Ethnizität, Identität und Wandel in Bildern

Thursday, November 9

Von Michele Norris
Jordan Spencer und Celeste Seda

In einem Beitrag in der 125. Jubiläumsausgabe des National Geographic vom Oktober betrachtet Lise Funderburg den demografischen Wandel in den USA, untermalt von Porträts multiethnischer Familien von Martin Schoeller. Der Artikel hebt die Schönheit multiethnischer Diversität hervor und zeigt die Grenzen bei den aktuellen Kategorien für ethnische Gruppen auf.

Bei der Frage nach der Ethnizität geht es um Unterschiede und darum, wie diese kodifiziert werden – durch Sprache, Kategorien, Schubladen, Segmentierung und sogar die implizite Sortierung, die in unseren Köpfen stattfindet, wenn wir anderen und auch uns selbst Etiketten anheften.

Während Aussehen und Identität bei der ethnischen Kategorisierung definitiv eine Rolle spielen, darf auch eine weitere wichtige Zutat nicht vergessen werden: die Erfahrung. Auf den US-amerikanischen Zensusfragebögen ist hierfür kein Platz. Doch wenn jemand einen Stift in die Hand nimmt und überlegt, welches Kästchen er ankreuzen soll, verlässt er sich fast immer auf seine Erfahrung.

Imani Cornelius, 13, Shakopee, Minnesota. Selbstbeschreibung: schwarz und weiß | Zensuskategorie: schwarz | Imani wartet auf eine Knochenmarkstransplantation. Passendes Mark haben nur Menschen gleicher Abstammung. Weil es an afroamerikanischen und multiethnischen Spendern mangelt, wartet sie bereits seit zwei Jahren.

Der Mathematiklehrer David Kung aus St. Mary’s City, Maryland, USA, kämpfte jahrelang damit, wo er auf offiziellen Formularen sein Kreuz setzen sollte. Seine Mutter ist weiß. Sein Vater ist Chinese. Sein Nachname deutet auf seine Herkunft hin, doch sein Aussehen lässt sich nicht nur einer einzigen Kategorie zuordnen. Deshalb kreuzte Kung manchmal mehrere Kästchen an und überließ es anderen, das Rätsel zu lösen. Manchmal warf er eine Münze. Dabei dachte er an Familientraditionen, Lieder, Essen, Erinnerungen. Nur ein Kästchen auszuwählen, war für ihn ein Albtraum. Es bedeutete, einen Teil seiner Abstammung zu verleugnen. Als die Zensusbögen schließlich geändert wurden und man mehr als nur eine Kategorie wählen durfte, riss David Kung den Umschlag auf, kreuzte mehrere Kästchen an, setzte sich hin – und weinte.

Offizielle Statistiken können ein brauchbares Bild vermitteln. Und natürlich ist das Aussehen ein wichtiger Aspekt. Doch um wirklich zu verstehen, was Ethnizität – und vor allem Multiethnizität – ist, muss man diejenigen verstehen, deren Leben hiervon geprägt sind.

Seit mittlerweile drei Jahren sammle ich im Rahmen des Race Card Project Geschichten über Ethnizität und kulturelle Identität. Das Projekt bietet einen Einblick in die Gesellschaft, den ich in meiner mehr als dreißigjährigen Karriere als Journalistin so noch nie gesehen habe. Die Geschichten, von denen ich spreche, sind kurz. Sehr kurz. Sechs Wörter lang. Und es ist beeindruckend, wie viel Aussagekraft so ein kleines Päckchen haben kann.

Noch beeindruckender ist, wie diese Arbeit im Laufe der Zeit Menschen die Möglichkeit gegeben hat, viel mehr zu teilen als nur sechs Worte darüber, was sie sind und was sie fühlen. Die Beiträge, die per Post, über das Internet und via Twitter eingehen, werden oft von Kommentaren, Essays, Bildern und Kunstwerken begleitet. Bei einem Großteil der über 30.000 Beiträge, die ich archiviert habe, geht es in irgendeiner Form um multiethnische Erfahrungen – insbesondere um Ehe, Elternschaft und die Fragen der Identität des Nachwuchses. Angesichts der Zunahme von Mischehen ist dies wohl nicht überraschend.

In einer Studie des Pew-Forschungszentrums wurde 2010 bei Mischehen in den USA ein Rekordstand von 4,8 Millionen festgestellt, Tendenz steigend. Das heißt, jede siebte Ehe wird zwischen Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft geschlossen.

