Geschichte und Kultur

Kenia: Der todgeweihte See

Der Fortschritt bedroht die Wiege der Menschheit. Zuckerrohrplantagen und ein neuer Staudamm lassen den Turkanasee im Norden Kenias schrumpfen.

Von Neil Shea
Bilder Von Randy Olson

Der Turkanasee im Norden Kenias ist der größte ständige Wüstensee der Welt. Es gibt ihn seit vier Millionen Jahren, mal wuchs, mal schrumpfte er. Dennoch versorgte er immer die Tiere und Menschen in seiner Nähe. Den größten Teil seines Süßwassers erhält der Turkanasee aus dem Omo-Fluss . Nun hat die Regierung des Nachbarlandes Äthiopien Pläne entwickelt, die Uferregionen des Flusses zu erschließen. Sie will einen Staudamm mit Wasserkraftwerk und eine Zuckerrohrplantage bauen, die große Wassermengen benötigt. Beide Vorhaben hätten verheerende Folgen. Sie würden den natürlichen Flusslauf des Omo stören und der Turkanasee würde nach und nach schrumpfen. Völker wie die Dassanetch wären am stärksten durch diese Pläne gefährdet, vor allem der kleinste Teil des Volkes, der in Nordkenia lebt.

An einem heißen Frühlingsmorgen stand Galte Nyemeto am Ufer des Turkanasees und hielt Ausschau nach Krokodilen. Das braune Wasser war seicht und das Risiko, dass eines auftauchte, gering. Aber Nyemeto, eine traditionelle Heilerin des Volkes der Dassanetch, hatte eine Patientin dabei, und das Ritual sollte nicht gestört werden.

Die größeren Flusspferde sind fast allesamt erlegt worden. Aber von den Nilkrokodilen gibt es noch immer viele, besonders unterhalb jenes Deltas, durch das der Omo von Äthiopien nach Kenia fließt. Manchmal folgen sie der Strömung nach Süden. Sie gelten als bösartiger und listiger als die Seekrokodile. Aber die Dassanetch halten ohnehin alle Krokodile für das personifizierte Böse, egal woher sie kommen.

Doch an diesem Tag waren keine in der Nähe. Nur ab und zu kräuselte sich die Wasseroberfläche, gestreift vom Flügel eines Flamingos, angetupft von einem auftauchenden Fisch. In der Ferne war das Jaulen eines Außenbordmotors zu hören. Nyemeto war beruhigt. Ein guter Tag. Langsam führte sie eine junge Frau namens Setiel Guokol in den See. Guokol setzte sich, benetzte ihr Gesicht mit Wasser und spritzte es sich auf den Rücken. Unterdessen schöpfte Nyemeto mit bloßen Händen Schlamm und schmierte ihn mit schnellen Bewegungen auf Guokols kantig hervorstehende Wirbelsäule.

Badab“, sagte sie bei jeder Schicht. „Fort mit dir!“ Sie wollte das Böse vertreiben, den Tod. „Der See ist ein reinigender Ort“, sagte sie.

Nyemeto ist als Heilerin bei aussichtslosen Fällen bekannt. Wenn alles andere versagt – die Medikamente aus der Krankenstation, der Gott der Weißen in der Kirche, die Hilfsorganisationen in ihren Häusern aus Beton –, kommen die Menschen zu ihr. Gegen eine kleine Gebühr bietet sie ihnen Hoffnung. „Ich bin die letzte Rettung“, sagt sie.

Das dachte auch Guokol. Die junge Frau war seit einigen Monaten krank, und sie wurde mit jedem Tag schwächer. Gaatch nennen die Dassanetch ihr Leiden, eine von bösen Geistern heraufbeschworene Krankheit. Als Verwandte sie zur Behandlung bei Nyemeto drängten, war Guokol nur noch ein Schatten ihrer selbst – einer noch vor kurz zuvor schönen, kraftstrotzenden Frau von schätzungsweise 30 Jahren.

