Auf dem Gabentisch der Weltgeschichte

Wenn das Jahr am dunkelsten ist, kommt die Zeit für Lichter, Feste und Geschenke. Was schenkten sich die Großen der Geschichte?

Von Gebina Doenecke, Claudia Eilers, Alexander Müller
Veröffentlicht am 16. Dez. 2021, 12:04 MEZ
Bernsteinzimmer: ein palastartiger Raum mit viel Goldschmuck

Im Katharinenpalast in Puschkin (einst Zarskoje Selo) befindet sich heute die Nachbildung des Bernsteinzimmers. 

Bild Alexandra Lande – stock.adobe.com

Wer mit Hund, Katze, Kaninchen für strahlende Kinderaugen sorgen will, sieht sich heute einer Litanei von Mahnungen gegenüber: Tierhaarallergie? Urlaubsplanung? Artgerechte Haltung? Wie einfach war das früher – wollte man dem fürstlichen Kollegen die Ehre erweisen, dann fragte man nicht nach Zustimmung des Vermieters, sondern verschenkte den Elefanten, basta. Natürlich löste auch früher nicht jedes Präsent Freude aus – die Trojaner würden das bestätigen, hätten sie die Entgegennahme denn überlebt – oder erzielte den gewünschten Effekt, wie der russische Fürst Orlow erfahren musste. Und auch in der Vergangenheit waren es manchmal nicht die kostbarsten Gaben, die in höchsten Ehren gehalten wurden. Ein hundertprozentig seriöser Rundgang:

Tausche Kunst gegen Kerle

Das Bernsteinzimmer (Bild oben) mit seinen 450 Kilogramm schweren Bernsteintafeln, Edelsteinen und Spiegeln nennt man auch das „achte Weltwunder“. Manche Experten schätzen seinen Wert auf mehr als 430 Millionen Euro. Im Jahr 1701 hatte der preußische König Friedrich I. (1657–1713) den Auftrag für das außergewöhnliche Gesamtkunstwerk erteilt. Und was tat Friedrich Wilhelm I., sein Sohn und Nachfolger?

Weit weniger prunk- und kunstaffin als der Vater, dafür aber wesentlich umsichtiger in Angelegenheiten der Staatskasse und geradezu verliebt ins Militär, verschenkte er das einzigartige Werk während eines Staatsbesuchs am 28. November 1716. Glücklicher Empfänger der Gabe war der russische Zar Peter I. Ein ruinöser Frevel? Nicht aus Sicht Friedrich Wilhelms. Der Zar machte ihm nämlich im Gegenzug ein Präsent ganz nach des Preußenkönigs Gusto: 55 Soldaten schickte er, erlesene Prachtexemplare für des Königs Garde der „Langen Kerls“, die nach der für damalige Verhältnisse XL-Körpergröße der Soldaten benannt war. Außerdem besiegelte man ein Bündnis gegen Schweden. Später ließ Zarin Elisabeth (1709–1761), Tochter Peters I., das Bernsteinzimmer erweitern und im Katharinenpalast in Zarkoje Selo bei Sankt Petersburg installieren. Dort blieb es, bis die deutsche Wehrmacht 1941 die Sowjetunion überfiel und das Bernsteinzimmer nach Königsberg brachte. Seit Frühjahr 1944 ist es von dort spurlos verschwunden und regt die Fantasie von Schatzsuchern bis heute an. Im Katharinenpalast von Zarskoje Selo hat man die Pracht von fachkundigen Handwerkern rekonstruieren lassen.

Prestigiöse Frucht: Eine Ananas für den König

Formvollendet präsentiert, ist Obst ein fürstliches Geschenk: Ein unbekannter Künstler verewigte den englischen König Karl II., dem sein Gärtner John Rose eine selbst gezüchtete Ananas überreicht (17. Jh., Royal Collection, London).

Bild Heritage Image Partnership LTD / Alamy Stock

Ananas auf der Pizza oder nicht – das ist eine kulinarische Streitfrage. Die einen lieben es, den anderen kommt die Kreation nicht einmal geschenkt auf den Tisch. Im 17. Jahrhundert galt die Ananas als begehrenswerte Preziose, denn es war damals schwer, die exotische Frucht aus der Neuen Welt nach Europa zu transportieren. Auch die Nachzucht in Gewächshäusern mit launischer Heizung war ein mühsames Unterfangen. Kein Wunder, dass sich ein prunkliebender Barockfürst wie der englische König Karl II. (1630–1685) sogar mit dem prestigiösen Obst verewigen ließ. Das Gemälde zeigt den Gärtner John Rose, der dem König feierlich auf Knien eine einzelne Ananas überreicht. In einer Zeit, in der die Ananas auf dem Frühstücksbuffet jedes Mittelklassehotels herumsteht, mag dies befremdlich wirken – doch in aktuelle Währung umgerechnet war die Frucht zu dieser Zeit rund 7000 Euro wert. Moderne Gewächshäuser, schnelle Transportwege und nicht zuletzt Konserven machen die einst exklusive Ananas heute auch für den Pizzaservice erschwinglich.

