Sensation in der Antarktis: Wrack der Endurance nach über 100 Jahren gefunden

Das Schiff des Polarforschers Ernest Shackleton sank vor über einem Jahrhundert und galt bis heute als verschollen. Die Expedition Endurance22 hat es jetzt in den eisigen Tiefen des Weddellmeeres aufgespürt und spektakuläre Aufnahmen gemacht.

Mehr als ein Jahrhundert lang galt die Endurance, das Schiff des irischen Polarforschers Sir Ernest Henry Shackleton, als verschollen. Im Jahr 2022 wurde das Wrack in erstaunlich gutem Erhaltungszustand in über 3.000 Metern Tiefe in dem eisigen Wasser des antarktischen Weddellmeeres gefunden.

Foto von The Falklands Maritime Heritage Trust, National Geographic
Veröffentlicht am 11. März 2022, 15:08 MEZ, Aktualisiert am 17. März 2022, 15:25 MEZ

Die Endurance, das Expeditionsschiff des Forschers Sir Ernest Henry Shackleton, sank im Herbst des Jahres 1915 vor der Küste der Antarktis. Die Crew war zuvor evakuiert worden und hatte ihr Lager – das Ocean Camp – auf dem dahintreibenden Schelfeis aufgeschlagen. Es folgte eine der dramatischten Rettungsgeschichten der Forschungsgeschichte, die für die Besatzung glücklicherweise ein gutes Ende nahm: Alle 28 Besatzungsmitglieder überlebten das Abenteuer. Die Endurance blieb jedoch verschollen – bis heute. Denn nun ist es einem Forschungsteam gelungen, das Wrack auf dem Grund des heimtückischen Weddellmeeres am Rand der nördlichen Antarktis aufzuspüren.

Autonome Wasserfahrzeuge (AUVs) haben am 5. März 2022 erste Aufnahmen von dem Schiffwracks in der Tiefe gemacht. Auf ihnen sind das hölzerne Deck, die Rehling, jahrhundertealte Seile, Bullaugen und sogar das Steuer zu erkennen. Dank der eisigen Temperaturen, dem Mangel an Licht und dem niedrigen Sauerstoffgehalt des Wassers wurde die Endurance fast perfekt konserviert.

Am 14. und 15 Februar 1915 gestartete Versuche, die Endurance aus dem Eis zu befreien, blieben ohne Erfolg. „Was das Eis einmal an sich gerissen hat, gibt es nicht wieder her“, sagte Ernest Shackleton einst. In den Tagen vor dem finalen Sinken des Schiffs versuchte der Kapitän und erfahrener Navigator Frank Worsley vergeblich, die Position der Endurance präzise zu bestimmen.

Foto von Frank Hurley, Royal Geographical Society, Getty Images
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Der größte Teil der Crew blieb auf Elephant Island zurück, während Ernest Henry Shackleton mit fünf weiteren Expeditionsmitgliedern in einem Rettungsboot fast 1.300 Kilometer über das Weddellmeer reiste, um Hilfe zu holen. Bei seiner Ankunft in einer Walfangstation auf Südgeorgien war er so ausgemergelt und ungepflegt, dass er kaum wiederzuerkennen war.

Foto von PA Images, Getty Images
Rechts: Unten:

Schlittenhunde vor der im Eis eingeschlossenen Endurance. „Es war beängstigend, unter den Füßen zu spüren, wie die Schiffsdielen brechen, und zu sehen, wie die großen Masten sich beugten und mit dem Geräusch von Gewehrschüssen zerbrachen“, schrieb Shackletons Stellvertreter Frank Wild in sein Tagebuch. 

Foto von Frank Hurley, Scott Polar Research Institute, University of Cambridge, Getty Images

„Ich suche nun schon nach Schiffswracks seit ich Mitte zwanzig bin. Aber ich habe noch keines gesehen, das noch so vollständig ist – sogar die Bolzenlöcher sind noch zu erkennen“, sagt Mensun Bound. Der 69-jährige Meeresarchäologe leitete die Endurance22-Expedition, die mehr als einen Monat nach Shackletons Schiff gesucht hat – und schließlich fündig wurde.

