Das rätselhafte Leben des Kaspar Hauser

Auch über 200 Jahre, nachdem er erstmals auf der Bildfläche erschien, bleibt das Schicksal des Kaspar Hauser geheimnisvoll und voller Ungereimtheiten.

Von Simone Kapp
Veröffentlicht am 1. Juni 2022, 11:54 MESZ
Grabstein von Kaspar Hauser, Grab geschmückt mit Blumen und Holzpferden

Die Grabinschrift auf Kaspar Hausers Grabstein: "Hier ruht Kaspar Hauser, ein Rätsel seiner Zeit, unbekannt die Geburt, geheimnisvoll die Umstände seines Todes".

Foto von Komwanix - stock.adobe.com

Am Pfingstmontag 1828 taucht in den Straßen Nürnbergs ein Junge auf, der viele Menschen noch über 200 Jahre später beschäftigt. Der Teenager ist eine auffällige Erscheinung: Der Gang ist unsicher, wie der eines Kleinkindes. Die Kleidung wirkt abgerissen, doch trägt er um den Hals ein feines Seidentuch. Sein Wortschatz ist begrenzt – er wiederholt nur immer den Satz: „Ein solcher Reiter möchte ich werden, wie mein Vater gewesen ist.“ Bei sich trägt er zwei Briefe, die an den Rittmeister Friedrich von Wessenig adressiert sind, zu dem Passanten den Jungen bringen.

Kaspar Hauser mit etwa 16 Jahren - Passanten denken aufgrund seines unsicheren Gangs zunächst, er sei betrunken.

Foto von Johann Georg Laminit 1775–1848, Public domain, via Wikimedia Commons

Der Rittmeister lässt ihn zur nächsten Polizeiwache führen, wo er erstmals aktenkundig wird. Woher er kommt und wer er ist, sagt er nicht, doch als man ihm Stift und Papier gibt, schreibt der Junge ungelenk den Namen „Kaspar Hauser“ nieder, unter dem er seitdem bekannt ist.

Briefe geben Rätsel auf

Die beiden Schreiben, die er bei sich trägt, scheinen zunächst Auskunft über die Identität des Jungen zu geben: In einem Brief tritt die Mutter des Kindes als Verfasserin auf: Der Junge sei getauft auf den Namen Kaspar, sei am 30. April 1812 geboren und sein Vater sei verstorben.

Den "Mägdleinzettel" trug Kaspar Hauser bei sich, als er in Nürnberg aufgefunden wurde.

Foto von https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Maegdleinzettel.jpg

Der zweite Brief berichtet davon, wie das Kind dem Verfasser, einem armen Tagelöhner, auf die Türschwelle gelegt worden sei, damit er es aufzöge; der Verfasser will den Jungen seitdem vor aller Augen verborgen aufgezogen haben. Doch in dem Brief heißt es auch: Wenn man ihn nicht aufnehmen könne, „so müssen Sie im abschlagen oder in Raufang aufhänggen [sic].“

Der Geleitbrief, angeblich verfasst von einem Tagelöhner, der Kaspar Hauser aufgezogen haben will.

Foto von https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Geleitbrief.jpg

Schnell stellt sich heraus, dass beide Briefe vom selben Verfasser stammen müssen. Auch lässt sich bei der Tinte der beiden Briefe kein Altersunterschied feststellen. So stellt sich noch heute die Frage: Wer war dieser Mensch Kaspar Hauser und was ist ihm widerfahren?

Eine Sensation in Europa

Der Nürnberger Bürgermeister Jakob Friedrich Binder verfasst im Juli 1828 eine amtliche Bekanntmachung: Kaspar Hauser sei nicht verrückt oder „blödsinnig“, aber offenbar in völliger Isolation erzogen worden. Die Nachricht schlägt ein wie eine Bombe, schnell beschäftigt der Fall des Nürnberger Findelkindes ganz Europa, verursacht auch durch das große Interesse an sogenannten „Wilden Kindern“, das in der Epoche der Romantik vorherrscht. Diese Kinder wuchsen ohne Einfluss der Gesellschaft heran und galten als Beweis, dass der Mensch im Kern seines Wesens gut ist. „Der letzte ‚Wolfsjunge‘, Victor von Aveyron, war kurz zuvor gestorben und Kaspar Hauser füllte diese Lücke perfekt,“ erklärt Eckart Böhmer, Intendant der Kaspar-Hauser-Festspiele und Leiter des Kaspar-Hauser-Forschungskreises.

