„Männer müssen auch in Teilzeit arbeiten“

Der Lohnnachteil der Frauen auf dem Arbeitsmarkt hält Frauen davon ab zu arbeiten und beruflich aufzusteigen. Christina Boll vom Deutschen Jugendinstitut erklärt die Ursachen.Freitag, 29. November 2019

Frau Boll, wir haben in Deutschland eine im europäischen Vergleich sehr große Lohnlücke von 21 Prozent zwischen Frauen und Männern. Woran liegt das?

Analysen im EU-Vergleich zeigen, dass sich ein Drittel der Lohnlücke in Deutschland dadurch erklärt, dass Frauen häufiger Teilzeit arbeiten als Männer. Ein weiteres Drittel können wir auf verschiedene andere Faktoren zurückführen und das letzte Drittel ist unerklärt, das heißt, wir können es mit Daten nicht einfangen.

Wie wichtig ist Teilzeit in diesem Zusammenhang in den 27 anderen EU-Ländern?

Nicht annähernd so wie in Deutschland. Es ist eine deutsche Besonderheit, dass die Wochenarbeitszeit in Teilzeit mit 20 Stunden für Frauen und 17 Stunden für Männer europaweit nur von wenigen Ländern unterboten wird. Anspruchsvolle Arbeit, die besser entlohnt wird, ist meist nur in Vollzeit möglich. Der zweite Punkt ist, dass die Frauen in Deutschland, anders als in den europäischen Nachbarländern, sehr lange in der Teilzeit verharren. Nicht nur in der aktiven Familien-Gründungsphase zwischen 30 und 40, sondern auch dann noch, wenn die Kinder schon Teenager sind.

Wir haben jetzt das Rückkehrrecht in Vollzeit aus der Teilzeit.

Das ist sicher ein Schritt in die richtige Richtung, selbst wenn die Zahl der Fälle, die ein Unternehmen annehmen muss, gedeckelt ist und das Gesetz nur bei Arbeitgebern mit mehr als 45 Mitarbeitern gilt. Wichtig ist aber auch: Die Angebote müssen angenommen, die Rechtsansprüche müssen geltend gemacht werden.

Was hindert Frauen daran, früher in die Vollzeit zurück zu kehren?

Viele Frauen erleben, dass eine Vollzeitstelle eigentlich eher eine anderthalbfache Vollzeitstelle ist, und sie selbst mit Verträgen über 30 Stunden eigentlich 40 Stunden arbeiten. Gerade wenn sie Familienpflichten haben, wollen sie oft nicht mit voller Stundenzahl zurück und landen bei 20 Stunden. Später ist es dann mitunter die Macht der Gewohnheit, das lieb gewonnene Hobby oder der freie Tag, den Frauen nicht mehr hergeben mögen.

Wie können wir das ändern?

Mittelfristig muss sich die Gesellschaft fragen, mit welcher Arbeitszeit man überhaupt Familienleben vereinbaren kann. Das kann aus meiner Sicht nur so sein, dass man sich als Paar irgendwo in der Nähe von 35 Stunden trifft, bei vollzeitnaher Teilzeit also, während der Phase mit kleinen Kindern auch darunter. Also dass die Männer runterkommen von ihren überlangen Arbeitszeiten und die Frauen ein bisschen hoch gehen. Dann können beide Geschlechter auf dem Arbeitsmarkt Karriere machen und die Arbeit in der Familie partnerschaftlich verteilen. Das ist nichts, was sich von heute auf morgen ändert. Aber wir haben bei der Elternzeit gesehen, was es bewirken kann, wenn man exklusive Vätermonate einführt. Wir haben uns inzwischen daran gewöhnt, dass Männer ganz selbstverständlich den Kinderwagen durch die Straßen schieben und familienaktiv sind – irgendwann wird auch Teilzeit, zumindest die vollzeitnahe, für Männer normal sein. Anders als bei der Elternzeit sehe ich bei der Teilzeit aber zuallererst die Betriebe in der Verantwortung, den Wandel voranzubringen.

Welche weiteren Faktoren tragen zur Lohnlücke in Deutschland bei?

