Artenschutz triumphiert: Die bedrohteste Katzenart der Welt kehrt zurück

Vor zwanzig Jahren waren die Pardelluchse nahezu ausgestorben. Heute erholt sich der Bestand und das hat mehrere Gründe.

Von Christine Dell’Amore
Veröffentlicht am 25. Mai 2022, 12:27 MESZ
Ein Luchs zeigt sich im Gebüsch der Sierra de Andújar. Der Naturpark im Süden Spaniens ist ...

Ein Luchs zeigt sich im Gebüsch der Sierra de Andújar. Der Naturpark im Süden Spaniens ist eine Hochburg der Spezies. Die Luchse, die liebevoll auch als „iberische Juwelen“ bezeichnet werden, leben in fünf isolierten Populationen.

Foto von Sergio Marijuán

Nicht einmal mehr 100 dieser Raubkatzen mit dem kurzen Schwanz und den goldenen Augen schlichen 2002 durch die mediterranen Strauchlandschaften der Iberischen Halbinsel. Seither hat sich der Bestand verzehnfacht: Heute verteilen sich mindestens 1100 Pardelluchse über Spanien und Portugal. Die Wende hat mehrere Ursachen: Man unternahm umfassende Anstrengungen, die Katzen in Gefangenschaft zu züchten, der Luchs wurde als Naturerbe anerkannt, und der Kampfgeist der Tiere war sogar für Naturforscher eine Überraschung.

Als die Europäische Union 2002 das Life-Programm initiierte und mehr als 20 Organisationen zur Rettung der Luchse ins Boot holte, war die Spezies fast verschwunden. Die Jagd sowie ein Virus hatten auf der Halbinsel die meisten Wildkaninchen ausgerottet, die wichtigsten Beutetiere der Luchse. Aber Luchse pflanzen sich in Gefangenschaft leicht fort, und den meisten Tieren, die schließlich in sorgfältig ausgewählten Lebensräumen in Spanien und Portugal ausgewildert wurden, ging es anschließend gut.

Artenschutz: Trotz der Erfolge ist die Gefahr noch nicht gebannt

Eine der wichtigsten Auswilderungsregionen liegt im Naturpark Sierra de Andújar in Südspanien; hier haben die Pardelluchse sogar gelernt, in Wohnvierteln, kommerziellen Olivenplantagen und in der Nähe von Autobahnen zu leben – wobei sie den Menschen meist aus dem Weg gehen. Einer Luchsmutter gelang es sogar, ihre neugeborenen Jungen in einem Haus zu verstecken, dessen Bewohner gerade eine Party feierten. 2015 konnte die Internationale Naturschutzunion (IUCN) den Status der Luchse ändern: Sie galten nicht mehr als „vom Aussterben bedroht“, sondern nur noch als „stark gefährdet“.

Milvus, ein Luchs mit Funkhalsband, springt über den Zaun eines Kaninchenforschungszentrums des WWF in der östlichen Sierra Morena. Später setzten Mitarbeitende den Zaun unter Strom, um „vorwitzige“ Luchse, wie Fotograf Sergio Marijuán sie nennt, fernzuhalten. Ein Luchs muss jeden Tag ein Kaninchen fressen; eine Mutter mit Jungen braucht drei.

„Der Luchs ist ein Symbol für die Natur der Iberischen Halbinsel, und ihn zu schützen, war eine Aufgabe für uns alle. Dank der Arbeit der letzten 20 Jahre ist er heute auch weltweit eines der großartigsten Beispiele für erfolgreichen Naturschutz“, sagt Francisco Javier Salcedo Ortiz, der regionale Koordinator für die Erholung der Pardelluchse in Andalusien. Aber noch ist die Gefahr für die Katzen nicht gebannt. Ihr gut 3000 Quadratkilometer großes Revier ist ein Flickenteppich mit fünf – und bald sieben – isolierten Gruppen. Damit die Bestände sich vollständig erholen können, müssen die Pardelluchse von einer Gruppe zur anderen wechseln können. Nur so bleibt der Genpool vielfältig und die Gesundheit der Spezies langfristig gesichert.

Deshalb wird sich das Life-Programm in seiner nächsten Arbeitsphase – sie trägt den Namen Life LynxConnect und wurde 2020 ins Leben gerufen – auf die Schaffung von mindestens zehn Korridoren für Wildtiere konzentrieren. Die Gebiete, sogenannte „Trittsteine“, sind jeweils mindestens 15,5 Quadratkilometer groß und bieten Kaninchen Lebensräume. Grundlage für die Auswahl dieser Lebensräume waren Prognosen darüber, welche Wege die Luchse mit der größten Wahrscheinlichkeit einschlagen würden. In diesem Jahr werden die Beteiligten des 20 Millionen Euro teuren Projekts und ihre Partner die ersten Trittsteine einrichten und die Luchse in zwei weiteren spanischen Regionen bei Granada und Murcia wieder ansiedeln. Im Idealfall werden solche Eingriffe dazu führen, dass die Anzahl fortpflanzungsfähiger Weibchen bis Ende 2040 wieder bei 750 liegt; wenn es so weit ist, wäre die Spezies nach Angaben von Salcedo viel weniger stark vom Aussterben bedroht.

