Geschichte und Kultur

Indianer - Das Volk der Pferde

Vor etwa 500 Jahren kam das Pferd nach Nordamerika und veränderte das Leben der Indianer für immer. Sie konnten nun viel effektiver jagen und kämpfen. Noch heute ehren sie das edle Reittier als Inbegriff für ihren Stolz und ihre Traditionen.

Von David Quammen
Bilder Von Erika Larsen
Indianer - Das Volk der Pferde

Im September 1874 fand das große Reiterreich der Comanche im nördlichen Texas ein grausames Ende. Es war ein erstes Vorzeichen für tief greifende Veränderungen auf den Great Plains, denn die Comanche gehörten zu den ersten Indianerstämmen, die das Pferd von den spanischen Konquistadoren übernommen hatten. Auf dem Rücken der Pferde waren sie zu erfahrenen, grausamen und herrischen Kriegern geworden: Sie ritten, um die Ausdehnung weißer Siedlungen aufzuhalten, um dem Abschlachten der Bisons Einhalt zu gebieten, um ihre indianischen Nachbarn zu terrorisieren – und um die amerikanische Armee herauszufordern. Dann, am 28. September 1874, wurde die größte noch verbliebene Gruppe von Kriegern der Comanche samt ihren Familien an einem Ort namens Palo Duro Canyon gefangen genommen.

Angeführt wurde die Aktion von der 4. Kavallerie unter Colonel Ranald Slidell Mackenzie. Nachdem seine Männer die Comanche überrumpelt und aus ihrem Lager getrieben hatten, steckten sie alle Tipis in Brand und fingen die mehr als tausend zurückgelassenen Pferde ein. Mitsamt dieser reichen Beute führte Mackenzie seine Truppen schließlich zurück ins Feldlager. Dort gab er am folgendem Morgen den Befehl, sämtliche Pferde zu erschießen.

«Die Infanterie fing die wild gewordenen Pferde mit dem Lasso ein und führte sie zu den Erschießungskommandos», heißt es in S. C. Gwynnes Buch über die Comanche „Empire of the Summer Moon“. «Das Ergebnis war ein gewaltiger Berg von toten Pferden» – 1048, wie die Akten vermerken. Die Tiere verwesten an Ort und Stelle, und ihre Knochen bleichten jahrelang in der Sonne – eine schreckliche Mahnung an den Untergang des einstmals so mächtigen Reitervolks der Comanche. Sie waren nach ihrer Niederlage in Palo Duro Canyon vernichtend geschlagen und ergaben sich kurz darauf endgültig.

NG-Video: Das Volk der Pferde

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Fast anderthalb Jahrhunderte später sitzt der Historiker Towana Spivey, ein Mann vom Stamm der Chickasaw und Experte für die Geschichte der Comanche, im Vorgarten seines Hauses in Duncan, Oklahoma, und erzählt mir, was sich damals ereignet hat.

Mit dem Abschlachten der Pferde, sagt er, «war das Rückgrat des Widerstands» gebrochen. Die Tiere hatten den Comanche als wichtiges Fortbewegungsmittel gedient, als Grundlage für ihr Nomadenleben, als Nahrung und als wichtigste Waffe ihrer Kriegsführung. «Für den Stamm war das ein verheerender Schlag», sagt Spivey. Und es kam noch schlimmer.

Denn, so erzählt der Historiker, nach dieser ersten Tötungsaktion trieb die Armee bis Juni 1875 weitere 6000 bis 7000 Pferde der Comanche zusammen. Die Tiere wurden an einen Ort namens Mackenzie Hill gebracht, um sie dort zu erschießen. Als das zu anstrengend und wegen der verbrauchten Munition zu teuer wurde, begann die Armee, die Comanche­Pferde an weiße Bieter zu versteigern. Nachdem danach immer noch weitere Tiere übrig blieben, nahm man das Erschießen wieder auf.

