Geschichte und Kultur

Wettlauf gegen die Zeit: Die Rettung aussterbender Sprachen

Etwa alle zwei Wochen stirbt eine Sprache aus. Donnerstag, 21. März 2019

Von Nina Strochlic
Viele seltene Sprachen laufen Gefahr zu verschwinden. Diese Nachbarn, die im chinesischen Altai-Gebirge leben, bauen gerade ein neues Paar Ski. Der Gebirgszug verbindet Russland, China, die Mongolei und Kasachstan miteinander, weshalb Altaisch eine ungewöhnliche Mischung aus diversen Dialekten ist.

In einem New Yorker Wohngebiet an der Grenze zwischen Brooklyn und Queens befindet sich die Gottscheer Hall, die fast wie eine Illusion aus Zeiten des Zweiten Weltkriegs wirkt.

Blaue Markise bewerben das Etablissement als Location für Hochzeiten und andere Events. Der Eingangsbereich wird von den lächelnden Teilnehmerinnen der „Miss Gottschee“-Wettbewerbe aus mehreren Jahrzehnten geschmückt. „Früher musste man noch die Sprache sprechen, um teilnehmen zu können“, erzählt der 92-jährige Alfred Belay und deutet auf das lächelnde Gesicht seiner Tochter, das auf einem Foto aus den Achtzigern zu sehen ist. Mittlerweile tritt in manchen Jahren nur noch eine einzige Teilnehmerin an.

Belay ist ein Stammgast der Gottscheer Hall, seit er vor mehr als 60 Jahren nach Amerika auswanderte. Damals lebten in dem Viertel zahlreiche Flüchtlinge aus dem Gottscheer Land, einer ehemaligen deutschen Sprachinsel im heutigen Slowenien. Mittlerweile ist Belay einer von noch ein paar Tausend Sprechern des Gottscheerischen, einer deutschen Mundart. Jedes Weihnachten hält er einen Gottesdienst in seiner etwa 600 Jahre alten Muttersprache ab, die nur noch wenige Menschen verstehen.

„Stellen Sie sich mal vor, dass jemand, der ein Instrument spielt, seine Finger plötzlich nicht mehr benutzen kann“, sagt er.

Belay und seine Schwester, die 83-jährige Martha Hutter, haben eingewilligt, sich von dem 26-jährigen Daniel Bogre Udell bei einem Gespräch filmen zu lassen. Sie laufen an der dunklen Holzvertäfelung der Bar in der Gottscheer Hall vorbei, an der Brezeln und Würstchen serviert werden, und steigen die Treppen zu einem leeren Festsaal hinauf. Bogre Udell stellt seine Kamera auf und die Geschwister beginnen, in ihrer Muttersprache zu plaudern.

Bedrohte Sprachen

Für Bogre Udell, den Mitbegründer der gemeinnützigen Organisation Wikitongues, ist es nichts Ungewöhnliches, eine so seltene Sprache in einer Wohngegend in Queens zu hören. In einem Radius von 16 Kilometern rund um New York City werden um die 800 Sprachen gesprochen, was etwas mehr als 10 Prozent der geschätzten 7.100 Sprachen der Welt sind. Da er beschlossen hat, all diese Sprachen aufzuzeichnen, ist die Schmelztiegel-Metropole der ideale Ausgangspunkt.

Bogre Udell, der selbst vier Sprachen spricht, traf Frederico Andrade, der fünf spricht, an der Parsons New School in New York City. Gemeinsam riefen sie 2014 ein ambitioniertes Projekt ins Leben: Sie wollten das erste öffentliche Archiv erstellen, in dem jede Sprache der Welt vertreten ist. Mittlerweile haben sie schon fast 400 Sprachen dokumentiert, die man in einem Online-Dokument einsehen kann.

„Wenn die Menschheit eine Sprache verliert, verlieren wir auch das Potenzial für eine größere Vielfalt in Kunst, Musik, Literatur und mündlichen Überlieferungen“, sagt Bogre Udell. „Hätte Cervantes dieselben Geschichten geschrieben, wenn er gezwungen gewesen wäre, in einer anderen Sprache als Spanisch zu schreiben? Würde Beyoncés Musik genauso klingen, wenn sie nicht auf Englisch wäre?“

Zwischen 1950 und 2010 starben laut dem UNESCO Atlas für gefährdete Sprachen 230 Sprachen aus. Aktuell hat ein Drittel der weltweiten Sprachen weniger als 1.000 Sprecher. Alle zwei Wochen stirbt eine Sprache zusammen mit ihrem letzten verbliebenen Sprecher. Bis 2100 werden Schätzungen zufolge 50 bis 90 Prozent verschwinden.

