Geschichte und Kultur

Wie wir uns selbst sehen

Indigene in den USA erzählen auf ihre eigene Art über ihre Kultur und Geschichte: Sie widersprechen damit den rassistisch gefärbten Vorstellungen, unter denen sie seit Langem leiden. Dienstag, 4 Juni

Von Tristan Ahtone

Als Madeline Sayet noch klein war, erzählten ihr die Erwachsenen oft traditionelle Gaunergeschichten der Mohegan. Schließlich wuchs sie im Süden von Connecticut auf, wo ihre Vorfahren vom Stamm der Mohegan seit Tausenden Jahren leben. Als sie sieben Jahre alt wurde, schenkte ihr der Großvater ein Buch mit Shakespeares gesammelten Werken. Sie war 14, als sie zum ersten Mal in einem Stück des berühmten Dramatikers mitspielte, eine Nebenrolle in „Der Sturm“. Später stand sie in „Macbeth“ auf der Bühne und übernahm schließlich die weibliche Hauptrolle in „Romeo und Julia“. „Shakespeare kannte ich fast genauso früh wie die indianischen Geschichten“, sagt Sayet.

Inzwischen ist sie fast 30 Jahre alt und inszeniert als Theaterregisseurin so ziemlich alles: von Shakespeare über Opern von Mozart und Monteverdi bis hin zu Werken von William S. Yellow Robe, Jr., einem Dramatiker vom Stamm der Assiniboine, der als Pionier des Theaters der amerikanischen Ureinwohner gilt. Ihr Ziel: indigene Stimmen im Theater zu fördern und die Weltsicht der Mohegan und anderer Ureinwohner in ihre Arbeit einzubeziehen. Inwischen ist sie eine sehr gefragte Regisseurin und hat für ihre Arbeit zahlreiche Preise bekommen.

Doch wie viele andere Nachfahren amerikanischer Ureinwohner ist auch sie häufig frustriert, weil die Allgemeinheit Indigene häufig einfach nicht wahrnimmt. Für die meisten der 5,6 Millionen Native Americans, wie sie in den USA genannt werden, gehört das zum Alltag. Diese Menschen repräsentieren 573 staatlich anerkannte Stämme, und mehr als 70 Prozent von ihnen leben nicht in Reservaten, sondern in städtischen Regionen.

Oft engagieren sie sich gesellschaftlich. Bei den Wahlen im Herbst 2018 kandidierten mehr als hundert Natives für öffentliche Ämter auf Staaten- und Bundesebene. Deb Haaland, eine Laguna-Pueblo aus New Mexico, und Sharice Davids von den Ho-Chunk aus Kansas schafften es, als erste indigene Frauen in den amerikanischen Kongress einzuziehen.

Doch noch immer sind die meisten Geschichten über indigene Amerikaner, etwa in den Medien, negativ gefärbt. Oft stünden gesundheitliche Probleme, Suchterkrankungen und Armut im Vordergrund, das hat das First Nations Development Institute festgestellt, eine gemeinnützige Organisation zur Verbesserung der wirtschaftlichen Situation Indigener. „Wenn es um die indigene Bevölkerung geht, haben wir es tatsächlich mit Unsichtbarkeit zu tun“, sagt Michael Roberts, ein Tlingit, der die Organisation leitet. „Wir sind nicht präsent, nicht in den Medien, auch nicht in Lehrbüchern oder in alltäglichen Gesprächen. Die Leute kennen keine Indigenen und wissen nichts über sie.“

Dabei sind die Spuren der indigenen Kultur und der Beitrag der First Nations zur Geschichte der USA überall zu sehen und zu spüren. Tausende amerikanische Gemeinden, Schulen, Parks und Straßen tragen Namen, die von Wörtern der Indianersprachen abgeleitet sind. Bilder amerikanischer Ureinwohner – manche schmeichelhaft, viele auf clowneske Art rassistisch – werden in der Werbung für Autos, Motorräder, Spielzeuge und Tabak eingesetzt. Sie zieren immer noch Trikots einiger Sportmannschaften, etwa des Baseballteams Cleveland Indians. Ihre Bilder sind allgegenwärtig, die Menschen, die darauf dargestellt sind, aber oft vergessen.

Doch zunehmend tragen Kulturschaffende wie Madeline Sayet ein anderes Bild in die Öffentlichkeit. Sie zeigen, wie es ist, in einem Land zu leben, das die Erfahrungen einer Bevölkerungsgruppe häufig marginalisiert, verzerrt oder ausklammert. Sayet sucht sich ihre Projekte deshalb sehr sorgfältig aus. Angebote, die sich auf Klischees stützen, lehnt sie ab: „Ich habe schon oft Nein gesagt zum Angebot einer Inszenierung von ‚Der letzte Mohikaner‘“. Sayet bezieht sich auf Theateradaptionen des Romans von James Fenimore Cooper aus dem Jahr 1826. Die Geschichte spielt in der Zeit des Siebenjährigen Krieges zwischen Franzosen und Engländern: Ab 1754 kämpften die beiden Mächte, jeweils mit indianischen Verbündeten, um die Kontrolle nordamerikanischer Gebiete, in denen indigene Völker seit Tausenden Jahren lebten. Kritiker sehen in dem Roman ein Spiel mit Stereotypen – etwa, dass Indianer, die auf Seiten der Briten kämpften, gut und edel waren, und diejenigen, die das nicht taten, blutrünstige Wilde gewesen seien.

