Abtreibung in den USA: Die Geschichte von „Roe v. Wade“

Das Recht auf Abtreibung ist schon lange hart umkämpft. Im Jahr 1973 verhalf ein Urteil des Supreme Court Frauen in den USA über Jahrzehnte zu mehr Selbstbestimmung und persönlicher Freiheit – bis heute. Wie es dazu kam.

Von Erin Blakemore
Veröffentlicht am 30. Juni 2022, 15:43 MESZ
Eine Abtreibungsgegnerin bei einer Demonstration mit einem Schild: „Dismantle Roe".

Eine Abtreibungsgegnerin bei einer Demonstration vor dem Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten am 22. Januar 2022 – dem 49. Jahrestag des Roe v. Wade-Urteils, das entschied, dass das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch durch die Verfassung geschützt ist. Seit seiner Verkündung im Jahr 1973 wurde es immer wieder angefochten.

Foto von Mark Peterson, Redux

Der 24. Juni 2022 war ein widersprüchlicher Tag: Während der Bundestag in Berlin den umstrittenen Paragraph 219a abschaffte, der bislang die „Werbung für den Abbruch einer Schwangerschaft” – also das Bereitstellen von Informationen zum Schwangerschaftsabbruch durch Ärztinnen und Ärzte im Internet – unter Strafe stellte, kippte auf der anderen Seite des Atlantiks der Supreme Court in Washington das Abtreibungsrecht. Es ist ein bemerkenswerter Zufall der Geschichte, dass es in zwei großen Industrienationen zeitgleich zu derart entgegensetzten Entscheidungen zu einem Thema gekommen ist, das nicht nur einen grundlegenden Einfluss auf das Leben von Frauen, sondern auch auf die Arbeit von Ärzten hat. Je nachdem, wo sie leben, haben beide Gruppen an diesem Tag Freiheit gewonnen oder verloren.

Ebenfalls etwa zeitgleich wurde in den Sechzigerjahren in beiden Nationen der Kampf gegen die Abtreibungsgesetze und den Eingriff des Staates in das Leben und die Privatsphäre von Frauen aufgenommen.

Abtreibungsrecht in Deutschland und den USA

In Deutschland setzte sich damals die Frauenbewegung für eine Abschaffung des Paragraphen 218 des Strafgesetzbuchs ein, laut dem Frauen, die abtrieben, und Ärzte, die den Eingriff vornahmen, mit Geld- und Freiheitsstrafen rechnen mussten. Im Jahr 1974 beschloss der Bundestag mit knapper Mehrheit eine Fristenregelung, laut der Schwangerschaftsabbrüche bis zur 12. Schwangerschaftswoche straffrei bleiben sollten. Nach einer Klage der CDU wurde diese Entscheidung ein Jahr später vom Bundesverfassungsgericht gekippt. Im Jahr 1976 einigte man sich auf eine Indikationsregelung, die bis heute gilt: Schwangerschaftsabbrüche sind in Deutschland nicht legal, bleiben unter bestimmten Voraussetzungen jedoch straffrei.

In den USA kam der Supreme Court – der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten – bereits im Jahr 1973 zu der Entscheidung, dass die in vielen Bundesstaaten geltenden Gesetze, die es Frauen nahezu unmöglich machten, eine Abtreibung durchführen zu lassen, verfassungswidrig seien. Dieses Grundsatzurteil mit dem Namen „Roe v. Wade“ – also „Roe gegen Wade“ – erleichterte Frauen fast 50 Jahre lang den Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen, wurde jedoch seit seinem Bestehen immer wieder angefochten. Nun hat es der Supreme Court mit der Begründung, es gäbe kein verfassungsmäßiges Recht auf Abtreibung, wieder rückgängig gemacht.

Die Regelung dieser Eingriffe liegt damit wieder in den Händen der einzelnen US-Bundesstaaten, von denen viele schärfere Gesetze angekündigt haben oder diese bereits umsetzen. Ein Rückschritt in einer kontroversen Geschichte, die die Gemüter der Menschen in den USA und weltweit seit Jahrzehnten erregt.

Abtreibungsbefürworter und -gegner versammeln sich am 22. Januar 2022 zu Kundgebungen vor dem Obersten Gerichtshof der USA.