In einigen Fällen können politische Maßnahmen und eine ausführliche Dokumentation dabei helfen, eine ausgestorbene Sprache wiederauferstehen zu lassen. Hebräisch war vom 4. Jahrhundert v. Chr. bis zum 19. Jahrhundert als gesprochene Muttersprache ausgestorben, und auch das Katalanische blühte erst nach der Franko-Diktatur in den Siebzigern wieder auf. Im Jahr 2001 – mehr als 40 Jahre, nachdem der letzte Muttersprachler gestorben war – fingen Studenten der Miami University in Ohio an, die Sprache des Miami-Stammes aus Oklahoma wieder zu lernen. Durch das Internet konnten sich die Sprecher seltener Sprachen sowohl miteinander als auch mit Forschern vernetzen. Auch die digitale Schriftkommunikation hat dazu beigetragen, Sprachen ohne ein eigenes Schriftsystem zu formalisieren.

Ein „Auslanddeutscher“ aus dem Gottscheer Land posiert 1936 für ein Foto. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die deutschen Siedlungen innerhalb der Sprachinsel aufgelöst. Viele ihrer Bewohner wanderten in die USA aus. Heutzutage gibt es nur noch wenige Sprecher des Gottscheerischen, einer deutschen Mundart.

Da den Gründern von Wikitongues klar war, dass sie nicht in der Lage sein würden, den Großteil der teils sehr seltenen Sprachen und ihre Sprecher aufzuspüren und aufzunehmen, arbeiten sie mit einem Netzwerk aus Freiwilligen zusammen. Die Helfer aus insgesamt 40 Ländern filmen Muttersprachler dabei, wie sie ihre Sprache in der Gegenwarts-, Vergangenheits- und Zukunftsform sprechen. Damit sich in den Aufnahmen auch eine gewisse Bandbreite an Emotionen widerspiegelt, werden die Sprecher gebeten, von ihrer Kindheit, ihren Romanzen und ihren Hoffnungen und Träumen zu erzählen.

Ein Freiwilliger im südpazifischen Inselstaat Vanuatu zeichnete sogar eine Sprache auf, die bislang noch gar nicht von Linguisten erforscht wurde. Ein anderer spürte eine Ainu-Sprecherin auf – die seltene Sprache wurde von der indigenen Bevölkerung Japans gesprochen und weist keinerlei Verwandtschaft zu anderen bekannten Sprachen auf.

Wikitongues ist aber nicht die einzige Initiative, die seltene Sprachen dokumentiert. Das Projekt Enduring Voices der National Geographic Society unterstützte das Living Tongues Institute for Endangered Languages in seinem Bestreben, „sprechende Wörterbücher“ mit Definitionen, Audiodateien und Bildern zu erstellen. Wer beispielsweise Tuwinisch lernen möchte – eine Turksprache, die in Sibirien gesprochen wird –, kann sich die App herunterladen.

Seit diesem Jahr wird die Sammlung von Wikitongues über eine Partnerschaft mit der US-Kongressbibliothek im American Folklife Center zur Verfügung gestellt. Das Ziel des Projekts reicht jedoch weit über bloße Dokumentation hinaus. Die Gründer wollen eine Möglichkeit schaffen, die Sprachen auch noch lange nach ihrem Aussterben lernen zu können. Aktuell arbeiten sie an einer App namens Poly, die es Nutzern ermöglichen soll, mit Hilfe von Text-, Audio- und Videodateien Wörterbücher zu erstellen.

Wenn die Worte fehlen

Regelmäßig verschwinden wertvolle Dokumentationsmöglichkeiten. Vor Kurzem verstarb einer der zwei letzten Muttersprachler eines samischen Dialekts kurz vor seinem Aufnahmetermin mit Wikitongues. Schätzungsweise 500 Sprachen könnten ihnen binnen der nächsten fünf Jahre auf ähnliche Weise durch die Finger gleiten.