Lange Zeit führte allein das Erwähnen von „ethnischen Beziehungen“ zu Fragen zu dem häufig komplizierten Eiertanz zwischen schwarzen und weißen US-Amerikanern (denken Sie nur an Sidney Poitier und Katharine Houghton in „Rat mal, wer zum Essen kommt“ oder, aktueller, Kerry Washington und Tony Goldwyn im Serien-Blockbuster „Scandal“). Mittlerweile ist das Verschwimmen der Farbgrenzen jedoch viel facettenreicher und diverser.

Der Pew-Studie zufolge haben 2010 36 Prozent aller asiatischen Frauen und 17 % aller asiatischen Männern multiethnisch geheiratet. Außerdem fand man heraus, dass 26 Prozent der US-Bürger lateinamerikanischen Ursprungs außerhalb ihrer Ethnie heirateten, während dies nur bei 17 Prozent der Schwarzen und neun Prozent der Weißen der Fall war.

Doch wie gesagt, Statistiken zeigen nur einen Teil der Wahrheit.

LINKS: Julie Weiss, 33, Hollywood, Kalifornien | Selbstbeschreibung: philippinisch-chinesisch-spanisch-indisch-ungarisch-deutsche Jüdin | Zensuskategorien: weiß/asiatisch-indisch/chinesisch/philippinisch RECHTS: Maximillian Sugiura, 29, Brooklyn, New York, USA | Selbstbeschreibung: japanisch, jüdisch und ukrainisch | Zensuskategorien: weiß/japanisch

Mit den Sechs-Wort-Geschichten aus dem Race Card Project wurde ein Portal erschaffen, das uns einen tieferen Einblick in unterschiedlichste Aspekte der Multiethnizität und kulturellen Identität bietet. Es ist mitnichten vollständig. Man kann nicht jede Facette des multiethnischen Lebens erklären. Aber die Geschichten bilden ein vielseitiges Mosaik, das uns heute informiert und in Zukunft als faszinierendes Archiv dienen wird, wenn wir versuchen, die Jahre zu verstehen, in denen sich die USA zu einem Majority-Minority-Land entwickelte, in dem ethnische Minderheiten die Mehrheit der Bevölkerung darstellen.

Für viele gibt es hierauf keine einfache, oder zumindest keine definitive Antwort. Identität ist nicht immer ein konkretes Konzept, sondern vielmehr etwas situationsabhängiges, das sich je nach Zeit, Ort, Wachstum und Umständen verändert. Es gibt Menschen, die stolz darauf sind, selbstbewusst zwischen mehreren Sprachen zu wechseln oder sich problemlos in unterschiedlichen Kulturen zu bewegen. Manche von ihnen bezeichnen sich als „Edgewalker“, also eine Art Grenzgänger, nach dem gleichnamigen Buch von Dr. Nina Boyd Krebs, in dem sie untersucht, wie Menschen diffuse kulturelle Grenzen im neuen „globalen Grenzland“ bilden.

Edgewalker sind wie fröhliche Botschafter, die sich „recht leicht, entspannt und mit Freude zwischen kulturellen Traditionen und Kulturgemeinschaften bewegen“. Sie freuen sich über Fragen, selbst wenn diese dämlich oder unangenehm sind („Ooooh, das ist dein Vater?“). Sie bleiben ruhig, wenn andere sie nach ihrer Sonnenbräune oder ihren hellen Augen fragen. Es macht ihnen Spaß, die Leute zu verwirren. Humor gehört zu ihren Stärken. Geduld auch. Sie betrachten diese Begegnungen als Gelegenheit, einer schmerzvollen Geschichte zu entkommen.

