Umwelt

Keine Kohle mehr

Noch immer entstehen neue Kohlekraftwerke. Ein Verein kämpft dafür, der Industrie die Deals zu vermiesen.Donnerstag, 22. August 2019

Von Julia Kopatzki
Heffa Schücking kämpft gegen umweltschädliche Projekte wie dieses Kohlekraftwerk.

Manchmal muss Heffa Schücking drohen. „Sind Sie sicher, dass Sie nicht mit uns reden wollen?“, fragt sie dann, meistens am Telefon. Es folgen ihre Argumente: „Die Fragen werden ihnen sowieso gestellt. Entweder jetzt von uns oder bald von der Presse oder sogar von Ihren Kunden.“ Das wirkt sehr oft. Schücking stellt ihre Fragen – unbequeme. Sie sollen erreichen, dass ein Unternehmen nicht in umweltschädliche Vorhaben investiert.

Als Heffa Schücking 1992 kurz vorm Abschluss ihres Biologiestudiums stand, schmiss sie hin. Statt die Welt im Kleinen zu studieren, wollte sie Großes leisten – und sie gründete „Urgewald“: einen Verein, gerade drei Leute, der Mensch und Klima schützen und das Geschäft mit Braun- und Steinkohle beenden wollte. Nicht mit Sitzblockaden, sondern durch Gespräche. Als Schücking überlegte, wie man Kohlekraftwerke am effektivsten verhindern kann, war sie schnell beim Geld. Denn: „Wir leben im Kapitalismus.“ Sie setzte an den Grundbedingungen jeder Industrie an: Sie wollte, dass klimaschädlichen Projekten die Finanzierung entzogen wird.

Während die Gründerin das erzählt, sitzt sie in ihrem Haus in Sassenberg, einem kleinen Ort bei Münster. Das Grundstück gehört ihrer Familie seit Generationen, im kleinen Haus nebenan ist das Hauptquartier ihres Vereins. Die Mitglieder versammeln sich in der Küche, Stühle mit Filzkissen und Tassen unterschiedlichster Form und Farbe, wie in einer WG. Hier schmieden inzwischen fast 20 Menschen Pläne, organisieren Aktionen und feiern. Zum Beispiel, wenn einer der größten Versicherer der Welt, die Allianz, verkündet, dass sie Kohle nicht mehr finanzieren wird. Dieses Verdienst kann sich nicht zuletzt Urgewald zuschreiben.

„Wichtig ist es, früh genug dran zu sein“, sagt Heffa Schücking. Sobald sie erfährt, dass Unternehmen – früher deutsche, heute globale – in Gesprächen zu fragwürdigen Projekten sind, beginnt ihre Arbeit. Das Team prüft das Vorhaben: Ist es schädlich? Korrupt? Dann meldet es sich beim Geldgeber. Manchmal reiche eine einfache Frage: „Sind Sie sicher, dass Sie in dieses Projekt investieren wollen?“

Einmal sei sie einem Projekt regelrecht hinterhergereist, sagt Schücking. Ein Staudamm in Indien sollte gebaut werden, 60000 Menschen hätten ihr Zuhause verloren, zig Dörfer wären geflutet worden – im offiziellen Umsiedlungsplan war aber nur die Rede von 12000 Menschen. Der erste Finanzierungspartner wollte ihr nicht glauben. „‚Da wohnen keine Menschen‘, hat er immer wieder gesagt“, erinnert sich Schücking. Zum Glück hatte sie drei Bürgermeisterinnen der Region eingeladen. Also besuchten sie gemeinsam die Aktionärsversammlung des Investors und sorgten dafür, dass man ihnen zuhörte und glaubte. Die Finanzierung platzte – bis das nächste Unternehmen im Gespräch mit dem Staudammprojekt war. Und Schücking wieder von vorne anfing. Immer wieder. „Irgendwann habe ich einfach zwischen den Unternehmen vermittelt“, erzählt sie. „Dann konnten die sich gegenseitig überzeugen, warum das kein gutes Projekt ist.“

Das Team von urgewald. In der Mitte Gründerin Heffa Schücking (in Jeans ).

So viel Detailarbeit geht nicht immer. Der Verein hat eine Datenbank, in der alle Unternehmen weltweit gelistet sind, die mehr als 30 Prozent Umsatz mit Kohle machen. So können Investoren prüfen, wohin sie ihr Geld eigentlich schicken. „Uns haben schon Unternehmen gedankt, dass wir sie von einem Investment abgehalten haben“, sagt Schücking. Noch lieber wäre ihr aber, wenn sie erst gar keinen mehr davon überzeugen müsste, nicht in unsoziale oder klimaschädliche Projekte zu investieren. Immerhin musste sie schon länger nicht mehr drohen.

Dieser Artikel stammt aus Heft 9 des National Geographic-Magazins. Dort finden Sie weitere spannende Artikel zum Thema Umwelt. In der aktuellen Ausgabe mit dem Schwerpunkt Arktis.

Wei­ter­le­sen