Politische Verfolgung, ungenügende Bemühungen zum Erhalt von Sprachen und die Globalisierung wirken allesamt an der schwindenden Sprachvielfalt mit. Einen Großteil des 20. Jahrhunderts über haben Regierungen auf der ganzen Welt indigenen Kulturen fremde Sprachen aufgezwungen. Seit der Ankunft der europäischen Kolonisten in Australien sind dort etwa 100 Sprachen der Ureinwohner ausgestorben. Ein halbes Jahrhundert, nachdem China Tibet annektiert hat, befinden sich Dutzende von Dialekten mit eigenen Schriftsprachen am Rande des Aussterbens. Studien haben gezeigt, dass die Unterdrückung von Sprachen sich auf so ziemlich alle Lebensbereiche der Betroffenen auswirkt, von der Gesundheit bis zu schulischen Leistungen.

Mittlerweile ist die gewaltsame Unterdrückung aber nicht mehr die größte Bedrohung für unser linguistisches Ökosystem. „Heutzutage sterben die meisten Sprachen nicht mehr aufgrund von direkter Verfolgung aus – auch wenn das gelegentlich der Fall ist –, sondern eher, weil sie nicht mehr überlebensfähig sind“, sagt Andrade. Durch Faktoren wie den Klimawandel und die Urbanisierung werden Bewohner linguistisch vielfältiger Gemeinden in ländlichen und Küstengegenden gezwungen, zu migrieren und sich in neuen Gemeinden mit anderen Sprachen zu integrieren.

„Diese Art des Sprachverlusts ist eher ein Krebs und kein Pistolenschuss.“

Eine Gruppe von Ainu – der indigenen Bevölkerung Japans – posiert in den 1880ern für ein Foto. Bislang konnten Linguisten keine andere Sprache auf der Welt finden, die der gleichnamigen Sprache dieser Menschen ähnelt.

Für die Generationen der Zukunft

In Gottscheer Hall blühen Belay und Hutter förmlich auf, als sie für Daniel Bogre Udells Kamera sprechen. An einer Stelle beginnt Hutter sogar zu singen. Auf Gottscheerisch reden sie darüber, wie sie in einem gemeinsamen Kinderzimmer aufwuchsen und Gottscheerisch sprachen – Deutsch nutzte man hingegen in der Schule und der Kirche.

1941 wurde die Stadt Gottschee dann von den Italienern annektiert und die Einwohner wurden umgesiedelt. Vier Jahre später öffnete die Gottscheer Relief Association ihre Türen für die Tausenden von Immigranten, die nach New York kamen. Als die Stadt für Belay und Hutter in den Fünfzigern zur neuen Heimat wurde, lebten in der Nachbarschaft so viele Immigranten, dass Hutter kaum Gelegenheit hatte, Englisch zu sprechen.

Die Neuankömmlinge sprachen untereinander Gottscheerisch, mit ihren Kindern allerdings Englisch. 60 Jahre später hat Belay nun erstmals angefangen, mit ihren Kindern Gottscheerisch zu reden. Mittlerweile ist die Sprache im Aussterben begriffen.

Gottscheerisch galt als Sprache der Straße und wurde nur selten geschrieben. Bis 1994 konnte man sie nur durch Zuhören lernen. Erst dann veröffentlichte Hutter das erste Gottscheerisch-Englisch-Wörterbuch, für das sie fünf Jahre lang Definitionen für 1.400 Worte zusammengetragen hatte.

„Die alten Gottscheer waren überzeugt, dass niemand [anderes] Gottscheerisch lernen konnte, also versuchten sie auch nicht, es zu lehren“, erinnert sich Hutter. „Aber man kann jede Sprache lernen, also dachte ich mir: Diese alte Sprache wird aussterben und dann wird sie niemand mehr kennen.“

„Wir haben das auch so gemacht“, unterbricht sie Belay. „Unsere Kinder hätten die Sprache lernen können.“

„Irgendwann wir es dazu kommen, dass sie in Familien gar nicht mehr gesprochen wird“, so Hutter. „Dann werden sie sagen: Unsere Familie sprach früher ... Was war das doch gleich?“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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