„Im Grunde kann man erst anfangen, seine Geschichte zu erzählen, wenn man sich mit diesen merkwürdigen Dingen vertraut gemacht hat, die als Kennzeichen indigener Kultur herumschwirren“, sagt Sayet. Diese negativen Stereotype „geben den nicht indigenen Amerikanern das Gefühl, die indigene Kultur sei ihre eigene – was die Realität total verzerrt.“

Indigene Erzählungen finden sich seit Generationen in den kunstvollen Darstellungen, die auf Kalendern aus Büffelhaut (den winter counts, „Wintergeschichten“) gemalt oder in Totempfähle geschnitzt sind. Die meisten Menschen in den USA wissen davon nichts. Sie erkennen Geschichte und Gegenwart der Indigenen kaum an. Sie ignorieren sie.

Ich selbst stamme aus Oklahoma, wo Indigene seit Langem leben. Meine Mutter ist aus Texas, mein Vater aus Oklahoma. Seine Mutter war eine Choctaw, sein Vater ein Kiowa. Mein Vater und Sarah Dye, eine Shawnee, waren die ersten amerikanischen Ureinwohner, die einen Abschluss an der medizinischen Fakultät des renommierten Dartmouth College in New Hampshire erlangten. Mein Vater gehörte zur dritten Generation von Collegeabsolventen in unserer Familie: Sein Vater war Lehrer, er kämpfte im Zweiten Weltkrieg und war der erste Kiowa, der an der Oklahoma State University sein Examen gemacht hat. Mein Urgroßvater besuchte die Carlisle Indian Industrial School, das erste Internat für Ureinwohner. Er war einer von mehr als zwei Dutzend Kiowa-Gefangenen, die in den 1870er- Jahren am Ende des Red-River-Krieges in Florida inhaftiert wurden. Damals kämpften verschiedene Stämme in den Great Plains gegen die Regierung, die sie aus unseren traditionellen Stammesterritorien vertreiben wollte.

Ob wir als Künstler, Historiker, Anwälte, Soldaten, Ärzte oder Lehrer arbeiten: Wir bleiben Kiowa. Wir besetzen die Rollen, die wir im Grunde genommen schon immer innehatten – und zwar bereits lange vor Gründung der Vereinigten Staaten. Lange, lange vorher.

An einem kühlen Abend im Juni füllt sich das Restaurant London Plane in Seattle mit Gästen. Die Indigenen unter ihnen tragen Patchwork- und Bänderröcke, bunte Bomberjacken, Schmuck aus Silber und mit Türkisen, Ohrringe mit Verzierungen aus Stachelschweinborsten und Muscheln, Schnürsenkelkrawatten (bolo ties) und klackernde Halsketten aus knöchernen Perlen. Sie kommen zum Dinner – für 125 Dollar pro Person. Die Einnahmen kommen dem I-Collective zugute, zu dem indigene Köche, Aktivisten, Kräuterexperten und „Hüter des Wissens“ gehören.

„Nawa, akitaaru“, begrüßt die bekannte Köchin und Mitorganisatorin Hillel Echo-Hawk die Gäste, bevor sie sich wieder den klappernden Töpfen in der Küche zuwendet. Geboren und aufgewachsen in Delta Junction, Alaska, stammt Echo-Hawk aus einer Familie von Jägern und Fischern. „Einfach nur in der Küche sein: Daran erinnere ich mich am liebsten“, sagt sie.

Heute bietet die Köchin mit ihrem Catering-Unternehmen Birch Basket traditionelle indigene Speisen an – ohne europäische Zutaten wie Mehl, raffinierten Zucker, Schweine-, Rind- und Hühnerfleisch. Stattdessen setzt sie ihr fundiertes Wissen über die Speisen, Bräuche und Überzeugungen der amerikanischen Ureinwohner ein und entwickelt daraus kulinarische Innovationen.

“Wir sind nicht präsent, nicht in den Medien, auch nicht in Lehrbüchern oder in alltäglichen Gesprächen. Die Leute kennen keine Indigenen und wissen nichts über sie.“ ”

von Michael Roberts, First Nations Development Institute

Zusammen mit fünf weiteren Köchen hat sie an diesem Abend ein traditionelles Menü mit Zutaten aus Alaska und von der nordwestlichen Pazifikküste zubereitet. Der erste Gang besteht aus einer Brühe mit eingelegten Meeresalgen, Lachsrogen und geräucherten Algen. Zweiter Gang: Brunnenkresse mit Himbeeren und Cranberry-Gelee auf einem Spiegel aus Haselnusspaste. Danach Littleneck-Muscheln, gedämpft zwischen Schichten aus Moos.

