Umstrittene Pioniere: Die fast vergessenen Weltentdecker Schlagintweit aus München

1854 brechen die Gebrüder Schlagintweit zu einer Expedition nach Indien und in den Himalaya auf. Mit mehr als 40.000 Forschungsobjekten kehren sie zurück. Über das Vermächtnis von bis heute umstrittenen Pionieren.

Von Markus Röck
Veröffentlicht am 9. Nov. 2022, 17:04 MEZ
Porträt der Gebrüder Schlagintweit

Die Gebrüder Schlagintweit: Drei fast vergessene Weltentdecker aus München.

Illustration aus M. Édouard Charton: "Le Tour Du Monde: Nouveau journal des voyages, Band 1"; Paris, 1860 Public Domain, via Wikimedia Commons

Als die Auckland, eine britische Kriegsfregatte, am 26. Oktober 1854 endlich in Bombay eintraf, gingen drei Münchener Forscher von Bord, die eine lebensverändernde Reise angetreten hatten. Vor mehr als einem Monat waren Hermann, Adolf und Robert Schlagintweit in See gestochen. Mehrere Stationen hatten die Münchner auf ihrer Reise bereits passiert, die sie vom britischen Southampton über Ägypten und den Jemen bis ins heutige Mumbai führte. Für viele Passagiere stellte die Stadt am „Tor zu Indien“, die bereits damals an der Millionenmarke kratzte, das Ziel ihrer Reise dar - die Gebrüder Schlagintweit standen jedoch erst am Anfang.

Gute Bildung als Voraussetzung für diverse Forschungen

Im Auftrag der britischen East India Company erforschten die Gebrüder Schlagintweit drei Jahre lang Indien und Zentralasien. Dabei stellten sie neben erdmagnetischen Messungen auch Untersuchungen in den Gebieten Glaziologie, Geographie, Mineralogie, Anthropologie und in der Klimaforschung an. Die Voraussetzungen für solch diverse Forschungen waren gut: Als Söhne eines Augenarztes hatten die Brüder eine sehr gute Schul- und Universitätsbildung in München genossen. „Sie haben alles Mögliche studiert, um Forschungsreisende im Hochgebirge zu werden“, sagt Cornelia Lüdecke. Die emeritierte Professorin befasste sich insbesondere mit dem Werdegang und den meteorologischen Forschungen der drei Brüder.

Cornelia Lüdecke ist unter anderem emeritierte Professorin an der Universität Hamburg. Dort lehrte sie die Geschichte der Naturwissenschaft und Technik. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählte unter anderem die Geschichte der Polarforschung, der Metorologie und der Geographie.

Foto von Cornelia Lüdecke

Schon früh unternahmen die begeisterten Bergsteiger erste Forschungen in den Alpen – etwa am Monte-Rosa-Massiv oder am Großglockner. Dieser Umstand machte die Brüder auch für die East India Company interessant. Schon länger versuchte das Britische Empire die Grenzregionen im Norden der damaligen Kolonie Indien, in die auch das Himalayagebirge fällt, zu erforschen. Die Bestrebungen waren allerdings 1852 mit dem Tod des Forschers Charles M. Elliott zum Erliegen gekommen. Andere Forschungsreisende in Großbritannien waren zu alt, um die Aufgabe fortzuführen. „Man war auf junge, begeisterte Leute aus dem Ausland angewiesen“, so Lüdecke.

Die Gebrüder Schlagintweit und Alexander von Humboldt

Dass tatsächlich die Gebrüder Schlagintweit für die Forschungen der East India Company in Betracht gezogen wurden, war einer anderen Persönlichkeit zu verdanken: Alexander von Humboldt. Er galt – und gilt auch heute noch -  als einer der größten Naturforscher seiner Zeit und unternahm mehrere Forschungsreisen, die ihn nach Süd- und Mittelamerika, in die USA und nach Russland führten. „Humboldt war die Schlüsselfigur in der ganzen Geschichte“, sagt Stefanie Kleidt. Für eine Sonderausstellung über die Gebrüder, die 2015 im Alpinen Museum in München abgehalten wurde, hat sich die Kunsthistorikerin mehr als zwei Jahre mit der Indien-Expedition der Schlagintweits befasst. Im Zuge ihrer Recherche stellte sie fest, wie groß der Beitrag Humboldts zum Zustandekommen der Expedition war. 

