Bringt mich zu euren Alten

Roboter könnten schon in naher Zukunft alten Menschen helfen und Trost spenden – und den steigenden Bedarf nach Pflegepersonal decken. Freitag, 3. Januar 2020

Von Claudia Kalb
Bilder Von Yves Gellie
Ein Roboter posiert als Modell in einem Zeichen-Workshop für die Bewohner des Maison Ferrari, einem Altersheim ...
Ein Roboter posiert als Modell in einem Zeichen-Workshop für die Bewohner des Maison Ferrari, einem Altersheim in Clamart, Frankreich. Der Fotograf Yves Gellie hat zwei Jahre lang an seinem Film „Year of the Robot“ (2019) gearbeitet und widmete sich danach einem Fotoprojekt, das die Interaktionen zwischen älteren Menschen und „sozialen“ Robotern in Pflegeeinrichtungen in Frankreich und Belgien dokumentiert.
Bild Yves Gellie

Als Goldie Nejat 2005 mit der Entwick­lung von Robotern begann, verbrachte sie viel Zeit mit Überzeugungsarbeit, um ihre Prototypen überhaupt vorführen zu dürfen. Den Akteuren der Gesundheitsvorsorge waren ihre Ideen noch suspekt: sozialassistive Roboter, pro­grammiert auf die Interaktion mit Men­schen. „Inzwischen hat sich das um 180 Grad gedreht“, sagt Nejat, die als Professorin für Maschinenbau an der Universität von Toronto in Kanada ar­beitet. „Menschen aus der ganzen Welt rufen mich an, um zu fragen, wann mein Roboter einsatz­bereit ist.“

Denn Nejats Roboter könnten dabei helfen, in der Alten­pflege eine riesige Bedarfslücke zu schließen. Die Population der über 80-­Jährigen dürfte sich weltweit von 143 Millionen im Jahr 2019 auf 426 Millionen bis zum Jahr 2050 verdrei­fachen. Und Roboterassistenten könnten besonders für Patienten mit Alzheimer oder Demenz nützlich sein: um an Medikamenteneinnahmen zu erinnern, gymnastische Übungen anzuleiten oder um die Senioren mit Bingo­ und Memoryspielen geistig aktiv zu halten.

Den französischen Fotografen Yves Gellie inspirierte das Potenzial der Roboter für die Altenpflege zu seinem 2019 veröffentlichten, preisgekrönten Film „Das Jahr des Robo­ters“. Er dokumentiert die Interaktionen zwischen Senioren und Sozialrobotern in französischen und belgischen Alten­heimen. Im Film sieht man die Alten mit ihren Roboter­ gefährten Klavier spielen, tanzen und ihnen sogar unter Tränen Geheimnisse anvertrauen. Dadurch verleihen Gellie und sein Assistent Maxime Jacobs den Robotern menschliche Züge.

Ein Roboter wartet auf einen Bewohner auf dem Flur des Hôspital La Rochefoucauld in Paris, Frankreich. Dieser Roboter ist mit einer Software ausgestattet, die so programmiert werden kann, dass sie Menschen bei der Bewältigung diverser Aufgaben hilft. In futuristisch anmutenden Szenen sieht man Personen, die mit ihren Robotern Klavier spielen, tanzen und sogar Geheimnisse teilen. Gellie bat einige der Leute, sich zu vorzustellen, was sie am liebsten mit ihrem Roboter erleben würden, wenn sie einen eigenen bekämen.
Bild Yves Gellie

Nach der Fertigstellung seines Films startete Gellie ein ähnliches Fotoprojekt, in dem er einige Protagonisten nach ihrem Wunschszenario mit einem Roboter fragte. Was wür­den sie am liebsten mit ihnen tun? Die Bilder zu diesem Artikel demonstrieren die Interaktionen von Menschen und Robotern. Es geht um die Frage, inwieweit Menschen Bezie­hungen zu Maschinen aufbauen können.

Kritiker machen sich Sorgen, dass Roboter zwischen­ menschliche Beziehungen und Arbeitsplätze ersetzen. Doch das Ziel besteht darin, Menschen zu ergänzen und nicht zu verdrängen, betont Brian Scassellati. Der Leiter des Sozialrobotik-Labors der Universität Yale untersuchte den Einsatz von Robotern bei Patienten und fand heraus, dass die tägliche Interaktion mit Robotern Kindern mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) dabei helfen kann, Augenkontakt und soziale Fertigkeiten zu verbessern.

Je umfangreicher das Einsatzgebiet wird, umso interessanter wird die Dynamik zwischen Menschen und Robotern für die Wissenschaft. Sind Roboter im Vorteil, weil sie nicht urteilen? Ist ein Mangel an Emotionen hilfreich? Verlieren die Patienten irgendwann das Interesse? Ein Vorteil sei eindeutig, sagt Scassellati: Roboter bieten personalisierte, bedarfsgerechte Pflege – und die wird in Zukunft immer stärker nachgefragt sein.

Lesen Sie weitere Reportagen zum Thema "Schmerz" in Heft 1/2020 des National Geographic-Magazins!

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