Der doppelte Blick

Der Fotograf Nicolas Ruel erschafft in jeweils acht Sekunden eine neue Sicht auf die Metropolen unserer Zeit.Freitag, 19. April 2019

Von Andrea Henke
Bilder Von Nicolas Ruel
Abu Dhabi, Vereinigte Arabische Emirate, 2018
Der Louvre Abu Dhabi ist das größte Kunstmuseum der arabischen Halbinsel mit einer scheinbar schwebenden Kuppelstruktur aus Aluminium. Eine Oase am Rande der Stadt.
Abu Dhabi, Vereinigte Arabische Emirate, 2018 Der Louvre Abu Dhabi ist das größte Kunstmuseum der arabischen Halbinsel mit einer scheinbar schwebenden Kuppelstruktur aus Aluminium. Eine Oase am Rande der Stadt.
bild Nicolas Ruel

Herr Ruel, Sie fotografieren für Ihr Projekt „Cityscapes“ seit mehr als einem Jahrzehnt Großstädte – wie viele sind es inzwischen?

Ich bin jetzt bei 68 Städten angelangt. Zuletzt war ich in Abu Dhabi.

Geplant waren ursprünglich acht Städte...

Ich habe schnell gemerkt, dass das eine viel zu kleine Auswahl wäre, um modernes urbanes Leben zu zeigen. Die Arbeit an dem Projekt gefällt mir überdies so gut, dass noch kein Ende in Sicht ist. Ich möchte mindestens hundert Städte fotografieren.

Sie haben die besondere Aufnahmetechnik der doppelten Komposition entwickelt. Die erste Aufnahme machen Sie mit einer Belichtungszeit von vier Sekunden, schwenken dann die Kamera bei geöffnetem Verschluss auf einen zweiten Ausschnitt und belichten weitere vier Sekunden. Jedes Ihrer Bilder wird also insgesamt genau acht Sekunden lang belichtet. Warum gerade acht Sekunden?

Die Zahl Acht repräsentiert in vielen Zivilisationen die Unendlichkeit, das fasziniert mich.  Ich finde zudem, dass es so unendlich viele Möglichkeiten der Betrachtung meiner Bilder gibt. Aber es ist auch technisch gesehen die perfekte Belichtungszeit, um die zwei Bilder übereinander zu legen.

Es gibt keine umfangreiche Nachbearbeitung?

Ich gleiche Farben an, beschneide das Bild oder ähnliches, aber alles Wesentliche passiert in der Kamera, nicht in Photoshop. Alles muss dort zu finden sein, wo ich das Bild aufnehme. Das ist eine große Herausforderung für mich und gleichzeitig immer noch ungeheuer inspirierend.

Wie beschreiben Sie selbst die Wirkung, die diese doppelte Komposition hat?

Ich ziehe mal einen großer Vergleich heran und stelle einen historischen Bezug her: Es ist ein kubistischer Effekt. Wie bei einem kubistischen Portrait, wo man Gesicht und Profil zur gleichen Zeit sieht. Zwei Seiten desselben Motivs oder zwei verschiedene Blickwinkel. Das ist sehr persönlich. Es bezieht all das, was sich um mich herum befindet, mit ein. Auch, wenn ich nicht fotografiere, analysiere ich ständig meine Umgebung. Mit dieser zweiten Ebene möchte ich meine Sicht auf die Welt vermitteln.

Sie fangen mit Hilfe der Langzeitbelichtung auch Bewegungen um Sie herum ein. In Verbindung mit den zwei Ausschnitten wirken die Aufnahmen wie ultrakurze, surrealistische Filme. Klingt da Ihr Filmstudium durch?

Ja! Jedes Bild ist ein sehr kurzer Film, ein Acht-Sekunden-Film. Alles, was in diesen acht Sekunden der Aufnahme passiert, die gesamte Geschichte, ist in diesem einen Bild. Ich habe Drehbuchschreiben studiert und liebe das Kino! Eigentlich...

...inhalieren Sie Filme.

Ja.(lacht). Ich wollte aber immer als Fotograf arbeiten, nicht als Filmemacher. Ohne großes Team verschiedene Projekte gleichzeitig zu machen, liegt mir mehr.

Für Ihre Fotos haben Sie auch eine besondere Drucktechnik auf Metall entwickelt. Ist Metall ein Signatur-Medium für Sie?

Inzwischen ja. Ich habe schon 2004 begonnen, auf Metall zu drucken. Meistens verwende ich Edelstahl.

Wie gelangen Sie zum gerahmten Bild?

Auf die vorbehandelten Metallplatten kommt eine durchsichtige Tinte, die das Metall durch den Druck hindurchscheinen lässt und den Farben eine besondere Leuchtkraft gibt. Als Firnis nutze ich einen speziellen Fahrzeuglack, den ich in mehreren Schichten und über mehrere Tage auftrage. Am Schluss wird das Bild geschliffen, poliert und gerahmt. Alles in allem dauert diese Phase mehrere Wochen.

Paris, Pont des Arts, 2012. 
"Paris war die erste Stadt, die ich für Cityscapes aufgenommen habe. Fast jedes Jahr kehre ich dorthin zurück, um die Stadt in jeder Jahreszeit und bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen wieder und wieder einzufangen. Ich möchte die Entwicklung der Stadt sehen und die neuen Bauten fotografieren. Letzten Sommer war ich dort, weil ich unbedingt die Fondation Louis Vuitton aufnehmen wollte."
Paris, Pont des Arts, 2012. "Paris war die erste Stadt, die ich für Cityscapes aufgenommen habe. Fast jedes Jahr kehre ich dorthin zurück, um die Stadt in jeder Jahreszeit und bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen wieder und wieder einzufangen. Ich möchte die Entwicklung der Stadt sehen und die neuen Bauten fotografieren. Letzten Sommer war ich dort, weil ich unbedingt die Fondation Louis Vuitton aufnehmen wollte."
bild Nicolas Ruel

Sie sagten, dass Sie gerne an mehreren Projekten gleichzeitig arbeiten. Welche sind das aktuell?

Da ist zum einen mein neues Projekt „Paris-Versailles“, für das ich in Versailles außerhalb der Öffnungszeiten im Schloss und im Garten fotografieren durfte, und zum anderen „Island“, eine Serie, die ich gerade beende. Bei beiden habe ich wie bei Cityscapes mit Doppelbelichtungen gearbeitet. Aber Island ist dann doch ganz anders, weil es um Landschaft geht.

Wei­ter­le­sen