Perücken für kranke Kinder: Ich schenke dir meine Haare!

Der Wiener Verein „Haarfee“ sammelt Spenden, aus denen Echthaar-Perücken für kranke Kinder entstehen - eine psychologische Stütze in schweren Zeiten.

Von Julia Graven
Veröffentlicht am 13. Dez. 2022, 13:22 MEZ
Ein Wiener Projekt sammelt Haare für Echthaar-Perücken für Kinder

Mindestens vier rund 30 Zentimeter lange Zöpfe braucht man für eine Kinderperücke. Der Wiener Verein „Haarfee“ sammelt Haar-Spenden, um kranken Kindern ein gutes Gefühl zu geben.

Foto von Emma Simpson on Unsplash

Auf die Idee kam der Friseur Yochai Mevorach, als eine Kundin einen Termin absagte. Sie lasse ihre Haare wachsen, um sie für die Perücke ihrer krebskranken Freundin zu spenden, erzählte ihm die Niederländerin. In ihrer Heimat gebe es Vereine, die sich um solche Haarspenden kümmerten. Der Israeli, der in Wien arbeitet, hörte sich um, doch er fand im deutschsprachigen Raum nichts Vergleichbares. Also gründete er 2013 mit Freunden den Verein Haarfee, der kranke Kinder und Jugendliche mit kostenlosen Perücken aus gespendetem Echthaar versorgt.

Seitdem sind in Österreich, Deutschland, Italien und der Schweiz Haarspenden für mehr als 400 Perücken zusammengekommen. Viele Kinder und junge Mädchen engagieren sich und lassen ihre Haare extra lang wachsen, um sie zu spenden. „Ich stehe immer mit Tränen in den Augen da, wenn kleine Mädchen zum Spenden kommen“, sagt der 42-Jährige. Ihre Großzügigkeit berühre ihn zutiefst.

Perücken als psychologische Stütze

Vier bis fünf rund 30 Zentimeter lange Zöpfe braucht es für eine Perücke. Der Verein sammelt die Haarspenden und schickt sie an einen Perückenmacher im Münsterland. Dort werden in Handarbeit jeweils rund 100000 Haare verknüpft. Die Kosten für die Arbeitszeit übernimmt Haarfee mithilfe von Geldspenden oder Zuschüssen der Krankenkassen. Wichtig ist dem Friseur Mevorach: „Jedes Kind, das eine Perücke haben möchte, bekommt auch eine.“

Die österreichische Kinder-Krebs-Hilfe war von der Idee anfangs wenig angetan: Kinder bräuchten keine Perücken, hieß es. Sie würden sich diese nach kurzer Zeit vom Kopf reißen. „Dabei machen das viele nur, weil billige Perücken aus Kunsthaar jucken und nach Fasching aussehen“, sagt Mevorach. „Sie passen nicht für Kinderköpfe, sind dick und warm und lassen sich nicht waschen.“ Seine Argumente überzeugten die Kinder-Krebs-Hilfe, die seitdem betroffenen Familien den Kontakt zum Verein vermittelt.

Bei seinen Besuchen im Kinderkrankenhaus erfuhr Mevorach, dass seine Initiative eine wichtige Lücke füllt: „Ist die Krebsdiagnose da, denken Eltern an alles andere als an Perücken. Die Kinder haben Angst davor, ihre Haare zu verlieren, aber sie trauen sich oft nicht, ihre Eltern in dieser schwierigen Zeit auch noch mit Forderungen zu belasten.“ Deswegen sprechen die Psychologinnen und Psychologen im Krankenhaus nun schon früh an, ob eine Perücke ein Thema ist. Im besten Fall ist sie beim Kind, bevor die echten Haare in der Chemotherapie ausfallen.

100000 Haare für ein Stück Lebensfreude

Sarah Zopf bekam ihre Perücke an dem Tag, an dem ihre kleine Cousine getauft wurde. Die 22-Jährige erinnert sich noch gut, wie sie damals in der Kirche in Tränen ausgebrochen war. Sie hatte im Alter von 15 Jahren innerhalb weniger Wochen ihre gesamten Kopfhaare verloren. Alopecia totalis lautete die Diagnose. Die Autoimmunerkrankung, bei der alle Kopfhaare ausfallen, ist weder schmerzhaft noch lebensbedrohlich, aber emotional enorm belastend, erst recht für einen Teenager. Als während der Taufe der Anruf kam, dass ihre Perücke fertig ist, machte sie sich direkt nach der Kirche auf den Weg zum Friseur. „Das war so ein schönes Gefühl“, sagt sie heute. „Ich habe ein Stück Lebensfreude zurückerhalten.“

Im Februar hat Sarah Zopf ihre sechste Haarfee-Perücke bekommen. Das Aufsetzen gehört für sie mittlerweile zur Morgenroutine. Zu Beginn ihrer Erkrankung war sie noch häufiger ohne Perücke unterwegs gewesen. „Aber irgendwann habe ich die Blicke nicht mehr ausgehalten“, sagt die Oberösterreicherin. Nicht angestarrt zu werden, sich wieder weiblich zu fühlen – das sind die zwei wichtigsten Gründe dafür, dass Sarah ohne Perücke nicht mehr aus dem Haus geht. „Mit meiner Perücke fühle ich mich wieder dazugehörig.

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