Zar Alexander I: Mit der Luftwaffe gegen Napoleon?

Im Jahr 1812 unterbreitete ein deutscher Ingenieur der russischen Regierung ein unerhörtes Projekt: Ein Luftschiffbomber sollte Napoleons Invasion stoppen.

Von Alexander Mikaberidze
Veröffentlicht am 19. Juni 2022, 22:36 MESZ
Napoleon

Im Jahr 1812 unterbreitete ein deutscher Ingenieur der russischen Regierung ein unerhörtes Projekt: Ein Luftschiffbomber sollte Napoleons Invasion stoppen.

Foto von Shakko / Wikimedia Commons

Es war eine Sensation, deren Kunde sich schon bald wie ein Lauffeuer verbreitete: Im Juni 1783 gelang es den Brüdern Joseph Michel und Jacques Étienne Montgolfier zum ersten Mal, einen Heißluftballon aufsteigen zu lassen. Die Ära der Luftfahrt war damit eingeläutet. Schon bald interessierte sich das Militär für das Potenzial der neuen Erfindung. Tatsächlich setzte man bereits während der Koalitionskriege (1792–1815) zwischen Frankreich und weiteren europäischen Nationen Fesselballons zur Aufklärung ein. Damit schienen die Möglichkeiten längst nicht ausgeschöpft.

Besonders ein junger deutscher Erfinder namens Franz Xaver Leppich hatte im Wortsinn hochfliegende Pläne: Zunächst bot er Napoleon seine Pläne zum Bau eines Ballons an. Aus der Luft solle der „eine ganze Armee vernichten“ können. Versehe man Ballons (die nicht gegen den Wind fliegen können) nämlich mit Flügeln, dann wären sie in jede Richtung navigierbar. Napoleon lehnte ab, verbot die Experimente, drohte Leppich gar mit Verhaftung. Der floh zu Friedrich I. von Württemberg und unterbreitete auch diesem den Plan. Der König zögerte – gewährte dem deutschen Erfinder aber dann einen Zuschuss.

Verlockendes Angebot aus Russland: Geheimwaffe gegen Napoleon

Leppich tüftelte an Konstruktionsplänen für sein Luftschiff, als ihm Anfang 1812 David Alopeus, der russische Botschafter in Stuttgart, anbot, in seinem Land zu arbeiten. In einem Brief an Zar Alexander I. beschrieb Alopeus detailliert ein Gefährt „in Form eines Wals“. Es sollte „40 Männer mit 12000 Sprengladungen“ zur Bombardierung feindlicher Stellungen befördern können. Weiter hieß es, dass das Luftschiff eine Überfahrt von Stuttgart nach London in unglaublichen 13 Stunden bewältigen würde. Zu dieser Zeit stand Napoleon kurz vor seiner Offensive gegen Russland; jede Idee zur Verteidigung war willkommen.

Am 26. April genehmigte der Zar Leppichs Projekt und ließ eine Werkstatt in einem Dorf nahe Moskau einrichten. Unter dem Decknamen „Schmidt“ überwachte Leppich hier vorgeblich die Produktion von Artilleriemunition. Der Governeur Fjodor Rostoptschin stellte ihm derweil alle notwendigen Mittel zur Verfügung, darunter große Mengen an Stoff, Schwefelsäure, Schmirgelpulver und weitere Waren für die astronomische Summe von 120000 Rubel. Im Juli arbeiteten bereits rund 100 Beschäftigte in 17-Stunden-Schichten vor Ort. Leppich versicherte Rostoptschin, dass das Geld gut angelegt und die Flugmaschine bis zum 15. August fertig sei; im Herbst würden ganze Geschwader am Himmel über Moskau fliegen!

Am 15. Juli besuchte Zar Alexander selbst die Werkstatt und ließ sich verschiedene Teile des Flugapparats zeigen, darunter die Tragflächen und eine große Gondel von 15 Meter Länge und acht Meter Breite. Der Kaiser informierte umgehend seinen Oberbefehlshaber Michail Kutusow über die Geheimwaffe und wies ihn und Leppich an, ihr Vorgehen bei der bevorstehenden Luftoffensive gegen die Franzosen zu koordinieren.

Der 15. August kam und ging – ergebnislos. Zu diesem Zeitpunkt war der Angriff der Franzosen bereits in vollem Gange. Rostoptschin misstraute Leppich mittlerweile und drang auf Ergebnisse. Der Tüftler versprach, die Maschine bis zum 27. August zu liefern. Als er auch den Termin nicht einhielt, bezeichnete ihn der Gouverneur in einem Brief an Alexander als „verrückten Scharlatan“.

Jahrzehnte zu früh: Zu Napoleons Zeiten war die Entwicklung von Luftschiffen noch nicht weit genug fortgeschritten für den militärischen Einsatz. In größerem Maßstab wurden sie erst im 1. Weltkrieg verwendet. Hier: Ein elektronisch angetriebenes Luftschiff von Albert und Gaston Tissandier, 1883.

Foto von Louis Poyet

Luftangriff gegen Napoleon scheiterte noch vor der Umsetzung

Angesichts des Vormarschs der Franzosen brachte man das Inventar der Werkstatt in die rund 400 Kilometer östlich gelegene Stadt Nischni Nowgorod und schickte Leppich nach Sankt Petersburg zurück. Nach der Besetzung Moskaus erreichten Napoleon Gerüchte über den Flugapparat. Er ordnete eine Untersuchung an und erfuhr, dass gewisse Arbeiten „von einem Engländer, der sich Schmidt nennt und behauptet, Deutscher zu sein“, durchgeführt worden seien. Ziel sei es angeblich gewesen, Moskau zu zerstören, ehe die Franzosen die Stadt einnahmen.

In der nahe Sankt Petersburg gelegenen Stadt Oranienbaum (heute Lomonossow) setzte Leppich seine Experimente fort. Im November 1812 stürzte sein erster Ballonprototyp in sich zusammen, nachdem er den Hangar verlassen hatte. Im September 1813 stellte er einen Flugapparat fertig, der etwa zwölf Meter aufsteigen konnte – eine Höhe, die nichts mit seinen ursprünglichen Versprechungen zu tun hatte. Einen Monat später untersuchte General Alexei Araktschejew die Sache. Sein Urteil: Leppich sei „ein kompletter Scharlatan, der nicht die geringste Ahnung von den Regeln der Mechanik und dem Gesetz der Hebelwirkung hat“. In Ungnade gefallen, verließ Leppich Russland im Februar 1814. Die 250.000 Rubel, die der Zar in das Projekt investiert hatte, erwiesen sich als Fehlinvestition.

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Foto von National Geographic

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