Geschichte und Kultur

Die Unberührbaren

Girdharilal Maurya sei ein sündiger Mensch. Das behaupteten jedenfalls die Männer, die ihn überfallen haben. Sein Karma sei schlecht. Warum, wenn nicht als Strafe für Vergehen in früheren Leben, sei er als Unberührbarer geboren worden?

Von Tom O'Neill
Bilder Von William A. Allard

Girdharilal Maurya sei ein sündiger Mensch. Das behaupteten jedenfalls die Männer, die ihn überfallen haben. Sein Karma sei schlecht. Warum, wenn nicht als Strafe für Vergehen in früheren Leben, sei er als Unberührbarer geboren worden? Schließlich ist er ein Lederarbeiter, und das Hindu-Gesetz besagt, dass der Umgang mit Tierhäuten unrein macht, den Menschen verachtenswert. Auch sein ungebührlicher Wohlstand sei eine Sünde. Was erdreiste sich dieser Unberührbare, ein Stück Land außerhalb des Dorfs zu kaufen? Und dann wagte er auch noch, bei der Polizei vorzusprechen und zu verlangen, dass er den neuen Dorfbrunnen benutzen dürfe. Er habe bekommen, was Unberührbare verdienen. Eines Nachts, als Maurya nicht da war, kamen acht Männer, die der höheren rajput-Kaste angehörten, auf seinen Hof. Sie rissen seine Zäune nieder, stahlen seinen Traktor, verprügelten seine Frau und seine Tochter und brannten sein Haus nieder. Die Botschaft war klar: Bleib, wo du hingehörst! Unten.

Maurya floh mit seiner Familie aus dem Dorf Kharkada im westindischen Bundesstaat Rajasthan. Erst zwei Jahre später fühlte er sich sicher genug, um zurückzukehren - aber nur, weil sich Menschenrechtsanwälte seines Falles angenommen hatten und er sich dadurch Schutz erhoffte. "Ich sehe sie fast täglich", sagt Maurya über die Angreifer. Er war bereit, sich nach Einbruch der Dunkelheit im Hof seines Hauses mit mir zu treffen.

Das Gesicht des 52-Jährigen ist von tiefen Sorgenfalten zerfurcht. Seine Frau hält sich im Dunkeln, kocht Tee. Wie die anderen ihrer Kaste wohnen sie am südlichen Ende des Dorfs, auf der windabgewandten Seite, damit die Familien höherer Kasten nicht die Luft der Unberührbaren atmen müssen. Das Gerichtsverfahren gegen die Männer, die ihn überfallen haben, ziehe sich hin, erzählt Maurya. Er bemüht sich, das Positive zu sehen: Die Unberührbaren benutzen nun den Brunnen, einer seiner Söhne besucht als erster Unberührbarer des Dorfs eine weiterführende Schule. Schließlich gibt er aber doch zu, dass er sich noch immer vor den damaligen Angreifern fürchtet.

In Indien als Hindu geboren zu werden bedeutet, Teil des Kastensystems zu sein, einer der ältesten Formen gesellschaftlicher Diskriminierung. Seit rund 1500 Jahren herrscht in der indischen Gesellschaft die Vorstellung: Alle Menschen sind ungleich. Dieses uralte Glaubenssystem ist mächtiger als das moderne Gesetz. Indiens Verfassung verbietet zwar die Kastendiskriminierung und hat die Unberührbarkeit ausdrücklich abgeschafft. Das tägliche Leben aber bestimmt der Hinduismus, die Religion, zu der sich 80 Prozent der indischen Bevölkerung bekennen.

Viele Menschen würden sagen, dass im Zuge sporadischer Reformbemühungen vor und nach der indischen Unabhängigkeit im Jahr 1947 die krassesten Formen der Diskriminierung weitgehend aufgehört haben. Doch alle Gesetze und Vorschriften haben den Kern des Kastensystems nicht aufgeweicht. In der modernen indischen Literatur wurde das Schicksal der Unberührbaren zwar immer wieder thematisiert, zunächst von höheren Kasten. Inzwischen melden sich Unberührbare auch mit eigener Stimme zu Wort. Sie selber bezeichnen sich als dalit, als Unterdrückte, eine Bezeichnung, die den Begriff der "Unberührbaren" weitgehend abgelöst hat - aber eben nur den Begriff.

(NG, Heft 6 / 2003)

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