Weder er noch eines der anderen 65 Crewmitglieder zweifelte daran, dass die ersten Bilder der AUVs das Wrack der Endurance zeigten. Den Beweis lieferte schließlich eine Aufnahme des Schiffhecks, auf dem in glänzenden Messingbuchstaben der Name Endurance über einem Polarstern zu erkennen war. „Als ich das sah, sind mir fast die Augen aus dem Kopf gefallen“, sagt Bound. „Es war, als wäre ich in der Zeit zurückgeworfen worden und könnte Shackletons Atem in meinem Nacken spüren.“

Dank der eisigen Temperaturen, dem Mangel an Licht und dem niedrigen Sauerstoffgehalt des Wassers wurde die Endurance fast perfekt konserviert.

Welches Ziel hatte die Endurance-Expedition?

Die Endurance-Expedition – offiziell die Imperial Trans-Antarctic Expedition – wurde sowohl von der britischen Regierung als auch von privaten Spendern gefördert und von Winston Churchill, dem damaligen Ersten Lord der Admiralität, unterstützt. Die Endurance sollte Forscher an die Küste der Antarktis zu bringen, von wo aus sie den Kontinent über Land durchqueren und dabei den Südpol passieren wollten.

Die dreimastige, fast 44 Meter lange Bark war speziell für polare Gewässer gebaut worden: Der Rumpf aus solider Eiche war fast 80 Zentimeter dick. Die Endurance lief im August 1914 in Plymouth, England, aus und brach – nach einigen Zwischenstopps – am 5. Dezember 1914 von Grytviken, Südgeorgien, Richtung Antarktis auf. Kurz zuvor war der Erste Weltkrieg ausgebrochen, der auch in diesem abgelegenen Teil der Erde spürbar war: Als die Endurance das Weddellmeer erreichte, machten sich nördlich von ihr deutsche und englische Kriegsschiffe bereit für das Seegefecht um die Falklandinseln.

Der Feind, mit dem Shackleton und seine Crew es aufnehmen mussten, war jedoch ein ganz anderer: Das Weddellmeer hat eine Fläche von fast 3 Millionen Quadratmetern und ist eine der abgeschiedensten, unerbittlichsten Regionen der Welt, voller Eisberge und umtost von starken Oberflächenwinden. Shackleton selbst nannte es „das schlimmste Meer der Welt“. Doch wenn es einen Menschen gab, der für diese Art von Abenteuer geeignet war, dann er. Nach der Discovery- und der Nimrod-Expedition war dies bereits Shackletons dritte Forschungsreise in die Antarktis.

Der südafrikanische Eisbrecher Agulhas II bahnt sich mit einer Geschwindigkeit von fünf Knoten seinen Weg durch das Eis. Nachdem er Mitte Februar für kurze Zeit im Meereis feststeckte, erreichte er schließlich den Ort, an dem die Besatzung das Wrack der Endurance vermutete.

Für die herausfordernde Kontinent-Durchquerung hatte er persönlich eine handverlesene Crew zusammengestellt, zu der er mit gemeinsamen Essen, dem Erzählen von Witzen und Gesangs- und Spieleabenden eine enge Bindung aufbaute. Die anderen Expeditionsteilnehmer nannten ihn liebevoll „den Boss“.

Die Endurance kam auf ihrer Route zunächst gut voran, bis sie im antarktischen Winter des Jahres 1915 plötzlich im Meereis feststeckte. „Um 7 Uhr abends stand das Schiff unter äußerst starkem Druck“, schrieb Shackleton am Dienstag, den 26. Oktober jenes Jahres in sein Tagebuch. „Von der Brücke konnten wir sehen, wie das Schiff sich unter dem mächtigen Druck bog.“

Für die Suche nach dem Wrack der Endurance nutzte die Besatzung der Agulhas II zwei autonome Unterwasserfahrzeuge.

Am nächsten Tag trug die Besatzung Werkzeug, Instrumente und Proviant von Bord und errichtete ein Lager auf dem Treibeis. „Obwohl wir das Schiff verlassen mussten, das rettungslos und irreparabel zerstört ist, sind wir alle am Leben und wohlauf“, schreibt Shackleton. „Für die Aufgaben, die vor uns liegen, sind wir gut gerüstet.“

