Die letzten Stimmen des Zweiten Weltkriegs: Maria Rochlina

„Im Winter haben wir die Toten in Stalingrad nicht begraben. Die Leichen wurden aufgestapelt. Es gab keinen Platz, um sie zu begraben.“

Thursday, July 30, 2020,
Von Eve Conant
MARIA ROCHLINA. Sowjetische Sanitäterin.

MARIA ROCHLINA. Sowjetische Sanitäterin.

Der Krieg endete vor 75 Jahren, doch Maria Rochlina, heute 95, spürt ihn noch immer in jedem einzelnen Finger. 1941, da war sie 16, drangen die Nazis weit in ihr Heimatland Ukraine ein. „Ich bin von der Schulbank direkt in den Krieg“, sagt sie. Als Sanitäterin diente sie vier Jahre lang bei den sowjetischen Streitkräften.

Eines Tages half sie, einen verwundeten Soldaten über den aufgewühlten Dnjepr überzusetzen. Ihr Ruder zerbrach, also paddelte sie mit bloßen Händen durch das eiskalte Wasser. Der Schmerz in ihren Fingern ist noch immer so stark, dass sie zur Linderung Spritzen in die Gelenke bekommt.

1942 saß Rochlina im belagerten Stalingrad fest. Die Schlacht wütete mehr als sechs Monate, bei Temperaturen, die regelmäßig unter minus 20 Grad fielen. Die Sanitäterin versteckte sich mit sowjetischen Soldaten in einer Traktorfabrik, wo es weder einen Schnipsel Papier noch Holz zum Verbrennen gab. „Wir mussten uns gegenseitig mit unseren Körpern wärmen“, erzählt sie. „Und wir haben dort einen Eid geschworen: Stalingrad niemals zu vergessen, niemals die zu vergessen, die dort standen und sich umarmten.“

Es gibt Erinnerungen, die Rochlina vergessen wollte, aber nicht konnte: die Wärme der inneren Organe eines sterbenden Soldaten, die sie versuchte, zurück in seinen Unterleib zu stopfen. Eine Kameradin, die von den Deutschen vergewaltigt und ermordet wurde und die sie mit abgeschnittenen Brüsten fanden. „Ich kann ihnen nicht vergeben, was sie getan haben und was ich gesehen habe.“

Inmitten der Schrecken wuchsen neue Verbindungen. Ein sowjetischer Soldat versprach bei ihrer ersten Begegnung, er werde ihr einen Antrag machen, falls sie überlebten. Die beiden waren 48 Jahre lang verheiratet.

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