Schwangerschaftsabbruch als Notwendigkeit

In den frühen Jahren der Vereinigten Staaten waren Abtreibungen nicht unbedingt ein kontroverses Thema. Doch im späten 19. Jahrhundert regte sich Widerstand gegen den Eingriff, der mehr und mehr zum Tabu wurde, bis er Mitte des 20. Jahrhunderts schließlich für illegal erklärt wurde. Frauen, die trotzdem Wege fanden, ungewollte Schwangerschaften zu beenden, machten sich damit in fast jedem Bundesstaat eines Verbrechens schuldig. Die Gesetze waren streng und ließen kaum Ausnahmen zu. Legal waren Schwangerschaftsabbrüche meist nur, wenn die Schwangerschaft das Leben der Mutter gefährdete oder ein Resultat von Inzest oder Vergewaltigung war.

In den Sechzigerjahren brachten jedoch zwei große Gesundheitsskandale die Debatte über Abtreibungsgesetze in Gang: Im Mittelpunkt des ersten stand der Arzneistoff Thalidomid, der in Europa unter anderem unter dem Markennamen Contergan als Medikament gegen Übelkeit, Unruhe und Schlaflosigkeit verschrieben wurde. Viele Kinder von Müttern, die das Mittel während der Schwangerschaft eingenommen hatten, wurden mit schweren körperlichen Behinderungen geboren – weltweit gab es etwa 10.000 Fälle. Der Skandal war so groß, dass die Hersteller das Mittel vom Markt nahmen.

Die Fernsehmoderatorin Sherri Finkbine hatte das Mittel wiederholt zu Beginn ihrer fünften Schwangerschaft eingenommen, ohne zu wissen, dass es Thalidomid enthielt. Als sie erfuhr, was sie sich und ihrem ungeborenen Kind zugeführt hatte, wollte sie die Schwangerschaft abbrechen und hatte dafür bereits einen Termin in einem Krankenhaus in Arizona. Doch nachdem ein Zeitungsartikel erschien, in dem sie vor den Gefahren von Thalidomid warnte, sagte die Klinik den Eingriff ab. Finkbine fand in den gesamten USA keine medizinische Einrichtung, die die Abtreibung durchführen wollte. Sie reiste schließlich nach Schweden, wo ihr der Arzt, der den Schwangerschaftsabbruch vornahm, berichtete, der Fötus hätte keine Beine und nur einen Arm gehabt und sei nicht lebensfähig gewesen.

Links: Oben:

Ein Abtreibungsgegner hält bei einer Demonstration am 5. Mai 2022 in Washington, D.C., ein Plakat mit den Worten „Abtreibung, Krieg, Todesstrafe – alles Mord“. Wenige Tage zuvor war bekannt geworden, dass der Supreme Court das „Roe v. Wade“-Urteil möglicherweise aufheben könnte.

Rechts: Unten:

Am 14. Mai 2022 nehmen Tausende Abtreibungsbefürworterinnen und -befürworter an einer Demonstration in New York City teil.

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Mitglieder der St. Patrick’s Old Cathedral demonstrieren am 5. Februar 2022 vor einer Abtreibungsklinik in New York City.

Rechts: Unten:

Abtreibungsgegner und -befürworter bei einer Demonstration am 14. Mai 2022 in New York City.

Das zweite Ereignis, das die Debatte um das Recht auf Abtreibung in den USA befeuerte, war eine Röteln-Epidemie Mitte der Sechzigerjahre. Viele infizierte Schwangere erlitten Fehlgeburten. Etwa 20.000 Babys, die in dieser Zeit trotz der Erkrankung der Mutter geboren wurden, kamen taub, mit geistigen Behinderungen und Herzproblemen oder körperlichen Anomalien auf die Welt. Obwohl Abtreibungen bei mit Röteln infizierten Schwangeren von vielen Ärzten befürwortet wurden, waren die Eingriffe ungeachtet dieser Umstände illegal. Wer sie trotzdem durchführte, konnte seine Lizenz verlieren und musste mit Haft und anderen Strafen rechnen.

Zwei Präzedenzfälle, die in dieser Zeit vor den US-Gerichten verhandelt wurden, sollten die Abtreibungsgesetze in den USA über viele Jahre hinaus verändern.

Jane Roe und ihre persönliche Freiheit

Die 21-jährige Norma McCorvey wurde im Jahr 1969 schwanger. Sie hatte bereits zwei Kinder, um die sie sich aufgrund ihrer Geld- und Drogenprobleme nicht kümmern konnte. Darum wollte sie die Schwangerschaft abbrechen, doch sie lebte in Texas – einem Bundesstaat, in dem in Bezug auf Abtreibungen besonders strenge Gesetze galten.

