Umwelt

Bangladesch: Vor der großen Flut

Mal eben mit dem Haus umziehen – kann man dem ansteigenden Meeresspiegel so entkommen? Millionen von Menschen in Bangladesch müssen sich gegen die Folgen des Klimawandels wappnen. Was können wir von ihnen lernen?

Von Don Belt

Es gibt keinen Ort der Ruhe in diesem Land. Keinen einsamen Flecken, keine Landstraße, auf der niemand zu sehen wäre. Und in der Stadt schon gar nicht. Wer im Dunst des frühen Morgens durch Dhaka streift, muss aufpassen, dass er nicht über eines der vielen schlafenden Kinder stolpert, über die Obdachlosen, die jeden Fußweg, jeden Grünstreifen, jeden Park mit provisorischen Schlafplätzen belegt haben. Später dann füllen sich die dampfenden Straßen und Gassen mit Gewimmel. Alle 15 Millionen Einwohner der Hauptstadt scheinen unterwegs zu sein. Die meisten von ihnen stecken bald hoffnungslos im Verkehrsgewühl fest. Bettler und Gemüsehändler bahnen sich ihren Weg durch das lärmige Gewusel. Popcornverkäufer, Rikschafahrer und fliegende Händler werden wie Tröpfchen in einer gewaltigen Sturzflut durch die Menschenmassen gewirbelt.

Vor der Stadt erstreckt sich endloses, feuchtes Schwemmland, unterbrochen durch üppig grüne Streifen, alles flach wie ein Brett. Und Menschen, so weit das Auge reicht: Bangladesch gehört zu den am dichtesten bevölkerten Staaten der Erde. Auf einem Gebiet, nur doppelt so groß wie Bayern, leben mehr Menschen als im riesigen Russland. Es ist simple Mathematik: Unter den laut Weltbank 162 Millionen Einwohnern von Bangladesch ist es praktisch unmöglich, einmal allein zu sein.

Wie wird es hier im Jahr 2050 aussehen? Die Anzahl der Einwohner wird trotz rückläufiger Geburtenraten auf 220 Millionen angewachsen sein. Doch ein Großteil des heutigen Gebiets wird unter Wasser stehen. Als Folge des globalen Klimawandels könnte der Meeresspiegel noch in diesem Jahrhundert um mehr als einen Meter ansteigen. Zehn bis 30 Millionen Bangladeschi an der Südküste des Landes würden dann ihr Zuhause verlieren und gezwungen sein, noch enger zusammenzurücken. Oder als Klimaflüchtlinge das Land zu verlassen.

Die Flucht aus Überschwemmungsgebieten ist weltweit ein Problem. Schon bis Mitte des Jahrhunderts könnte die Anzahl der Flüchtlinge auf 250 Millionen anschwellen. «Wir sprechen von der größten Massenmigration in der Menschheitsgeschichte», sagt Generalmajor Muniruzzaman, ein agiler Offizier im Ruhestand, der das Institut für Friedens- und Sicherheitsstudien in Dhaka leitet. Und Bangladesch? «Im Jahr 2050 werden Millionen Heimatlose unser Land erdrücken, sie werden unsere Regierung und unsere Institutionen überfordern und unsere Grenzen sprengen.» Muniruzzaman beruft sich auf eine Studie der amerikanischen Militärakademie National Defense University in Washington D.C. Sie ist eine Art Konfliktprognose, deren Verfasser detailliert ausgearbeitet haben, welches geopolitische Chaos als Folge einer solchen Völkerwanderung in Südasien droht: Das benachbarte Indien wäre das Ziel von Millionen Flüchtlingen, Seuchen und religiöse Konflikte brächen aus. Lebensmittel und sauberes Wasser würden knapp, und die Spannungen zwischen den verfeindeten Atommächten Indien und Pakistan würden sich weiter verschärfen.

Die kurze Geschichte von Bangladesch ist eine Geschichte der Katastrophen. Seit der Unabhängigkeit von 1971 haben Krieg, Hungersnot und Seuchen das Land heimgesucht. Wirbelstürme, Überschwemmungen, Militärputsche und politische Attentate. Dazu herrscht eine drückende Armut. Auch ohne das Szenario einer Überflutung weiter Landstriche gibt es auf internationaler Ebene nicht viele, die Bangladesch eine gute Zukunft in Aussicht stellen.