Die beiden Massaker von 1874 und 1875 brachen den Widerstand der Comanche. Sie bedeuteten aber nicht das Ende für die Geschichte der Pferde bei den amerikanischen Ureinwohnern – die hatte gerade erst begonnen.

Denn zu diesem Zeitpunkt hatte sich bereits im ganzen Land herumgesprochen, wie nützlich Pferde sein konnten. Mit ihnen waren die Menschen auf der Bisonjagd erfolgreicher als je zuvor, sie konnten ihren Aktionsradius erweitern und vernichtende Überfälle auf andere Stämme unternehmen. Pferde befreiten Frauen von beschwerlichen Pflichten wie dem Schleppen ihrer Habe von einem Lager zum nächsten. Indianerstämme, die zu Pferd jagten, hatten bessere Karten als solche, die Landwirtschaft betrieben. Deshalb wollten plötzlich alle Stämme Pferde haben: Vom Süden bis zum Norden, von den Jumano über die Apache bis zu den Cheyenne – sie alle waren von nun an beritten.

Und die neuen Tiere wurden schon bald überall so geschätzt, dass sie nach und nach eine abstraktere kulturelle Rolle ausfüllten: als Statussymbol. War ein Mann klug und ehrgeizig, dann konnte er sich mehrere Pferde leisten und diese dann verkaufen, tauschen oder verschenken. An der Anzahl seiner Pferde konnte man also den Reichtum eines Mannes ablesen.

Mit dieser ersten großen Neuerung war noch eine andere gekommen: Schusswaffen. Die Indianer konnten jetzt bei weißen Händlern im Tausch gegen Bisonfelle oder Pferde auch Gewehre und Revolver erwerben.

Das waren Veränderungen von großer Tragweite, die ruhmreiche Höhepunkte und unrühmliche Nebenwirkungen mit sich brachten, darunter die Überjagung des Bisons – und das sogar noch vor der Ankunft kommerzieller Jäger. Die Reitkunst führte auch zu einer brutaleren Kriegsführung zwischen den Stämmen, zum Widerstand gegen weiße Siedler und die Armee, später dann zu traurigen Ereignissen wie am Palo Duro Canyon. Doch diese negativen Aspekte der Pferderevolution sind Geschichte.

Heute sind Pferde nach wie vor von größter Bedeutung für viele amerikanische Ureinwohner. Sie gelten noch immer als Besitz, auf den Indianer besonders stolz sind. Und sie stehen für die uralten Traditionen und Werte ihrer Stämme: für glanzvolle Auftritte, für Tapferkeit und für ein Wissen, das seit Jahrhunderten an die nächste Generation weitergegeben wird – auch und gerade heute noch.

Das „Pendleton Round-up“ ist ein Rodeo der Spitzenklasse, an dem jeder teilnehmen kann. Es findet jährlich im September in Pendleton, Oregon, statt, unweit des Indianerreservats der Umatilla. Zu den Veranstaltungen gehört – neben einem Wettbewerb im Kriegstanz und mehreren indianischen Staffelrennen – auch eine allabendliche Show: das Historienspiel „The Happy Canyon“. Es beginnt mit einem beeindruckenden Umzug durch die Stadt, bei dem sich Indianer zu Pferd in großer Aufmachung präsentieren. Dann reiten die lokalen Häuptlinge in die Arena, mit prachtvoll gewandeten jungen Frauen in ihrem Gefolge.

Die offizielle Betreuerin dieses zeremoniellen „indianischen Hofstaats“ ist Toni Minthorn, eine Frau um die 50. Gerade sitzt sie in einem Wohnwagen hinten bei den Koppeln und flickt den weichen Hirschlederbezug eines Prunksattels. Sie erklärt mir, wie sie ihre Aufgabe versteht: «Mein Ziel ist es, wieder Prinzessinnen aufs Pferd zu bekommen.»