Für den Eingriff in einen liberaleren Bundesstaat zu reisen oder einen Arzt zu bezahlen, der bereit war, ihn heimlich vorzunehmen, konnte sich McCorvey nicht leisten. Doch sie fand Sarah Weddington und Linda Coffee – zwei Anwältinnen, die Klägerinnen für einen Präzedenzfall suchten, der zeigen sollte, wie ungerecht und diskriminierend das Abtreibungsrecht der Vereinigten Staaten war.

Mitglieder der St. Patrick’s Old Cathedral beten am 5. Februar 2022 vor einer Abtreibungsklinik in New York City.

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Mitglieder der St. Patrick’s Old Cathedral-Gruppe protestieren mit Kreuzen, Rosenkränzen und anderen religiösen Utensilien gegen Abtreibung.

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Mitglieder der St. Patrick’s Old Cathedral-Gruppe protestieren mit Kreuzen, Rosenkränzen und anderen religiösen Utensilien gegen Abtreibung.

Weddington und Coffee brachten McCorveys Fall vor Gericht und erhoben im Namen von „Jane Roe“ – ein Alias-Name, der zum Schutz der Identität von Frauen in Gerichtsverfahren in den USA geläufig ist – formal Anklage gegen Henry Wade, Bezirksstaatsanwalt des texanischen Bezirks, in dem „Jane Roe“ lebte. Die Anwältinnen argumentierten damit, dass das Gesetz in Texas verfassungswidrig sei, weil es das Recht von Frauen beschnitt, frei und ohne Eingriffe des Staats zu leben.

Das Bezirksgericht stimmte ihnen zwar dahingehend zu, dass das Gesetz überarbeitet werden müsse, verweigerte jedoch dessen Aufhebung. Während der Fall durch die Instanzen ging, brachte Norma McCorvey ihr drittes Kind zur Welt und gab es zur Adoption frei.

Ein zweiter Präzedenzfall

Zur selben Zeit kam ein ähnlicher Fall – „Doe v. Bolton“ – zur Verhandlung. Als die 22-jährige Sandra Bensing aus dem Bundesstaat Georgia im Jahr 1970 erfuhr, dass sie schwanger war, entschied sie sich, das Kind abzutreiben. Sie hatte bereits drei Kinder, die entweder in Pflegefamilien lebten oder zur Adoption freigegeben worden waren.

Demonstranten in New York City halten Schilder, die die Gesichter der konservativen Richter des Supreme Courts zeigen.

In Georgia waren Schwangerschaftsabbrüche zu dieser Zeit nur dann möglich, wenn das Leben und die körperliche Unversehrtheit der Mutter in Gefahr waren, die Frau durch Vergewaltigung schwanger geworden war oder die Möglichkeit bestand, dass das Kind mit körperlichen oder geistigen Behinderungen geboren werden würde. Frauen waren gezwungen, ausreichende Beweise vorzulegen, damit ein solcher Ausnahmefall anerkannt wurde, und selbst dann konnte der Eingriff gerichtlich verweigert werden, wenn sich Familienangehörige und Freunde dafür einsetzten.

Nachdem ein Krankenhaus abgelehnt hatte, Bensings Schwangerschaftsabbruch durchzuführen, brachten eine gemeinnützige Rechtsbeihilfeorganisation und die American Civil Liberties Union den Fall vor Gericht. Beklagter war Arthur Bolton, Generalstaatsanwalt von Georgia. Argumentation der Anwälte war, dass „Mary Doe“ die Abtreibung nicht nur auf Basis ihrer psychiatrischen Indikation zugestanden hätte, sondern das Gesetz außerdem auch ihr verfassungsmäßiges Recht auf persönliche Freiheit und Selbstbestimmung beschneiden würde.

Sandra Bensing fand schließlich eine Privatklinik, die den Eingriff vornahm. Trotzdem lief der Prozess weiter. Im Jahr 1970 entschied ein Bezirksgericht, dass Frauen auch dann ein Recht auf Abtreibung hätten, wenn kein Ausnahmefall vorlag. Dasselbe Gericht kam zu dem Schluss, dass sich der Staat innerhalb des ersten Trimesters der Schwangerschaft nicht in die Entscheidungen der Frauen einmischen dürfe, weil dies das Verfassungsrechts auf persönliche Freiheit beschneide. Sie räumten jedoch das berechtigte Interesse des Staates ein, Schwangerschaftsabbrüche zu überwachen.