Aufgewachsen im Keller

Kaspar Hauser selbst kann den Keller, in dem er gefangen gehalten wurde, später bis ins Detail beschreiben: Ein dunkler, niedriger Raum, in dem er nicht stehen konnte, mit einer in den Boden eingelassenen Schüssel für den Toilettengang. Während er schlief, wurden Wasser und Brot in den Keller gestellt. Hin und wieder sei das Wasser bitter gewesen, woraufhin er lange geschlafen habe. Im Schlaf wurden ihm Haare und Nägel geschnitten, er wurde gewaschen und neu angekleidet.

Allerdings stimmt die Beschreibung seiner Lebensverhältnisse nicht mit dem körperlichen Zustand überein: So wird berichtet, er habe eine gesunde Gesichtsfarbe und einen guten Körperbau gehabt – Merkmale, die nicht zu einem passen, der bis zu 16 Jahre lang bei Wasser und Brot in einem lichtlosen Keller gehalten wurde. Auch hätte der Mangel an körperlicher Nähe und menschlicher Ansprache größere Schäden hinterlassen müssen.

Schnell finden sich auch Kritiker, die Kaspars Geschichte anzweifeln. So verfasst Johann Friedrich Carl Merker bereits 1830 die Schrift „Kaspar Hauser, nicht unwahrscheinlich ein Betrüger“, der in den Folgejahren weitere Abhandlungen über Kaspar Hauser folgen. Allerdings: „Merker hat Kaspar Hauser nie persönlich getroffen“, stellt Eckart Böhmer klar und widerspricht den Betrugsvorwürfen: „Zum Tatbestand des Betruges gehört, dass man einen Vorteil dadurch erlangt – und welchen Vorteil gewann Kaspar Hauser denn?“

Ein ungeheures Verbrechen?

Unterschiedliche Menschen nehmen sich Kaspars an, Gottlieb von Tucher wird zu seinem Vormund bestimmt. Auch Anselm von Feuerbach hat großes Interesse an Kaspar Hauser. Er beschreibt den Jungen als „das einzige Wesen seiner Art“. Der wichtigste Rechtsgelehrte des 19. Jahrhunderts vermutet ein ungeheures Verbrechen und veröffentlichte 1832 die psychologische Studie „Kaspar Hauser, Beispiel eines Verbrechens am Seelenleben des Menschen“.

Zunächst wird Kaspar Hauser in die Obhut des Gymnasialprofessors Georg Friedrich Daumer gestellt, der ihn unter anderem im Lesen und Schreiben unterrichtet. Kaspar lernt rasch und zeigt hohe Intelligenz, künstlerische Begabung und ein nahezu fotografisches Gedächtnis.

Doch am 17. Oktober 1829 erscheint Kaspar nicht zum Mittagessen und wird im Keller gefunden, aus einer Wunde an der Schläfe blutend. Er gibt an, von einem maskierten Mann in schwarzer Kleidung überfallen, bedroht und verletzt worden zu sein. An der Stimme glaubt Kaspar, den Mann zu erkennen, der ihn 16 Monate zuvor nach Nürnberg gebracht hatte. Weder polizeiliche Ermittlungen noch die ausgesetzte Belohnung führten jedoch zur Ergreifung des Täters.

Ab Mai 1831 bemüht sich der englische Lord Stanhope erfolgreich um die Pflegschaft Hausers und bringt den Jungen in der Folge nach Ansbach, wo dieser ab Dezember 1831 bei dem Lehrer Johann Georg Meyer lebt.

Lord Stanhope spielt in Kaspar Hauses Geschichte eine dubiose Rolle: Zwar gibt der Dauerreisende hohe Summen für Kaspar aus und finanziert zwei Reisen nach Ungarn, um dessen Herkunft zu klären. Doch als eindeutigen Ergebnisse ausblieben, wendet sich der Lord enttäuscht von Kaspar ab und sagt sich nach dessen Tod auch öffentlich von ihm los. „Allerdings“ schränkt der Leiter des Kaspar-Hauser-Forschungskreises ein, „hat man nach Kaspars Tod aufgedeckt, dass dieser Mann ein Agent war, unter anderem für das Haus Baden.“ Die Reisen hatten den Zweck, Kaspars ungarische Abstammung zu bestätigen und die Erbprinzentheorie zu entkräften.