Tonis Mutter war 1955 „Happy Canyon“-Prinzessin, Toni selbst 1978. Sie wuchs als reitender Wildfang auf, fuhr mit Schlitten, die von Pferden der Familie gezogen wurden, raufte zu Pferd mit ihrem Bruder und den drei Schwestern. Woher hatte sie ihre Reitkünste? «Die sind mir in die Wiege gelegt worden.» Als Kind lebte Toni mit ihrer Familie in einem kleinen Ort namens Spring Hollow. Dort hatten sie nichts: keinen modernen Komfort, kein Spielzeug, die kleine Toni besaß nicht mal eine Puppe. Ihre Klassenkameraden bemitleideten sie: Was? Du hast keine Puppe? «Ich habe mich gefühlt wie das ärmste Kind auf der Welt.» Was machst du denn den ganzen Tag, fragten die Klassenkameraden.

Wir reiten. Deine Familie hat Pferde? Klar, erzählte sie ihnen. 47 Stück. Ihr habt 47 Pferde? Ihr müsst ja reich sein! «Und da hab ich mich gar nicht mehr arm gefühlt.»

Die „Crow Fair“ ist eine weitere wichtige Zusammenkunft: ein Fest, das Mitte August in Crow Agency, Montana, stattfindet und zu dem Wettkämpfer aus Pine Ridge in South Dakota, Fort Hall in Idaho und aus anderen Orten kommen. Als ich an einem heißen Nachmittag dort eintreffe, laufen die Organisatoren geschäftig hin und her, die zahlreichen Besucher sind guter Stimmung. Ein Ansager heißt uns mit Baritonstimme willkommen zum diesjährigen „Indianer-Rodeo“ der Crow und des dazugehörigen Camps, das nicht ohne Stolz als „Tipi-Hauptstadt der Welt“ bezeichnet wird. Zum Programm gehören Wettrennen, Bullenreiten, Wildpferdreiten mit Sattel, Lassowerfen im Team, Kälberfangen für Frauen und eine phantastisch wilde Disziplin, das „Indian Relay“. Es wird vom Ansager als «die spannendsten fünf Minuten im Indian Country» angepriesen.

Das „Indian Relay“ ist ein Teamwettbewerb. Jede Gruppe ist zusammengesetzt aus einem Reiter, drei Pferden und drei mutigen Helfern, die die beiden zusätzlichen Pferde halten, fangen und zügeln. Der Reiter wechselt derweil von einem Tier zum anderen und dreht auf jedem eine einzige Runde auf der Bahn. Keines der Pferde ist gesattelt.

PFERDE SIND NOCH IMMER WERTVOLLER BESITZ. SIE STEHEN FÜR TRADITION UND URALTES WISSEN.

Da an jedem Durchgang mindestens fünf Teams teilnehmen, deren Reiter versuchen, die ungesattelten Pferde zu wechseln, die Tiere aus dem vollen Galopp heraus zu stoppen und auf anderen loszureiten – und das alles auf einer überfüllten Bahn –, kann es beim „Indian Relay“ ziemlich chaotisch zugehen. Aber wenn nicht, dann ist es einfach grandios. Ein geschickter Staffelreiter kann ein Pferd jäh stoppen, heruntergleiten, ein paar Schritte rennen, sich aufs nächste Pferd schwingen, die Zügel ergreifen und weitergaloppieren. Ein Team, das zwei dieser Wechsel reibungslos schafft, könnte die Staffel mit zehn Längen gewinnen, egal wer die schnellsten Pferde hat. Aber das ist das ideale Rennen – jenes, das ich hier bei der „Crow Fair“ miterlebe, läuft anders.

Gleich beim ersten Durchlauf stoßen zwei Reiter am Streckenende zusammen und stürzen, einer bleibt liegen, und der Ansager ruft einen Sanitäter herbei. Dann sagt er völlig ungerührt: «Es geht eben ordentlich zur Sache. Hier sind nur die härtesten Kerle gefragt. Wenn es so leicht wäre, würden es ja auch Chorknaben machen.»