Am Wasser schien Nyemeto ihre raue Schale abzulegen. Sie ist eigentlich eine Frau, die Kinder anschreit und Hunde mit Steinen bewirft. Jetzt aber schmierte sie Guokol in der Hitze fürsorglich wie eine Mutter mit Schlamm ein und wusch ihn wieder ab. Dann half sie ihr auf die Beine. Arm in Arm gingen die beiden zurückans Ufer. „Wir blicken nicht nach hinten“, sagte Nyemeto entschieden. „Wir haben die Geister zurückgelassen.“ Guokol, schmal wie Schilfrohr, fröstelnd vom kalten Wasser, sagte: „Ich glaube daran, dass ich gesund werde.“

Der Ort Selicho liegt mitten in einer entlegenen Region Ostafrikas im äußersten Norden von Kenia. Die nächste Teerstraße ist mehr als 400 Kilometer entfernt, die äthiopische Grenze liegt dagegen in Gehweite. Die trockene Landschaft ist weit, heiß, unwirtlich. Und Nyemetos medizinische Maßnahme im See verwundert hier niemanden, denn Glaube und Hoffnung sind eng mit dem Wasser verbunden.

Bislang bietet der Turkanasee alles in Hülle und Fülle. Er ist der größte ständige Wüstensee der Welt, etwa zwölfmal so groß wie der Bodensee. Wegen seiner grünen Farbe wird er auch Jademeer genannt. Es gibt ihn seit vier Millionen Jahren. Über die Jahrtausende wuchs oder schrumpfte er in seinem vulkanischen Becken am Rand des Großen Afrikanischen Grabenbruchs. Hier lag die Wiege der Menschheit, an seinen Ufern lebten die ersten Homininen. Später jagten, sammelten und fischten die frühen Menschen hier. In der Jungsteinzeit errichteten Stämme an heiligen Stätten oberhalb des Sees rätselhafte Steinsäulen. Heute zelebriert Nyemeto hier ihre Rituale im Wasser. Rituale, die womöglich uralt sind. In einem Element, das in der Wüste schon immer gefährdet war.

Der Turkanasee bildet keine Ausnahme. Der Großteil seines Süßwassers – etwa 90 Prozent – kommt aus dem Omo, und die äthiopische Regierung hat nun weitreichende Pläne entwickelt, um die Ufergebiete des Flusses zu erschließen. Ein riesiger Staudamm mit Wasserkraftwerk gehört ebenso dazu wie Zuckerrohrplantagen, die große Mengen Wasser benötigen. Die Folgen wären verheerend. Der Staudamm und die Plantagen würden den uralten Flusslauf des Omo stören, der See würde langsam schrumpfen.

Nyemetos Volk ist durch das ehrgeizige äthiopische Vorhaben am meisten gefährdet. Aber es hat so gut wie keine Stimme. Das Gebiet der Dassanetch ist durch eine Grenze geteilt, seit die Landvermesser vor gut hundert Jahren den Interessen der Briten auf der einen und des äthiopischen Kaiserreichs auf der anderen Seite gerecht werden mussten. So leben die meisten Dassanetch heute in Äthiopien. Die übrigen – etwa 10000 – gehören zu Kenia, wo sie eine der kleinsten und schwächsten ethnischen Gruppen bilden.

Erst seit Kurzem haben die kenianischen Dassanetch einen gewählten Volksvertreter auf Regionalebene – weit weg vom Parlament in Nairobi und damit von der Chance auf staatliche Fördergelder. Für viele Kenianer im Süden gehören der See und Menschen wie Nyemeto und Guokol nicht zu ihrem Land. Wo die Dassanetch leben, gibt es keine Stromleitungen, keine Oberschulen, keine regelmäßigen Busverbindungen. In Nyemetos Dorf haben die Missionare sogar ihre Kirche aufgegeben.

Michael Moroto Lomalinga ist das Oberhaupt der kenianischen Dassanetch. Als er vor gut 60 Jahren zur Welt kam, stand das Land noch unter britischer Herrschaft. Der Norden galt damals als so abgelegen, nutzlos und nicht zu missionieren, dass er auf Landkarten schlicht als „geschlossen“ markiert wurde. „Wir werden nicht offiziell gezählt“, sagt Moroto. Er ist hochgewachsen, hat ein glattes Gesicht und bevorzugt seinen Mittelnamen. „In der Volkszählung sind wir unter ‚andere‘ aufgeführt, was natürlich ein Problem darstellt.“

Moroto wohnt in Ileret, einem Dorf nicht weit von Selicho am Nordostufer des Sees. Moroto ist eine Art Kleinstadtbürgermeister und seit fast 20 Jahren im Amt. Wie die Oberhäupter anderer ethnischer Gruppen wurde er von der Regierung auf seinen Posten berufen. Meistens hatte er es seither mit Beschwerden, Bürokratie und gelegentlich auch mit Gerüchten über Korruption zu tun. Aber seit dem April 2014, seit einer langen Dürre, muss sich Moroto mit wirklich gefährlichen Angelegenheiten beschäftigen – und sie stehen alle mehr oder weniger in Zusammenhang mit Wasser.