Auf einem aufgegebenen Bauernhof spielen Jungtiere mit den Resten eines Kaninchens. Odrina, ihre Mutter (ganz rechts), sieht zu. Forscher benennen die meisten Luchsbabys nach Gestalten aus der spanischen Natur und Folklore.

Aufklärung und Unterführungen retten das „iberische Juwel“

Mitte des 20. Jahrhunderts bezeichnete der bekannte spanische Fernsehmoderator und Naturforscher Félix Rodríguez de la Fuente den Luchs als „iberisches Juwel“. Die Begeisterung der Öffentlichkeit für die Katzen trug dazu bei, dass Behörden, gemeinnützige Organisationen und Privatpersonen sich bei der EU erfolgreich dafür einsetzten, die Erholung der Luchsbestände zu finanzieren. Mit bisher mehr als 84 Millionen Euro ist es in Europa eine der größten Naturschutzinvestitionen aller Zeiten.

„Wenn man die Leute in Madrid fragt, würden sie immer sagen, dass sie stolz auf den Luchs sind“, sagt Nuria El Khadir Palomo, Verwaltungsdirektorin der in Madrid ansässigen Stiftung für den Schutz der Biodiversität und ihrer Lebensräume, die als Projektpartner am Projekt LynxConnect beteiligt ist. Die Katzen sind bei Jägern und Grundbesitzern durchaus beliebt; manche betrachten sie allerdings auch als Schädlinge. Gelegentlich werden Luchse sogar vergiftet oder in Fallen gefangen, weil sie angeblich den Viehbeständen schaden. Für fast 25 Prozent der jährlichen Todesfälle unter den Luchsen der Halbinsel ist illegale Tötung verantwortlich; nach Zusammenstößen mit Autos ist dies die zweithäufigste unnatürliche Todesursache für die Tiere.

Die Jagd hat in Südspanien tiefe Wurzeln; früher wurden Luchse aus sportlichen Gründen getötet, weil die Jäger sie als Konkurrenten bei der Jagd nach ihrer Lieblingsbeute betrachteten: den Wildkaninchen. Deswegen sei Aufklärung „das beste Mittel, um den Luchsbestand zu stärken“, sagt Maribel García Tardío. Sie ist die leitende Technikerin im Projekt für die Erholung der Pardelluchse in Andalusien. Ihre Kollegen und sie treffen sich regelmäßig mit Grundbesitzern und Jägern; sie erklären, dass Luchse nur sehr selten Lämmer und andere größere Haustiere töten; dass sie dafür aber Rotfüchse und andere Fleischfresser verdrängen, die sich viel häufiger über solche Tiere hermachen. Diese Offensive hat sich ausgezahlt. Viele Grundbesitzer machen heute touristische Angebote und bieten Besuchern die Chance, die Raubkatzen in freier Wildbahn zu sehen.

Daneben arbeiten Naturschützer daran, die Zahl der Zusammenstöße mit Autos zu verringern: In Gegenden, in denen häufig Luchse angefahren werden, richten sie Straßenunterführungen für Wildtiere ein, stellen Warnschilder auf und installieren Fahrbahnhöcker. Die Katzen lernen sehr schnell, die Unterführungen zu nutzen. Nach Angaben von García Tardio zeigen die Daten, dass solche Eingriffe die Zahl der tödlichen Unfälle verringert haben. Aber da die Luchse ihre Reviere ausweiten und immer zahlreicher werden, dürften Verkehrsunfälle nach ihrer Ansicht dennoch zu einem immer größeren Problem werden.

Wildtierunterführungen tragen dazu bei, dass die Luchse sich ungefährdet bewegen können. Forschende waren überrascht, dass die Tiere lernten, in der Nähe von Menschen zu leben, etwa in Wohnvierteln und Olivenplantagen – wobei sie sich meist verborgen halten.

Kleinkatzen endlich im Fokus

Außerdem, so Salcedo, herrscht die Befürchtung, dass ein weiteres Kaninchenvirus auftreten könnte – auch das ein Grund, warum es wichtig ist, dass die Populationen der Tiere weit verbreitet sind und untereinander in Verbindung stehen. Bisher sind aber die vereinzelten, isolierten Gruppen die größte Gefahr für die Erholung der Spezies. Der Pardelluchs ist eine von 33 Arten kleiner Katzen, und die meisten davon sind gefährdet oder vom Aussterben bedroht. Diese Tiere standen lange im Schatten ihrer größeren, berühmteren Vettern wie Löwen und Tiger, aber in jüngster Zeit, so erklärt Jim Sanderson, werden die wenig bekannten Kleinkatzen stärker zur Kenntnis genommen.

Sanderson leite das Programm für den Schutz kleiner Katzen bei Re:wild und gehört bei der IUCN zur Katzen-Arbeitsgruppe, die mit Geld und Beratung die Rettungsbemühungen für die Pardelluchse unterstützt hat. Laut Sanderson war 2020 „das beste Jahr aller Zeiten für den Schutz der kleinen Katzen. Es war, als hätten wir einen Kipppunkt erreicht, und ganz plötzlich traten finanzstarke Partner auf den Plan.“ Unter anderem betreibt die in den Vereinigten Staaten ansässige gemeinnützige Organisation Panthera ein Programm für Kleinkatzen, und die Zahl der informellen Arbeitsgruppen, die sich weltweit dem Schutz der kleinen Katzen verschrieben haben, ist nach Sandersons Worten von zwei auf zwölf gestiegen.

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