Später spreche ich mit Thorton (er wird „Tee“ genannt) Big Hair, einem stämmigen, aber sanftmütigen jungen Mann, der als Rennkommissar bei der diesjährigen „Crow Fair“ fungiert. Er trägt ein blaues T-Shirt, einen Cowboyhut aus Stroh und die Gürtelschnalle des Weltmeisters im „Indian Relay“, die er in Sheridan, Wyoming, gewonnen hat. Er sei fürs Fangen der Pferde zuständig, prahlt er ein wenig, und er sei schon wer weiß wie oft von einem angaloppierenden Pferd umgerannt worden.

Pferderennen liegen „Tee“ Big Hair im Blut, erfahre ich. Sein Onkel Henry „Hank“ Rides Horse, Jr., zum Beispiel hat überall im Staat Rennpferde trainiert. Sein Onkel Byron Bad Bear hat Rotfuchs-Painthorse-Pferde gezüchtet. Und sein Vater war ein begnadeter Reiter.

Dennis Big Hair, „Tees“ Vater, 71, das Familienoberhaupt, trägt die Haare kurz geschnitten unter einem weißen Cowboyhut. Sein beträchtlicher Bauchumfang lässt nicht vermuten, dass er in jungen Jahren selbst ein hagerer Rennreiter war. Ich sitze mit ihm bei den Ställen in der Nähe des Imbissstands, den seine Frau betreibt. Mit 14, erzählt mir Dennis, habe er das Crow Indian Derby gewonnen, eines der ältesten traditionellen Crow-Rennen.

Etwa zur selben Zeit gewann er auch ein Governor’s Handicap. Und ja, er sei auch „Indian Relays“ geritten. Sein Trick damals sei es gewesen, ganz nah an das nächste Pferd heranzureiten, sich herunterzuschwingen, zwei Schritte zu laufen, von hinten auf das nächste zu springen – und los ging’s. Wie im Kino. Heute mache das keiner mehr, sagt er mit einem Anflug ungnädiger Verachtung. Das gebe es nicht mehr und auch keine Überfälle auf andere Stämme, um deren Pferde zu stehlen – zwei schöne alte Traditionen, die einfach verschwunden seien.

Belastet wird die Atmosphäre auf der „Crow Fair“ durch die Geschichte des Orts: Er ist gerade einmal drei Kilometer entfernt von Little Bighorn. Dort, auf einem kleinen Hügel gleich unterhalb des Last Stand Hill, erinnert ein Denkmal an den großen Kampf der Indianer gegen die amerikanische Armee. Es gibt eine lange Liste mit den Namen der Gefallenen, mehrere Inschriften und darunter ein nostalgisches Zitat von Häuptling Sitting Bull: «Als ich ein Junge war, gehörte den Lakota die Welt. In ihrem Land ging die Sonne auf und unter. Sie haben 10.000 Reiter in die Schlacht geschickt.»

Diese düstere Erinnerung an Little Bighorn scheint zwar vergessen, wenn die Veranstaltungen in der Arena beginnen. Dunkle Momente kann es aber noch immer geben. Am Nachmittag nach meinem Gespräch mit „Tee“ Big Hair bricht sich ein Vollblut namens „Ollie’s Offspring“ vor schierer Anstrengung das Schienbein – nur 18 Meter vor dem Sieg im letzten Rennen. Kollektives Aufstöhnen des Entsetzens von der Tribüne. Das Pferd muss vor den Augen von 5000 Menschen erschossen und von einem Traktor weggeschleppt werden.

MANCHE DER REITER BETEN VOR DEM „SUICIDE RACE“, ANDERE TRAGEN HELME UND HOFFEN DAS BESTE.