„Als Nächstes servieren wir mit Zedernholz aromatisiertes, gedünstetes Karibufleisch“, verkündet die Köchin, während der vierte Gang aufgetragen wird. „Das Karibufleisch wurde von einem Freund meiner Familie in Alaska gespendet.“ Minuten später sind die Teller leer. Darauf folgen geräucherter Königslachs und als sechster Gang geschmorter Elch. Zum Dessert gibt es ein Sorbet aus Heidelbeeren und Honig mit einer Art wilder Petersilie und über Erlenholz geräuchertem Salz.

Hillel Echo-Hawk sagt, nicht indigene Gäste seien oft von ihren Kreationen überrascht – vor allem weil sie denken, der Speiseplan der amerikanischen Ureinwohner sei immer schon primitiv gewesen. „Kürbis, Mais und Bohnen, dazu Büffel und Lachs“, sagt Echo-Hawk mit einem Anflug von Sarkasmus. „Das war’s. Mehr hatten wir nicht. Wir haben nie etwas anderes gegessen. Diese Vorstellung ist schon frustrierend.“

Mit ihren Gerichten sprengt Echo-Hawk dieses Klischee. Jedes Gericht soll das Bewusstsein schärfen. Auch das heutige Menü mache die Dinnergäste darauf aufmerksam, dass einige der Zutaten auf ihren Tellern vor allem deshalb ungewohnt seien, weil 500 Jahre Kolonialismus und Verdrängung der indigenen Kultur sie gewissermaßen zum Verschwinden gebracht hätten, erklärt Echo-Hawk. Sie räumt ein, dass es nicht allen Gästen gefalle, wenn sie von Kolonisierung oder gar von Genozid spreche. Wolle man aber verstehen, was die Ureinwohner in Amerika erlebt hätten, müsse man einige bittere Wahrheiten zur Kenntnis nehmen.

„Vielen widerstrebt es, von ‚Genozid‘ zu sprechen“, sagt Kim TallBear, die Native Studies an der University of Alberta lehrt. „Aber wenn man sich die Uno-Definition von Genozid anschaut, fällt jede der staatlichen Maßnahmen gegen die Ureinwohner in diese Kategorie.“

Die Unterwerfung der amerikanischen Ureinwohner begann kurz nach Kolumbus’ Ankunft im Jahr 1492. Die Kombination aus Kriegen, eingeschleppten Krankheiten sowie staatlichen Maßnahmen zur Kontrolle, Umsiedlung und Tötung der Natives führte dazu, dass mehrere Millionen Ureinwohner umkamen. Eines der letzten Massaker dieser Art in den Vereinigten Staaten fand 1890 am Wounded Knee in South Dakota statt. Mindestens 200 Lakota wurden hier von Kavalleriesoldaten brutal ermordet. Angehörige des Regiments wurden für ihren Einsatz später auch noch ausgezeichnet.

Schon seit 1879 wurden Kinder der Ureinwohner von ihren Familien getrennt, in Internaten erzogen und zwangsassimiliert. Dort mussten sie ihre Kultur, Sprache und sogar ihre Namen aufgeben. Noch rund hundert Jahre später, von 1973 bis 1976, wurden mehr als 3400 indigene Frauen in der Obhut des U.S. Indian Health Service ohne ihre Einwilligung sterilisiert. Viele Ureinwohner versichern, dass es auch heute noch Versuche gebe, ihre Existenz zu marginalisieren. Unterstützt von der amerikanischen Regierung bohren heute Konzerne dort nach Öl und betreiben Pipelines, wo solche Arbeiten die Versorgung der Stämme mit Wasser und Nahrungsmitteln gefährden könnten.

Madeline Sayet spricht darüber, wie wichtig das Geschichtenerzählen ist: „Wir alle profitieren davon, wenn wir mehr unterschiedliche Geschichten hören“, sagt sie. „Mehr Geschichten bedeuten: mehr Möglichkeiten. Wir begreifen dann besser, was alles möglich wäre. Es gibt viele Wege, Empathie zu entwickeln. Ich mag die Vorstellung nicht, dass es nur eine Erzählung über die amerikanischen Ureinwohner gibt.“

Die Geschichten und Vorurteile, unter denen die Indigenen gelitten haben – darunter Amerikas Fixierung auf gefiederte Kostüme und das Leben in Reservaten – dienten vor allem einem Zweck, sagt die Wissenschaftlerin Kim TallBear: Sie ermöglichten weißen Amerikanern, ihre eigene Rolle bei der brutalen Unterwerfung der Ureinwohner zu verdrängen. Die Aneignung unserer Geschichte, sagt sie, verhinderte einen anderen Blick auf die Dinge. Doch damit soll jetzt endgültig Schluss sein. „Die Geschichten, die wir erzählen, kommen nicht nur aus der Welt, in der wir leben“, sagt TallBear. „Sie helfen uns, eine Welt zu erschaffen, in der wir leben wollen.“

Dieser Artikel wurde gekürzt. Lesen Sie die ganze Reportage in Heft 6/2019 des National Geographic-Magazins!

Wei­ter­le­sen