Gefährliche Wanderung: Die erstaunliche Reise der Monarchfalter 

5000 Kilometer südwärts – und im folgenden Frühjahr wieder zurück: Nordamerikanische Monarchfalter führen über mehrere Generationen eine der gefährlichsten und erstaunlichsten Tierwanderungen unseres Planeten durch.

Von Jaime Rojo
Veröffentlicht am 16. Jan. 2024, 13:25 MEZ
Monarchfalter

Monarchfalter wirbeln zwischen den Bäumen von El Rosario umher, einem Schutzgebiet im Biosphärenreservat Mariposa Monarca in Michoacán, Mexiko. Die wandernden Schmetterlinge überwintern in denselben Wäldern aus Oyameltannen wie ihre Vorfahren.

Foto von Jaime Rojo

Über seinen improvisierten Labortisch gebeugt, klemmt er die leuchtenden Flügel des Schmetterlings geschickt zwischen Daumen und Zeigefinger, während er mit einem kleinen Stück Sandpapier über dessen Rücken fährt und ein paar winzige Härchen entfernt. Green und seine Forscherkollegen haben sich vorübergehend in einer der zahlreichen Jagdhütten der Gegend einquartiert. An den Wänden hängen ausgestopfte Köpfe heimischer und exotischer Jagdtiere. Der Professor für Ökologie und Evolutionsbiologie an der University of Michigan sowie NATIONALGEOGRAPHIC-Explorer hat jedoch nur Augen für die drei Dutzend heute gefangenen Monarchfalter. Er trägt einen Tropfen Epoxidharz zwischen den Flügeln des Schmetterlings in seiner Hand auf und befestigt einen maßgefertigten Sensor: einen Stapel Computerchips, der von einem Minisolarmodul betriebenen wird und weniger wiegt als drei Reiskörner. Green und seiner Mitstreiter erwarten, dass die so ausgestatteten Monarchfalter die Sensoren 1300 Kilometer südwärts in die zentralmexikanischen Berge transportieren werden.

​Den Faltern auf der Spur: Wissenschaftliche Expedition durch Mexiko

In ein paar Wochen werden die Forscher ihnen nach Mexiko folgen und versuchen, die von den Sensorantennen gesendeten Signale aufzufangen. Falls sie einen oder gar mehrere der Schmetterlinge wieder einfangen können, bekämen sie sogar die unterwegs erfassten Licht- und Temperaturdaten und könnten so die Route des betreffenden Falters kartieren. Wie andere Monarchfalter-Forschungsprojekte in Nordamerika wird auch dieses von engagierten freiwilligen Helfern unterstützt. Als Greens Kollegen feststellten, dass Fahrradfahrer und wandernde Monarchfalter sich etwa im selben Tempo fortbewegen, rekrutierten sie Freiwillige für mehrtägige Fahrradtouren, um die Genauigkeit der Sensoren zu überprüfen.

In Laborexperimenten bestätigte André Green zudem, dass die Messfühler nicht das Flugvermögen der Schmetterlinge beeinträchtigen. Jetzt steht die neue Technologie vor ihrer ersten Erprobung im Freiland. Als es kühler wird, trägt Green den Schmetterlingskäfig ins Freie und bahnt sich einen Weg hügelabwärts zu dem Pekannusswäldchen unterhalb der Hütte. Neben einem Bach wirbeln dort Hunderte Monarchfalter durch das schwindende Sonnenlicht. Einen nach dem anderen sensorbestückten Falter nimmt Green aus dem Käfig und setzt sie wie gläsernen Christbaumschmuck vorsichtig auf die herabhängenden Zweige. Wenn alles gutgeht, werden sie morgen früh gen Süden weiterziehen.

​Schwindender Lebensraum: Bedrohte Monarchfalter

Was Green und seine Kollegen derart fasziniert, ist eine der gewaltigsten und gefährlichsten Tierwanderungen der Erde. Obwohl Monarchfalter in der ganzen Welt vorkommen, etwa in Südamerika, der Karibik und Australien, auch in Spanien, Portugal und Südfrankreich, nehmen die nordamerikanischen Vertreter wegen ihrer besonders anspruchsvollen saisonalen Wanderungen eine Sonderstellung ein. Jeden Herbst begeben sich Monarchfalter aus dem Norden der USA und dem Süden Kanadas auf eine 5000 Kilometer lange Wanderroute gen Süden, die nur ihren Vorgängergenerationen bekannt war. Die Überlebenden versammeln sich in Zentralmexiko, wo sie den Winter in denselben Tannenwäldern verbringen, die im Vorjahr bereits ihren Großeltern und Urgroßeltern Schutz boten.

Dieser jährliche Ultramarathon – und die kürzere Wanderung der westlichen Monarchfalter-Population entlang der nordamerikanischen Pazifikküste – ist trotz jahrzehntelanger Forschungsarbeit nur in Teilen erforscht. Für die Tiere wird sie immer gefährlicher. Als Folge von Klimawandel und Habitatverlust sind Monarchfalter auf beiden Wanderstrecken immer stärker durch Extremwetter und schwindende Nektarquellen bedroht. Gleichzeitig mindert das knappe Angebot an Seidenpflanzen, die die Monarchen nach der Paarung zur Eiablage und als Nahrung für die Raupen benötigen, ihren Gesamtbestand. Die Aussichten für nordamerikanische Monarchfalter gelten momentan als derart schlecht, dass die Weltnaturschutzunion IUCN beide Populationen als gefährdet eingestuft hat. Nun wird geprüft, ob sie auch im Rahmen des U.S. Endangered Species Act (ESA) geschützt werden sollen.

National Geographic Magazin 1/24.

Foto von National Geographic

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