Die Bewohner selber denken da anders. Sie scheinen die düsteren Prognosen kaum zur Kenntnis zu nehmen. Im Gegenteil: Gerade in den Prüfungen der Vergangenheit erkennen sie den Anlass zu machtvoller Hoffnung. Und in der Tat ist das gequälte Bangladesch ein Land, in dem der Klimawandel vor allem als praktisches Problem angesehen wird. Als eines, das man überstehen kann. Erprobt werden alle nur denkbaren Lösungen, die sich auch mit geringem Aufwand umsetzen lassen.

Unterstützung kommt von den Industriestaaten, die mit ihrem Energieverbrauch einen Großteil der Verantwortung für globale Erwärmung und damit für den Anstieg der Meeresspiegel tragen. Eine lange Liste nichtstaatlicher Organisationen (NGOs) hilft bei der Umsetzung – und dass die Innovationen Erfolg erkennen lassen, ist nicht zuletzt einer Eigenschaft zu danken, mit der das Land nun wirklich reich gesegnet ist: der Tapferkeit seiner Menschen. Es könnte also sein, dass die Welt irgendwann einmal Bangladesch nicht mehr bemitleidet, sondern als Land sieht, von dem man lernen kann.

Gut ein Drittel aller Menschen auf der Welt leben weniger als 100 Kilometer von einer Küste entfernt. Viele der größten Städte liegen am Meer, darunter Tokio, Mumbai, Shanghai und New York. Durch den Klimawandel drohen ihnen katastrophale Überschwemmungen. Als besonders gefährdet gelten zwei Städte in Bangladesch: Dhaka (circa 15 Millionen Einwohner in der Region) und Chittagong (3,7 Millionen). Beide liegen im Delta des Ganges. Mag sein, dass Sedimentablagerungen an einigen Stellen sogar neues Küstenland aufbauen und so den Anstieg des Meeresspiegels ausgleichen. Aber andere Gebiete werden einfach untergehen.

Am 25. Mai 2009 bekamen die Bewohner von Munshiganj an der Südwestküste einen Vorgeschmack darauf, was ein Anstieg des Meeresspiegels bedeutet. Vor der Küste tobte der Wirbelsturm „Aila“; er entfesselte eine Sturmflut, die auf die Küste zuraste. Noch arbeiteten die Bewohner des Dorfs nichtsahnend auf ihren Reisfeldern oder flickten ihre Netze. Kurz nach zehn Uhr bemerkte der Fischer Nasir Uddin, dass die Flut im meeresnahen Fluss ungewöhnlich schnell anstieg. Er schaute sich um und erblickte eine Wand aus braunem Wasser, die sich über einen der zwei Meter hohen Lehmdeiche ergoß. Nur Sekunden später strömte das Wasser in sein Haus, riss die Wände ein und überflutete alles, was darin war. Die drei kleinen Töchter des Fischers sprangen auf den Küchentisch, sie schrien, als ihnen das kalte Salzwasser erst um die Fesseln wirbelte, dann um die Knie. «Ich war sicher, wir würden sterben», erzählt Uddin heute. Monate sind vergangen. Er steht im wadentiefen Schlamm neben einem Teich, in dem Wasser in der Farbe von grünem Frostschutzmittel schillert. «Aber Allah hatte andere Pläne.»

Ein leeres Fischerboot wurde vorbeigeschwemmt. Uddin packte zu und setzte seine Töchter hinein. Das Boot kippte um, die Familie wurde von den Wellen hin und her geschleudert, doch alle klammerten sich fest – und blieben am Leben. Hunderte andere an der Südwestküste ertranken, Tausende wurden obdachlos. Uddin und seine Nachbarn in Munshiganj beschlossen, ihre Häuser wieder aufzubauen. Viele andere gaben damals auf. Sie packten ihre verbliebenen Habseligkeiten und zogen ins Innere des Landes, um in Städten wie Khulna oder Dhaka ein neues Leben anzufangen.

Täglich kommen tausende von Menschen hier an, die vor dem Hochwasser der Flüsse im Norden und den Wirbelstürmen im Süden flüchten. In Dhaka ist das schon ein vertrautes Bild.Viele landen im dicht bevölkerten Slum von Korail. Die Stadt ist überfordert. Hunderttausende hat es schon hierher verschlagen. Ihre Lebensbedingungen sind eine Katastrophe. Doch gerade weil Bangladesch so schwere Probleme hat, dient es seit langem als eine Art Labor für innovative Lösungen in den Entwicklungsländern. Nach jeder Krise ist das Land wieder auferstanden, die Menschen haben bewiesen, dass sie über viel größere Reserven verfügen, als Skeptiker je vermutet hätten.