Seit der Entscheidung im Fall „Roe v. Wade“ waren das Capitol und der Supreme Court immer wieder Schauplatz von Demonstrationen von Abtreibungsgegnern und -befürwortern.

Letzte Instanz: Oberster Gerichtshof

„Roe v. Wade“ wurde in den Jahren 1971 bis 1972 vor dem Supreme Court verhandelt. Die Anwältin Sarah Weddington war erst 26 Jahre alt, als sie ihr Eröffnungsplädoyer hielt. Gegenüber den ausschließlich männlichen Richtern argumentierte sie, dass Abtreibungen eine persönliche Entscheidung und die Gerichte für Frauen, denen Staaten wie Texas, diese freie Entscheidung verwehrten, die einzige Hoffnung seien.

Sie ging auch auf die Risiken von Schwangerschaft und Geburt ein. „Schwangerschaft ist für eine Frau einer der einschneidendsten Aspekte ihres Lebens“, erklärte Weddington. „Sie hat grundlegende Auswirkungen auf ihren Körper, ihre Ausbildung, ihre Karriere – und oft auf ihr familiäres Leben.“

Am 22. Januar 1973 teilte der Supreme Court seine Entscheidung in den Fällen „Roe v. Wade“ und „Doe v. Bolton“ mit.

Im „Roe v. Wade“-Urteil heißt es, dass eine Abtreibung in den Bereich des verfassungsmäßigen Rechts auf persönliche Freiheit falle und damit alleinige Entscheidung der Frau sei. Gleichzeitig räumten die obersten Richter den Bundesstaaten aber weiterhin das Recht ein, Schwangerschaftsabbrüche nach dem ersten Trimester zu regulieren. Ab dem dritten Trimester war es dem Staat möglich, Abtreibungen zu unterbinden, sofern dies nicht das Leben oder die Gesundheit der Mutter gefährdete.

Aktivistinnen der Gruppe „Gen Z for Change“ demonstrieren am 5. Mai 2022 vor dem Supreme Court für Abtreibungsrechte.

Im Fall „Doe v. Bolton“ kam das Gericht zu dem Schluss, dass das verfassungsmäßige Recht einer Frau auf Abtreibung nicht absolut sei, die geltenden Beweispflichten für einen Anspruch auf Abtreibung jedoch eine unverhältnismäßig hohe Hürde darstellen würden. Noch einmal stellte das Gericht klar, dass es dem Staat zu keinem Zeitpunkt erlaubt sei, einer Frau eine Abtreibung zu verweigern, wenn diese aus gesundheitlichen, körperlichen, emotionalen, psychologischen, familiären oder aus Gründen des Alters notwendig sei.

Damit hatte der Supreme Court auf einen Schlag die bisher geltenden Abtreibungsgesetze von 46 Bundesstaaten für verfassungswidrig erklärt – und das Abtreibungsrecht in den USA grundlegend reformiert.

Was hat das Grundsatzurteil gebracht?

Schätzungen zufolge wurden bis zu dem Grundsatzurteil im Jahr 1973 in den USA jedes Jahr rund 130.000 illegale Abtreibungen durchgeführt. Schon zwei Jahre später hatte sich diese Zahl laut der amerikanischen Gesundheitsbehörde auf 17.000 Fälle reduziert. Die Zahl der Frauen, die in Folge oder bei einer illegalen Abtreibung zu Tode gekommen waren, sank von 39 im Jahr 1972 auf drei im Jahr 1975.

Im Jahr 1980 wurden in den USA 1,6 Millionen legale Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen, die im Laufe der Zeit immer sicherer, leichter zugänglich und erschwinglicher wurden – und das zunehmend ambulant in eigenständigen Kliniken.

Auch wenn liberale US-Bundesstaaten wie Kalifornien und New York angekündigt haben, ihre Abtreibungsgesetze nicht zu verschärfen, werden viele US-Amerikanerinnen, die aus verschiedenen Gründen eine Schwangerschaft beenden wollen, in Zukunft vor einer schwierigen Wahl stehen: Riskieren sie Gesundheit, Freiheit und Leben, indem sie heimlich illegal abtreiben, oder bringen Sie ein Kind zur Welt, für das sie nicht sorgen können oder wollen? Ein Blick in die Vergangenheit lässt erahnen, welche sozialen und gesundheitlichen Konsequenzen dieses Dilemma haben könnte.

Dieser Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht und aus Gründen der Lesbarkeit gekürzt. Zusätzliche Berichterstattung in Deutschland von Katarina Fischer.

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