Spätes Glück: Wird die Elternschaft über 40 normal?

Mithilfe der Medizin verschieben Menschen die Familiengründung immer weiter. Vom Glück und der Herausforderung einer Elternschaft in reiferen Jahren.

Von Rebecca Tuhus-Dubrow
Veröffentlicht am 16. Jan. 2024, 13:17 MEZ
Mutter mit Kind

Einen Monat nach der Entbindung kuschelt Tania Dimitrova, 41, mit ihrer Tochter Deva, nachdem sie das Baby um zwei Uhr nachts gestillt hat. Dimitrova ist alleinstehend und Geschäftsführerin eines Biotech-Unternehmens. „Das Wissen um die Fortschritte in der Technologie ermöglicht es vielen Frauen, später schwanger zu werden, Karriere zu machen und den richtigen Partner zu wählen“, sagt sie.

Foto von Jackie Molloy

Zwei Wochen vor ihrem 48. Geburtstag lag Eboni Camille Chillis in einem Krankenhausbett, bereit, ihr erstes Kind zur Welt zu bringen. Während sie aufgeregt darauf wartete, dass die Ärzte den Kaiserschnitt durchführten, spielte sie eine Playlist ab, die sie eigens für diesen Anlass zusammengestellt hatte: Lieder, die sie beruhigend und ermutigend fand, wie „I’m Coming Out“ von Diana Ross und „Lovely Day“ von Bill Withers. Auch einige Krankenschwestern sangen mit. Chillis wollte immer Mutter werden. In ihren Zwanzigern und Dreißigern hatte sie auf eine klassische Liebesgeschichte gehofft. „Ich dachte, ich würde mich verlieben, heiraten und ein Baby bekommen“, erzählte mir die Pädagogin und Unternehmerin aus dem amerikanischen Atlanta. „Aber daraus wurde nichts.“ Als die Covid-19-Pandemie sie zum Entschleunigen und Nachdenken zwang, beschloss Chillis, allein ein Kind zu bekommen. Sie war Mitte 40.

Trend zur späten Familiengründung

Man hatte ihr gesagt, dass aufgrund ihres Alters und der Testergebnisse die Chance, mit ihren eigenen Eizellen schwanger zu werden, unter einem Prozent lag. So begann Chillis, nicht nur nach einem Samenspender, sondern auch nach einer Eizellspenderin zu suchen. Als sie ein Jahr später passende Spender gefunden hatte, galt es, ihre Gebärmutter für einen Embryotransfer vorzubereiten. In den letzten zwei Wochen vor dem Eingriff und während des ersten Schwangerschaftsdrittels spritzte sie täglich Progesteron. Zu den Klängen von Stevie Wonders „Isn’t She Lovely?“ erblickte Chillis’ Tochter im Januar dieses Jahres das Licht der Welt. Eine Krankenschwester legte der frischgebackenen Mutter das Baby auf den Bauch. Sobald es an der Brust zu trinken begann, war alle Unsicherheit wie weggeblasen. Chillis wusste: Alles wird gut.

Chillis ist beispielhaft für einen Wandel, der sich nicht nur in den USA seit Jahrzehnten vollzieht: Immer mehr Menschen schieben das Kinderkriegen auf. Im Jahr 2021 waren Frauen in der EU bei der Geburt ihres ersten Kindes im Durchschnitt 29,7 Jahre alt. Im Jahr 2013 lag die Zahl noch bei 28,8 Jahren. Deutschland zählt mit einem durchschnittlichen Alter von 30,1 Jahren zum oberen Drittel, das Durchschnittsalter stieg innerhalb einer Dekade um mehr als ein Jahr. Auch wenn die Zahlen von Land zu Land variieren, ist der Trend in vielen Teilen der Welt gleich. Natürlich – es gab schon immer späte Geburten. In der Regel handelte es sich dabei jedoch um das zweite, dritte oder vierte Kind der Mutter. Heutzutage gründen Menschen später eine Familie, manchmal sogar ohne Partner.

Die Möglichkeiten der künstlichen Befruchtung

Wer Zugang zu zuverlässigen Verhütungsmitteln hat, stellt Ausbildung und Karriere vor die große Verantwortung der Elternschaft. Bessere Berufschancen für Frauen und veränderte Geschlechterrollen spielen dabei eine wichtige Rolle. Methoden der künstlichen Befruchtung wie die In-vitro-Fertilisation (IVF) ermöglichen es Frauen heute, auch unter Bedingungen Kinder zu bekommen, unter denen dies früher schwierig gewesen wäre. Das Ergebnis sind weltweit mehr als zwölf Millionen Kinder, die in den letzten Jahrzehnten durch IVF gezeugt wurden – und ein tiefgreifender Wandel im Bereich der menschlichen Fortpflanzung. Heute verfolgen Wissenschaftler neue Forschungsrichtungen, die geeignet scheinen, die Reproduktion der menschlichen Spezies noch weiter zu revolutionieren.

Der erste Mensch, der im Labor gezeugt wurde, kam am 25. Juli 1978 in Oldham, England, zur Welt. Bei dem IVF-Verfahren wird eine Eizelle im Reagenzglas mit Sperma befruchtet und der entstandene Embryo in die Gebärmutter einer Frau übertragen. Ursprünglich zur Behandlung von Eileiterverschlüssen eingesetzt, hat sich die IVF auch bei anderen Unfruchtbarkeitsproblemen bewährt. Die auf diese Weise gezeugten Kinder, damals als „Retortenbabys“ bezeichnet, lösten in den Medien und in der Öffentlichkeit Faszination und Besorgnis aus. Die Befürchtungen reichten von möglichen Geburtsfehlern bis hin zu religiösen Bedenken gegen Eingriffe in den Fortpflanzungsprozess. Es dauerte jedoch nicht lange, bis das Verfahren gängige Praxis wurde und breite Akzeptanz fand.

National Geographic Magazin 1/24.

Foto von National Geographic

Die gesamte Geschichte lesen Sie im NATIONAL GEOGRAPHIC Magazin 1/24. Verpassen Sie keine Ausgabe mehr: Sichern Sie sich die nächsten 2 Ausgaben zum Sonderpreis!

loading

Nat Geo Entdecken

  • Tiere
  • Umwelt
  • Geschichte und Kultur
  • Wissenschaft
  • Reise und Abenteuer
  • Fotografie
  • Video

Über uns

Abonnement

  • Magazin-Abo
  • TV-Abo
  • Bücher
  • Newsletter
  • Disney+

Folgen Sie uns

Copyright © 1996-2015 National Geographic Society. Copyright © 2015-2024 National Geographic Partners, LLC. All rights reserved