Im Osten treibt das Volk der Gabbra sein Vieh auf Dassanetch­Land. Im Westen versuchen die Turkana, den Dassanetch­Fischern ihr Revier streitig zu machen. Beide Volksgruppen sind größer, besitzen mehr illegale Waffen, und sie haben bessere politische Verbindungen. Weil sie ihre Fanggebiete überfischt haben, drängen die Turkana auf dem See nun in Richtung Ileret und Selicho. Sie stehlen Netze, drohen mit Überfällen, töten.

Die Dassanetch sind am Konflikt nicht unschuldig. Sie haben auch ihren Stolz – und Gewehre. Sie sind selbst gewalttätig und fangen häufig Streit an. Moroto soll verhindern, dass der Groll in den uralten Kreislauf von Mord und Rache umschlägt, der oft Generationen über­ dauert. „Wasser und Fische reichen doch für alle“, mahnt Moroto seither, auch wenn er selbst nicht immer daran glaubt. Was soll er schon anderes tun als mahnen?

„Wir sind ein Außenseitervolk“, sagt er. „Wenn wir kämpfen, verlieren wir meistens. Die Regierung ist keine Hilfe. Wenn Frieden herrscht, tut sie nichts, um ihn zu erhalten. Nur wenn es einen Konflikt gibt, setzt sie sich für den Frieden ein.“

Und der Konflikt ist gekommen. Neben den Auseinandersetzungen zwischen den Wüstenvölkern wird der Frieden heute auch noch durch den Staudamm und die Zuckerrohrplantagen bedroht. Die Parlamentarier in Nairobi geben sich gleichgültig, aber Moroto weiß, zu wie viel Gewalt ein austrocknender See führen könnte. Und er weiß, dass er so gut wie nichts dagegen unternehmen kann. Ein beängstigendes Gefühl. Aber irgendwie ist es auch entlastend.

Abdul Razik zündete sich an einem Mai­Morgen eine Zigarette an und stellte einen Fuß auf den kleinen roten Benzintank seines Bootes. Auf dem Deck lag ein riesiger Fisch. Die gerade erst erloschenen Augen waren so groß wie Golfbälle. Das frisch gestrichene Boot lag im trüben Wasser und hatte kaum Tiefgang. „Die grüne Farbe dient zur Tarnung“, sagte Razik. Damit wollte er seine Investition vor Turkanapiraten schützen. Razik hatte gerade erst seine dünnen Netze kontrolliert. Bis auf den einen Fisch waren sie leer gewesen.

Auf der Heimfahrt zeigte Razik auf ein Labyrinth aus hohem Schilf. Dahinter, in Richtung Norden, lag Äthiopien. Er hatte von den Plänen mit dem Staudamm und den Plantagen gehört. „Wenn sie den Fluss aufhalten und das Wasser wegnehmen und der See verschwindet, werden viele Menschen leiden müssen“, sagte er. „Tausende, Zehntausende. So viele Menschen sind abhängig vom See.“

Razik ist Unternehmer. Er gehört zu den we- nigen am Turkanasee, die daran glauben, dass dort mehr möglich ist, als nur von der Hand in den Mund zu leben. Er wohnt in Selicho und ist mit einer Dassanetch-Frau verheiratet, kommt aber ursprünglich von der Küste und ist Kenianer arabischer Abstammung. Ihm gehören vier Boote. Manchmal holt er aus Nairobi einen Lastwagen mit einer Eisladung. Er kauft seinen Nachbarn ihren Fang ab und füllt den Container innerhalb von ein paar Tagen mit zwei oder drei Tonnen Fisch, die er dann in Nairobi verkauft.

