigsten in Chile zählten – scheinbar konnte selbst das Virus in dieser rauen Umgebung nicht gedeihen.

Während wir neben dem verrosteten Skelett eines Buses im Nirgendwo westlich von San Pedro de Atacama stehen, erzählt mir Lily, dass man sich an diese Landschaft nicht wirklich gewöhnt. Vielmehr lernt man, sie zu bewältigen. Sie zeigt auf den Bus, der in etwa so tot aussieht, wie es für ein Fahrzeug möglich ist, und sagt, dass er genutzt wurde, um Minenarbeiter zu transportieren. Seit er hier zurückgelassen wurde, diente er als Bar – ein Ort zum Feiern in einem flachen, von Natrium und Gips gebleichten Tal. Vielleicht war die Bewältigungsstrategie einiger Leute Hedonismus, aber der Gedanke an einen Kater in dieser tödlichen Luft lässt mich vor Angst erschaudern.

„In der Atacama schmecken wir Unendlichkeit“

Mit mächtigen Dünen im Stil der Sahara hat die Atacama-Wüste nichts zu tun. Sie ist felsiger, öder, gemeiner. Und auf seltsame und schreckliche Art wunderschön. Um den Bus herum sieht die Landschaft beinahe festlich aus, fast alle Oberflächen sind wie mit Schnee bestäubt. Dies ist Salzgestein, ein Überbleibsel des Salzwassers, das vor Ewigkeiten von Sonne und Wind in den Äther getragen wurde. Über uns hängt der erbarmungslose Himmel: undurchlässig, blau, tödlich. Als wir die Straße verließen, um hierher zu gelangen, bemerkte ich auf dem Boden den Schädel und die Wirbelsäule eines unglückseligen Guanaco (ein Tier, das so ähnlich aussieht wie ein Lama, aber mit dem Kamel verwandt ist). Es war völlig ausgebleicht und sah aus, als würde es wie Asche wegwehen.

Woanders zeigt mir Lily eine Felswand mit langen Zacken aus reinem Natrium, die aussieht wie ein Bild aus einem Fantasyroman. Hier, auf 1980 Metern über dem Meeresspiegel, findet man Salz, wo man Erde erwarten würde, Schwefel anstelle von Schnee, Lithium und auch Kupfer – Leben scheint hier nicht willkommen. Die Atacama macht seltsame Dinge mit Körper und Seele, genau wie mit Land und Luft. Meine Fremdenführerin erzählt mir, dass Minenarbeiter einer nahen Salzmine Stimmen hörten, während sie an salzhaltigen Felswänden arbeiteten. Sie waren so überzeugt, dass eine Art Geist sie beobachtete, dass sie jede Nacht Opfergaben zurückließen. Während wir nahe einer dieser alten Gruben stehen, schweigen Lily und ich und hören zu, wie die Erde ächzt und zerspringt. Sie murrt wie ein unglücklicher Gletscher.

Dieselben Geräusche hörte der chilenische Politiker und Dichter Pablo Neruda während seines Aufenthalts in der Atacama Mitte des 20. Jahrhunderts. „Ich zitterte in diesen Einöden, als ich die Stimme des Salzes in der Wüste hörte“, schrieb er in dem Gedicht „Ode an das Salz“. Neruda beschrieb den Weg des Minerals von der Mine zum Tisch. Aber die Zeile, die mich besonders berührt, während ich in der weiten, schonungslosen Atacama stehe, ist die letzte: „In ihr schmecken wir Unendlichkeit.“

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