Klimawandel: Ist er wirklich die Ursache aller Naturkatastrophen?

Mit dem Klimawandel häufen sich Rekordtemperaturen und Extremwetterereignisse. Doch nicht jede Naturkatastrophe lässt sich auf ihn schieben, argumentiert Klimaforscherin Friederike Otto.

Von Friederike Otto
Veröffentlicht am 22. Juli 2022, 17:06 MESZ
Hochwasser in Leutesdorf

Die Gemeinde Leutesdorf in Rheinlnad-Pfalz war schon mehrmals von Hochwassern betroffen. Der Klimawandel macht starke Regenfälle wahrscheinlicher, aber ob es zu Fluten kommt, hängt auch davon ab, wie viele Flächen versiegelt sind.

Foto von analogicus / Pixabay.com

Zur Autorin: Die gebürtige Kielerin Friederike Otto ist Klimaforscherin, Physikerin und Philosophin. Sie arbeitet am Imperial College London und berechnet dort in Echtzeit, wie viel Klimawandel in unserem Wetter steckt.

Mehr als eine Million Menschen hungerten im vergangenen Jahr im Süden Madagaskars, nachdem ausbleibende Regenfälle die Ernten weitestgehend zerstört hatten. Die lokale Regierung und sogar die Vereinten Nationen nannten es die „weltweit erste Hungersnot aufgrund des Klimawandels“. Was den Menschen widerfuhr, ist schlimm. Dennoch ist es wichtig, bei der Wahrheit zu bleiben. Und diese lautet: Die Einschätzung der Vereinten Nationen ist falsch. Selbst wenn der Klimawandel eine Rolle spielt, ist er bei den meisten wetterbedingten Katastrophen nicht der Hauptgrund.

Klimawandel: Mehr Extremwettereignisse

Die verheerenden Überschwemmungen in Deutschland im vergangenen Jahr wurden in der Tat durch starke Regenfälle ausgelöst, die durch den Klimawandel um etwa zehn Prozent verstärkt wurden. Aber andere Faktoren spielten eine weitaus größere Rolle bei den entstandenen Schäden. So wurde zum Beispiel die Landschaft in diesem Teil Deutschlands durch weitläufige Bebauung weitgehend versiegelt, sodass nur noch wenig Boden übrig blieb, der die Niederschläge hätte aufnehmen können. Es gab Hochwasserwarnungen, aber sie erreichten die Menschen nicht – oder die Menschen wussten nicht, was sie mit den Warnungen anfangen sollten. Es gab kein Informationssystem über Radio, Fernsehen oder Apps, das die Anwohner in der Gefahrenzone tatsächlich erreichte. Und als die Überschwemmungen kamen, gab es keine Informationen darüber, was zu tun war oder welche Straßen sicher waren, um den Wassermassen zu entfliehen.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Natürlich ist es wichtig, das Bewusstsein für die Gefahren des Klimawandels zu schärfen und deutlich zu machen, dass unsere sich erwärmende Welt Extremwetter verstärkt und damit auch zu Problemen in der Lebensmittelversorgung führen kann. Aber was im Allgemeinen korrekt ist, gilt nicht für alle Regionen und Extremereignisse gleichermaßen. Für den Regenmangel im Süden Madagaskars besteht kein kausaler Zusammenhang mit dem vom Menschen verursachten Klimawandel. Die im jüngsten IPCC-Bericht bewerteten wissenschaftlichen Erkenntnisse zeigen, dass Dürren in diesem Teil der Welt nicht intensiver oder häufiger wurden. Solange der Temperaturanstieg unter zwei Grad bleibt, erwarten die Experten das auch für die Zukunft nicht. Unsere Analyse speziell zur Dürre im Süden Madagaskars kam zum gleichen Ergebnis und stellte fest, dass ähnliche aufeinanderfolgende Ausfälle von Regenzeiten bereits zuvor aufgetreten waren.