Als ich am folgenden Morgen wieder mit „Tee“ spreche, scheint er sehr aufgewühlt zu sein. «Es hat mich ins Herz getroffen», sagt er. Sein Vater habe ihm nach diesem Vorfall zwar geraten, das Ganze philosophisch zu nehmen, wie ein echter Crow eben: Bei einem solchen Tod stirbt das Pferd anstelle eines Menschen. Oder jemand in der Familie braucht Beistand, und der Tod des unglücklichen Pferdes bringt diesem Menschen jene spirituelle Hilfe, die er benötigt. Aber das zu akzeptieren sei sehr schwer für ihn, sagt „Tee“. Wegen seiner intensiven Gefühle für diese Tiere und wegen dem, was sie ihm geben. Er drückt sich die Faust fest an die Brust: «Es ist wahre Liebe. Das ist es. Man sorgt für sein Pferd.»

Das „Indian Relay“ ist nicht die einzige Veranstaltung, wo die tollkühnen Reitkünste der indianischen Vergangenheit vorgeführt werden. Bei der Omak Stampede, die in Omak, Washington, nahe dem Indianerreservat Colville stattfindet, gibt es als Finale jeden Abend einen Lauf des berühmten (in einigen Kreisen: berüchtigten) „Suicide Race“. Es geht zurück auf die alten Ausdauerrennen.

Diese irre Reitveranstaltung ist offen für jeden, der verrückt genug ist, ein Pferd einen Abhang mit einer Neigung von 62 Grad hinunter in den Okanogan River zu reiten – genauso gut könnte man mit dem Pferd von einer Klippe springen. Manche Reiter beten vor dem „Suicide Race“ oder schmücken ihre Pferde mit Adlerfedern. Andere tragen nur Helme und Schwimmwesten und hoffen das Beste. Mehr als ein Dutzend Pferde landen fast im selben Moment im Wasser, durchschwimmen den Fluss, klettern am anderen Ufer hinauf und galoppieren in die Rodeo-Arena zur hell erleuchteten Ziellinie. Die Reiter – jedenfalls die fähigsten und die mit dem meisten Glück – sind jetzt zwar nass bis auf die Haut, aber immerhin noch im Sattel.

Die Tierschutzorganisation Humane Society missbilligt dieses Spektakel zutiefst, weil in den vergangenen Jahrzehnten mehr als 20 Pferde dabei umgekommen sind. Bei dem „Suicide Race“, das ich miterlebe, werden ein Pferd und ein Reiter verletzt, aber niemand kommt zu Tode. Und der offizielle Tierarzt des Rennens, Dan DeWeert, erklärt mir seine eigene Sicht der Dinge: «Ich finde das Rennen großartig – wenn ich nichts zu tun bekomme.»

Am folgenden Nachmittag ergibt sich ein Gespräch mit einer liebenswürdigen grauhaarigen Frau namens Matilda „Tillie“ Timentwa Gorr. Ich treffe sie an ihrem Stand im Indianerlager, wo sie Perlenschmuck verkauft. Sie erzählt mir von ihrer Familie, die seit Generationen Pferde hält. Früher waren viele davon wilde Mustangs, die in den nahen Bergen gefangen wurden. Als ihr Vater ein junger Mann war, erinnert sich „Tillie“, habe Opa Louie ihn mit der Ansage losgeschickt: Komm mir nicht auf demselben Pferd nach Haus! «Und das ist er auch nie», sagt sie. Ihr Vater fing ein Pferd mit dem Lasso, verband ihm die Augen, fesselte ihm die Beine und sattelte es. Dann machte er die Fesseln los, sprang auf, nahm die Augenbinde ab, hielt sich fest und ritt den Mustang nach Hause. Sein eigenes Pferd fand den Heimweg allein.

