Wrecking: So plünderten Piraten aufgelaufene Schiffe

Piraten kamen nicht nur durch Überfälle zu schnellem Geld. Beim sogenannten Wrecking zum Beispiel versenkten sie ein Schiff und plünderten das Wrack oder bedienten sich an einem bereits havarierten Schiff.

Veröffentlicht am 25. Okt. 2021, 09:10 MESZ, Aktualisiert am 8. Nov. 2021, 11:30 MEZ
Gemälde: Ein Segelschiff kämpft in stürmischer See mit dem Untergehen

In Ausgabe 04/2021 von NATIONAL GEOGRAPHIC dreht sich alles um die Welt der Piraten. Die sagenumwobenen Seeräuber haben für jede Menge Legenden und Mythen gesorgt – doch wer waren sie wirklich und wie bestritten sie außerhalb der Seeüberfälle ihren Lebensunterhalt? 

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Das Plündern von Wracks

Das Plündern von aufgelaufenen Schiffen ist eine vergleichsweise einfache und effektive Methode, zu Geld zu kommen. Die Engländer entwickelten ein besonderes Geschick darin, Schiffswracks vor ihrer Küste auszuschlachten. Viele dieser sogenannten Wrecker brachten ihre Fertigkeiten später in die Karibik mit. Sir Thomas Lynch, Gouverneur von Jamaika, klagte über all die üblen Halunken, die im 17. Jahrhundert vor den Bahamainseln schmarotzten.

Die Inselgruppe der Bahamas wurde aus Sicht von Sir Thomas Lynch nur von Ruchlosen besiedelt, die vor der Küste havarierte Schiffe plünderten. Die Westindischen Inseln, klagte der Gouverneur, seien „voller zukunftsloser Schurken“, und die Wracks lockten alle Arten von verwahrlosten Männern in die Gegend. 1688 beschwerte sich auch Edwyn Stede, der Gouverneur von Barbados, dass ein „staatsfreies Piratenvolk“ sich auf New Providence niedergelassen habe, der größten und bevölkerungsreichsten Insel der Bahamas. Und nach Meinung eines französischen Jesuitenpriesters, dessen Schiff am Eingang des Bahamakanals Schiffbruch erlitt, sei der einzige Grund, warum sich jemand überhaupt für ein Leben auf den abgelegenen Inseln entscheiden würde, der, sich mithilfe von Raubgut aus spanischen Wracks eine goldene Nase zu verdienen.

Nicht nur auf den Bahamas waren Kriminelle auf schnelles Geld aus. Überall in der Karibik wimmelte es von Menschen, die sich auf sogenanntes Wrecking (wreck = Englisch für Schiffswrack), Piraterie, Schmuggel und illegale Geschäfte verlegt hatten. Die Versuche der englischen Krone, das Bergen und Ausnehmen von Schiffswracks mit einer Satzung zu regeln, schlugen bis zum 19. Jahrhundert fehl – einfach weil diese Praktik zu lukrativ war.

Die Methoden des Wreckings

Zeitgenössische Quellen beschreiben das Wrecking höchst unterschiedlich, und damalige Rechtsklauseln sind teilweise schwer verständlich. Das macht ein genaues Nachvollziehen schwierig. Englische Rechtstermini wie trespassing konnten sich auf verschiedene Sachverhalte, vom gemeinen Diebstahl bis zum Wrackplündern, beziehen. Oft wurde ein Wrecking mit allgemeineren Begriffen wie Plünderei oder Piraterie umschrieben. In Anklageschriften taucht der Begriff gar nicht erst auf.

Das Ausnehmen von havarierten Schiffen nahm offenbar mannigfache Formen an. Zum Beispiel konnten der Kapitän oder die Besatzung meutern, das Schiff zerstören und die Fracht an sich reißen. Genauso gut konnte ein Kapitän zusammen mit dem Schiffseigentümer einen Schiffbruch vortäuschen und die Versicherungssumme unzulässigerweise kassieren. Oder Piraten drängten ein Schiff an die Küste oder auf ein Korallenriff ab, wodurch es strandete; so vermieden die Männer zugleich einen Großangriff auf See. Noch einfacher war das Strandgutsammeln: Die Bevölkerung nahm einfach all die angespülten Güter aus gesunkenen Schiffen im Schutze der Nacht an sich. Dafür brauchte es kein besonderes Wissen, Können oder Rüstzeug. In all den genannten Fällen tat die Obrigkeit sich schwer, geltende Rechtsnormen durchzusetzen.

Überall in der Karibik wimmelte es von Menschen, die sich auf sogenanntes Wrecking (wreck = Englisch für Schiffswrack), Piraterie, Schmuggel und illegale Geschäfte verlegt hatten. 

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Piraten agierten als professionelle Wrecker

Für Piraten war es einfach, wenn nicht sogar einfacher, Wrecking anstelle der klassischen Piraterie mit ihren Angriffen und Mann-zu-Mann-Kämpfen zu betreiben. Behörden machten hier meist ohnehin keinen Unterschied: Die eigenmächtige Bergung von Habseligkeiten aus einem Schiffswrack galt als Piraterie. Jeder Wrecker musste die harten Strafen für Piratenaktivitäten fürchten, was den Galgen einschloss. Im Laufe der Zeit passten die Piraten ihre Wrecking-Methoden an die Verhältnisse in der Karibik an. So fuhren im Jahr 1716 der Pirat Black Sam Bellamy und sein Kompagnon Paulsgrave Williams in die Gewässer Floridas, um die Wracks einer havarierten spanischen Schatzflotte zu plündern. Zwar machten sie nicht viel Beute, weil eine spanische Wachflottille postiert worden war, doch die Erfahrung half Bellamy später, die berühmte Whydah Gally aufzubringen und Schiffe wie die Agnes zu plündern.

Wrecking wurde als eine Form von Piraterie interpretiert – und folglich mit dem Galgen geahndet.

Das Wrecking konnte freilich nicht auf ewig unreguliert bleiben. Im Jahr 1866 erließ der Gouverneur von Bermuda ein Gesetz, mit dem er für Ordnung sorgen wollte. Auch die Regierungen der Bahamas und von Jamaika begehrten auf. Sie untersagten, sich Waren aus Schiffswracks ohne offizielles Einverständnis anzueignen. Stattdessen vergaben die Regierungen Lizenzen für das Ausschlachten. Die Erlasse läuteten tatsächlich das Ende des Wreckings ein. Aus dem unstatthaften Aneignen von havarierten Schiffen und deren Fracht wurde eine regulierte Praxis, und die Piraten und Schmuggler sahen sich um die Wende zum 20. Jahrhundert aus dem Geschäft gedrängt.

Als Folge der Kooperation der Inseln bei der Regulierung von Wrecking entstand ein Umfeld, in dem sich selbst die klassische Piraterie nicht mehr effektiv ausüben ließ. Einstige Sponsoren wandten sich vom Piratengewerbe ab. Fortan konzentrierten sich Geldgeber lieber auf die wachsende Plantagenwirtschaft, die ihnen einen stabileren Profit versprach.

Ausgabe 04/2021 von NATIONAL GEOGRAPHIC SPECIAL ist ab 22. Oktober 2021 im Handel erhältlich. 

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