So schön und so gefährdet: aus dem Leben eines Seepferdchens

Seepferdchen gehören mit ihrer grazilen Gestalt zu den faszinierendsten Geschöpfen des Meeres. Doch ihr Bestand ist gefährdet.

Von Jennifer S. Holland
Veröffentlicht am 27. Apr. 2022, 09:58 MESZ
Seepferdchen gehören mit ihrer grazilen Gestalt zu den faszinierendsten Geschöpfen des Meeres. Doch ihr Bestand ist ...

Seepferdchen gehören mit ihrer grazilen Gestalt zu den faszinierendsten Geschöpfen des Meeres. Doch ihr Bestand ist gefährdet.

Foto von David Clode / Unsplash.com

Miguel Correia zeigt mit dem Finger auf den Meeresboden. Ich schaue genauer hin. Sand. Algen. Steine. Eine Spirale aus Seegurkenexkrement. Dann sehe ich es, versteckt im Seetang: ein siebeneinhalb Zentimeter langes Langschnäuziges Seepferdchen (Hippocampus guttulatus), schmutzig gelb mit schwarzen Flecken und einer Mähne aus Hautfäden. Später entdecke ich noch seinen kurzschnäuzigen Vetter (Hippocampus hippocampus), das zweite Seepferdchen, das hier in der Ria Formosa, einer Küstenlagune in Portugal, heimisch ist. Verschiedene Formen der sagenumwobenen kleinen Fische finden sich in den Küstengewässern aller Kontinente mit Ausnahme der Antarktis. Weltweit sind in der Wissenschaft 46 Arten bekannt, die kleinste nicht größer als eine Limabohne, die größte mit den Abmessungen eines Baseballhandschuhs. Die Zahl wird vermutlich noch steigen: Allein in den letzten zehn Jahren wurden vier neue Arten benannt.

Gefährdete Art: Bestand an Seepferdchen ist um bis zu 90 Prozent zurückgegangen

Vor nicht allzu langer Zeit lebten in der Ria Formosa in der südportugiesischen Algarveregion noch bis zu zwei Millionen Seepferdchen, sagt Correia, Biologe am Zentrum für Meeresforschung der Universität der Algarve. Zusammen mit Kollegen züchtete und studierte er die Tiere in einer Forschungseinrichtung an der Küste. Sie mussten mit ansehen, wie die Bestände beider Arten rapide schrumpften. „In weniger als 20 Jahren haben wir bis zu 90 Prozent verloren“, sagt er. Dieser Rückgang scheint weit verbreitet zu sein. Zum Teil liegt das daran, dass Seepferdchen in den am stärksten belasteten Meereslebensräumen der Welt zu Hause sind, etwa in Flussmündungsgebieten, Mangrovenwäldern, Seegrasfeldern und Korallenriffen.

In der Ria Formosa zerstören menschliche Aktivitäten in der Lagune – von der Muschelzucht bis zur verbotenen Schleppnetzfischerei – die Seegraswiesen, die die Seepferdchen bevorzugen. Weltweit leiden die Bestände am meisten unter der nicht regulierten Fischerei. Sie sind Beifang vom Meeresboden, ein zufälliges Nebenprodukt der Fischerei mit Schleppnetzen und ähnlichen Gerätschaften. Weltweit verkauft man sie als Nippes oder Zutat der traditionellen chinesischen Medizin. Eine weit geringere Menge geht lebend in den Aquarienhandel, vor allem in die Vereinigten Staaten. Seepferdchen bestehen aus einer fantastischen Mischung von Merkmalen, die aussehen, als seien sie von anderen Tieren entliehen: Am Pferdekopf befinden sich die unabhängig beweglichen Augen und die Tarnung eines Chamäleons. Der Beutel stammt vom Känguru, der Greifschwanz vom Affen. Die Farben von Hippocampi können mit denen in einer Buntstiftschachtel mithalten, dazu bieten sie eine Vielzahl von Höckern und Vertiefungen, Streifen und Flecken, Stacheln und fadenartigen Hautauswüchsen. Statt Schuppen haben sie Knochenplatten.

Seepferdchen gibt es in den unterschiedlichsten Farben. Ihr einzigartiges Äußeres macht sie zu einem beliebten Objekt für Sammler. Die größte Gefahr für den Bestand geht jedoch von der Fischerei und der Zerstörung von Lebensräumen aus.

Foto von David Clode / Unsplash.com

In Ermangelung eines Magens, der Nahrung speichern könnte, fressen sie fast ununterbrochen Ruderfußkrebse, Garnelen, Fischlarven und andere winzige Leckerbissen. Auf ihre Art sind sie auch Tänzer. Während der Paarwerbung steigt und sinkt ein Paar von Angesicht zu Angesicht im Wasser und kommuniziert dabei mittels Farbveränderungen und verschlungenen Schwänzen. Ein solcher Tango kann Tage dauern. Das Paar bleibt dann für die ganze Saison zusammen. Und noch eine Besonderheit: Das Männchen wird vom Weibchen befruchtet – eine Laune der Evolution, die es nur bei den Seepferdchen und ihren engsten Verwandten gibt. Über eine Körperöffnung, die als Eiablageapparat bezeichnet wird, legt sie ihre dotterreichen Eizellen in seiner Bauchtasche ab. Einige Wochen später durchleidet das aufgedunsene Männchen die Wehenkrämpfe und stößt je nach Spezies und Größe einige Dutzend bis mehrere Tausend Junge in die Strömung aus. Die treiben eine Zeit lang im Wasser und werden dann sesshaft; nur wenige von ihnen können in diesen ersten Tagen ihren natürlichen Feinden entgehen. Muss sich ein Seepferdchen von einem Ort zum anderen bewegen, schwimmt es aufrecht, wobei die Rückenflosse hektisch mit bis zu 70 Schlägen in der Sekunde flattert, während die beiden Brustflossen der Steuerung dienen. Um an Ort und Stelle zu bleiben, greift es mit dem biegsamen Schwanz nach Seegraskorallen oder anderen festen Gegenständen am Meeresboden. Dort ist das Seepferdchen mit seiner hervorragenden Tarnung so gut wie unsichtbar.