Doch die Reitkünste waren nicht auf die männliche Seite der Familie beschränkt. „Tillies“ Tochter Kathy nahm in dem Jahr am „Suicide Race“ teil, als sie 18 wurde und kein Einverständnis der Eltern mehr brauchte. Es sei aber leider ein schlechtes Rennen für das Mädchen gewesen, erklärt „Tillie“: Sie wurde von hinten angestoßen, das Pferd stürzte, Kathy brach sich ein Bein, und das Tier musste eingeschläfert werden. Seitdem hat „Tillie“ sie nie wieder am „Suicide Race“ teilnehmen lassen.

Eine weitere Hüterin des kulturellen Gedächtnisses, der ich dort in Washington begegnete, war Mary Marchand, eine energische Frau jenseits der 80. Sie gehörte zum Kreis der Ältesten der Colville Confederated Tribes und hat 211 Nachkommen. Einer ihrer Söhne, Randy Lewis, ein Mann mit langem geflochtenem Haar und Türkisschmuck, war aus Seattle angereist. Wir drei saßen ganz entspannt auf Klappstühlen mit Blick über den „Suicide Race“­Hang und plauderten über die alten Zeiten. Inzwischen ist Mary verstorben, von vielen betrauert. Doch an jenem Tag war sie hellwach und lebhaft. Sie trug eine blaue Brokatbluse, eine Kette aus Glasperlen und geschnitztem Wapiti­Horn, dazu eine fliederfarbene Sonnenmütze mit der Aufschrift „Harvard“. Sie erzählte von den Ausdauerrennen früherer Zeiten. Damals gingen sie noch über acht Kilometer, mitten durch die Berge. Die Reiter mussten über Felsblöcke und Baumstämme springen, bergab stürmen, manchmal einen Fluss durchqueren. Die Pferde stammten noch von Mustangs ab, erklärte Randy: geboren und trainiert, um ohne Hufeisen über Fels zu laufen. Bei diesen Rennen gab es kein Preisgeld. Der Sieger durfte als Erster aus einem Fass mit Lachsen wählen.

Wie weit denn diese Rennen zurückreichten, fragte ich sie. «Oh, Mann ...», sagte sie, einen Augenblick lang in Zeit und Erinnerung versunken. Da antwortete Randy: «Seit es Pferde gibt.»

Pferde sind traditionell wichtig für die Indianerstämme, doch in manchen Familien gibt es dazu noch eine ganz besondere Leidenschaft für die Tiere. „Tee“ Big Hairs Clan ist nur ein Beispiel dafür. Ein weiteres begegnet mir in Gestalt der jungen Blackfeet­Frau Johnna Laplant. Sie ist Rennreiterin aus Browning, Montana. Erstmals sehe ich sie beim „Pendleton Round­Up“. Sie nimmt mit einem braunen Vollblutwallach am „Ladies’ Race“ teil. Sie reitet heißblütig, ohne Sattel – und gewinnt.

Doch dann gibt es Probleme. Eine der nachkommenden Reiterinnen stürzt, das Pferd geht durch, mehrere Helfer jagen mit wirbelnden Lassos hinter ihm her. Dieses Chaos macht es Johnna schwer, ihr eigenes Tier hinter der Ziellinie zum Stehen zu bringen; es ist verwirrt, gehorcht nicht mehr und rennt einfach weiter. Inzwischen macht ein kastanienbraunes Vollblut mit einer zierlichen jungen Reiterin kehrt und galoppiert auf der Bahn in die falsche Richtung. Wir alle sehen es kommen, wir alle auf der Tribüne, wir denken, nein ... nein ... bis es passiert. Der Kastanienbraune rennt frontal in Johnnas Wallach. Sie fliegt durch die Luft. Beide Pferde und auch die andere Frau stürzen. Der Wallach rappelt sich ungelenk auf. Er belastet sein rechtes Vorderbein nicht, es scheint gebrochen. Johnna wird hinausgetragen.

