Faszination Fotografie: Wie aus Momenten Bilder werden

Warum man zum Fotografieren kein gutes Wetter braucht und Profi-Equipment alleine keine Profi-Fotos macht: National Geographic-Autorin und Fotografin Marina Weishaupt schreibt über gutes Licht und schlechtes Timing.

Von Marina Weishaupt
Veröffentlicht am 18. Dez. 2023, 09:30 MEZ
Foto der Silhouette einer Frau, die auf einem Felsvorsprung steht. Sie blickt in das warme Licht ...

Durch die aufsteigenden Wolkenschwaden wirkt das Licht der Goldenen Stunde besonders weich.

Foto von Marina Weishaupt

Früher brauchte man professionelles Equipment, um richtig gute Fotos zu machen. Heute sind die meisten Smartphones so gut ausgerüstet, dass auch mit ihnen in der Theorie hochwertige Bilder möglich sind. Dass die Ergebnisse einer Fotosession trotzdem oft eher Schnappschüsse als Meisterwerke sind, zeigt, dass es nicht unbedingt auf die Technik ankommt: Viel wichtiger ist es, aktiv nach besonderen Motiven zu suchen und eine eigene Herangehensweise an die Fotografie zu entwickeln.

Das gilt auch für die Landschaftsfotografie. Das Schöne an ihr: Man kann sie so gut wie überall umsetzen und gut mit anderen Genres kombinieren. Und es müssen nicht immer Szenerien in fernen Ländern sein – auch vor der eigenen Haustür gibt es viele Motive. Das Besuchen verschiedener Umgebungen hilft dabei, auf vielfältige Arten kreativ zu werden. Denn jede Landschaft bietet ganz unterschiedliche Motive. Ob Wiesen und Felder, Moore, Wälder oder auch eine urbane Straße.

Die Fotografie und das Wetter

Gerade in meiner fotografischen Anfangszeit wartete ich vor allem auf eines: gutes Wetter. Gemeinhin wird darunter strahlend blauer Himmel und Sonnenschein verstanden. Heutzutage entstehen die meisten meiner Fotos jedoch zu Wetterlagen, die auf den ersten Blick nicht unbedingt einladend wirken. Man muss sie eben nur richtig einsetzen.

Dramatische Bergpanoramen oder Sonnenuntergänge zum Beispiel werden meist erst durch aufsteigende Wolkenschwaden oder eine rot angestrahlte Wolkendecke so richtig fotogen. Einzigartige Motive ergeben sich beispielsweise an Orten, die hoch genug liegen, sodass man sich oberhalb der Wolkendecke befindet. Berge können dadurch wie kleine Inseln inmitten eines Wolkenmeeres wirken.

Mit einem solchen Anblick hatten wir beim verregneten Start der Sommerwanderung nicht gerechnet. Über Nacht sanken sowohl die zornigen Wolken ins Tal hinab als auch die Temperaturen. Im Zusammenspiel mit der leichten Schneedecke kam es zu einem atemberaubenden Sonnenaufgang.

Foto von Marina Weishaupt

Licht: Die Quintessenz der Fotografie

Die Natur wirkt je nach Tageszeit ganz unterschiedlich. Es ist also ratsam, Motive zu verschiedene Tageszeiten zu erkunden. Landschaften können tagsüber aufgrund harter Schatten bei Sonnenlicht oder schwacher Kontraste bei bewölktem Himmel nicht sonderlich fotogen sein. Im richtigen Licht – etwa frühmorgens – kann sich auch ein alltäglicher Anblick als echte fotografische Goldgrube erweisen.

Das Buch Faszination Fotografie von Marina Weishaupt, Landschafts- und Naturfotografin sowie National Geographic-Autorin, erklärt auf 240 Seiten wichtige Grundlagen und gibt Tipps, wie sich unscheinbare und großartige Momente geplant oder spontan am besten im Bild festhalten lassen.