Die Erbprinzentheorie

Die Rätsel um Kaspar Hausers Herkunft führen bis heute zu wilden Spekulationen. Am bekanntesten ist die sogenannte Erbprinzentheorie, die Anselm von Feuerbach selbst aufstellte. Dieser Theorie nach war Kaspar Hauser der erstgeborene Sohn des Großherzogs Karl von Baden und seiner Gemahlin Stéphanie de Beauharnais, der gegen ein sterbendes Baby ausgetauscht wurde. So sollte dieser Theorie nach die Erbfolge beeinflusst und den Kindern der morganatischen Ehefrau des im Juni 1811 verstorbenen Großherzogs Karl Friedrich von Baden, Gräfin Luise Karoline von Hochberg, die Thronfolge ermöglicht werden.

Auf diesem Gemälde von Carl Kreul kann man auf der Stirn Kaspar Hausers die Narbe von den Verletzungen beim ersten Angriff erkennen.

Foto von Carl Kreul, Public domain, via Wikimedia Commons

Doch warum führt man das Kind der Öffentlichkeit zu, statt es direkt zu töten oder in eine neue Identität hineinwachsen zu lassen? Anhänger der Erbprinzentheorie glauben, dass das Kind als Druckmittel genutzt werden sollte. „Durch die Aussetzung wollte man sich dann des Verbrechens entledigen und das Kind gewissermaßen in der Welt ‚verschwinden‘ lassen. Spätestens ab Oktober 1829 versuchte man, das Kind doch zu töten, da es zu gefährlich wurde für die Täterkreise,“ führt Eckart Böhmer aus.

DNA-Analysen der Blutspritzer auf Kaspars Hose ergaben bei einer Untersuchung 1996 keine eindeutige Übereinstimmung mit dem Haus Baden – allerdings stellte bei späteren Untersuchungen 2002 heraus, dass die Proben gar nicht von Kaspar Hauser selbst stammten, sondern die Flecken von Museumsmitarbeitern mit fremdem Blut immer wieder aufgefrischt worden waren.

Ein Rätsel seiner Zeit

Am 14. Dezember folgt Kaspar Hauser der Einladung eines Unbekannten, die Bauarbeiten am artesischen Brunnen im Ansbacher Hofgarten anzusehen. Als er dort niemanden antrifft, geht er weiter zum nahegelegenen Uz-Denkmal; hier, so berichtet Kaspar weiter, wird er von einem Mann mit schwarzem Schnurrbart und schwarzen Haaren angesprochen, der ihm einen Beutel überreicht – und zusticht, als er danach greift. Drei Tage später stirbt Kaspar Hauser in seinem Bett; vor seinem Tod vergibt er Augenzeugenberichten zufolge all seinen Feinden. Er wird auf dem Stadtfriedhof in Ansbach bestattet. Die Nachricht von seinem Tod schlägt hohe Wellen, doch der Attentäter wird nie gefunden.

Bei den Ermittlungen sind sich die Gerichtsmediziner uneinig, ob die tödlichen Verletzungen unter Fremdeinwirkung entstanden oder ob Kaspar Hauser sie sich selbst zugefügt hat im Versuch, das öffentliche Interesse an seiner Person neu zu entfachen. Eckart Böhmer hält letzteres für eine vorsätzliche Verleumdung: „Dieses Kind konnte keiner Fliege etwas zuleide tun. Es ist auszuschließen, dass so jemand sich schwer verletzt, um Aufmerksamkeit zu erzielen.“ Auch von Anselm von Feuerbach ist die Einschätzung des Kaspar Hauser als besonders sanfter Mensch mit einer „Kinderseele“ überliefert.

Vieles bleibt unbeantwortet, wenn man sich mit der Geschichte von Kaspar Hauser befasst. Anhänger und Kritiker streiten sich bis heute. So ist die Inschrift auf Kaspar Hausers Grabstein nicht nur eine Zusammenfassung seines bekannten Lebens, sondern auch ein Spiegel der vielen Fragen, die bleiben:

"Hier ruht Kaspar Hauser, ein Rätsel seiner Zeit, unbekannt die Geburt, geheimnisvoll die Umstände seines Todes".

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