Während junge Männer in dualen Ausbildungen schon ein Gehalt bekommen, wählen junge Frauen häufig Berufe, bei denen sie ihre Ausbildung bisher oft bezahlen mussten. Man findet dann einen hohen Frauenanteil in Sozial- und Gesundheitsberufen, in der Pflege und in erzieherischen Berufen. Auch wenn das Schulgeld demnächst abgeschafft werden soll, bleibt eine Verdienstlücke zwischen Männern und Frauen schon in jungem Alter bestehen – und nach Abschluss der Ausbildung setzt sich das fort. Das hängt auch damit zusammen, dass Frauen eher als Männer Berufe wählen, die in schlecht bezahlten Branchen ausgeübt werden. Und: In manchen Branchen sind Vollzeitstellen eher rar – beispielsweise im Einzelhandel. Wir müssen wissen, dass ungefähr jede achte Frau unfreiwillig in Teilzeit arbeitet.

Warum arbeiten gerade Frauen in Branchen, die geringe Stundenlöhne zahlen?

Es gibt kulturelle Ansätze, die das erklären. Frauenarbeit wurde früher gar nicht bezahlt; sie wurde vollständig außerhalb des Marktes geleistet, und auch heute noch leisten Frauen einen Großteil der unbezahlten sogenannten Care-Arbeit. Die amerikanische Soziologin Paula England hat in ihrer „Devaluationsthese“ gesagt, dass fürsorgende, haushaltsnahe Tätigkeiten, also die Tätigkeiten, bei denen Frauen die Mehrheit stellen, schlechtere Einkommensperspektiven haben. Sobald mehr Männer reinkommen, steigt das Lohnniveau. Das gilt im Berufsvergleich, aber ich hoffe darauf, dass es auch für die Teilzeitbeschäftigung gilt.

Gibt es neben der Teilzeitarbeit, dem Beruf und der Branche weitere Faktoren, die Grund für das niedrige Einkommen von Frauen sind?

Aufstiegsmöglichkeiten und Führungspositionen innerhalb von Unternehmen sind ein großes Thema. Das hängt allerdings auch wieder mit der Teilzeit zusammen: Wir haben in Deutschland nur etwa fünf Prozent der Führungskräfte, die Teilzeit arbeiten. Es wird Vollzeit erwartet und gibt kaum Möglichkeiten, in Teilzeit zu führen. Dazu kommt: Zu wenige Frauen gehen in Führungspositionen. Da sind nicht nur die Betriebe gefordert, qualifizierten Frauen Angebote zu machen, sondern auch die Frauen selbst sind gefordert, diese Angebote auch anzunehmen. Fragt man Studienabgänger, welche Jobmerkmale ihnen wichtig sind, stehen bei Frauen Geld und Macht deutlich weiter unten als bei Männern. Die negative Konnotation von Macht ist natürlich schon ein sehr großes Hemmnis, um eine Führungsposition anzugehen.

Wo könnte man ansetzen, Frauen mehr für Führung zu interessieren?

Die Antwort auf ganz viele Fragen ist: Wir müssen an den Rollenbildern arbeiten. Wir müssen ganz früh anfangen, diese Geschlechterstereotypen nicht nur aufzubrechen, sondern nach Möglichkeit erst gar nicht bei den Jungen und Mädchen entstehen zu lassen. Dazu gehört auch, dass wir zuallererst in den Kitas dafür sorgen, dass dort nicht 95 Prozent der Erzieherinnen weiblich sind, sondern dass Kinder auch Männer in diesem Beruf erleben.

Was hält Männer davon ab, Teilzeit zu arbeiten?

Die Auszeit und auch die Teilzeit werden im Vergleich zur Vollzeit für Männer pro Stunde schlechter bezahlt als für Frauen. Das liegt daran, dass die Männer in Vollzeit mehr verdienen können. Sie schöpfen nach oben die hohen Gehälter ab und fallen im Vergleich zu Vollzeit tiefer, wenn sie Teilzeit arbeiten.

Sie untersuchen auch den Einfluss von Metatrends wie Digitalisierung, Migration und demografischen Wandel auf die Erwerbstätigkeit. Zu welchen Ergebnissen kommen Sie?