Die weltweite Reduktion von Emissionen wird das Risiko von Dürrekatastrophen in Madagaskar also nicht ändern. Nur eine Verringerung der lokalen Verwundbarkeit kann hier etwas bewirken. Dafür müssen sich die lokale und regionale Politik und auch die internationale Entwicklungspolitik ändern. Die Bevölkerung ist angesichts der Schwankungen des Wetters zu sehr auf Regenfeldbau angewiesen, die Entwaldung hat diese Anfälligkeit noch verschlimmert. Anstatt jedes Mal Nahrungsmittelhilfe zu leisten, wenn der Regen ausbleibt, müssten NGOs kontinuierlich und langfristig mit lokalen Entscheidungsträgern zusammenarbeiten, um verschiedene Ursachen der hohen Vulnerabilität zu beseitigen.

Durch den Klimawandel sind Niederschläge ungleichmäßiger verteilt. Doch ob es zu extremen Dürren kommt, hängt auch vom Umgang mit der Natur ab: Abholzung und ein hoher Wasserverbrauch in der Landwirtschaft erhöhen die Risiken. Hier ein Bild aus Uganda.

Foto von Nambasi / Pixabay.com

Die größte Gefahr: Klimakrise trifft auf verwundbare Bevölkerung

2014 habe ich mit anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus aller Welt die Forschungsinitiative World Weather Attribution (WWA) gegründet. Es ging uns darum, Zusammenhänge zwischen Extremwetter und Klimawandel präzise und unmittelbar nach ihrem Auftreten aufzuzeigen. Wir wollen wissenschaftlich mit Fingern – echten, evidenzbasierten Fingern – auf die Ursachen von wetterbedingten Katastrophen hinweisen und zeigen, welche Rolle der Klimawandel spielt. Mit der WWA haben wir hart daran gearbeitet, Wetterkatastrophen schnell zu bewerten. Manchmal konnten wir innerhalb von Tagen oder Wochen zeigen, ob und, wenn ja, wie sehr der Klimawandel zu einem Ereignis beigetragen hat. Wir haben bisher fünf Kälteeinbrüche, sieben Dürren, 13 extreme Regenfälle, 14 Hitzewellen und sieben Stürme analysiert. Bei den meisten, aber nicht bei allen, haben wir festgestellt, dass der Klimawandel eine bedeutende Rolle dabei gespielt hat, das Ereignis wahrscheinlicher oder schwerwiegender zu machen. Aber nur für zwei von ihnen war der Klimawandel der Hauptgrund.

Die Klimakrise bringt Gefahren wie Überschwemmungen, Dürren oder Waldbrände mit sich. Doch die Katastrophen, die entstehen, wenn solche Gefahren auf eine gefährdete, verwundbare Bevölkerung treffen, sind menschengemacht. Wir dürfen nicht zulassen, dass die globale Klimakrise für alle wetterbedingten Katastrophen verantwortlich gemacht wird und die Zuständigen in Politik und Verwaltung sich aus der Pflicht stehlen. Der Klimawandel ist nicht für alles verantwortlich, und internationale Bemühungen zur Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs sind nicht der einzige wichtige Weg, den wir gehen müssen, um Katastrophen abzumildern.

Global betrachtet verschlimmert der Klimawandel Überschwemmungen, Dürren, Wirbelstürme und Waldbrände in vielerlei Hinsicht. Er ist das größte Problem unserer Zeit, und es ist von entscheidender Bedeutung, dass die Menschheit zusammenarbeitet, um es anzugehen. Aber wir können und dürfen nicht zulassen, dass Politiker den Klimawandel allein für alle Katastrophen und alle ihre Auswirkungen verantwortlich machen oder sich ihrer Verantwortung entziehen. Es ist niemandem geholfen, wenn wir die Klimakrise so vereinfacht darstellen, dass sich ein falsches Bild ergibt.

Das NATIONAL GEOGRAPHIC Magazin 9/2022 ist seit dem 26. August im Handel erhältlich.

Foto von National Geographic

Dieser Artikel erschien in voller Länge im NATIONAL GEOGRAPHIC Magazin. Darin enthalten ist auch eine ausführliche Reportage über die Auswirkungen des Klimawandels auf die Alpen. Verpassen Sie keine Ausgabe mehr: Sichern Sie sich die nächsten 2 Ausgaben zum Sonderpreis!


 

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