Die Schlagintweits lernten den inzwischen bereits 80-jährigen Humboldt 1849 in Berlin kennen. Die beiden älteren Schlagintweit-Brüder, Hermann und Adolf, waren in das damalige „Mekka der Geographie“ gekommen, um dort zu habilitieren. „Humboldt war sehr begeistert von diesen jungen Leuten, ihrem Tatendrang und ihren bergsteigerischen Fähigkeiten“, sagt Kleidt. Schnell war die Idee einer Indien- und Himalaya-Expedition geboren. Ein Lebenstraum Humboldts, den er sich aufgrund seines hohen Alters nicht mehr selbst erfüllen konnte. Da der preußische König, Friedrich Wilhelm IV., nicht die gesamte Expedition finanzieren wollte und es zur damaligen Zeit für ausländische Forscher generell schwierig war durch britische Gebiete zu reisen, suchte Humboldt den Kontakt nach England.

Alexander von Humboldt (1769-1859) gilt als größter Naturforscher seiner Zeit. Berühmt wurde er vor allem durch mehrere Forschungsreisen, die ihn unter anderem nach Süd- und MIttelamerika oder nach Russland führten. Mehrere Werke Humboldts - insbesondere der "Kosmos" - fanden auf der ganzen Welt Anerkennung. Die Gebrüder Schlagintweit fanden in ihm einen großen Gönner und Unterstützer.

Gemälde von Joseph Karl Stieler, 1843 Public Domain, via Wikimedia Commons

„Durch sein hohes Ansehen und seiner guten internationalen Vernetzung konnte Humboldt die Engländer tatsächlich dazu bewegen, die Brüder nach Indien zu schicken“, sagt Kleidt. 1854 machten sich Hermann, Adolf und der kurzfristig dazu gestoßene Bruder Robert auf den Weg nach Indien – trotz Protesten aus britischen Wissenschaftskreisen. Drei Jahre bereisten die Brüder den Kontinent,  mal gemeinsam, mal auf getrennten Wegen. Dabei legten sie rund 29.000 Kilometer zurück. Sie vermaßen Gletscher und Flüsse, erstellten erstmals eine detaillierte Darstellung des Klimas von Indien, fertigten umfangreiches Kartenmaterial und rund 750 Zeichnungen und Landschafts-Aquarelle an. „In der Zeit, die einem zur Verfügung stand, musste man so viel wie möglich unternehmen“, sagt Kleidt. Deshalb legten die Brüder auch Sammlungen an – ganz im Sinne des von Alexander von Humboldt geprägten holistischen Ansatzes.

40.000 Forschungsobjekte: Eine logistische Großaufgabe

Pflanzen, Tiere, Mineralien, Alltagsgegenstände: Die Brüdern sammelten alles. Vieles davon sogar doppelt. In den drei Jahren ihren Reise wuchs die Sammlung auf rund 40.000 Forschungsobjekte an. „Für die Brüder war das eine logistische Großaufgabe“, so Kleidt. So beschäftigten die Schlagintweits teilweise einen Tross von mehr als 120 Personen. Sie beschäftigten Helfer für die Sammlung von Pflanzen, das Versorgen von Präparaten und den Transport des gesammelten Materials. Am Ende schifften sie mehr als 500 Kisten zurück nach England.

Doch nicht alle drei Brüder kehrten 1857 nach Europa zurück. Für Adolf Schlagintweit, der Zentralasien durchqueren und Deutschland auf dem Landweg erreichen wollte, endete die Reise tödlich. Im damaligen Turkestan geriet er in einen Rebellenaufstand gegen die chinesische Herrschaft. Vom Anführer der Aufständischen, Wali Khan, wurde er für einen chinesischen Spion gehalten und enthauptet.  Für die beiden lebenden Brüder war Adolfs Tod ein schwerer Schlag. Vor allem die Aufarbeitung der Reise machte sein Fehlen spürbar. Eine auf neun Bände ausgelegte Dokumentation der Forschungsergebnisse musste bereits nach dem vierten Band eingestellt werden. Und auch die Sammlung konnte durch die schiere Menge an Material nie gänzlich bearbeitet werden. Dazu kam – so Kleidt – noch ein weiterer erschwerender Faktor: „Die drei Brüder haben die Qualität ihrer Sammlung vollkommen überschätzt.“ Bald schon sei der wissenschaftliche Wert der Sammlung infrage gestellt worden. Insbesondere aus Großbritannien erreichte die Schlagintweits teils heftiger Gegenwind. In mehreren erhaltenen Alben sammelten sie Zeitungsartikel, in denen – oftmals kritisch – über sie berichtet wurde. Die Pläne der Brüder, ein indisches Museum in Berlin zu eröffnen, konnten ebenfalls nicht verwirklicht werden. „Keiner wollte die Sammlung wirklich haben“, so Kleidt.

