Inderinnen fordern ein Recht auf Sicherheit

Das Leben einer Frau ist in Indien wenig wert. Doch jetzt verlangen immer mehr von ihnen Schutz vor Übergriffen. Einige Erfolge haben sie bereits errungen.Donnerstag, 24. Oktober 2019

Von Nilanjana Bhowmick
Bilder Von Saumya Khandelwal

Die Sicherheitsstatistiken in Indien zeigen ein düsteres Bild. 2011 meldete das National Crime Records Bureau 228.650 Verbrechen gegen Frauen, darunter sexuelle Belästigung, Entführung, Vergewaltigung und Mord. In diesem Jahr erklärte eine Untersuchung der Thomson-Reuters-Stiftung Indien zum weltweit viertgefährlichsten Land für Frauen – nur noch übertroffen von Afghanistan, der Demokratischen Republik Kongo und Pakistan. Seit Generationen sind Frauen frustriert darüber, wie Männer sie behandeln und wie die männlich geprägte Öffentlichkeit Verbrechen gegen Frauen weitgehend ignoriert.

Doch dann starb Jyoti Singh, auch bekannt als Nirbhaya. Und ihr Tod zerstörte etwas in Indien: die traditionelle Bereitwilligkeit, Gewalt gegen Frauen als etwas Alltägliches hinzunehmen.

Nirbhaya bedeutet „furchtlos“ auf Hindi. Die Welt erfuhr im Dezember 2012 von ihrem furchtbaren Tod. In einem privaten Bus wurde die junge Krankengymnastikauszubildende von sechs betrunkenen Männern vergewaltigt. Dann rammten sie ihr eine Eisenstange in den Unterleib und warfen sie aus dem Bus. Nirbhaya starb an den Folgen der Verletzungen. Die fünf erwachsenen Mörder wurden zum Tode verurteilt – ein ungewöhnlicher Ausgang in einem Land, in dem nur einer von vier Vergewaltigungsfällen zu einer Verurteilung führt. Noch beachtlicher war jedoch die Reaktion der indischen Gesellschaft auf den Angriff auf Nirbhaya: Tag für Tag skandierten Frauen in den Straßen: „Freiheit ohne Furcht!“

Vielleicht waren diese Proteste der Grundstein für anhaltende Veränderungen. Lokale und nationale Behörden bewilligten plötzlich Geld für neue Frauensicherheitsinitiativen. 2013 reservierte die Staatsführung 130 Millionen Euro im sogenannten Nirbhaya-Fonds für Maßnahmen zur Verbesserung der Sicherheit von Frauen. Die aktuelle Regierung verspricht fast das Dreifache, um acht große Städte, darunter auch Delhi, zu sichereren Orten zu machen, etwa durch bessere Straßenbeleuchtung.

In Delhi bietet die Polizei inzwischen kostenlose zehntägige Selbstverteidigungskurse für Frauen an und zieht durch die Stadt, um größeren Gruppen die Techniken direkt vor der Haustür zu zeigen. Im Bundesstaat Kerala wurden weibliche Polizeieinheiten, die Pink Police, zusammengestellt. Sie fahren Streife und kümmern sich um Notrufe von Frauen.

Pink ist auch die Farbe der meisten Angebote für Frauen im öffentlichen Nahverkehr. Pinke Autorikschas sind Frauen vorbehalten und sollen von Frauen gefahren werden. Weil es zu wenige Fahrerinnen gibt, dürfen auch Männer, die von der Polizei ausgestellte Unbedenklichkeitsbescheinigungen vorweisen können, die Rikschas lenken. Delhis U-Bahnen verfügen inzwischen über Frauenwaggons.

Aber staatliche Anordnungen sind nicht die einzige Möglichkeit, dafür zu sorgen, dass Bürgerinnen sich in der Öffentlichkeit wohlfühlen. Die weltweite Bewegung #TakeBackTheNight bringt auch in Indien mutige Frauen zusammen, um nach Einbruch der Dunkelheit durch die Straßen zu laufen. Und unter dem Hashtag #MeetToSleep fanden sich vergangenes Jahr landesweit 600 Frauen zusammen, um eine Nacht im Freien zu verbringen, wie es auch indische Männer tun. Es ist schwer, deren Einstellung zu verändern, diese Frauen seien Eindringlinge in ihr Territorium. Aber es ist möglich.

Dieser Artikel ist gekürzt. Die komplette Fassung steht in der Ausgabe 11/2019 des National Geographic Magazins mit dem Titel "Frauen: Warum die Zukunft weiblich ist".

Wei­ter­le­sen