Manche von ihnen nehmen auch unterschiedliche Identitäten an – je nachdem, welche gerade am bequemsten oder vorteilhaftesten ist. Erica Shindler Fuller Briggs aus North Charleston, South Carolina, sieht sich so oft mit der Frage „Was sind Sie?“ konfrontiert, dass sie begonnen hat, sich für die Antwort bezahlen zu lassen. „Das ist meine Altersvorsorge.“ erklärt sie. „Der Preis hängt vom Zeitpunkt ab: Wann im Gespräch wurde die Frage gestellt? Wenn es innerhalb der ersten paar Minuten war, berechne ich nicht weniger als 1 Dollar pro Minute – das ist die Gebühr für die Beleidigung und vergeudete Zeit, in der ich mich mit einem oberflächlichen Gegenüber abgegeben habe.“

Shindler Fuller Briggs zufolge reagieren die Menschen entweder entsetzt oder amüsiert. So oder so hat sie ihr Anliegen deutlich gemacht, indem sie diejenigen, die sich nach ihrer Identität erkundigen, auffordert, sich selbst eine Frage zu stellen: Warum ist das wichtig? Mit 42 Jahren hat sie es satt, ständig nach ihrer Identität gefragt zu werden, und das aus verständlichen Gründen. Einmal glaubte der Besitzer eines Schuhladens, sie sei Lateinamerikanerin, und warf ihr vor, ihre eigene Sprache nicht zu sprechen. Als sie ihm sagte, dass sie keine Latina ist, wirkte er beleidigt. In einer anderen Situation weigerte sich ein Kiosk-Mitarbeiter zu glauben, dass sie schwarz ist. „Nein, Sie sind zu hübsch, um schwarz zu sein“, argumentierte er.

Und wie beantwortet sie die ständige Frage „Was sind Sie?“? Ihre Antwort gehört zu den Sechs-Wort-Beiträgen des Race Card Project: „Was wäre Ihnen denn am liebsten?“

Vielen sträuben sich allein bei dem Wort „Was“ die Nackenhaare, wenn Leute fragen „Was sind Sie?“ – anstelle von „Wer sind Sie?“ oder am besten einfach „Wie geht es Ihnen?“.

Obwohl die ethnische Zugehörigkeit ein grundlegendes Thema ist – ein Auslöser für Bewegungen, Denkmäler und mehrtägige Konferenzen an Spitzenuniversitäten – sind die in den Sechs-Wort-Beiträgen beschriebenen Momente von kleinerem Maßstab und wesentlich persönlicher: dunkelhäutige Mütter, die für die Kinderbetreuerinnen ihrer helleren Kinder gehalten werden.

Blauäugige Teenager, die sich riesige Afros wachsen lassen, um auf dem Basketballfeld besser akzeptiert zu werden.

Asiaten mit irischem Nachnamen, die sich über die Gesichter potenzieller Arbeitgeber freuen, wenn sie zum Vorstellungsgespräch erscheinen.

Und blonde Frauen, die verstehen, warum ihre Kinder sich aus kulturell-pragmatischen Gründen als „Black-tinos“ sehen, aber innerlich zerbrechen, weil sie sich zurückgewiesen oder übergangen fühlen. All dies ist Teil des verrückten Flickenteppichs der USA. Unsere Diversität ist ein wunderbares Meisterwerk und eine unserer größten Stärken als Nation. Sie kündigt einen Fortschritt an, der für die, die zwischen verschiedenen Kulturen stehen, nicht schmerzfrei ist. Das wird deutlich, sobald man ein paar Geschichten aus dem Race Card Project liest.

Ich bin lange genug im Journalismus um zu wissen, dass Menschen, die mit ihrem Leben zufrieden sind, sich seltener mitteilen, wenn sie die Möglichkeit dazu erhalten. Wer hingegen etwas auf dem Herzen hat, setzt sich eher an die Tastatur. Aber bei einem Thema, das historisch und emotional so aufgeladen ist, ist es mir jedes Mal eine große Ehre, wenn jemand beschließt, seine Geschichte zu teilen. Ich freue mich sehr, dass das Race Card Project zu einem Forum geworden ist, in dem die Leute nicht nur ihre Gefühle ausdrücken, sondern auch ein wenig von dem Leben und den Erfahrungen anderer mitbekommen können.

Stellen Sie sich nur den Schmerz vor, der sich hinter den sechs Wörtern von Chad Oiastad aus Madison, Wisconsin, verbirgt: „Mein Großvater würde meine Kinder hassen.“ Als ich diesen Satz zum ersten Mal las, bin ich erstarrt. Auch jetzt schaudere ich beim Schreiben. Aber ich habe inzwischen genug andere Geschichten gelesen, um zu wissen, dass auch Enkelkinder Wege finden, Befangenheiten zwischen den Generationen oder gar Angst vor dem Unbekannten zu überwinden und durch Liebe, Stolz und überschwängliche Fürsorge zu ersetzen.