Bevor er sich am Turkanasee niedergelassen hat, arbeitete Razik jahrelang in einer Fischfabrik in Kisumu, einer Stadt am Victoriasee im Süden des Landes. Das Fischereigeschäft am größten See Afrikas bringt Millionen ein und bedient nicht nur die Märkte in der Region. Jedes Jahr werden von dort mehrere Tausend Tonnen Nilbarsch nach Europa exportiert.

Der schnelle Erfolg hat dort jedoch das öko- logische Gleichgewicht im See erheblich belastet und die typischen Probleme ans Seeufer gebracht: Slums, Drogen, Kriminalität, Niedriglöhne und schlechte Arbeitsbedingungen. „Außerdem wurden die Erträge geringer“, so Razik. „Die Barsche verschwanden.“ Irgendwann reichte es ihm. Er zog weg.

Aber wohin? Am Turkanasee gibt es weder Fischindustrie noch die damit verbundenen Probleme. Das Leben dort würde weniger bequem, vielleicht sogar gefährlich sein. Aber es würde auch weniger Konkurrenz geben. Und es gibt dort Nilbarsche.

Einer davon liegt nun vor seinen Füßen, ein großer Klumpen aus Schuppen und Muskeln. Seit fast sieben Jahren lebt Razik nun schon bei den Dassanetch. Sein Geschäft fährt Gewinne ein, und er fühlt sich wohl. Als Muslim in Kenia hat man es nicht immer leicht. Aber die Dassanetch stört seine Religionszugehörigkeit nicht. Seine Frau ist sogar konvertiert. „Dazu kommt, dass die Menschen in Selicho in Frieden leben und den See nicht überfischen.“

Er will hier bleiben, eine Familie gründen und in den zwei Zimmern seines Hauses, in dessen Küche er manchmal Motorräder repariert, seine Kinder aufziehen. Solange es Frieden gibt und Barsche und Eis für seine Container, kann er hier glücklich sein. Er sieht Hoffnung, jedenfalls solange er nicht in Richtung Norden blickt.

In Äthiopien, 725 Kilometer flussaufwärts am Omo, wurde im Januar 2015 das Wasserkraftwerk Gilgel Gibe III fertiggestellt. Weiter unten, sehr viel dichter am Turkanasee, kriechen heute gewaltige Planierraupen über das trockene Gelände am Flussufer und kratzen den Weg frei für Zuckerrohr und Baumwolle. Bald werden die Folgen in Kenia zu spüren sein, und sie werden verheerend für die 90000 Menschen sein, deren Leben vom See abhängt.

„Der Omo ist die Nabelschnur des Turkanasees. So lässt sich die Beziehung am besten veranschaulichen“, erklärt der Wasserwirtschaftsingenieur Sean Avery. Er erforscht das Wassereinzugsgebiet Omo-Turkana seit Jahren. „Durchtrennt man die Schnur, stirbt der See.“ Avery lebt in Kenia. Er analysiert die äthiopischen Flussvorhaben unter anderem für die Afrikanische Entwicklungsbank. Seine Erkenntnisse deprimieren ihn zutiefst.

„Wenn man unter diesen Klimaverhältnissen dem Fluss Wasser zur Bewässerung entzieht, sickert ein Teil davon zwar zurück in das Einzugsgebiet“, sagt er. „Aber der Großteil verschwindet.“

Laut Avery und anderen Experten geht die Gefahr vor allem von der Talsperre aus – mit einer 243 Meter hohen Betonmauer die höchste Afrikas. Ökosysteme unterhalb von Staudämmen werden unweigerlich geschädigt. In den ersten drei Betriebsjahren wird Gibe III den Omo und den See an seinem Ende einer Belastung wie bei einer Dürre aussetzen. Denn bis zu 70 Prozent des Flusswassers müssen erst mal das Staubecken füllen, bevor sie wieder ins Flussbett strömen.

Erst wenn das Reservoir am Damm voll ist, kann auch der See langsam wieder seinen normalen Pegelstand erreichen. Aber dann kommen die Plantagen ins Spiel. Zuckerrohr ist bekannt für seinen hohen Wasserbedarf. Und in Südäthiopien sind nun gleich mehrere Tausend Hektar für Zuckerrohr und Baumwolle vorgesehen und weitere Landflächen für andere Plantagen reserviert. Die Felder werden aus einem einzigen Zulauf gespeist: dem Omo.