Foto von Rheinwerk Verlag

Sich diesem Fakt bewusst zu sein, ist der erste, wichtige Schritt auf dem Weg zu stimmungsvollen Fotos. Wer also einen Ort in einem bestimmten Licht, beispielsweise der Goldenen Stunde, festhalten möchte, sollte einen gewissen Zeitpuffer einplanen – vor allem wenn man Orte besucht, die man noch nicht gut kennt. Das gilt besonders für den Morgen, wenn man sich noch vor der Dämmerung nur mit Kopf- oder Taschenlampe zurechtfinden kann.

Für die Goldene Stunde hat man glücklicherweise sowohl morgens als auch abends die Möglichkeit. Möchte man in der warmen, goldenen Lichtstimmung fotografieren, sollte man vorher prüfen, ob es nach Westen oder Osten Hindernisse gibt, die einem einen Strich durch die Rechnung machen könnten. Um negativen Überraschungen vorzubeugen ist es sinnvoll, die Gegebenheiten vor Ort genau anzusehen.

Links: Oben:

Gleicher Ort, andere Wirkung: Der Leuchtturm Westerheversand an einem Abend im April um 19:05 Uhr...

Rechts: Unten:

...und lediglich elf Minuten später. Die Stimmung ist plötzlich eher düster, die kühlen Farben der Blauen Stunde nehmen das Motiv ein.

bilder von Marina Weishaupt

Tipps bei der Vorbereitung

Bei Google Maps kann man zum Beispiel mithilfe der Geländeansicht meist gut einschätzen, ob sich eine Erhebung oder ein Berg dort befindet, wo die Sonne sich für eine schöne Goldene Stunde dem Horizont nähern sollte. Die Satellitenbilder geben auch meist einen Einblick in die Vegetation vor Ort. An gut besuchten Locations gibt es in vielen Fällen die Möglichkeit, sich mithilfe von Street View oder Panoramaaufnahmen einen Überblick zu verschaffen.

Um die genaue Himmelsrichtung und Uhrzeit für den gewünschten Sonnenstand abzufragen, kann man zahlreiche Webseiten und Apps mit Rechnern nutzen, die diese Informationen tages- und standortgenau liefern. Mit Planit ProPhotoPills oder Viewfindr lassen sich diese Informationen nicht nur von zu Hause aus, sondern auch unterwegs jederzeit abrufen.

Fast genauso wichtig wie das gezielte Suchen nach Licht ist für mich, es einfach so zu nehmen, wie es eben kommt. Das bedeutet, spontane Planänderungen zugunsten des Lichts in Kauf zu nehmen und eine gehörige Portion Geduld mitzubringen. Gerade abends lohnt sich das Warten meistens.

Geduld zahlt sich aus: Nachdem sämtliche andere Menschen bereits vor dem Sonnenuntergang den Rückweg angetreten hatten, tauchte der Sonnenuntergang die Eismassen des Aletschgletschers sowie die Bergspitzen rundherum in beinahe unwirkliche rote Farben. 

Foto von Marina Weishaupt

Kein Foto ist wichtiger als der Schutz der Natur

Dabei gilt immer: Die Natur hat Vorrang. Denn kein Foto der Welt ist es wert, dass seltene oder fragile Pflanzen darunter leiden. Deshalb sollte man am besten immer auf den Wegen bleiben, denn selbst durch einmaliges Ausscheren entstehen erstaunlich schnell neue Trampelpfade. „Einmal ist keinmal" gilt hier nicht. Das Isländische Moos wächst beispielsweise extrem langsam und hat nur sehr flache Wurzeln. Schon nach einmaligem Betreten benötigt es meist Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte, um sich zu erholen.

Dieser Text basiert auf dem Buch Faszination Fotografie von National Geographic-Redakteurin und Fotografin Marina Weishaupt: Rheinwerk Verlag, 2023, 29,90 Euro. 

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