In Dhaka ist BRAC zu Hause, die größte gemeinnützige Organisation der Dritten Welt. Sie dient als Musterbeispiel dafür, wie sich Gesundheitsfürsorge und andere Dienstleistungen durch ein Heer von lokalen Mitarbeitern aufrechterhalten lassen. Auch das Konzept der Mikrokredite wurde hier entwickelt, mit dem Muhammad Yunus, Friedensnobelpreisträger von 2006, und seine Grameen Bank den Bewohnern des Landes auch ohne die üblichen Sicherheiten neue Chancen eröffneten.

Sogar die Familienplanung entwickelte sich zu einer Erfolgsgeschichte. Die Geburtenrate ging von 6,6 Kindern pro Frau im Jahr 1977 auf heute 2,4 zurück. Parallel dazu gelang es, die Kindersterblichkeit seit 1990 von 100 Todesfällen je 1000 Geburten auf 47 zu reduzieren. Und während sinkende Geburtenzahlen sonst mit steigendem Wohlstand einhergehen, mit dem Bedürfnis von Eltern, einer kleineren Zahl von Kindern einen besseren Einstieg ins Leben zu ermöglichen – in Bangladesch reichte gut organisierte Aufklärung, um die Geburtenrate zurückgehen zu lassen.

«Am Anfang war es schwierig», berichtet Begum Rokeya. Sie hat als Mitarbeiterin des staatlichen Gesundheitsdienstes im Bezirk Satkhira Tausende von jungen Paaren besucht, um sie von Familienplanung zu überzeugen. «Wir sind ein sehr konservatives Land, und die Männer üben Druck auf ihre Frauen aus, möglichst viele Kinder zu bekommen.» Erst als den Familien klar wurde, dass Impfung die Überlebenschancen ihrer Kinder deutlich steigert, waren sie zum Umdenken bereit. Und den meisten gefiel auch der Gedanke, nicht so viele hungrige Mäuler stopfen zu müssen.
Parallel dazu förderte das Land in Zusammenarbeit mit Dutzenden von NGOs die Berufsausbildung speziell für Mädchen; seit 1995 hat sich der Anteil an erwerbstätigen Frauen verdoppelt. Viele von ihnen finden Arbeit in der Textilindustrie, deren Exporte eine wichtige Einnahmequelle für die Wirtschaft sind.

In Dhaka aber wird solcher Erfolg zunichtegemacht durch die allgegenwärtige Armut und den Zustrom vom Land. Organisationen wie BRAC kümmern sich und suchen nach Lösungen, doch den Helfern ist klar: In dieser Stadt zu arbeiten ist, als versuchten sie, das Meer mit einem Teelöffel auszuschöpfen. «Wir wollen verhindern, dass die Menschen überhaupt nach Dhaka kommen», sagt deshalb Babar Kabir, der die Programme für Klimawandel und Katastrophenmanagement betreut. «Also arbeiten wir daran, ihnen Möglichkeiten für ein Auskommen in ihren Dörfern zu eröffnen. Aber Stürme wie „Aila“ zerstören ihre Lebensgrundlage.»

Ibrahim Khalilullah weiß schon gar nicht mehr, wie oft er umgezogen ist. «30-mal?, 40-mal? Wahrscheinlich öfter, aber spielt das eine Rolle?» Irgendwie haben er und seine Frau in all der Unrast sieben Kinder großgezogen. Dem grauhaarigen Mann ist seine Zufriedenheit anzusehen. Stolz fügt er hinzu, sie hätten «niemals auch nur eine Mahlzeit ausgelassen».

Khalilullah lebt auf den Chars. Er ist einer von Hunderttausenden, die ihr Leben den sich ständig verändernden Inseln im Schwemmland der drei großen Flüsse von Bangladesch – Padma, Jamuna und Meghna – anpassen müssen. Diese Chars, oft nur kleine Flecken Erde im Strom, tauchen auf und verschwinden mit den Gezeiten, den Jahreszeiten, Mondphasen, dem Regen und der Strömung der Flüsse. Wenn sich ein Bewohner mit dem Boot aufmacht, um einen Freund zu besuchen, kann es sein, dass es dessen Insel gar nicht mehr gibt.