Es lässt sich schwer vorhersagen, wann und wo genau die Bedrohung akut werden wird. Avery und andere erinnern an die schleichende Katastrophe am Aralsee, wenn sie die mögliche Zukunft des Turkanasees beschreiben wollen. Der zwischen Kasachstan und Usbekistan gelegene See war einmal das viertgrößte Binnengewässer der Welt. Schon seit Sowjetzeiten wird dort aber das Wasser zweier Zuflüsse zum Baumwollanbau umgeleitet. Im Jahr 2007 war der Aralsee so gut wie tot. Das einst prall gefüllte Becken ist heute eine staubige Ödnis mit rostenden Fischerbooten und ätzenden Salztonebenen (siehe Ausgabe 6/2015).

Der Turkanasee könnte ähnlich enden. Mehrere Tausend Fischer würden ihren Lebensunterhalt verlieren und müssten mit ihren Familien flüchten. Im schlimmsten Fall, so Avery, breiten sich die Zucker­ und Baumwollplantagen weiter aus. Der Fluss würde dann noch stärker schrumpfen und der Wasserspiegel des Sees um 18 Meter oder mehr sinken.

Die äthiopische Regierung weist Kritik an ihren Plänen für den Omo zurück. Mehrere für diesen Artikel befragte Wissenschaftler sagen, dass bislang kaum Informationen über mögliche Auswirkungen an die Öffentlichkeit gelangen. „Alle äthiopischen Studien enden an der Grenze,“ sagt Avery. „Warum? Man kann unmöglich behaupten, dass es keine Folgen für den See in Kenia geben wird.“

Große Unruhe brachte auch die „Verdörflichungs“­Kampagne im Omo­Tal. Nomaden und Hirten wurden in Dörfern angesiedelt. Die Regierung sagt, dass sie freiwillig dorthin gezogen wären. Omo­Anwohner und Menschenrechtsgruppen behaupten dagegen, dass die traditionellen Völker zum Leben in den Dörfern gezwungen wurden, um Platz zu machen für Zuckerrohr und Baumwolle. Dass die äthiopische Regierung Journalisten und anderen Rechercheuren in der Regel den Zutritt zu der Region verwehrt, nährt das Misstrauen.

Als der Fotograf Randy Olson und ich im Jahr 2009 während unserer Arbeit an einem Artikel über den Omo die Baustelle von Gibe III besuchten, sagte mir ein äthiopischer Beamter: „Die Erschließung dieses Gebiets ist unsere Bestimmung. Es ist unsere Pflicht, den Fluss für uns arbeiten zu lassen.“ Avery kann diese Haltung sogar nachvollziehen. „Die Äthiopier wollen Fortschritt um jeden Preis“, sagt er. „In gewisser Hinsicht kann man ihnen das nicht einmal anlasten. Es gibt viele Länder, die mit ihren Naturschätzen auch nicht zurückhaltender umgegangen sind. Aber es wird verheerende Folgen haben.“

In Kenia schweigen die meisten Politiker zu den äthiopischen Plänen – trotz der düsteren Prognosen und der Proteste von Bürgerinitiativen. Moroto berichtet von kleinen Demonstrationen überall am See, sogar in seinem eigenen Dorf weit im Norden. Ich sprach mit Beamten rund um den Turkanasee. Die meisten verweigerten aus Furcht vor Konsequenzen jeden Kommentar. Dabei war die Wahrheit offensichtlich. Ab und zu schimmerte sie in einer Klage hinter vorgehaltener Hand, einem frustrierten Schulterzucken oder einer Bitte um Hilfe durch, manchmal wurde sie auch schonungslos ausgesprochen.