Die Endurance sank schließlich am 27. November 1915. „Als wir an diesem Abend in unseren Zelten lagen, hörten wir den Boss rufen: ‚Jungs, sie geht!‘“, schreibt ein Crewmitglied. „Wir sind sofort zum Aussichtsposten und an andere Plätze gerannt, die eine gute Sicht boten – und tatsächlich: In knapp 3 Kilometern Entfernung befand sich unser armes Schiff in den letzten Zügen. Sie ist mit dem Bug voran untergegangen, ihr Heck ragte in den Himmel: Ein kurzer Kopfsprung und sie war für immer im Eis verschwunden.“

Die Leiter der Endurance22-Expedition sehen sich an Bord der Agulhas II die ersten Aufnahmen der Endurance an. Mensun Bound (2. v. r.) sagt, dass er den Atem Shackletons in seinem Nacken gespürt habe, als er den Schriftzug des Schiffsnamens auf dem Heck des Wracks erkannte.

Warum war das Wrack der Endurance so schwer zu finden?

Eingeschlossen im Polareis lag die Endurance jahrzehntelang in über 3.000 Metern Tiefe. Im Jahr 2019 startete der Falklands Heritage Maritime Trust eine erste Expedition, um das Wrack zu finden, die Suche blieb jedoch ohne Erfolg. Im Winter 2021 begann dann die Finanzierung und Organisation der Endurance22-Expedition.

Auch für sie stellte die Bestimmung der Position der Endurance das größte Problem dar. Nachdem das Eis es eingeschlossen hatte, war das Schiff von der Strömung abgetrieben worden. Als es schließlich sank, berechnete Frank Worsley, der Kapitän der Endurance, mithilfe eines Sextanten die Koordinaten und vermerkte sie in seinem Tagebuch. Aufgrund der schlechten Sicht an dem Tag, an dem die Besatzung das Schiff verließ, war es ihm nicht möglich, präzise Messungen durchzuführen, mithilfe derer die Geschwindigkeit und Treibrichtung des Schelfeises hätte berechnet werden können.

Eine der ersten Aufgaben der an der Endurance22-Expedition beteiligten Wissenschaftler und Navigationsexperten war es also, Worsleys Aufzeichnungen zu sichten und aus ihnen die konkrete Lage des Wracks zu ermitteln.

„Worsleys letzte Beobachtung der Endurance stammt vom 18. November 1915. Am 20. November folgt der erste Eintrag nach Sinken des Schiffs“, sagt Bound. „Es gibt auch Aufzeichnungen vom 22. November, doch zu diesem Zeitpunkt befand Worsley sich bereits in einiger Entfernung und konnte die Geschwindigkeit des Treibeises nur schätzen.“

Auch die Chronometer der Besatzung mussten als Faktor berücksichtigt werden. Mithilfe moderner Himmelskarten fanden die Forschenden von Endurance22 heraus, dass die Uhren an Bord der Endurance schneller liefen, als die Besatzung dachte. Aufgrund dieses Fehlers lag die letzte Position des Schiffs weiter rechts als Worsley es notiert hatte. Diese Feststellung grenzte das Suchgebiet der neuen Expedition zwar ein, die Wahrscheinlichkeit, das Wrack tatsächlich zu finden, stieg dadurch aber nur minimal.

Eine andere große Herausforderung für die Expedition war das Meereis. „Ein Experte in London hat gesagt, unsere Chancen, durch das Eis zu kommen, lägen bei zehn Prozent“, sagt John Shears, Leiter der Endurance22-Expedition. Fast hätte der Experte Recht behalten: Obwohl die S.A Agulhas II mit einer Geschwindigkeit von fünf Knoten durch fast ein Meter dickes Eis brechen kann, blieb sie im Februar, als die Temperaturen zeitweilig auf -10 Grad Celsius fielen, für kurze Zeit im Eis stecken. „Die Presse hat daraus eine Riesensache gemacht“, sagt Shears. „Aber wir saßen nur für etwa vier Stunden in einem kleinen Eisschelf fest, bis die Flut uns befreit hat.“

Die Endurance brach im Jahr 1914 im Rahmen der Imperial Trans-Antarctic Expedition zu ihrer Reise ins antarktische Eis auf. Tausende bewarben sich bei Ernest Shackleton darum, Teil der Expeditionscrew zu werden. Unter den Mitreisenden seiner handverlesenen Besatzung waren schließlich unter anderem ein Künstler, ein Meteorologe und zwei Chirurgen.