Chapeau, Your Majesty!

Der „Bristowe Hat“ wurde jahrhundertelang in hohen Ehren gehalten. Weil er ein Geschenk des Königs war? 

Bild Historic Royal Palaces

Seit König Heinrich VIII. (1491–1547) das Kirchenvermögen in England konfisziert hatte, konnte er geschenkemäßig aus dem Vollen schöpfen. Von seiner Großherzigkeit profitierten – wenn auch meist nur für kurze Zeit – Ehefrau No. 2 ff. nebst familiärem Anhang, die mit Juwelen, Pelzen, Perlen, einträglichen Ämtern und Ländereien überhäuft wurden.

Umso herzerwärmender, dass ein vergleichsweise bescheidenes und persönliches Geschenk die Zeiten überdauert hat. Dem Höfling Sir Nicholas Bristowe, als Kämmerer für des Königs Garderobe verantwortlich, schenkte Heinrich VIII. seinen prächtigen roten Hut aus Seidengewebe mit grüner Straußenfeder als freches Detail. Eine Reihe kleiner Löcher im Gewebe legt nahe, dass einst noch ein juwelenbesetztes Hutband dazugehörte. Laut einer anderen Version der Geschichte war der Hut eigentlich kein persönliches Geschenk. Sir Nicholas soll ihn aufgefangen haben, als der König ihn auf die Nachricht vom Sieg über die Stadt Boulogne im Jahr 1544 triumphierend in die Luft warf.

Kleiner Wermutstropfen: Sicher belegt ist die Geschichte nicht – noch nicht mal, dass der Hut, den Bristowes Nachfahren über die Jahrhunderte treu in Ehren hielten, tatsächlich des Königs höchsteigenem Besitz entstammt. Dafür spricht allerdings die Kostbarkeit des Materials und die Vermutung, dass die Familie sicherlich nicht jedermanns abgelegte Kleidung in solch hohen Ehren gehalten hätte. Heute zählt der Hut zu den Prunkstücken der Kostümsammlung in Heinrichs einstiger Lieblingsresidenz Hampton Court.

Der geschenkte Gaul

Das Verhängnis bahnt sich an: Auf Rat des Odysseus haben die Griechen vor Troja ein Pferd erbaut (Gemälde von Giovanni Domenico Tiepolo)

Bild caifas – stock.adobe.com

Ach, hätten die Trojaner doch auf Kassandra gehört: Die Seherin wusste, dass den Griechen nicht zu trauen war. Ein- dringlich warnte sie vor dem riesigen Geschenk, das die Feinde vor den Stadttoren zurückgelassen hatten. Kassandras Problem: Sie war verflucht – daher schenkte ihren Worten niemand Glauben.

Mit ihrem Bruder, dem dummen Paris, hatte ja alles angefangen. Erst hatte der sich nicht entscheiden können, welche der drei Göttinnen die schönste sei. Dann wählte der Holzkopf Aphrodite, nur weil die ihm die schönste Frau der Welt versprochen hatte: Helena. Dass die schon mit Menelaos verheiratet war, störte den Jüngling nicht, und er raubte Helena kurzerhand – der gefiel es in Troja mit dem neuen Mann gleich viel besser, und sie weigerte sich, zu ihrem Mann zurückzukehren. Doch der konnte seine Kumpels mobilisieren und belagerte mit einem riesigen Griechenheer die Stadt des Frauenräubers. Zehn Jahre zog sich die Sache hin, bis der findige Odysseus endlich eine prima Idee hatte: Die Griechen, die manchmal auch Danaer genannt wurden, bauten ein großes Pferd aus Holz und täuschten ihre Abfahrt vor.

Doch im Inneren des „Danaergeschenkes“ hatten sie ihre besten Krieger versteckt, darunter den wütenden Menelaos. Obwohl Kassandra und sogar der Priester Laokoon sich den Mund fusselig redeten, zogen die Trojaner das Pferd in die Stadt: In der Nacht, als alle schliefen, kletterten die Griechen aus dem Versteck, ließen ihre Truppen ein und konnten so die Stadtbewohner überwältigen. In einer anderen Version der Geschichte heißt es, dass die Griechen das Pferd extra so groß gebaut hatten, dass es nicht durch die Tore passte. Die Trojaner rissen eigenhändig die Mauern ihrer Stadt ein, um das überdimensio- nierte Geschenk hereinzuholen.

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Bild NATIONAL GEOGRAPHIC

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