Ganz nah dran

Martin Schoellers Porträts werden in Magazinen wie National Geographic, Rolling Stone und The New Yorker gezeigt. Wer sich von ihm fotografieren lässt, muss mutig sein, denn Schoeller geht sehr nah an seine Modelle heran.Donnerstag, 20. September 2018

Von Andrea Henke
Bilder Von Martin Schoeller

Sie sind berühmt für Ihre Porträts der unterschiedlichsten Menschen, von Prominenten wie von Zwillingen, Bodybuilderinnen oder Obdachlosen. Was ist für Sie ein gelungenes Porträt?

Ein Bild, das einen intimen, nicht gestellten, ehrlichen Gesichtsausdruck zeigt. Oftmals entsteht das Foto, kurz nachdem die Person gelacht hat – bevor sich ihr Gesichtsausdruck wieder verfestigt. Ich konzentriere mich auf die ernsteren Momente, aber natürlich sind die nicht ehrlicher als die lachenden. Aber es bleiben Momente. Man kann mit einem einzelnen Foto nicht die Seele eines Menschen einfangen.

Was macht ein Gesicht aus?

Man sagt ja, in den Augen liege der ganze Gesichtsausdruck. Was oft unterschätzt wird: Auch in den Lippen liegt sehr viel Ausdruck. Sowohl in ihrer Form als auch in ihrer Spannung. Darum habe ich eine spezielle Beleuchtung entwickelt: durch großflächige Lampen von beiden Seiten des Gesichts wird alles außer Augen und Lippen leicht unscharf. Die Augen werden sehr hell und treten hervor, damit man als Betrachter sofort einen Kontakt aufbaut.

Sie haben eine sehr systematische Herangehensweise:  Die Leuchten von der Seite, die Kameralinse einen Tick tiefer als die Augen, auf dem Foto ist nur der Kopf zu sehen – das löst alle Porträtierten aus ihrem Kontext. Warum machen Sie das?

Ich sehe das als anthroposophische Gesichtsstudie: die Menschen, die Gesichter unserer Zeit festzuhalten und dabei allen den gleichen Respekt entgegen zu bringen. So wie der berühmte deutsche Fotograf August Sander das damals gemacht hat. Vielleicht sieht sich jemand in 50 Jahren die Bilder an, und stellt fest, dass die Gesichter sich im Laufe der Zeit ein wenig verändert haben. Nicht die Frisuren oder das Make-Up, sondern die Gesichter selbst.

Was kann man wirklich in einem Gesicht lesen? Sehen berühmte, erfolgreiche Menschen anders aus als Menschen auf der Straße? Ich fotografiere gerne die Extreme: Sehr berühmte oder total unbekannte Menschen.

Informieren Sie sich über Ihr prominentes Gegenüber, bevor Sie fotografieren?

Ja, damit ich Gesprächsstoff habe und mich mental auf den Menschen einstellen kann. Es sind ja Fremde. Aber hauptsächlich möchte ich sie vom Fotografieren ablenken. Und bei meinem Aufbau ist das Ablenken nicht so einfach: meine Lichter sind hell und groß. Ich lasse also während der Aufnahmen Musik laufen und rede sehr viel. Die Themen wechseln zwischen eher lustig und ernsthaft, auch weil ich dann verschiedene Gesichtsausdrücke zum Vorschein bringen kann. Das Ablenken gelingt mir nicht immer. Schauspieler sind sehr schwierig zu porträtieren, weil sie ihr Gesicht gut kontrollieren können. Manchmal finde ich hinterher auf den Kontaktabzügen kein einziges Bild, das mir gefällt.

Was sagen die Stars zu ihren Bildern?

Das erfahre ich zum Glück selten. Viele mögen meine Close-Ups von sich selbst nicht, weil sie nicht retuschiert sind – das sind Prominente aber heute gewohnt. Wenn man nicht 20 und hübsch ist, sind meine Bilder oft nicht so vorteilhaft. Mein Problem ist, dass es sich herumgesprochen hat, wie ich fotografiere. Ich mache meistens neben den Close-Ups noch andere Porträts. Die Close-Ups werden vielleicht in den Magazinen gar nicht veröffentlicht oder nur ganz klein gezeigt. Oder ein Close-Up mit einem Lächeln wird ausgewählt. Die PR-Agenten hatten bisher eher vor meinen konzeptionellen Ideen Angst – dass ich mich lustig machen könnte über ihre Klienten. Aber dann hängte der berühmte deutsche Koch Wolfgang Puck meine Porträts in seinem Restaurant „Cut“ in Beverly Hills auf. Und plötzlich sah ganz Hollywood meine Fotos und brachte meinen Namen damit in Verbindung. Jetzt ist es schwieriger, sehr prominente Menschen zu fotografieren, weil sie Angst um ihren Marktwert haben.

Was nicht unberechtigt ist, wenn man weiß, welche Schwierigkeiten besonders Schauspielerinnen ab einem gewissen Alter haben, Rollen angeboten zu bekommen.

Kommen dennoch Prominente gezielt auf Sie zu, um sich fotografieren zu lassen?

Pierce Brosnan wollte fotografiert werden, auch Dennis Hopper. Bei den berühmten Menschen sind 99 Prozent der Fotografien Auftragsarbeiten. Umgekehrt habe ich dieses Jahr Harry Belafonte überreden können, er ist in meinem neuen Buch zu sehen. Aber es ist immer sehr schwer, Leute, die ohnehin ständig fotografiert werden, in einem Moment aufnehmen zu dürfen, in dem sie nichts zu verkaufen haben.