Der demografische Wandel spielt Frauen im Prinzip in die Hand, weil es bei schrumpfender Bevölkerung auf dem Arbeitsmarkt zu einer Verknappung von Arbeitskräften kommt. Gleichzeitig ist er eine Herausforderung, denn wir müssen länger arbeiten, leben aber auch länger. Die Vereinbarkeit von Pflege der älter werdenden Eltern und Schwiegereltern und Beruf gut zu regeln, wird also noch bedeutender für Frauen, denn wir wissen, dass es eher Frauen sind, die diese pflegen. Männer übernehmen eher die Pflege ihrer Partnerin, was aber meist erst jenseits der Erwerbsphase der Fall ist.

Das wissen wir alles auch schon relativ lange. Wo müsste man ansetzen, um möglichst schnelle Erfolge zu haben?

Anders als die Skandinavier möchten die Deutschen gerne zu Hause gepflegt werden, aber mit Unterstützung von ambulanten Pflegediensten. Gelder dafür zur Verfügung zu stellen, ist die eine Sache. Das andere ist nach wie vor, dass wir natürlich den Mitarbeitenden in den Betrieben diese Pflege ermöglichen müssen. Die Möglichkeit im Homeoffice zu arbeiten, ist sicher in Zukunft noch sehr viel stärker gefragt als heute.

Was die Digitalisierung vorantreibt.

Bei der Digitalisierung müssen wir aufpassen, dass wir den sozialen Fortschritt im Tempo des technischen Fortschritts machen. Wenn Frauen in einem Unternehmen arbeiten, das eine Anwesenheitskultur hat, schneiden sie sich ins eigene Fleisch, wenn sie von zuhause arbeiten. Sie können dann zwar Familie und Beruf flexibel vereinbaren, werden aber nicht mehr gesehen. Das unterschätzen die Frauen. Wir müssen ganz klar dafür sorgen, dass auch die Männer Homeoffice machen und damit der Partnerin einen Bürotag ermöglichen, und ggf. ein Geschäftsessen am Abend oder eine Dienstreise.

Wie können wir erreichen, dass Männer genauso flexibel arbeiten, um Arbeit und Familie zu vereinbaren?

Wir kommen hier immer wieder im Kindergarten und bei den Geschlechterrollen an. Da brauchen wir einen langen Atem.

Wie sieht es mit der Wirkung von Migration auf die Lohnlücke aus?

Migration ist auch ein sehr vielschichtiges Thema. Zum einen haben wir viele Migrantinnen, die mit ihren Männern mitziehen, das sogenannte "Trailing-Spouses-Phänomen". Frauen, die aufgrund traditioneller Geschlechterrollen nicht selbst eine Arbeit suchen, sondern mit ihrem Mann, der sich beruflich optimiert, mitziehen. Das haben wir innerhalb Deutschlands, aber erst recht in einem weltweiten Maßstab. Diese Frauen finden dann auf dem lokalen Arbeitsmarkt manchmal nur mühsam Anschluss, weil die Wohnortwahl ja auf die Karriere des männlichen Partners ausgerichtet war.

Bedeutet das, dass Migration festgefahrene Geschlechterrollen in Deutschland verstärkt?

Wir müssen die Aspekte beachten, die ich gerade nannte: Die kulturellen Faktoren, die die Erwerbspräferenzen der Frauen prägen und die Wanderungsmotivation. Und das Thema der aufgeschobenen Geburten: Die Frauen, die eigentlich noch im Heimatland eine Familiengründung oder eine Familienerweiterung planten, die sie während der Flucht aber natürlich aufgrund der Umstände nicht realisieren konnten. Diese Frauen holen die Geburten relativ schnell nach, wenn sie angekommen sind. Dann sind sie auch erst mal weg vom Arbeitsmarkt. Gleichzeitig muss man aber auch immer wieder betonen, dass die Frauen ganz oft auch viele Kompetenzen mitbringen: Manche haben Sprachen neu gelernt. Abgesehen davon stärkt die Verantwortung für die Kinder unter diesen erschwerten Umständen natürlich auch die Persönlichkeit. Wir tun immer so, als würden wir diesen Menschen nur helfen müssen, übersehen aber, dass sie auch eigene Ressourcen haben, von denen wir alle lernen können.

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