Im Zuge ihrer Reisen fertigten die Gebrüder Schlagintweit hunderte Gemälde und Aquarelle von Bergen und Gletschern an. Letztere werden zunehmend für die Gletscherforschung relevant.

Illustration aus Hermann, Adolf und Robert Schlagintweit: "Results of a scientific mission to India and High Asia", Band I; Leipzig, 1861 Public Domain via Wikimedia Commons

Der jüngere Bruder Robert wandte sich schließlich anderen Dingen zu. Als Vortragsreisender besuchte er Europa, Russland und die USA. Zudem nahm er eine Professur in Gießen an. Hermann versuchte noch bis zu seinem Tod 1882, die Sammlung aufzuarbeiten und anzubringen. Während die Gebrüder Schlagintweit – zumindest in Deutschland – zu Beginn noch Lob und Auszeichnungen erhielten, wurde es in den darauffolgenden Jahren still um sie. Noch zu Hermanns Lebzeiten mussten bereits erste Sammlungsstücke verkauft oder versteigert werden. Mit den Jahren zerstreute sich die Sammlung. „Hätten sich die Gebrüder bei ihrer Sammlung auf ihre Wissensgebiete beschränkt, wären sie zu hochangesehenen Wissenschaftlern geworden. So verschwanden sie in der Versenkung“, sagt Kleidt.

Das Vermächtnis der Gebrüder Schlagintweit

Lange Zeit tauchten die Forschungen der Gebrüder Schlagintweit nur vereinzelt im wissenschaftlichen Diskurs auf. So zum Beispiel im Zusammenhang mit den ersten Achttausender-Expeditionen in den 1920er- und 1930er-Jahren. Erst in den letzten Jahren wurde dem Wirken der Brüder wieder mehr Aufmerksamkeit zuteil. Zum Beispiel auf dem Gebiet der Gletscherforschung: Dort hätten die einst von den Brüdern angefertigten Zeichnungen jüngst an Relevanz gewonnen, da sie gut veranschaulichen würden, wie sich die Gletscher im Himalaya seit den 1860er-Jahren verändert hätten.

Auch die Kolonialgeschichte, die zunehmend kritisch aufgearbeitet wird, beschäftigt sich zunehmend mit den Gebrüdern Schlagintweit. In einem 2015 im Zuge der Sonderausstellung im Alpinen Museum erschienenen Text schreibt der Historiker Moritz von Brescius: „Dass die Reise insgesamt sowie die Fülle der von den Schlagintweits angestellten Beobachtungen deutlich von den kolonialen Ambitionen der Briten (…) beeinflusst waren und die Brüder dieser Erwartung auch nach Kräften entsprachen, belegt die umfangreiche Informationsbeschaffung (…), welche die Brüder an offizielle britische Stellen weitergaben.“ Darüber hinaus führt von Brescius an, die Brüder seien „dem ‚Aufklärungsobjekt‘ Naturgeschichte im Sinne Humboldts verpflichtet und andererseits den Gravitationskräften und expansiven Herrschaftsambitionen des britischen Empire“ unterworfen gewesen.

Und die Schlagintweit-Sammlung? Ihren Verbleib hat Stefanie Kleidt untersucht. Heute sind die Sammlungsstücke in ganz Europa – insbesondere in Deutschland und Großbritannien – verstreut. Vereinzelt befänden sich Gegenstände in der Dauerausstellung – etwa im Humboldt-Forum in Berlin oder im Münchner Museum Fünf Kontinente. Größtenteils würden sie aber in Museums-Depots verstauben. „Es gibt noch viel verborgenes Wissen und Material, das man aus der Sammlung der Schlagintweits schöpfen kann. Aber solange man diese Sammlungen nicht intensiv bearbeitet, kommt man nicht so leicht ran“, sagt Kleidt. Eine Entdeckung, die wohl erst noch gemacht werden muss.

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