Die Damen von der Bahn

Das ukrainische Eisenbahnnetz wartet mit einer Besonderheit auf: In Häuschen wohnen Signalwärterinnen, die sich pflichtbewusst um die Sicherheit des Schienenverkehrs kümmern.

Bilder Von Sasha Maslov
Veröffentlicht am 15. März 2021, 12:12 MEZ
Schienenwärterin vor einem Bahnwärterhaus in der Ukraine

Jede Station sieht anders aus. Gemeinsam haben die Häuschen, die der staatlichen Eisenbahn gehören, nur die Nähe zu Bahnübergängen und die geringe Größe – bei den einstöckigen sind es rund 20 Quadratmeter.

Bild Sasha Maslov

Viele von Sasha Maslovs besten Kindheitserinnerungen spielen im Zug. Bei jeder Urlaubsreise und jeder Fahrt in eine andere Stadt starrte er aus dem Fenster. Hin und wieder sah er ein winziges Haus, vor dem eine Frau mit einer gelben Fahne in der Hand stand. „Die Damen von der ukrainischen Eisenbahn“, wie Maslov sie nennt, verkörpern eine kulturelle Tradition, die gefühlt genauso alt ist wie das Bahnfahren in der Ukraine selbst. Mit ihren Fahnen geben die Frauen den Lokführern Signale. Eine zusammengerollte gelbe Flagge bedeutet „Freie Fahrt voraus“. Eine ausgerollte Fahne bedeutet „Vorsicht“. Das Schwenken der roten Fahne oder ein Schuss aus der Leuchtpistole sollen den Zug zum sofortigen Halten bringen, da Gefahr voraus droht.

Die Arbeit am Gleis wurde lange Zeit nur von Frauen ausgeübt, das hatten die Sowjets einst so festgelegt. Wenn heute Frauen in den Ruhestand gehen, nehmen auch Männer ihren Platz ein.

Bild Sasha Maslov

Im Leben der Aufseherinnen hat sich seit Maslovs Kindheit einiges geändert.

In einer Welt der Hochgeschwindigkeitszüge und automatisierten Bahnübergänge verbringen die Wärterinnen und ihre wenigen männlichen Kollegen nicht mehr die meiste Zeit damit, Lokführern Signale zu geben. Dafür kontrollieren sie Autofahrer. „Ukrainer halten sich notorisch nicht an Gesetze“, sagt Maslov. „Wenn es keinen Aufpasser gibt, ignorieren die Leute die Schranken, um noch vor dem anrollenden Zug durchzufahren.“

Das Leben der Wärterinnen verläuft im Takt der Zugfahrpläne.

Bild Sasha Maslov

Der Arbeitsalltag kann klösterlich sein. Wenn gerade kein Zug kommt, kümmern sich die Schienenfrauen um den Garten, erledigen Arbeiten im Haus oder Papierkram. In einem Bahnhäuschen sah Maslov ein Notizbuch, in dem die Wärterin Nummernschilder der Autos notiert hatte, die die geschlossene Schranke ignoriert hatten. Die Liste schickte sie an die Polizei.

Dieser Artikel erschien ursprünglich mit vielen weiteren Bildern in der März 2021-Ausgabe des deutschen NATIONAL GEOGRAPHIC Magazins. Keine Ausgabe mehr verpassen und jetzt ein Abo abschließen!

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