Die Kraft der Wellen

Es gibt noch keine marktreife Anlage für Wellenenergie. Doch Ingenieur Jan Peckolt hat da eine Idee.Donnerstag, 26. September 2019

Wer an dem unauffälligen Gebäude in der Duisburger Innenstadt vorbeiläuft, ahnt kaum, dass sich darin das größte Wasserbecken Nordrhein-Westfalens befindet: ein riesiger Tank, 200 Meter lang und zehn Meter breit. Darin lässt sich das Strömungsverhalten von Schiffsmodellen testen. Und außerdem, wie man aus Wellen Energie gewinnt. Neben dem großen Wasserbecken steht der Versuchstank von Jan Peckolt. Im Wasser schwimmt eine flache Boje. Über mehrere Riemen ist sie mit einer Art Schlitten unter der Wasseroberfläche verknüpft. Noch schaukelt die Konstruktion ruhig vor sich hin – dann startet Peckolt einen Generator, der künstliche Wellen erzeugt. Das Wasser gerät in Bewegung, die Wellen werden stärker, und die Maschine im Wasser surrt immer lauter und gleichmäßiger, wie ein Rudergerät im Fitnessstudio.

„Das war schon ein toller Moment für uns, als die Lampe zum ersten Mal leuchtete und damit anzeigte, dass unsere kleine Anlage Strom erzeugt“, sagt Peckolt. Der Ingenieur hat unzählige Stunden an den Becken verbracht, um verschiedene Modelle seines Wellenkraftwerks zu testen.

Die Idee der Wellenenergie ist nicht neu, aber bisher ist es niemandem gelungen, sie effizient zu nutzen. Das wollte Peckolt ändern. Sein Konzept ist schlicht und elegant: Die Wellen treffen gegen den Schwimmkörper an der Wasseroberfläche, was die Riemen in Gang setzt. Ein Generator, der an dem Schlitten unter Wasser befestigt ist, nutzt wiederum diese Bewegung und wandelt sie in Strom um: Die Hydroenergie des Wassers wird so in mechanische und später in elektrische Energie übersetzt.

Während die Konzepte anderer Anlagen 30 bis 40 Prozent der Energie einer Welle erwirtschafteten, lagen Peckolts Ergebnisse bei 70 bis 80 Prozent. Denn seine Konstruktion ist ganz auf den natürlichen Bewegungsablauf der Welle ausgerichtet – er verläuft in einer Ellipse. Peckoldts Anlage ahmt diese Ellipse nach und holt dadurch noch mehr Leistung heraus. „Ich wollte diese Energie nutzbar machen, sonst verliert sie sich einfach am Ufer“, sagt Peckoldt. 2012 gründete er deshalb sein Unternehmen Nemos, mit dem Ziel, die erste kommerzielle Wellenenergieanlage der Welt zu bauen.

Jetzt beugt sich Peckolt an dem Versuchstank über den Beckenrand, das Miniwellenkraftwerk ist nicht richtig ausbalanciert. Geschickt fischt der 38-Jährige einen Riemen aus dem Wasser und macht einen Knoten, um das Seil zu verkürzen. Peckolt war mal Profisegler, 2008 gewann er bei den Olympischen Spielen in Peking die Bronzemedaille – es hat ihn Faszination und Demut vor der Kraft des Wassers gelehrt.

Bisher gibt es noch keine marktreife Anlage, die Energie aus Wellen gewinnt. Viele Unternehmen seien daran gescheitert, sagt Peckolt: „Weil an ihren sündhaft teuren Maschinen eine kleine Komponente kaputtging.“ Dem Ingenieur war klar: Sein Konzept sollte möglichst schlicht und maximal wirtschaftlich sein. Und er müsste so lange experimentieren, bis die Anlage verlässlich arbeiten würde.

Seine Geduld hat sich gelohnt. Im vergangenen Mai installierten Peckolt und sein Team in Belgien die erste große Testanlage, zwei mal acht Meter misst der Schwimmkörper. Zudem laufen bereits Simulationen und Berechnungen für das erste kommerzielle Kraftwerk, das im offenen Meer – wahrscheinlich vor den Kanaren oder Portugal – aufgebaut werden soll. In zweieinhalb Jahren könnten dann, das hat Jan Peckolt ausgerechnet, bereits 700 bis 800 Haus- halte pro Jahr mit Strom versorgt werden, der aus Wellen gewonnen wird.

Dieser Artikel stammt aus Heft 10/2019 des National Geographic-Magazins.

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