Am 18. Februar 2022 erreichte das Forschungsschiff das Suchgebiet – die Unterwasserjagd nach der Endurance begann. „Wir hatten nur noch drei oder vier Tage für die Suche und bis zu diesem Zeitpunkt absolut nichts gefunden“, sagt Bound. „Es gab drei Gebiete, in denen wir suchten. In welchem genau wir unterwegs waren, wurde meist durch das Eis bestimmt. Es trieb von Westen nach Osten, wodurch wir den südlichen Teil unseres Suchgebiets verließen. Und da war sie!“

Misun Bound und John Shears befanden sich gerade auf einem Spaziergang über das Eis als die ersten Aufnahmen von den AUVs übertragen wurden. „Zurück auf dem Schiff rannten wir sofort zur Brücke“, sagt Bound. „Einer der Unterwasser-Jungs war da und grinste von einem Ohr zum anderen. Als er mir die Videoausschnitte zeigte, fühlte es sich an, als wäre ein Moment, auf den ich mein Leben lang gewartet hatte, endlich gekommen.“

„Das Wrack lag nur 4,16 Seemeilen von der Position entfernt, die Worsley in seinen Aufzeichnungen vermerkt hat. Das zeigt, wie unglaublich präzise seine Berechnungen waren“, sagt John Shears.

Die AUVs, ohne die die Endurance noch immer verschollen am Meeresgrund läge, waren mit Sonar und visueller Überwachungstechnik ausgestattet. Die fast vier Meter langen Instrumente, die aussehen wie riesige Festplatten, werden regelmäßig bei Offshore-Ölbohrungen genutzt. Sie können sich mehr als 160 Kilometer von ihrer Steuerungsstation entfernen und halten extremem Druck und Temperaturen stand.

Die Alguhas II pflügt durch das dicke Schelfeis des Weddellmeeres, einer der abgelegendsten und unwirtlichsten Regionen der Welt.

Das letzte Kapitel der Legende von Ernest Shackleton

Die Geschichte der ursprünglichen Endurance-Expedition war mit dem Sinken des Schiffs noch nicht vorbei – ganz im Gegenteil. Die Erzählung von Shackletons Reise über das Weddellmeer in einem kleinen Boot, an deren Ende die Rettung seiner Crew stand, ist eine der berühmtesten Geschichten über Forschungsreisen und den Kampf ums Überleben.

Am 4. April 1916 ließ Shackleton in Begleitung von fünf anderen Expeditionsmitgliedern den Rest der Crew auf Elephant Island zurück und machte sich in einem umgebauten Rettungsboot der Endurance auf den Weg zu der Insel Südgeorgien. Die fast 1.300 Kilometer lange Reise über eiskalte, stürmische See dauerte 16 Tage. „Der Wind pfiff schrill und peitschte die Wellen auf“, schrieb Shackleton. „Hinunter in die Täler um in die Höhe hinaufzuschnellen: Unser kleines Boot wurde herumgeworfen bis es fast zerbrach.“

Angekommen auf Südgeorgien meisterte der Rettungstrupp noch eine 36-stündige Wanderung über die zerklüftete, bergige Insel, bevor er die Walfangstation Stromness erreichte. Shackleton zwang sich, bis zum Schluss durchzuhalten, obwohl neue Untersuchungen nahelegen, dass er ein Loch im Herzen hatte.

Der Stationsleiter Thoralf Sorlle traute seinen Augen kaum, als er die ausgemergelten, struppigen Männer sah. „Unsere Bärte waren lang und unsere Haare verfilzt”, schrieb Shackleton. „Wir waren ungewaschen und unsere Kleidung, die wir seit fast einem Jahr nicht gewechselt hatten, war dreckig und kaputt.“

Sir Ernest Shackleton starb fast sechs Jahre später auf Südgeorgien – während den Vorbereitungen auf eine weitere Expedition in die Antarktis – an einem Herzinfarkt. Er wurde am 5. März 1922 auf der Insel beigesetzt. Genau 100 Jahre später gelangen die ersten Aufnahmen des Wracks der Endurance.

Laut Mensun Bound plant die Expedition, auf dem Rückweg nach Südafrika auf Südgeorgien Halt zu machen, um das Grab von Ernest Shackleton zu besuchen. „Wir spüren einen gewissen Abschiedsschmerz“, sagt er. „Aber wir sind auch stolz auf das, was wir erreicht haben. Nun wollen wir noch dem Boss unseren Respekt erweisen.“

Dieser Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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