Wie sieht die Reaktion auf Ihre Porträts bei Nicht-Prominenten aus, wie zum Beispiel den Obdachlosen?

Die finden sie gut. Sie werden selten fotografiert und sind zum großen Teil sehr jung.

Die persönlichen Geschichten, die Sie mit den Porträts der Obdachlosen verbunden haben, sind oftmals berührend. Ist es diesen Menschen wichtig, ihre persönliche Geschichte zu erzählen?

Ich finde es erstaunlich, wie verwundbar sie sich zeigen. Auf jeden Fall wollen sie wahrgenommen werden! Ich habe immer an derselben Straßenecke fotografiert und dieselben Leute immer wieder gesehen. Einige haben sich bei mir bedankt und sich eher mal beschwert, dass sie weniger Likes bekommen haben als andere.

Selbst auf der Straße wird gepostet?

Ja!

Sie haben auch indigene Völker am Amazonas und in Tansania fotografiert.

Wenn ich nach meinem Lieblingsjob gefragt werde, nenne ich oft meine Zeit bei den Hadza in Tansania oder den Kayopo in Brasilien. Da gab es keine PR-Leute, keine Stylisten oder Make-Up Artisten. In Tansania habe ich ein großes Zelt mit Generatoren für meine Lampen aufgebaut und hundert Leute fotografiert. An den Amazonas bin ich mit einem kleinen Flugzeug geflogen und konnte kein Zelt mitnehmen. Also habe ich nachts fotografiert, damit das Tageslicht nicht mit meinen Lampen konkurriert. Diese Jobs liebe ich, vielleicht bin ich dort als Fotograf am glücklichsten. Ich fotografiere Menschen, die morgens im Fluss schwimmen und den Tag über im Urwald jagen. Ich kann mit ihnen kein Wort wechseln und bin ganz allein. Das ist super, das genieße ich! Ich habe das in den vergangenen Jahren nur nicht mehr gemacht, weil ich einen mittlerweile neunjährigen Sohn habe und nicht einen ganzen Monat weg sein möchte.

Sie fotografieren alle Menschen auf die gleiche Weise. Was unterscheidet die Individuen, und was verbindet sie?

Ich stelle immer wieder fest, dass wir alle eine gewisse Verletzlichkeit, Unsicherheit und Angst teilen. Egal, wie unterschiedlich unser Äußeres ist oder wie arrogant manche Menschen auftreten – letztendlich sind wir uns doch alle sehr ähnlich. Bei meinem Obdachlosen-Projekt gibt es Leute, die aussehen, als seien sie in einer Gang – aber dann erlebe ich sie als super eloquent. Manche waren auch Lehrer, Lastwagenfahrer, Bauarbeiter; das sind nicht alles Drogenabhängige, die auf der Straße leben. Ich hoffe, dass meine Fotos bewirken, dass wir diesen anderen Menschen gegenüber offener werden und sie nicht so schnell kategorisieren.

Sie haben Menschen nach Gesichtstransplantationen fotografiert. Wie war das?

Das war eine große Herausforderung, diese Menschen haben oft wenig Kontrolle über ihr Gesicht. Ich habe fünf Personen fotografiert, von denen drei blind waren. Das Sprechen fiel ihnen schwer, ich konnte mich nicht richtig mit ihnen unterhalten. Ich bin immer noch hin und hergerissen. Ich mochte diese Menschen sehr. Dennoch sind die Fotos schockierend, weil wir nicht gewohnt sind, so geschwollene und deformierte Gesichter zu sehen. Ich wollte sie nicht schockierend aussehen lassen, sondern eine gewisse Stärke und Sympathie darstellen. Das ist aber sehr schwierig, weil die medizinische Höchstleistung der Transplantation im Vordergrund steht. Die Gesichtszüge dieser Menschen haben nichts mit ihrer Persönlichkeit zu tun. Es war ein Problem für mich, ihnen mit Fotos gerecht zu werden.

Ihre konzeptionelle Fotografie hat einen anderen Ansatz als die Nahaufnahmen. Man sieht Quentin Tarantino, den Regisseur recht blutiger Filme, in einer Zwangsjacke auf einer Krankenliege sitzend, umschwirrt von weißen Tauben. Oder George Clooney mit seiner eigenen Maske über den Augen. Ihnen wird viel Vertrauen entgegengebracht.

Je berühmter die Stars sind, desto entspannter machen sie meine Ideen mit. Sie müssen sich nichts mehr beweisen. Ich liebe das Bild von Clooney, der eine Maske mit seinen eigenen Augen auf seinem Gesicht trägt - es zeigt die verschiedenen Schichten, die ein Schauspieler hat. Es ist ein konzeptionelles Bild, aber immer noch ein Portrait. Als Fotograf auch Momente zu provozieren oder zu stellen, finde ich spannend.

Wen fotografieren Sie zur Zeit?

Ich fotografiere gerade die hundert einflussreichsten Persönlichkeiten des Jahres für das „Out-Magazin“, das führende Magazin der LGBTQ Community, und bin jetzt etwa bei Nummer 30 angelangt. Sehr unterschiedliche, spannende Leute sind das.

Neue Porträts von Martin Schoeller können Sie in seinem neuen Buch "Close" (Steidl Verlag) und vom 22.9.–17.11. in der CWC Gallery in Berlin sehen.

Weitere spannende Artikel lesen Sie in Ausgabe 10/2018 des National Geographic-Magazins. Jetzt ein Abo abschließen!

 

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