Stattdessen lebt der Freund auf einer anderen Insel, die ein paar Kilometer flussabwärts aus dem Wasser aufgetaucht ist. Dort hat er sich innerhalb eines Tages ein neues Haus gebaut und bis zum Abend einen Garten angelegt. So läuft das auf den Chars. Sich hier ein Haus zu bauen, Gemüse anzupflanzen, eine Familie zu ernähren – eine größere Herausforderung an Gelassenheit und Anpassungsfähigkeit ist eigentlich kaum vorstellbar. Wer auf den Chars lebt, gehört wahrscheinlich zu den widerstandsfähigsten und zähesten Menschen der Welt.

Es gibt natürlich Tricks, verrät Khalilullah. Er zum Beispiel baue sein Haus aus Teilen, die man auseinandernehmen, transportieren und in ein paar Stunden wieder zusammensetzen kann. Immer sucht er sich dafür einen Erdsockel, mindestens zwei Meter hoch. Er verwendet Wellblech für die Wände und Stroh für das Dach. Und die Koffer der Familie bleiben schön neben dem Bett gestapelt. Manchmal müssen sie sehr schnell wieder gepackt werden.
Außerdem besitzt er Dokumente, die schon seinem Vater das Recht bestätigten, sich auf neu auftauchenden Inseln niederzulassen. Das komplizierte System von Gesetzen und Bräuchen soll Migranten aus dem Süden daran hindern, sich in Massen illegal auf den Chars anzusiedeln. Es gebe aber noch ein Geheimnis, sagt Khalilullah: Bloß nicht zu viel nachdenken. «Wir stehen alle unter Druck, aber das ist kein Anlass zu quälerischen Gedanken. Wir haben keine andere Wahl, als von Ort zu Ort zu ziehen. Wir bearbeiten dieses Land, solange wir können, und dann spült der Fluss es fort. Ganz egal, wie viele Sorgen wir uns machen: So war es immer, und so wird es bleiben.»

Selbst in guten Zeiten ist es ein Leben in ständiger Gefahr. Und die Zeiten sind alles andere als gut. Nicht nur die Küsten sind bedroht, auch Orte im Landesinneren. Khalilullahs Insel zum Beispiel. Der Klimawandel könnte die natürlichen Zyklen des Niederschlags stören, den Monsunregen oder den Schneefall auf der Hochebene von Tibet. Von dort werden die Flüsse gespeist, die sich durch das Delta winden.

Die Gefahr hat ihr Gutes: Im ständigen Angesicht von Überflutung und zerstörerischen Stürmen haben die Bewohner des Landes reichlich Gelegenheit gehabt, sich auf das einzustellen, was sich mit dem Klimawandel geändert hat – und noch ändern wird. Seit Jahrzehnten etwa entwickeln sie Reissorten mit höherer Salzresistenz und bauen Deiche, die tief liegende Bauernhöfe schützen sollen. Tatsächlich konnte das Land seine Reisproduktion seit den frühen siebziger Jahren verdoppeln. Und die häufigen Wirbelstürme machten es notwendig, Schutzbauten zu errichten und Frühwarnsysteme gegen Naturkatastrophen zu entwickeln. In jüngerer Zeit wurden schwimmende Schulen, Krankenhäuser und Bibliotheken eingerichtet, die während der gesamten Monsunzeit in Betrieb bleiben.

Ich möchte Ihnen etwas über die Bangladescher erzählen", sagt der Politologe Zakir Kibria, Experte für Politikfeldanalyse bei Uttaran, einer Organisation, die für Umweltgerechtigkeit und gegen die Armut kämpft. "Wir mögen arm und auf den ersten Blick nicht sehr organisiert sein, aber wir sind keine Opfer. Und wenn es hart auf hart geht, tun die Leute hier, was sie immer getan haben: Sie finden einen Weg, sich anzupassen und zu überleben."

"Wir sind Meister im Widerstand gegen das Klima., sagt auch Muhammad Hayat Ali. Der Bauer lebt östlich von Satkhira am Fluss, etwa 50 Kilometer von der Küste entfernt. In Sicherheit? Immer noch nahe genug, dass Flutwellen drohen und der unaufhaltsam steigende Meeresspiegel die Böden versalzt. "Früher war dieses Land sehr fruchtbar", sagt Ali. Überall gab es Reisfelder. Jetzt hat sich das Wetter geändert: Die Sommer sind länger und heißer als früher, der Regen kommt nicht, wenn er kommen sollte, und das Wasser aus dem Boden ist zu salzig, um Reis anzubauen." Der Bauer ist auf Garnelenzucht umgestiegen. Und viele tun es ihm nach: legen Teiche an, bauen ein bisschen Gemüse am Ufer an und leben von Garnelen oder Krabben, die vom Großhändler nach Dhaka oder ins Ausland geliefert werden.