Viele Monate später treffe ich sie in Missoula, Montana, und sie erzählt mir, dass der Wallach überlebt hat. Sein Bein war doch nicht gebrochen, es war nur eine Muskelverletzung, von der er sich langsam erholt hat. Und sie selbst? Gehirnerschütterung und eine Platzwunde am Hinterkopf, wo ein Pferdehuf sie erwischt hatte. Aber jetzt geht es ihr gut. Sie hat letzten Sommer an Rennen teilgenommen. Sie hat wieder das „Ladies’ Race“ in Pendleton gewonnen. Und war im Staffelteam ihres Cousins Narsis Reevis.

Narsis, 30, auch einer dieser schlaksigen Reitsportler, spielt eine wichtige Rolle in Johnnas Geschichte. Er war da, als sie in Pendleton stürzte, und er war einer der Ersten, der ihr zu Hilfe eilte. Als er wusste, dass sie sich nicht schwer verletzt hatte, verdrängte er die Geschichte und gewann daraufhin selbst im „Indian Relay“. Er ist ein meisterhafter Staffelreiter und hat Johnna alles über das Reiten beigebracht. «Narsis war immer da», sagt sie. «Ohne ihn wüsste ich absolut nichts über Pferde.»

Ich besuche Narsis in Browning, einer Stadt im Reservat gleich östlich des Glacier National Park. Er erzählt mir von seinem Großvater, einem alten professionellen Cowboy namens Lloyd „Curly“ Reevis, der Narsis auf die Koppel mitnahm, als der noch ein Knirps war. „Curly“ hatte schon in seiner Jugend an Rodeos teilgenommen, besonders am Lassowerfen. «Damit bin ich aufgewachsen, mit guten Lassopferden», sagt Narsis. Auch seine Onkel Steve und Tim Reevis, beide ausgezeichnete Reiter, halfen dem kleinen Burschen beim Lernen. Steve arbeitete päter als Stuntman für den Film „Der mit dem Wolf tanzt“, Tim neun Jahre in einer Wildwest- Show im Disneyland Paris. Aber es war Großvater „Curly“, der alles zusammenhielt.

„Curly“ Reevis ist ein würdevoller 79-Jähriger von kräftiger Statur. Er hat tiefe Falten und in seinen Augen blitzt der Schalk. Er nimmt den Hut ab und beugt sich nach vorn. Dann erzählt er mir ein bisschen über seine Familiengeschichte. Erstens: Der Stammbaum ist halb französisch, halb südliche Blackfeet. Zweitens: Pferde. «Wir hatten überall Pferde», sagt er über seine eigene Kindheit. Pferde auf der Koppel, Pferde, die frei herumliefen, überall Pferde. «So war das Leben im Reservat.»

Es erinnert mich daran, was Toni Minthorn in Pendleton über das arme kleine Mädchen sagte, das keine Puppe besaß, aber 47 Pferde. Und es erklärt, was „Curlys“ Großenkelin Johnna erzählte: So wie Narsis ihr das Reiten beigebracht habe und Narsis es von Onkel Tim und Onkel Steve gelernt hätte, sei auch jemand da gewesen, von dem „Curly“ es gelernt habe oder der ihm zumindest erlaubt habe, es sich selbst beizubringen. So wie sie, Johnna, es jetzt ihren jungen Cousins und Cousinen beibringe. Es mag vielleicht keine auf ewig ununterbrochene Kette sein – aber kostbar ist sie auf jeden Fall:

Du eignest dir Fähigkeiten und eine Leidenschaft an, die von den Vorfahren stammen. Du erlernst die Fähigkeiten von den Älteren und machst dir deren Leidenschaft zu eigen. Erst wirst du gut, dann meisterlich, dann großzügig in deinem Können. Dann sorgst du klug und liebevoll für deine Tiere. Du reichst diese Gabe an die jüngeren Verwandten weiter. Du machst deine Familie stolz und hältst sie zusammen.

Das ist das perfekte „Indian Relay“.

(NG, Heft 6 / 2014, Seite(n) 108 bis 131)

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