Dabei denke ich an den Beitrag von Phyllis Kedl aus Minneapolis, Minnesota, die nicht stolzer sein könnte auf ihre multiethnische Familie mit vierzehn Enkeln, von denen nur fünf ethnisch mit ihr und ihrem Mann verwandt sind. Ihre sechs Worte: „Familie ist wichtig; Ethnizität überhaupt nicht.“

Ich bewundere Kedls Einstellung und ihren Optimismus. Doch ich stimme ihr nicht in allem zu. Wenn mir das Race Card Project eines gezeigt hat, dann, dass Ethnizität häufig sehr wohl eine Rolle spielt. Etwas anderes zu behaupten heißt, die Beobachtungen, Ansichten und Erfahrungen der vielen Tausend Menschen zu bestreiten, die mir ihre Geschichten mitgeteilt haben. Die Diskussionen über Ethnien sind inzwischen so ehrgeizig, dass immer häufiger der Wunsch geäußert wird, wir mögen an einen Punkt gelangen, an dem das Thema endlich abgehakt und endgültig zu den Akten gelegt wird.

LINKS: Yoel Chac Bautista, 7, Castaic, Kalifornien | Selbstbeschreibung: schwarz/mexikanisch/„Blaxican“ | Zensuskategorie: schwarz. RECHTS: Tayden Burrell, 5, Sarasota, Florida | Selbstbeschreibung: schwarz und weiß/multiethnisch | Zensuskategorien: weiß/schwarz

Wenn Sie nicht wissen, wovon ich spreche, denken Sie an den Ausdruck „post-ethnisch“. Er suggeriert, dass es eine Art Expresslift in die oberste Etage geben könnte, wo die Aussicht fantastisch und die Luft rein ist und niemand einem ein fieses, unangenehmes Gefühl bereitet. Auf der romantischen Ebene habe ich auch mehrfach gehört, dass „das Herz die letzte Grenze ist“ – mit der Vorstellung, dass eine Regenbogengeneration uns in ein gelobtes Land führt, in dem die Herkunft zumindest weniger brisant ist, als sie es in der Vergangenheit war. Dieser Tag mag irgendwann kommen, aber wir sind noch lange nicht so weit.

Wenn man sich die Zeit nimmt, zu suchen, wird das an allen Ecken deutlich. Ali Berlinski gibt uns eine einfache Weisheit mit. Ihre sechs Worte sind eine hymnische Beschreibung: „Amerikanisch-polnische Filipina mit Wohnsitz Spanien.“

Was für ein köstlicher Eintopf. Oder sollte ich besser sagen Estofado? Ilaga? Bigos?

Ali Berlinski setzt jedenfalls auf Humor, wenn sie über ihre ungewöhnliche Kindheit spricht. „Als gemischtrassiges Kind großzuwerden, kann hart sein – vor allem, wenn man einen weißen Namen und ein Gesicht hat, das schreit: ,Ich arbeite im Nagelstudio'.“

Berlinski beschreibt ihren Migrationshintergrund als „wunderbares Chaos“.

„Meine Familie ist wie eine kleine Version der Vereinten Nationen. Auch wenn das Jonglieren mit so vielen Kulturen kompliziert sein kann, ist es in jedem Fall eine ungeheure Bereicherung.“

Das Bewegen zwischen den Kulturen ist eine Gemeinsamkeit des National Geographic und des Race Card Project, und wir möchten Sie mit auf unsere Reise nehmen, das sich wandelnde Gesicht der USA besser zu verstehen. Wir möchten sehen und hören, wie Sie sich selbst in Bezug auf Kultur, Ethnizität oder auch Region betrachten. Haben Sie multiethnische Kinder? Sind Ihre Eltern unterschiedlicher Herkunft? Haben Sie Geschwister, die sich trotz gleichen Hintergrunds anders identifizieren als Sie selbst? Sind Sie nicht sicher, wie Sie einen Freund, Kollegen oder Nachbarn beschreiben sollen?

Ganz gleich, wie Ihre Geschichte lautet: Wir möchten sie hören. Posten Sie Ihre sechs Worte zusammen mit einem Foto unter dem Hashtag #NatGeoRaceCardProject auf Twitter oder Instagram.

Michele Norris ist Moderatorin und Sonderkorrespondentin der US-amerikanischen Hörfunksender-Kooperation NPR und Kuratorin des Race Card Project.

Artikel in englischer Sprache veröffentlicht am 17. September 2013

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