Eines Abends unterhielt ich mich in Ileret mit einem Polizisten über die Sicherheitslage. Militante Islamisten aus Somalia waren im Nordosten mehrfach ins Land eingedrungen. Ich fragte den aus dem Süden stammenden Mann, ob er sich in diesem Teil Kenias sicher fühle. Er spuckte einen Klumpen Kat aus und hob den Finger. „Mein Freund“, sagte er, „sieh dich um. Das ist nicht Kenia. Nein, nein, nein!“ Er hörte sich an wie die alte Heilerin Nyemeto: „Wo ist Kenia?“, hatte sie gefragt. „Ich war noch nie dort.“

Später, auf der Sandebene nahe Selicho, im Schatten seines gewaltigen Eislasters, arbeitete sich auch der zugezogene Abdul Razik an diesem Thema ab. „Den Menschen im Süden bedeutet diese Region nichts“, sagte er. „Es ist ihnen egal, was mit uns passiert.“ Schmelzwasser tropfte in glitzernden Fäden von der Ladefläche des Lkw. Ein paar aufgebrachte Dassanetch­Fischer versammelten sich um Razik. Sie hatten Gerüchte gehört und wollten Antworten. Was planen die Äthiopier? Warum schweigen die Kenianer?

Razik war weit gereist und wusste mehr. Die Männer beklagten sich lautstark bei ihm. Einige wollten wissen, wo sie hin sollten, wenn der See austrocknet. Andere meinten, niemand könnte einen so mächtigen Fluss wie den Omo aufhalten. Sie schworen, gegen jeden zu kämpfen, der das versuchen würde. Razik diskutierte mit ihnen. Aufgebracht fuchtelte er mit seiner Zigarette in der Luft herum und verschüttete heißen Tee auf seinen Bauch.

In der Nähe machten sich unterdessen ein paar Männer daran, einen großen Barsch auszunehmen. Bald war der Hunger größer als die Wut. Auch bei Razik. Er ging hinüber, griff in den geöffneten Bauch des Fisches und zog die lange, glitschige Schwimmblase heraus. „Wisst ihr, was das ist?“, fragte er. „Ich weiß nicht, wie es auf Englisch heißt, aber die Chinesen zahlen viel Geld dafür.“ Die Schwimmblase wird in der traditionellen chinesischen Medizin eingesetzt. Razik meinte, dass er sie nach Uganda exportieren könnte, wo sich immer mehr Chinesen ansiedeln – wieder eine neue Chance.

Am letzten Tag von Setiel Guokols ritueller Behandlung am Turkanasee frischte der Wind auf. Die Sonne schien gleißend hell. Normalerweise, erklärte Nyemeto, die Heilerin, würde sie jetzt einen Schafbock schlachten. Sie würde den Kadaver hochheben und Guokol unter dem tropfenden Blut durchgehen lassen. Aber Guokol war unverheiratet, sie besaß keine Schafe, und ihre Familie war zu arm, um einen Bock zu kaufen. Also bereitete Nyemeto stattdessen ein schwaches Gebräu aus Wasser und Kaffeebohnenschalen. Das musste reichen.

Guokol saß dazu vor ihrer Hütte auf einem alten schwarzen Ziegenfell. Ein rotes Perlenband war eng um ihren einst muskulösen Oberarm gebunden. Nachbarn versammelten sich, um zu sehen, ob noch Hoffnung besteht. In der Tradition der Dassanetch werden Kranke, die wohl nicht mehr gesund werden, in ein isoliertes Lager außerhalb des Dorfes gebracht. Damit der nahende Tod nicht die Lebenden berührt.

Nyemeto schöpfte schwachen Kaffee aus einer großen Kalebasse und goß ihn über die Haut ihrer Patientin. Sie drückte ihre Finger auf Guokols Schultern, Kopf und Beine. „Nimm dein Böses weg!“, sagte sie und hob die Hände über den Kopf. „Nimm dein Böses weg!“ Die Zeremonie war kurz. Guokol stand schwankend auf und wickelte sich in eine rote Decke. Sie konnte sich kaum auf den Beinen halten. „Ich habe keine Angst“, sagte sie.

Im Juni starb sie. Später hörte ich, dass sie nicht weit vom See beerdigt worden war. Am Omo war gerade Überschwemmungszeit. Bald würde das sediment- und sauerstoffreiche braune Wasser nach Kenia fließen. Gut für die Barsche, gut für die Fischer. Auch die Flamingos würden wieder rosarot in den Himmel aufsteigen – wie Flammen der Hoffnung.

Aus dem Englischen von Sabine Schmidt

(NG, Heft 4 / 2016, Seite(n) 76 bis 99)

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