Anstieg des Meeresspiegels wird schon bald Hunderte Städte überschwemmen

Viele Küstenorte in den USA werden in den kommenden Jahrzehnten mit Überflutungen zu kämpfen haben. Donnerstag, 9. November 2017

Üblicherweise wecken Debatten über den Anstieg des Meeresspiegels durch die globale Erwärmung allerhöchstens entfernte Zukunftsängste. Ein Blick in den Süden Floridas scheint das zu bestätigen: Dort wird fleißig gebaut. Aber schon heute haben mehr als 90 Städte und Gemeinden an den Küsten der USA mit „chronischen Überschwemmungen“ zu kämpfen – also der Art von Überschwemmung, die in einem Ausmaß nicht mehr beherrschbar ist, dass Leute deshalb wegziehen.

In weniger als 20 Jahren wird sich die Zahl dieser Städte Erwartungen zufolge fast verdoppeln und auf 170 anwachsen.

Diese neuen Statistiken stammen aus einer umfassenden Kartierung der gesamten Küstenlinie der unteren 48 Staaten der USA. Und sie zeichnen ein besorgniserregendes Bild: Besonders für die Ostküste und die Golfküste könnte es schlimm werden. Dort befinden sich einige der am dichtesten besiedelten Gebiete des Landes.

Bis zum Ende des Jahrhunderts wird es von Maine bis nach Texas und an Teilen der Westküste chronische Überschwemmungen geben. Sie werden bis zu 670 Küstenstädte betreffen, darunter Cambridge in Massachusetts, Oakland in Kalifornien, Miami und St. Petersburg in Florida und vier oder fünf Stadtbezirke von New York City. Das Ausmaß der bevorstehenden Katastrophe ist so groß, dass man ihre Auswirkungen noch im Inland spüren wird.

Die Union of Concerned Scientists (dt. Verband besorgter Wissenschaftler) veröffentlichte ihren entsprechenden Bericht in der Fachzeitschrift „Elementa“. Sie haben erstmals die Anstiegsrate des Meeresspiegels für hunderte Küstenorte verzeichnet. In dem dazugehörigen Online-Feature kann man von der Vogelperspektive bis auf die Straßenebene heranzoomen, um sich ein Bild der Situation zu machen. Der Bericht enthält auch einen Zeitstrahl mit einer Vorhersage darüber, wann der Anstieg des Meeresspiegels welche Teile der Küstenorte unter Wasser setzen wird. Im Anschluss macht er einen Abstecher in die politisch und wirtschaftlich heikle Thematik der Lösungsvorschläge.

Die Optionen sind begrenzt, und alle sind teuer – ob man sich nun mit Barrieren auf eine wässrige Zukunft vorbereitet oder im Landesinneren ein neues Zuhause sucht.

WIE VIEL WASSER IST ZU VIEL?

Die Studie ist der neueste Beitrag in einer Reihe von Berichten zum Anstieg des Meeresspiegels, die der Wissenschaftsverband aus Cambridge in Massachusetts herausgegeben hat. Im vorigen Bericht aus dem letzten Jahr wurden die Risiken aufgeführt, welche der steigende Wasserstand für die Militärbasen des Landes birgt.

„Wir wussten, dass wir uns weit jenseits dessen bewegen würden, was bisher untersucht wurde. Aber dort hat uns die Wissenschaft hingeführt“, sagt Erika Spanger-Siegfried, eine der Hauptautorinnen des Berichts. „Wir haben begriffen, dass wir den Kommunen nützliche Lösungen anbieten müssen. Wir wollen, dass die Menschen das kommen sehen. Wir wollten ein Gefühl davon vermitteln, wie viel Zeit ihnen bleibt, bevor [die Überschwemmungen] nicht mehr vertretbar sind, und ihnen einen Überblick darüber verschaffen, wie sie darauf reagieren können.“

Das neue Küstenprojekt, so Spanger-Siegfried, begann mit mehreren praktischen Fragen:

Wie oft pro Jahr würden Anwohner die chronische Überschwemmung ihrer Viertel tolerieren? Wenn Salzwasser regelmäßig das Erdgeschoss der Häuser der Menschen oder ihre Autos beschädigte, wie oft müsste das passieren, bevor die Anwohner sich nach einem neuen Wohnort umsehen würden? Wie lange würde es dauern, bis sie es sich nicht mehr leisten könnten, ihre Häuser zu versichern oder zu verkaufen?

