Die Klapperschlange und der Bär

Zu Fuß und per Anhalter von Toronto auf die Bruce-Halbinsel: Auf der ersten Etappe meiner Reise begegneten mir Klapperschlangen und unausgeschlafene Schwarzbären.

Vier Monate, 5000 Kilometer per Anhalter und 1000 Kilometer zu Fuß durch Kanada: Einen Sommer lang wanderte und trampte ich von Toronto nach Vancouver. Der Weg war das Ziel – und die Menschen, die mir auf dieser Reise begegneten. Ich traf gottesfürchtige Lkw-Fahrer, besorgte Großeltern und geflüchtete Scharfschützen. Meine Wanderungen führten mich über schneebedeckte Gipfel in den Rocky Mountains, entlang einsamer Kiesstrände an den Großen Seen und durch dichte Regenwälder auf Vancouver Island.

Zwei dunkle Augen starrten mich an. Wenige Zentimeter neben meinem Fuß lag eine Klapperschlange. Auf dem dunklen Waldboden war das Tier kaum zu erkennen. Die Schlange rührte sich nicht. Ich blieb wie angewurzelt stehen. Minutenlang starrten wir uns an. Immer wieder schoss ihre Zunge aus dem breiten Maul, das zu einem sadistischen Grinsen geformt war.

Rückblende: Zum letzten Mal zog ich die verblichene Holztüre des alten Reihenhauses hinter mir zu. Wie immer klemmte die Türe. Ich schloss ab und warf den Schlüssel in den Briefkasten. Acht Monate hatte ich in dem alten dreigeschossigen Haus mit sechs anderen Studenten in Guelph, einer kleinen Stadt in der Nähe von Toronto, gewohnt. Nach dem Auslandsstudium wollte ich reisen. Mit meinem 35 Kilo schweren Rucksack stellte ich mich an die Straße und hoffte, mitgenommen zu werden.

Die erste Etappe meiner Reise, führte mich von Guelph auf die Bruce-Halbinsel. Die Landzunge liegt am Huronsee, einer der fünf Großen Seen an der kanadisch-amerikanischen Grenze zwischen Ontario und Michigan. Hier wanderte ich die letzten 165 Kilometer des Bruce Trails - während die letzten Eisschollen auf dem Huronsee in der Frühlingssonne schmolzen und die ersten Schwarzbären aus der Winterruhe erwachten.

Der Bruce Trail ist der älteste und längste Wanderweg in Kanada. Seine 885 Kilometer führen von den Niagarafällen bis an die Nordspitze der Bruce-Halbinsel. Der letzte Abschnitt des Trails führt am Ufer der Georgian Bay entlang. Durch lichte Mischwälder wanderte ich vorbei an einsamen Buchten und steilen Felsklippen, die sich hoch über dem strahlend blauen Wasser auftürmen.

In der ersten Nacht schlug ich mein Zelt direkt an einer Klippenkante auf, mit Blick auf eine ruhige Bucht. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit – die Felsen waren noch warm von der Mittagssonne – tauchte am unteren Klippenrand ein Schwarzbär auf. Langsam lief das massige Tier durch den Morast, die Nase tief am Boden.

Ich musste an John Borad denken, einem alten Kanadier. Er hatte mich gestern in seinem rostigen Chevrolet mitgenommen und mir seine Bootshütte als Unterschlupf angeboten. “’Tis time a year, there ain’t be no bears“, du wirst keine Bären sehen, beruhigte er mich. Bis Mai seien Bären in der Winterruhe, da war John sich sicher. Anscheinend war dieser Bär ein Frühaufsteher. Glücklicherweise verschwand der Bär bald in einem kleinen Wäldchen und ich legte mich schlafen.

Die nächsten zwei Tage meiner Wanderung führten immer wieder durch grüne Wälder, vorbei an bizarren Felsformationen und an langgezogenen Kiesstränden. In unregelmäßigen Abständen lief ich an kleinen Ortschaften vorbei. Sahen die Leute mich mit dem großen Rucksack, fragten sie interessiert nach dem Weg, verrieten die Wetterprognose und gaben reichlich Tipps, wie ich mich verhalten sollte, wenn ich einem Bären begegne. „Don’t run!“, nicht wegrennen, schien wohl das Wichtigste zu sein. Bärenspray wäre auch keine schlechte Idee gewesen.

Am vierten Tag trat ich beinahe auf eine Klapperschlange. Es war ein kühler Vormittag, als ich durch ein sumpfiges Wäldchen wanderte. Plötzlich starrten mich zwei Augen vom Waldboden an. Quer auf dem Weg lag eine rund 40 Zentimeter lange Schlange, keine Handbreit von dem Platz entfernt, wo vor wenigen Sekunden mein Fuß gestanden hatte. Dunkle Flecken zeichneten sich auf ihrem braunen Rücken ab, blitzschnell schoss ihre Zunge aus dem Maul.

Die Schlange bewegte sich nicht und blieb liegen, als ich mich näherte. Auf der Bruce-Halbinsel lebt die Massassauga, eine bis zu 50 Zentimeter lange Zwergklapperschlange. Das Gift der Schlange verursacht Gewebszerstörungen, inneren Blutungen und Schwellungen und kann im schlimmsten Fall tödlich enden. Warum die Schlange ruhig liegen blieb, war mir ein Rätsel. Der Tag hatte mit warmem Sonnenschein begonnen, bevor kalter Regen die Luft abkühlte. Vielleicht war die Schlange durch den Temperatursturz der letzten halben Stunde überrascht worden und konnte sich nun nicht mehr bewegen.

Am Nachmittag des vierten Tages, begegneten mir die ersten Wanderer auf meiner Tour. Scott und Johann waren Studenten am Royal Military College of Canada, der kanadischen Militärakademie. „Irgendwelche Probleme auf dem Weg?“, fragte Scott. „Ich habe einen Schwarzbär gesehen und bin beinahe auf eine Klapperschlange getreten“, antwortete ich. „Business as usual“ sagte Johann, alles wie üblich. Die Beiden schienen nicht sonderlich beeindruckt. Mir saß der Schreck von der Begegnung mit der Klapperschlange noch immer in den Knochen.

Zwei Tage später erreichte ich Tobermory, ein kleines Städtchen am Nordzipfel der Bruce-Halbinsel. Die Restaurant und Geschäfte hatten für die Saison noch nicht geöffnet, ruhig und verlassen lag der kleine Hafen im Abendlicht. Von Tobermory fuhren die Fähren nach Manitoulin Island. Von dort wollte ich weiter Richtung Westen trampen. In den vergangenen sieben Tagen war ich 165 Kilometer gewandert, ich freute mich auf ein wenig Erholung und menschlichen Kontakt.

Am letzten Abend der Wanderung ließ ich meine Füße erschöpft über der Kaimauer im Hafen baumeln und sah der Sonne beim Untergehen zu. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass ich zwei Tage später mit einem geflohenen Scharfschützen mitfahren würde.

„Kanada per Anhalter“ ist die zweite Reise des Autoren Merlin Gröber. Nach dem Zivildienst wanderte und trampte der 25-Jährige eineinhalb Jahre lang durch Kanada, die USA und Neuseeland. Heute studiert Merlin Gröber Geschichte und Ethnologie an der Universität Freiburg. Die nächste Tour soll vom Nordkap bis nach Sizilien führen - zu Fuß, auf dem Fernwanderweg E1.

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