Jubiläum: Karten, die Geschichte schreiben

Seit 100 Jahren entstehen bei NATIONAL GEOGRAPHIC die berühmten Karten. Oft sind sie Meisterwerke der Illustration. Sie zeichnen den Lauf der Welt nach, sie machen Forschung fassbar – und sie entführen die Leser auf faszinierende Reisen.

Von Cathy Newman
Bilder Von Bates Littlehales, National Geographic Creative
Jubiläum: Karten, die Geschichte schreiben
Jubiläum: Karten, die Geschichte schreiben
bild Bates Littlehales, National Geographic Creative

Zusammenfassung: Seit 100 Jahren sind Karten ein zentraler Bestandteil von NATIONAL GEOGRAPHIC. Sie zeigen historische Ereignisse, halten Forschungsstände fest, verorten Artikel und machen wissenschaftliche Beobachtungen manchmal erst begreifbar. Viele von ihnen sind Meisterwerke der Illustration. Sie entführen die Leser in Landschaften, die ihnen ansonsten verborgen bleiben.

Juan José Valdés ist genau hier zu finden: N 38° 54' 19" W 77° 2' 16". Das sind die Koordinaten des Büros, in dem heute die berühmten NATIONAL GEOGRAPHIC­-Karten konzipiert wer­den. Valdés, Leiter der Abteilung, ein großer Mann mit grauem Bart, ist in der Redak­tion der Herr über Berge , Flüsse, Fjorde, Glet­scher , Ozeane . Über das Sonnensystem. Kurz: über alle geografischen Erscheinungen an Land , im Meer und im All .

Seit 1888 erscheint NATIONAL GEOGRAPHIC ohne Unterbrechung, seit 100 Jahren sind Karten ein zentraler Bestandteil des Hefts. Sie zeu­gen von historischen Ereignissen, halten aktu­elle Forschungsstände fest, verorten Artikel, machen wissenschaftliche Beobachtungen und aktuelle Entwicklungen oft erst begreifbar: wie den fantastischen Zug der Vögel um die halbe Erde und das Ökosystem in den Tiefen des Golfs von Mexiko, das 2010 stark unter der Explosion der Ölplattform „Deepwater Horizon“ und der folgenden Ölpest litt.

Die Zwischenbilanz nach einem Jahrhun­dert: Insgesamt hat National Geographic Maps 438 Kartenbeilagen, zehn Atlanten und Dutzende Globen erstellt, zudem etwa 3.000 Karten für das Magazin und viele weitere in digitaler Form.

Was zeichnet eine NATIONAL GEOGRAPHIC­ Karte aus? Vor allem die Genauigkeit und die Liebe zum Detail. Viele von ihnen sind Kunst­werke – wie die Heezen-­Tharp­-Karte der Tief see. Viele Jahre lang werteten die amerikani­schen Kartografen und Geologen Marie Tharp und Bruce Heezen dafür Echolotdaten von For­schungsschiffen wie der deutschen „Meteor“ aus und übertrugen sie von Hand auf Papier, zunächst die Daten vom Atlantik, später von allen anderen Meeren. Dann zeichnete der ös­terreichische Künstler Heinrich Berann anhand der Ergebnisse eine Karte: ein Gemälde der Tiefsee.

Zwischen 1967 und 1975 veröffentliche NATIONAL GEOGRAPHIC mehrmals Ausschnitte der aufsehenerregenden Karte. Sie nahm die Leser mit in eine Landschaft, die uns weitgehend ver­borgen ist – ein Beispiel für die Innovationsfreude, die schon der erste NG­Chefredakteur Gilbert H. Grosvenor von seiner Kartenabtei­lung erwartete. Deren erster Leiter, Albert H. Bumstead (1915 – 1939), erfand einen Sonnenkompass, anhand dessen sich der legendäre Polarforscher Richard E. Byrd 1926 auf seinem Flug zum Nordpol orientierte. Charles E. Riddiford, NATIONAL GEOGRAPHIC-Kartograf von 1923 bis 1959, entwarf Schrifttypen, die patentiert wurden und bis heute in Gebrauch sind. Und unter Allen Carroll wurde 1999 die Map Machine eingeführt, der erste interaktive Atlas der National Geographic Society im Internet.

Früher nahm die Herstellung einer Landkarte Monate in Anspruch, heute ist sie am Computer oft eine Sache von Stunden. Wobei die Genauigkeit oberste Priorität behält. Und in Zukunft? „Durch das Internet ist es nicht mehr so schwer, Geodaten zu erfassen und kleine Karten selber zu erstellen“, sagt Valdés bescheiden. „Aber natürlich werden wir bei NATIONAL GEOGRAPHIC weiterhin schöne Karten erstellen und unsere Leser in ferne Welten mitnehmen.“

(NG, Heft 9 / 2015, Seite(n) 134 bis 147)

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