„Wir verzeichnen nicht den sogenannten ‚Badewannenansatz‘, der einfach den Anstieg des Meeresspiegels mit der Zeit berechnet. Mit anderen Worten: Wenn der Meeresspiegel um 30 Zentimeter ansteigt, wo wird sich das Meer dann jeden Tag bei Flut befinden?“, sagt Spanger-Siegfried. „Danach planen und leben die Leute ihr Leben nicht. Schon Jahrzehnte, bevor irgendetwas permanent überflutet ist, werden sie Entscheidungen darauf basierend treffen, was chronisch überschwemmt wird.“

Per Definition wird eine Ortschaft chronisch überflutet, wenn zehn Prozent oder mehr der Nutzfläche der Ortschaft 26 Mal im Jahr oder jede zweite Woche überschwemmt werden. Mehr als 90 Prozent der Orte, die so eine Überschwemmung bereits erleben, befinden sich in Louisiana und Maryland, wo die Bodenabsenkung die Auswirkungen des Meeresspiegelanstiegs noch verschlimmert hat. Das Leben hat sich an jenen Orten bereits verändert, an denen Gutachterkommissionen für Hochwasser normal sind und die Einwohner sich angewöhnt haben, tiefliegende Straße zu meiden.

Miami Beach, das als Ground Zero für den Anstieg des Meeresspiegels gilt, hat diese Zehn-Prozent-Schwelle noch nicht erreicht, obwohl die Stadt bei Flut bereits Überschwemmungen erlebt und 400 Millionen Dollar in den Neubau des Regenkanalsystems investiert hat. Ebenso geht man davon aus, dass Annapolis in Maryland – Standort der Marineakademie der USA – die Zehn-Prozent-Schwelle nicht erreichen wird. Trotzdem werden wichtige Teile der Stadt, darunter der Campus der Akademie und das Stadtzentrum, schon jetzt 40 Mal pro Jahr überschwemmt.

Mit der Zeit werden sich Fluten ausbreiten und die Küste von New Jersey, einen Teil des Pamlico Sound in North Carolina und das Flachland von South Carolina verschlingen.

MEHR GEBIETE BETROFFEN

Die Studie untersuchte drei Szenarien. Das „niedrige“ Szenario rechnet mit einer dramatischen Abnahme der CO2-Emissionen, sodass die globale Erwärmung auf 2 °C begrenzt wird. Das „mittlere“ Szenario rechnet damit, dass die Emissionen Mitte des Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreichen und global einen Meeresspiegelanstieg von etwa 1,2 Metern verursachen. Das „hohe“ Szenario verursacht bis 2100 durch das Schmelzen der Polkappen einen Anstieg von fast zwei Metern. Die Wissenschaftler halten das „hohe“ Szenario für immer wahrscheinlicher, da sich der Tauprozess der Eisdecke beschleunigt.

„Das ist ein deutlich kurzfristigeres und verbreiteteres Problem“, sagt Spanger-Siegfried. „Wir müssen anerkennen, dass wir uns am Beginn eines Jahrhunderts der Anpassung an die Klimaänderung befinden. Mit dem Anstieg des Meeresspiegels stehen unseren Küsten gewisse Veränderungen bevor, und damit auch einem großen Teil der Bevölkerung. Außerdem wird an den Küsten auch [ein Teil vom] Bruttoinlandsprodukt erwirtschaftet. Und wenn Gemeinden im zweistelligen Bereich zu Gemeinden im dreistelligen Bereich werden, werden wir nationale Ressourcen benötigen, um eine beherrschbare Entwicklung der Veränderungen zu ermöglichen.“

An der Westküste, die im Gegensatz zur Ostküste kein langes, flaches Riff vor der Küste hat, wird der Anstieg weniger dramatisch sein. Trotzdem werden laut dem Bericht Städte in dem Gebiet der Bucht von San Francisco bis 2060 überflutet werden.

Die Autoren behaupten, dass noch genug Zeit sei, um einen Teil der Überschwemmungen zu verhindern, wenn die Länder der Welt die Treibhausgasemissionen in Übereinstimmung mit dem Pariser Klimaschutzabkommen senken. Aber für Hunderte andere Städte wie Savannah, Georgia, New Orleans und Miami könnte es schon zu spät sein. Chronische Überschwemmungen können nur durch Anpassungsmaßnahmen wie Dämme, Wellenbrecher und andere Barrieren vermieden werden – oder durch einen Umzug.

Die Einbeziehung der letzten Option und anderer Möglichkeiten – darunter der Stopp von Bauprojekten entlang der gefährdeten Küstengebiete – unterscheidet diese Studie von anderen. Gemeindegruppen in Miami, Norfolk, Virginia und anderen gefährdeten Küstenorten machen bereits Pläne. Allerdings sind sie vorsichtig damit, die Glocken des Rückzugs zu früh zu läuten, damit die lokale Wirtschaft nicht schon Jahrzehnte im Voraus zusammenbricht.

Spanger-Siegfried hat Verständnis für das Dilemma. Ihr Team entschied sich dennoch, auch diese Optionen in der Studie zu besprechen, nachdem eine Expertin für den Klimawandel, die mit Gemeinden zusammenarbeitet, ihnen dazu geraten hatte. „Wenn ihr für die Kommunen etwas Nützliches tun wollt“, sagte sie, „sagt ihnen, wie viel Zeit ihnen zum Handeln bleibt.“

„Mit diesen Bericht“, so schreibt das Team, „tun wir genau das.“

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