Handel und Fischerei bedrohen Seepferdchen-Population

Die Internationale Naturschutzunion führt auf ihrer Roten Liste der gefährdeten Arten sämtliche Formen von Hippocampi. Bei vielen mangelt es an Daten. „Über die große Mehrzahl der Arten wissen wir außer der systematischen Einordnung und einer grundlegenden Beschreibung so gut wie nichts“, sagt Amanda Vincent, Meeresbiologin an der University of British Columbia (UBC). Vincent leitet das Project Seahorse, ein gemeinsames Naturschutzprojekt der UBC und der Zoological Society in London. Diese Wissenslücken sind bei einem Fisch, der so ausgebeutet wird, besonders problematisch. Nach Schätzungen von Project Seahorse werden durch kommerzielle Fischerei jährlich bis zu 76 Millionen Seepferdchen gefangen. „Früher haben die Fischer sie wieder ins Meer geworfen“, meint Healy Hamilton, leitende Wissenschaftlerin der in Virginia ansässigen Naturschutzgruppe NatureServe. „Heute sieht man vielerorts einen Kunden am Anleger stehen, der nur darauf wartet, sie mitzunehmen.“

Am verheerendsten für die Populationen ist der Beifang, erklärt Sarah Foster, Programmmanagerin beim Project Seahorse. Nachdem 2004 neue Vorschriften nach dem Washingtoner Artenschutzabkommen CITES erlassen worden waren, hätten sich die Exporte weltweit eigentlich in Richtung Nachhaltigkeit bewegen sollen. „Leider sieht es aber so aus, als wäre der Handel mit getrockneten Seepferdchen zum größten Teil in den Untergrund gegangen“, sagt Vincent. Immerhin, der Handel mit lebenden Tieren greift heute stärker auf Zucht in der Gefangenschaft zurück, sodass der Druck auf die Wildbestände sinkt. Der mit Abstand größte Seepferdchen-Importeur ist Hongkong; große Mengen gehen auch an Taiwan und in die Volksrepublik China. Das liegt vor allem an ihrer Verwendung in der traditionellen Medizin. Getrocknete Seepferdchen sollen die Manneskraft steigern, Entzündungen entgegenwirken und alle möglichen Krankheiten heilen – vom Asthma bis zur Inkontinenz.

Der Seedrache ist verwandt mit den Seepferdchen. Beide gehören zur Familie der Seenadeln, die insgesamt 295 bekannte Arten umfasst.

Foto von Jeremy Bezanger / Unsplash.com

In einem Lagerhaus der California Academy of Science durchstöberte Hamilton Kisten voller zerbrechlicher Skelette, die auf dem Internationalen Flughafen von San Francisco beschlagnahmt worden waren: Hunderte, vielleicht Tausende von Fischen, „und die sind nur das, was an einem einzigen Flughafen abgefangen wurde“, erzählte sie mir. Auf der Positivseite steht, dass die portugiesische Regierung im Jahr 2020 in der Ria Formosa zwei kleine Meeresschutzgebiete als Rückzugsort für Seepferdchen ausgewiesen hat. Eine gute Nachricht. Doch wenn wir die Zahl der Seepferdchen konstant halten wollen, liegt der Schlüssel nach Ansicht von Experten in einer Fischereiwirtschaft, in der der Einsatz von Grundschleppnetzen stark eingeschränkt oder sogar verboten wird.

Die Marktnachfrage muss laut Foster kein Todesurteil für Hippocampi sein – „vorausgesetzt, wir wenden die CITES-Regeln bestimmungsgemäß an, damit ein nachhaltiger legaler Handel betrieben werden kann“. Die Nachfrage nach Seepferdchenprodukten könnte in Asien von selbst sinken. „Jüngere, progressiv eingestellte Menschen verwenden Wildtiere nicht mehr auf die traditionelle Weise“, sagt Foster. Letztlich, meint sie, haben traditionelle Mediziner das gleiche Ziel wie Naturschützer. „Am Ende haben wir alle einen Anreiz, zu verhindern, dass die Seepferdchen verschwinden.“ Auf keinen Fall könnten die Tiere im heutigen Ausmaß nachhaltig genutzt werden, sagt Healy Hamilton, während sie von einem erhöhten Sitz aus die Regale des Lagerhauses überblickt. „Eines müssen die Menschen wissen: Wir sind auf dem Weg in eine Welt, in der zu viele dieser außergewöhnlichen Fische fehlen werden.“

Die April 2022-Ausgabe des NATIONAL GEOGRAPHIC Magazins ist seit 25. März im Handel erhältlich.

Foto von National Geographic

Dieser Artikel erschien in voller Länge im NATIONAL GEOGRAPHIC Magazin 4/22. Verpassen Sie keine Ausgabe mehr: Sichern Sie sich die nächsten 2 Ausgaben zum Sonderpreis!

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