Aber Anpassungsmaßnahmen können auch nach hinten losgehen. So werden überall im Süden des Landes Dörfer und Felder durch ein Netzwerk von Deichen geschützt, die der Staat in den sechziger Jahren mit Unterstützung holländischer Ingenieure bauen ließ. Manchmal überspülen die Flüsse die Deiche, und die Felder füllen sich wie Suppenschüsseln. Wenn die Flut dann zurückweicht, ist das Wasser gefangen wie in einer Falle. Die staunassen Böden bleiben auf lange Zeit unbrauchbar. In Satkhira waren es wieder einmal die Bauern, die sich zu helfen wussten – und damit einen Weg in die Zukunft wiesen. Die Geschichte liegt Jahre zurück. Um ein Feld trockenzulegen, das durch Staunässe brachlag, schlugen sie eine Bresche in den Deich. Genauso hatten es schon ihre Vorfahren getan, hatten regelmäßig die Deiche durchbrochen und das Flusswasser auf ihre Felder geleitet. Es stieg und fiel mit den Gezeiten, Sedimente schwappten herein und füllten das Land auf.

Inzwischen aber war Deichbruch illegal. Die Bauern wurden angeklagt – doch dann geschah etwas Unerwartetes: Das offen gelassene Feld wurde mit Tonnen von Sedimenten aus dem Fluss überschwemmt. Schließlich lag es etwa einen Meter höher als zuvor. Guter Boden. Der Flusskanal wurde tiefer, und auch die Fischer hatten Grund zur Freude: Sie begannen wieder, Fische zu fangen.

Eine staatliche Untersuchungskommission begutachtete die Lösung der verzweifelten Bauern und empfahl, mit anderen Feldern ebenso zu verfahren. Die Dorfbewohner wurden rehabilitiert, ja sogar als Helden gefeiert. Und das viele Hektar große Feld bringt gute Reisernte. "Flüsse sind bei uns die Lebensadern", erläutert der Politologe Zakir Kibria, während er über einen Deich steigt. "Unsere Vorfahren wussten das. Die Öffnung der Felder verbindet alles miteinander. Dadurch wird der Boden angehoben und der steigende Meeresspiegel ausgeglichen. Das sichert den Lebensunterhalt und ermöglicht es, viele verschiedene Pflanzen anzubauen. Vor allem aber sorgt dieser Verlauf dafür, dass nicht Tausende von Bauern und Fischern aufgeben und nach Dhaka ziehen."

Doch jede Anpassung muss Stückwerk bleiben, ein Provisorium. Alle Erfolge bei der Geburtenkontrolle ändern nichts daran, dass die Bevölkerung von Bangladesch weiter wachsen wird. Prognosen sprechen von mehr als 250 Millionen bis zum Ende des Jahrhunderts. Und weiterhin werden Teile des Landes im Wasser verschwinden. Wo werden die Menschen leben? Wie werden sie ihren Lebensunterhalt bestreiten? Schon jetzt arbeiten viele im Ausland, in westlichen Ländern, in Saudi-Arabien, in den Emiraten, viele auch in Indien, wohin schon 1971 während des Unabhängigkeitskriegs gegen Pakistan Millionen von Menschen flüchteten.

In den Jahrzehnten danach wichen weitere Millionen ins Nachbarland aus. Soziale Unruhen und Konflikte waren die Folge. Heute scheint Indien entschlossen, seine Grenze zu verstärken, um sich gegen eine drohende Völkerwanderung abzuschotten. Ein 4000 Kilometer langer Sicherheitszaun ist im Bau, und die Grenzposten schießen scharf. Unter ihren Opfern dürften auch Jugendliche gewesen sein, die Rinder aus Indien über die Grenze schmuggeln, um ihren mittellosen Familien über die Runden zu helfen. Im hinduistischen Nachbarland gelten die Tiere als heilig, im muslimischen Bangladesch bringen sie bis zu 30 Euro das Stück. "Sollten jedoch wirklich einmal zehn oder mehr Millionen Klimaflüchtlinge die indische Grenze stürmen", meint der Friedensforscher Muniruzzaman, "dann wird diesen schießwütigen indischen Grenzwächtern bald die Munition ausgehen." Indien und die Industrieländer sollten ihre Einwanderungspolitik liberalisieren, rät er. Das wäre klüger. Denn überall in Bangladesch tüftelten junge Leute an Ausreiseplänen – und es seien vornehmlich jene, die intelligent, ehrgeizig und gut ausgebildet sind.

Mohammed Mabud sieht darin eine Chance für alle Beteiligten. Investitionen in die Ausbildung, so meint der Präsident der Organisation zur Bekämpfung der Armut, brächten nicht nur Fachleute für das eigene Land. Auch als Einwanderer für andere Länder wären gut ausgebildete Kräfte interessanter als hilfsbedürftige und verzweifelte Flüchtlinge. Und die eigene Wirtschaft könnte ebenfalls profitieren: Schon jetzt kommen elf Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus Überweisungen von Emigranten. "Wenn Menschen ins Ausland gehen können, um dort zu arbeiten, dann werden viele dort bleiben", sagt er. Die Bevölkerung von Bangladesch ließe sich so um acht bis 20 Millionen Menschen reduzieren, bevor die Folgen des Klimawandels mit voller Härte zuschlügen.

Vorerst aber scheint die Regierung des Landes in den drohenden Umweltproblemen eher ein Argument zu sehen, Hilfsleistungen aus den Industrieländern für die eigene Entwicklung einzuwerben. Seit der Unabhängigkeit kamen auf diese Weise Dollarbeträge in zweistelliger Milliardenhöhe zusammen. Auf der UN-Klimakonferenz 2009 in Kopenhagen verpflichteten sich die Industrieländer dazu, die armen Länder an der vorderen Front des Klimawandels bis 2020 mit 100 Milliarden Dollar pro Jahr zu unterstützen.

Und viele Bangladescher sind der Ansicht, ihr Anteil sollte der besonderen Bedrohung entsprechend besonders groß sein. "Der Klimawandel ist zu einer Art Geschäft geworden", räumt Abu Mostafa Kamal Uddin ein. "Große Summen sind im Spiel, und viele Berater mischen mit." Im Grunde aber verteidigt der frühere Manager der staatlichen Kommission für Fragen des Klimawandels das System: "Während der Finanzkrise wurden Milliarden mobilisiert, um die Banken der Welt zu retten. Was ist falsch daran, den Armen in Bangladesch in einer Situation zu helfen, an deren Entstehung sie nicht beteiligt waren?"

Zwei Jahre nach dem Sturm ist Munshiganj noch immer nicht trocken. Nasir Uddin und seine Nachbarn kämpfen darum, sich ein neues Leben aufzubauen und nicht von Tigern gefressen zu werden, die nachts auf der Suche nach leichter Beute aus den Mangrovenwäldern der benachbarten Sundabarns ins Dorf kommen. Dutzende Einwohner der Gegend wurden in den vergangenen Jahren getötet oder verwundet, manche gar am helllichten Tag angegriffen. "Es ist schlimm hier, aber wohin sollen wir gehen?", sagt Uddin und begutachtet den anderthalb Meter hohen Erdsockel, auf dem er sein Haus wieder aufbauen will. Ein zinsfreier Kredit hilft. Und diesmal soll es Holz sein anstelle von Lehm. Holz schwimmt.

Die Reisfelder um sein Haus sind voller Brackwasser. Zur Krabben- und Garnelenzucht bleibt den Menschen kaum eine Alternative. Auch in tiefen Dorfbrunnen sei das Wasser salzig, sagt Uddin. Die Bewohner der Region müssten Regenwasser sammeln und bei Hilfsorganisationen um Trinkwasser bitten. Ein Lastwagen liefert es dann zu einem Tank im Dorf, und gewöhnlich sind es die jungen Frauen, die das Wasser in Aluminiumgefäßen auf dem Kopf nach Hause transportieren. "Sie sollten hier ein Foto machen und es in Ihrem Land den Menschen mit ihren großen Autos zeigen", sagt Uddins Nachbar Samir Ranjan Gayen, ein kleiner bärtiger Mann, der die Wasserausgabe organisiert. "Sagen Sie ihnen, das sei ein Vorgeschmack darauf, wie der Süden von Florida in 40 Jahren aussehen wird."

Mit dem Meer lässt sich nicht diskutieren. Die Menschen von Munshiganj wissen das. Es wird kommen, früher oder später, um sich dieses Land zu holen. Werden dann wirklich Millionen Bangladescher die Koffer packen und in Massen nach Indien flüchten? Wahrscheinlich werden sie sich immer wieder neu anpassen. Und dann, wenn die Grenze erreicht ist, werden sie sich noch ein bisschen mehr anpassen.

So haben sie es hier immer gehalten.

(NG, Heft 05 / 2011, Seite(n) 64)

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